Das Runde passt nicht ins Eckige

Wer bin ich?
Fragte ich mich vor einem Jahr, als ich mich so ohne Haar im Spiegel sah.
Wer bin ich? Frage ich mich heute.
Gestern habe ich meinen Ex-Freund getroffen. Das war gut, war schön, war erhellend. Ich hatte das Gefühl, ich sehe ihn zum ersten Mal ganz klar, wie er ist, in seinem Innersten. Fernab von allen Rollen und Kleidern, Federn und Reden, Verstrickung und gemeinsamer Vergangenheit. Und das erklärte, warum er so ist. Sein widersprüchliches Verhalten und seine wechselnden Aussagen haben sich zu einem kongruenten Bild für mich zusammengefügt. Das war gut für mich. Ein Abschluss.
Und doch.
Die Nacht kaum geschlafen. Mich gefragt, wer ist dieser Mann, den ich so geliebt habe. Warum habe ich ihn so geliebt? Ist das der Mann? Und war ich das? Welches ich denn?
Gibt es dieses ich noch?
Und dann kam plötzlich die Trauer. Wie ein Hammer aus dem Nichts streckte sie mich nieder. Die Trauer um den Verlust der Unschuld.
Was habe ich alles verloren in diesem letzten Jahr!
Die Unbeschwertheit, die Gesundheit, ein Gefühl für Zeit, viel Zeit, viele Jahre. Verloren auch eine Unruhe, ein Getriebensein, den Drang, es allen Recht machen zu müssen, von allen gemocht zu werden. Verloren einen unversehrten Körper, Schmerzfreiheit, meine Selbstbestimmtheit. Und die Verbindung zur Welt, irgendwie, zu meiner Welt ausserhalb der Krebsblase. Zu meinen Arbeitskollegen, der Arbeit, zu Freunden, zu Dingen, die mir wichtig waren, die Spass machten. Zu Themen, die anderen wichtig sind.
Dieser Moment im Lehrerzimmer, als ich in die Runde schaute, sah, wie sie sich alle freuen, dass ich wieder da bin und so „gut“ aussehe und dachte: Die sind alle bloss ein Jahr älter geworden. Und ich wurde einmal durchs Universum geschleift.
Dieser Moment sitzt mir noch in den Knochen.

Auch weil ich merke, dass ich nicht einfach anknüpfen kann. Zum Beispiel interessieren mich viele Gesprächsthemen im Moment sowas von nicht, viele „Probleme“.  Eigentlich möchte ich dann nur aufstehen und weglaufen. Diese Profilierungsneurosen, das Erzählen persönlicher Heldentaten fand ich schon immer anstrengend, aber meine Toleranz ist quasi verschwunden. Vielleicht bin ich nicht mehr soziabel? Bin ich jetzt anormal? (Also mehr als vorher, weil ich war ja noch nie ganz so 0815…)
Und dann ist da diese Trauer, diese immens grosse Trauer!

Das Trauern beginnt wohl erst jetzt. Der Abschied von der früheren Tinkakartinka.
Ich habe gehört, dass der Moment kommt. Auch wurde ich gewarnt davor, dass der Abschluss der Therapie nicht einfach ist. Eben weil man während der Therapie ja einfach dauernd weiter rennt. Von Termin zu Termin von Therapie zu Therapie, hangelt man sich von Infusion zu Schmerz zu Nebenwirkung zu Medikament und wieder zurück auf Position 1.
Damals dachte ich, sie sprechen von der Angst vor einem Rezidiv oder von den Nebenwirkungen, der Müdigkeit. Aber eigentlich fühle ich mich grad etwas aus der Welt gefallen, beziehungsweise nicht mehr dazu passend.

Kennt ihr dieses Holzspielzeug für kleine Kinder? Eine Sortierbox, im Deckel sind Bildschirmfoto 2020-06-28 um 13.01.48verschiedene Öffnungen eingelassen: Quadrat, Kreis, Rechteck, Dreieck…. Und man muss das passende Klötzchen in die passen Öffnung kriegen.
Ich war vorher ein oranger Würfel und bin nun ein roter Zylinder. Und alle sagen: Oh! Der orange Würfel ist wieder da! Guck, da ist dein Platz.
Und versuche mich einzupassen:
Klonk, Klonk, Klonk!
Und das geht einfach nicht.

So etwa fühlt es sich an.
Vielleicht schleift sich diese Gefühl ab mit der Zeit. Oder die Öffnung.
Vielleicht muss ich mir auch eine andere Passung finden.
Und auch die Trauer wird vorbei gehen. Sie wird in Wellen kommen, mich umhauen, abebben, meine Knie umspülen und irgendwann ganz vorbei gehen. Aber erst muss sie da sein und Platz haben.
Ich weiss.

Schulter gesucht

Nachdem MRI auf dem Weg zum Zugang ziehen lassen. Meine Pflegerin lotst mich in ein Zimmer. Ein anderer Pfleger hastet uns nach.

Pfleger ruft: Schulter?
Pflegerin: Was?
Pfleger: Schulter!
Pflegerin: 🤨
Pfleger zeigt auf mich: Ist das meine Schulter?
Pflegerin: Nein das ist Mamma. Deine Schulter kommt noch.
Stimme von draussen: Deine Schulter ist hier!!

Ich: 🤔 🍖?

Gespräche: So wirst du gesund!

Der Kleine steht auf der Treppe, sollte in die Schule. Steht da mit seinem Star-Wars-T-Shirt, den grünen Outdoor-Hosen und einer Wilden-Kerle-Frisur.

>Mami! Du brauchst drei Dinge.
Vertrauen,
Geduld
und den Glauben an dich selbst,
dann wirst du gesund!

Ich schaue ihn ungläubig an. Das kam so aus dem Nichts. Und frage ihn, woher er den Spruch denn habe? Er zuckt die Achseln: Aus seinem Kopf.
Recht hat er!