Ziemlich verlegen und fast verstummt

Mein Onkodoc kann auch fast sprachlos:

Er: Hier noch ihre Verordnung und die nächsten Termine.
Ich: Danke. Und hier noch ein Geschenk für sie.
Er: Ach?
Ich: Nun ja, gestern vor einem Jahr hatte ich meine erste Chemo. Jubiläum, Taraaa! 🥳
Und ich habe ja das ganze Jahr in der Behandlung gezeichnet und nun ein Buch daraus gemacht. Das kriegen sie jetzt.
Er: Oh!
Ich: Diejenigen die das Werk bis jetzt gesehen haben, hatten teilweise ein schmerzverzerrtes Gesicht… 😬
Er: Muss ich erst Alkohol trinken, bevor ich es mir anschaue? 🤔
Ich: Wie sie wollen. Meine Kids findens nicht so schlimm, aber die kennen ja meine Bilder. Und sie als Arzt, sie sollten sich sowas gewöhnt sein, nicht? Sie kennen ja die Behandlung. Soooo schlimme Sachen sind und auch nicht drin…
Er: Nicht?
Ich: Vielleicht die abgehackte Hand. Die hab ich ja eh für sie gezeichnet. Nun, ja. Und viele glatzköpfige Frauen!
Er: Das ist nicht verwunderlich.
Ich: Und oben ohne sind sie auch.
Er: Da gibts Schlimmeres! 🤭 Oh. Darf ich das sagen?
Ich: Durchaus! Da bin ich ganz bei ihnen. 😁
Er verlegen hinter der Maske: Also, ähm, ah.. vielen Dank!

 

 

🦀Bilderbuch

Hab ja sonst nicht viel zu tun, ausser die Scherben wegzuräumen, von allem was zerbrochen ist und wegzubrechen scheint und warten.
Ob und wann und wie ich wieder arbeiten darf, ob und wann und wie es mit diesem Ausnahmezustand weitergeht.
Also habe ich mir ein Buch mit meinen 🦀Bildern gemacht.

So zum Jubiläum quasi. Heute ist Freitag in der zweiten Schulwoche nach den Frühlingsferien. Letztes Jahr war das der Zeitpunkt der ersten Chemo. Auch wenn es vom Datum her noch ein paar Tage geht bis zum exakten Jahrestag.
Deshalb nur ein Quasi-Jubiläum.

Vielleicht sollte ich mir heute einen Campari Soda gönnen. 🤔 (Schön in der gleichen Farbe wie die Infusion)

Endspurt mit Durchhänger

Noch zwei Bestrahlungen.

Danach Freiheit, denke ich. Obwohl ich noch alle 3 Wochen zur Infusion auf die Onko muss. Aber immerhin ist die Chemo nicht mehr so belastend.
Und im Vergleich zum letzten Dreivierteljahr ist das Freiheit.

Ich merke, ich bin müde.
Ich bin esmüde, es „gut zu machen.“
Manchmal kann ich es nicht mehr hören: Du machst das gut! Du machst das so gut!
Ich habe heute keine Lust, es gut zu machen.
Auf mich zu schauen. Auf meine Kids. Verständnis zu haben für alle. Gut Essen, etwas Sport, regelmässig Entspannung, Bestrahlung, Wundpflege.
Alles gut.

Ich will mich um mich kümmern, nicht um andere, ihre Angst, ihre Sorgen und Launen.
Um mich,
nicht um den Krebs.

Spasstruppe

Man gewöhnt sich ja an jeden Scheiss. Echt jetzt.
Sogar daran, jeden morgen sich den Busen grillen zu lassen.
Zu Beginn sind die 33mal ein unheimlich hoher Berg. Kaum zu erklimmen. Besonders wenn man sich bereits nach zwei Wochen damit ausrüsten muss:

Seit Montag nun bin ich im Boost-Modus. Bestrahlung 2. Serie, nur noch das Tumorbett. Und das macht jetzt wusch und es ist vorbei. Noch 4 mal!

Und dann? Dabei sind die Bestrahler vom Polarkreis so schön aufgetaut. Richtig lustig wars heute.
Länger will ich trotzdem nicht… 😏

Sie mault hinter der offen Türe des Kontrollraums: Dann hör ich was, aber kein Mensch da!!!
Ich: Der Mensch ist hier. Der Mensch musste auf Toilette.
Gelächter aus dem Kontrollraum.
Sie kommt raus: Ja wissen Sie, ich höre das Klappern der Garderobe, aber dann sind sie weg. Niemand da.
Ich: Sehen sie mal. So schnell kanns gehen.

Später liege ich in Leggins, Docs, oben ohne, aber mit Mütze – ich hatte kalt – auf der Liege und atme nach Kommando.

Andere Sie: Einatmen, Ausatmen. Einatmen, Stopp! Nicht mehr atmen!
Sie: Jetzt haben wir noch eine Rotation. Sie drückt meine Schulter runter. Tritt zurück und kontrolliert.
Er: Ja. Ruckelt mich zurecht. Schaut.
Sie zieht an der Auflage: Hm. Ja.
Ich huste. Sie blicken mich überrascht an.
Er: Oh, ja, Sie dürfen wieder.
Sie grinst: Wir dachten, wir erhöhen mal die Schwierigkeit für Sie.
Ich: Das ist nett. Auf eine Minute?
Sie: Aber gut, dass Sie wieder atmen.
Ich: Ja ich dachte, das sei noch sinnvoll.

Im hohen Norden

Sind die Menschen auch nicht so kommunikativ. Also denke ich, die Radio-Onkologie liegt wahrscheinlich am Polarkreis.

Doch gestern kam es tatsächlich zu einer Kontaktaufnahme. Das war bestimmt nicht erlaubt. Eine Radiologin (heissen die so?) hat mir den Monitor ins Sichtfeld gedreht, als sie sah, dass ich drauf schiele und mich gefragt, ob ich es so sehen könne. Da dachte ich schon, nun ist das Eis gebrochen. Aber nix da. Heute habe ich eine Reaktion provoziert, als ich den Kopf Richtung Monitor drehte. War mir schon klar, dass das verboten ist, denn dann dreht sich ja der ganze Rumpf mit. Aber so wurde ich heute zusätzlich zu den sonstigen fünf Sätzen, die ich face-to-face höre, getadelt. Der Löwenanteil der Kommunikation läuft über Lautsprecher. Nur Intro und Outro ist persönlich, quasi:

  • Guten Morgen
  • Legen sie sich bitte hin
  • Wir machen erst ein paar Bilder

Und dann über Lautsprecher mind. 7 mal:

  • Einatmen
  • Ausatmen
  • Tief einatmen
  • Und Stopp
  • Weiteratmen

Und am Ende wieder persönlich

  • Wir sind fertig
  • Auf Wiedersehen!

Dazwischen Surren, Stille, Warten.
Und ja, kalt war mir heute auch, so halbnackt auf der Liege. Und meine Hände wurden gefühllos.
Aber man gewöhnt sich dran.
Morgen gehts wieder in den hohen Norden.
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