Es ist absurd

Es ist absurd.
Es ist absurd von einer Fachperson vorgeschlagen zu bekommen, das eigene Kind bei Schulproblemen doch selbst zu unterrichten, obwohl ich grad im Arbeitsversuch von 2h/Tg stecke.
Es ist absurd sich dann für seine Erschöpfung rechtfertigen zu müssen, da man ja ein Medikament nehme, dass doch auch gegen Fatigue helfe, ja warum ich denn nicht fit sei.
Es ist absurd, wenn in einem Team diskutiert wird, wie meine Stellvertretung, die für mich eingestellt wurde, damit ich einen sanften Arbeitseinstieg habe, entlastet werden kann und wie ich sie entlasten kann, wenn ich noch krankgeschrieben bin und im Arbeitsversuch.
Es ist absurd, so einen Elternabend zu leiten, nachdem die Stellvertretung 6h zuvor die Schule verlassen hat und der Ersatz noch nicht offiziell: also ich bin im Moment nicht die Lehrerin, aber in Zukunft schon wieder, meine Stellvertretung ist ja heute überraschend gegangen, der zukünftige Stellvertreter, also der kommt dann am Montag und ich erzähle jetzt, wie ich unterrichten würde, was ich ja jetzt noch nicht mache, was ich aber in Zukunft auch wieder werde…
Es ist absurd, Aufgaben zu übernehmen, die laut Arbeitsintegration noch nicht meine sind. Die aber nicht gemacht werden sonst und deren Folgen dann so oder so auf mein Energiekonto gehen. Früher oder später.
Es ist absurd, wie schwer das Einfädeln in den Alltag nach akuter Krebstherapie ist.
Leckt mich doch alle!
Es ist absurd.

Genau das!

Ich hatte immer gesagt, der Krebs kann mir nicht mein Leben nehmen, vielleicht bringt er mich um, aber das Leben nimmt er mir nicht.
Das konnte ich natürlich sagen, weil ich nicht bettlägerig Stage IV palliativ und austherapiert war. Und ich habe alles dafür gemacht, dass das auch so ist, für mich und mein Umfeld.
Und nun?
Nach Operation, 33 Bestrahlungen, 21 Infusionen Chemo in 1 1/4 Jahr, alles fertig. Soweit NED (oder wie mans nicht ganz treffend auf deutsch nennt: krebsfrei). REHA, Corona, zwei Trennungen, 3 Wochen Ferien ganz alleine ohne kids, alles überstanden. Lymphödem langsam besser, Zehennägel wachsen nach, Mund spuckt kein Blut mehr, die ersten Arbeitstage Stunden und die Luft ist raus.
Nix da mit Leben erobern: Hurra ich lebe noch, schaut her! 💃

Eher klebrig vorwärts robben, mich durch den Tag hangeln und mich fragen, wozu? Dazwischen der Wunsch, mich einfach wo hinfallen zu lassen und liegen zu bleiben. So als kurzhaariges Neutrum. Bald fallen ja eh die Blätter, decken mich zu. Fällt wohl nicht auf. Ich fehlte ja doch schon lange, alle lebten so gut ohne mich. Also, lasst mich doch.

Jetzt ist das Leben weg.

Ja. Genau das meinte ich damit. Ist das Leben nicht ein Arschloch? Hä?
Ja eben.
Danke.

Oh hello again

Na, das ging ja lange, bis ich es gecheckt habe. Ja Tinkakartinka, du kannst nicht alles. Nein.
Erst dachte ich, die Erschöpfung. Kein Schlaf, kein Wunder, begann doch grad der Arbeitsversuch.
Und wer hat schon Hunger, bei dieser Hitze? Da möchte man sich doch den ganzen Tag im Bett verkriechen und niemanden sehen – ist ja nett kühl im Haus.
Und das man sich mal wie der letzte Dreck fühlt, na das kommt halt vor! Und wie Abfall, seelisch und körperlich defekt und beschädigt, wertlos.

Mein emotionales Gleichgewicht zu finden, absorbierte meine ganze Energie. Und am Samstag hatte ich auch 3 grossartige Stunden, am Sonntag hart erarbeitete 2h Zufriedenheit und gestern deren drei. Vom Rest spreche ich lieber nicht.
So viel Seelenhygiene wie ich betreibe, müsste ich innerlich rein erleuchten. Mach ich aber nicht.
Tja. 🤷‍♀️
Hello again. Hast ja lange auf dich warten lassen – in Anbetracht der Umstände…
Nun, um mich den ganzen Tag, das restliche Leben unter der Bettdecke zu verkriechen, dafür hat sich das letzte Jahr also definitiv nicht gelohnt!
☠️

Ernüchterung

Eigentlich hatte ich einen so positiv frohlockenden Beitrag geschrieben – gestern – so frohlockend wie ich gestern zur Arbeit fuhr.
Fünf Stunden später bin ich nach Hause und bin zusammen gebrochen. Habe mich ins Bett gelegt: Kopfschmerzen, Übelkeit, Tinitus, Totalerschöpfung.
Ich war bloss einen halben Tag dort!!!
Ich bin ein Wrack.

Dann Abends Totaleskalation mit meinen Jungs und ja, nur falls ich es vergessen hatte, die letzten Wochen:
Ich bin allein.
Ich bin allein für alles zuständig.
Ich bin weder fit noch gesund.
Und ich fühlte mich, als sollte man mich am Besten gleich kompostieren. Abfall. Verfallsdatum überschritten, angeschimmelt und nutzlos.

Keine Hilfe ist es, meinen Ex mit seiner Honeymoon-Ausstrahlung zu sehen, da wir ja am selben Ort arbeiten.
Und das neue Auto, die zehn Jahre jüngere Freundin und die drogeninduzierte Selbsterfahrung haben auch in der Punkvariante etwas sehr klischiert-stereotypes.

Was hatte ich in ihm gesehen?
Das habe ich mich die letzten Wochen immer wieder gefragt. Und wozu der zweite Versuch mit einem Mann, der mir sowohl indirekt als auch direkt immer wieder zu verstehen gab, dass ihn mein Zustand in seiner persönlichen Freiheit einschränkt, der mich energetisch total geschlissen hat?
Nun, wahrscheinlich weil ich krank und hilfsbedürftig war. Auch ich bin schwach und mitunter naiv. Und weil ich nicht wahrhaben wollte, dass der Mann, mit dem ich fast fünf Jahre zusammen war – mein Kleiner kennt ihn die Hälfte seines Lebens – tatsächlich so ist. Sich so verhalten kann, dann, wenn ich wirklich jemanden gebraucht hätte, der zu mir steht und zurücksteht. Immerhin gab er offen zu: Ich bin mir halt der wichtigste Mensch!

Die Enttäuschung und die Verletzung schwappen manchmal noch hoch. Besonders bei Erschöpfung, ansonsten überwiegt die Erleichterung. Die Wut auf ihn und auch auch auf mich, dass ich den Scheiss mitgemacht habe. Auch das wird mal vorbei sein.
Erstaunen und Ungläubigkeit gingen auch.
Und die Erschöpfung?
Ich hoffe es!

Und der nächste Post ist positiv. Aber erst, wenn ich mich erholt habe.

Zyklusrekord

Manchmal ist es echt schwer.
Alles ist irgendwie weggebrochen, was in der Reha angedacht war. Alles.
Und das liegt nicht nur an Corona, eigentlich eher nicht.
Corona ist dann quasi das Topping auf dem Cupcake.
Und jetzt bin ich einfach alles leid.
Vielleicht sind es auch die Hormone, ha! Hab ich doch einen absoluten Zyklusrekord aufgestellt.
img_2971Aus einer Laune heraus habe ich meinen Zykluskalender weiterlaufen lassen und hin und wieder mit erstaunen auf die Anzahl Tage geguckt.
Nun das Jahr habe ich fast vollgekriegt, bis heute. Also Wechseljahre wären dann doch noch nicht ganz, wenn sie mir im Sommer nicht die Hormonblocker verabreichen würden…
Hatte ich auch schon vermutet, dass da noch sowas wie ein Zyklus ist. Und heute der Beweis. Schon seltsam: 352 Tage!!!
Vermiest mir voll den Durchschnitt. 😬
Aber reichen tuts auch so. Manchmal habe ich echt die Nase voll vom Warten und Kämpfen. Und immer schön positiv bleiben und alles richtig machen. Weil am Ende, who cares? Kann ich mir ja auf den Grabstein schreiben: „Sie hat alles richtig gemacht.“
Oder nein, auf die Urne, ich will ja keine Würmer.

Ich könnte alles falsch machen, wärs dann anders? Wenn ich so ein richtig egoistisches Arschloch wäre? Dann kriegte ich nicht zu hören: „Es trifft immer die Falschen.“
Wie wenn wer entscheiden könnte, wem man den Krebs und die Schicksalsschläge an den Hals wünschen sollte. Ist auch vermessen. Es trifft den, den es trifft.
Vielleicht war ich auch im letzten Leben ein Arschloch.
Karma Baby.
Jetzt bin ich halt so, naiv und nett und mache alles richtig.
Also gehe ich in diesem Leben weiter brav zur Lymphdrainage, mache Sport, Arbeitsversuch, versuche den Mut nicht zu verlieren, kümmere mich um die Gesundheit und die Förderung meiner Jungs, halte hier alles zusammen und gehe zur Vorsorge.

Und dann sitze ich zwei Scheisslektionen in einem Flur und überlege mir, weshalb ich von meinem MRI von vor 9 (!) Tagen noch nichts gehört habe.
Und ob es denn nicht einfacher wäre, sie würden wieder was finden und jemand anders könnte sich um alles,
alles kümmern, anstatt das ich mich um alles,
alles kümmern muss.
Da hilft auch meine coole Jean Seberg Frisur nichts.

 

A long way…

Als ich die Diagnose anfangs Mai bekam, hiess es, die Therapie dauere ein halbes Jahr, das wäre Ende Oktober gewesen. Nun hatte ich das Vorgespräch zur Bestrahlung. Sieben Wochen sind geplant, nicht nur fünf.
Seit ich Brustkrebs habe, höre ich die ganze Zeit, dass ich jung bin. Danke vielmal. Aber im Zusammenhang mit einer Erkrankung ist das nicht immer positiv. Für die Bestrahlung heisst das, dass nicht nur die Brust und die Lymphknoten bestrahlt werden, sondern auch noch – ich erinnere mich nicht mehr genau – der Lymphabfluss? Jedenfalls werde ich an drei Stellen bestrahlt, nicht wegen meines Befundes, sondern um wegen meines Alters auf Nummer sicher zu gehen. Wenn aber an drei Stellen bestrahlt wird, muss die Dosis pro Stelle runtergeschraubt werden, damit der Impact auf den Körper nicht so gross ist und darum braucht es mehr Einheiten, nämlich dreiundreissig.
Die Bestrahlung dauert also voraussichtlich bis Weihnachten.
Nächste Woche habe ich dann das Vorbereitungs-CT. Dann erstellen sie ein 3-D-Modell von meinem Oberkörper, damit die Winkel richtig berechnet werden können, so dass möglichst wenig von der Lunge und vom Herz mitbestrahlt werden.
Wann ich meine Bestrahlungstattoos bekomme, weiss ich noch nicht. Also es kann noch dauern, bis sie beginnen.
Ursprünglich war mal geplant, dass ich auf das nächste Schulhalbjahr wieder zu arbeiten beginne. Im Moment bin ich aber noch weit davon entfernt, mich wieder in ein Schulzimmer und vor eine Klasse stellen zu können. Ich habe immer gesagt, dass ich mich zuerst erholen muss und inzwischen ist das nicht nur so ein Gedanke, sondern ich merke, dass mein Nervenkostüm derart porös ist, dass ich mir unglaublich selber auf den Senkel gehe. Nicht mal mehr mit meinen Kindern habe ich annähernd genügend Geduld. Und das, obwohl ich eigentlich nur Spital- und Physiotermine habe. Und mich sonst „erholen“ kann.

Also frage ich mich natürlich, wie weiter? Wie geht es weiter, nach der Therapie?
Was kann ich dann noch machen? Woher die Kraft?
Welcher Weg ist meiner.

IMG_6813

Post- Chemo- Erschöpfung

Diese bleierne alles verschlingende Erschöpfung, die einem manchmal nach der Chemo niederstreckt.

Immer wenn ich das Leben geniessen wollte, trotz Chemiecocktail im Blut.
Zuviel Energie verbraucht, ahoi depressive Verstimmung.

Dann kommt die Erschöpfung gepaart mit Einsamkeit und schlägt mir erst in die Kniekehlen, dann ins Genick.
Und ich bin nur froh, sind die Kinder schon im Bett, wenn ich zusammenklappe.
Krebs ist 💩
Allein sein ist 💩
Alleinerziehend sein ist 💩

Und alles zusammen: C’est la grosse merde!

Na dann…
Gute Nacht!