The Last One

Morgen ist meine letzte Chemo.
Also, hoffentlich natürlich! Nochmal will ich nicht!!!!
knockonwood

Ich glaube, nachher will ich mich einfach irgendwo hinlegen und nicht mehr aufstehen, so fühlt es sich jetzt an. Das ist so seltsam. Wieder so ein Moment, bei dem man bilanziert, das Jahr Revue passieren lässt. Dabei habe ich darauf grad so gar keine Lust!
Eigentlich wäre die Letzte ja am 20.07.20 gewesen, aber das Datum hatte ich verschoben, weil ich erst dachte, ich gehe zwei Wochen weg. IMG_5021
Ich hatte kurzzeitig Panik, da ich noch nie drei Wochen am Stück ohne Kinder war. Und das nach diesem Jahr! Fast schon buchte ich Lastminute was und dachte dann, nein, genau das nicht! Wann habe ich je Zeit einfach alles zu machen, was ich will, was mir gut tut. Und wenns eine Woche heulen ist, na dann… Und wegen Corona war Ausland für mich kein Thema. Aber in der Schweiz weg, um auf andere Gedanken zu kommen.
Dann habe ich festgestellt, dass ich das gar nicht muss. Ich habe hier ein perfektes Ferienhaus mit Atelier. Ich kann unter freiem Sternenhimmel schlafen, vor dem Fernseher  Pfannkuchen mit frischen Früchten frühstücken. Ich koche mir Schlemmermenus: Rindsplätzchen mit selbstgemachtem Kräuterbutter, Bohnen und Kartoffeln,  Pouletspiessli mit Sommergemüse und frischen Kräutern, Vitello Tonnato. Soviel Fleisch esse ich eigentlich selten, aber offenbar brauche ich es. Ich genieße es unglaublich!
IMG_4978Die erste Woche war ich fast nur hier, ich habe viele schöne Badeplätzchen entdeckt Mit Sand oder ohne, Strand, Amazonas oder Schilf.
Dann habe ich mich mal da und mal dort zum Essen eingeladen. Treffe Leute, die ich schon lange mal treffen wollte oder lerne neue kennen. Ich schlafe mal hier, mal da. Hab sogar seit langem wieder mal einen Kater gehabt…. 🙈
Glücklicherweise ist der vorbei, morgen müssen ja meine Leberwerte stimmen. 😬

Aber was ist dann, nach Morgen? Nach der letzten Chemo? Habe ich dann nach jedem Glas Wein oder Prosecco ein massiv schlechtes Gewissen? Alkohol ist ein Risikofaktor. Eigentlich der Einzige, den ich bei mir ausmachen konnte. Ausser eher später Kinder und nicht wirklich gestillt. Hormone sind der grösste Risikofaktor, aber die werden ja ausgeschaltet. Übergewicht habe ich nicht, Rauchen tu ich auch nicht (mehr). Sport mache ich, aber joggen liegt schmerztechnisch nicht drin. Auf dem Skateboard stand ich wieder und jeden Tag schwimme ich, mindestens einmal. Mal hier und mal da in der Aare, Türlersee, Bielersee, Zürisee, Limmat, Reuss. Werde ich ohne Chemo plötzlich Angst haben, mehr Angst haben, vor einem Rückfall? Ich weiss es nicht.
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Es waren zwei absolut grossartige Wochen. Aber heute Abend schlägt sie nun zu. Die Melancholie. Wie viele dieser Momente wird es noch geben? So bis ein komplettes Jahr rum ist, also, bis in einem Jahr? Ich hoffe doch nicht!
Aber ich bin auch sehr müde. Ich habe diese Woche nicht viel daheim geschlafen, viel unterwegs. Eigentlich zuviel. Dann kommt die Müdigkeit und ZACK, so ein Depro-Hammer dazu. Das kenne ich erst seit der Krebstherapie. Diese Erschöpfung, nicht nur körperlich, sondern immer auch seelisch. Nettes Doppelpack. Danke.
Teilweise wusste ich, dass ich zuviel mache, immerhin das kann ich schon wieder einschätzen.
Aber ich wollte mir das Leben in voller Dosis geben! Mich richtig auffüllen mit guten Momenten, guten Gesprächen, Treffen, Essen, Erlebnissen. Dazwischen gab es auch Halbtage oder Tage mit Rückzug und Stille, schreiben, lesen, malen, schwimmen.

Was ich nicht wusste und jetzt erlebt habe, wie viele Freunde da sind. Wie viele Menschen es gibt, die mir gut tun. Die lustig und gleichzeitig tiefgründig sind, echt. Wo ich mich einfach wohl fühle, weil ich ich sein kann, mit allen Ecken die ab sind, dem schwarzen Humor und meiner Geschichte. Ich.

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Klasse Treffen

Zweimal Ausgang hintereinander: 💃

Klasse treffen

Meine Klasse hatte ich ja schon Donnerstag letzte Woche getroffen, aber vorgestern bin ich dann tatsächlich ans Schulhausfest. Den ganzen Tag hatte ich mich darauf vorbereitet und – im Bett verbracht. Und auf dem Weg dorthin dachte ich, es fühlt sich ein klein wenig wie Freiheit an. Wie eine Erinnerung an Freiheit.
Es war toll!
Es war die reinste Überforderung!
Die Kollegen haben mich begrüsst, wie ein Stargast und sind Schlange gestanden, um mich zu begrüssen.
In der Freude (die meisten haben mich zuletzt Anfang Mai gesehen) sah ich vor allem auch die Erleichterung, dass ich so aussah, wie ich aussah.
Hier auf dem Blog steht auch die ganze depressive 💩. Dieser Krebsweg ist definitiv kein Spaziergang.
Und doch wird mir öfter gesagt, dass ich so eine Kraft ausstrahle, meine Augen leuchteten.
Ich könnte erwiedern, wenn ich deprimiert bin, schleiche ich höchstens zum Bäcker… Aber ja, mit jedem Tag nach der Chemo fühle ich mich wieder ein Stück mehr im Leben und an der Energiequelle angedockt.
Ein kleines Stück.
Ich habe mich am Fest mit positiver Energie aufgeladen, sogar etwas mit meinem Beziehugstsunami-Wetterfaun auf der Tanzfläche gewippt.
Und dann bin ich zu Hause in einer Mischung aus Totalerschöpfung und freudiger Ekstase ins Schlafkoma gefallen.

Klassentreffen

Ich hatte mir offen gelassen, ob ich komme und die Organisatorin über meine Krankheit informiert. Den ganzen Freitag hatte ich wieder im Bett verbracht, da ich mich nach Donnerstagabend fühlte, wie vom D-Zug überrolt. Und gegangen bin ich mit leichten Kopfschmerzen und dem Wissen, dass es zuviel ist. Aber das letzte Treffen war 8 Jahre her – damals hatte ich noch 1 Meter rotes Räuberhaar – und wer weiss schon, was in weiteren 8 Jahren ist.
Ich war nur ein Jahr mit ihnen in der 4. Klasse der Grundschule. Trotzdem sind das die Leute aus meinem Dorf, wo ich – mit 5 Jahren Unterbruch – aufgewachsen bin. Kontakt habe ich sonst keinen mehr, aber viel Neugier auf die Schlenker, die das Leben so schlägt.
Und da ich eher Aussenseiter bin, nehme ich eine seltsame Rolle ein, nicht nur wenn ich mit weissem Raspelirokesen und schwarzer punkig-eleganter Kluft dort auftauche.
Es war toll!
Es war eine Überforderung!
Es war spannend.
Sogar meine Schwester tauchte kurz vor dem Lokal auf, um mich zu sehen.

klasse Treffen

Ich fühlte mich endlich wieder im Leben. Raus aus der Chemo-Isolationshaft. Und wenn ich über meine Energiegrenzen ging, nächste Woche im Spital werde ich bekocht.
Aber die guten Energien, die ich auftanken konnte, nimmt mir keiner.

Im Auge des Tornados

Krebs ist wie ein Wirbelsturm. Von weitem kommt er unaufhaltsam auf einen zu. Er hat den totalen Fokus.
Alles in der Nähe gerät in den Sog.
Einige Freunde wirbelt er weg, andere stehen plötzlich unerwartet da.
Vieles wird unwichtig, anderes unerreichbar. Es wird vesprochen, versichert, gehalten, gelogen und betrogen. Krebs ist ein Katalysator.
Der Charakter zeigt sich im Sturm. Nicht zu Beginn, nein, mittendrin. Im langen Atem, wenn einem alles um die Ohren fliegt und man nicht flieht, Hals über Kopf.
Nicht alle wollen bleiben, nicht alle können bleiben. Manche möchten, können aber nicht.
Sicher ist nur, dass ich da bleibe. Denn ich stehe im Auge des Sturms.
Und warte.

Kein Taxol heute. Blutwerte zu schlecht.