Mami, du gehst!

Ich habe die besten Jungs!!
Habe ich das schon mal erwähnt?

Beim Abendessen kriegen sich der Grosse und der Kleine in die Haare.

Ich: Ach, ne. Ich bleib. Jetzt beginnt ihr schon zu streiten.
Grosser: Nein. Das ist nix!
Ich: Ausserdem bin ich zu müde.
Kleiner: Neiiiiin! Du gehst!
Ich: Aber ich habe euch noch nie allein gelassen!
Kleiner: Doch mich!
Ich: Ja, aber nicht Abends.
Grosser: Was soll schon passieren?
Kleiner: Du willst doch tanzen gehen?
Ich: Ich bin Mami, ich habe ein schlechtes Gewissen…
Kleiner: Jetzt hör mir mal zu, Mami! Also, einmal bist du mit uns ans Sommerfest im Hort. Du warst so müde. Ich habe mich gefreut, aber ich hatte ein schlechtes Gewissen. Du gehst jetzt da hin und hast kein schlechtes Gewissen, verstanden, Mami??!
Ich: Okay.

Als ich zurück kam, war das Haus hell erleuchtet. Der Grosse musste mir seinen neusten 3D-Druck zeigen. Der Kleine sass in seinem Bett mit einem goldenen Dolch (aka Brieföffner) in der Hand.
Er hielt ihn mir vor die Brust: Ah Mami, du bist kein Troll!

Alles okay also. 😅

Alles gut – fast…

Keine Schmuggler
Keine Halbwüchsigen
Keine Spaziergänger
Keine Mörder
Leichter Schlaf und wilde Träume, zum ersten Mal alleine im Wald. 💪🏻

Und nach dem Schwimmen noch 2h getanzt. Kein Trauertanz, kein Krebsloswerdtanz. Keine Tränen.
Dafür ein Raumeinnehmtanz, ein Starktanz und ein verspielter Verrückttanz voller Lebensfreude.

Fazit: Jetzt ist mir übel 😂😂😂
Und die neuen Blasen habe ich noch nicht gezählt…

Sorgen wegtanzen

Nun, jetzt darf ich wieder zur Arbeit. Es tat gut, die Klasse zu sehen, die Verbindung war sofort wieder da. Es war anstrengend, ich bin mir so viele Menschen nicht mehr gewohnt. Ich verstehe auch, weshalb ich nicht hindurfte. Mir folgen sie auf ein Augenzucken. Der Stellvertreter muss richtig ackern. Obwohl er sich Mühe gibt, spüre ich da keine Verbindung.
Es war schön, wieder dort zu sein.  Aber…
Aber.
Das Bekannte ist fremd. Oder weit weg. Alles ist so weit weg, selbst wenn ich jetzt wieder dort bin. Mein Ich vor der Krankheit ist auf einem andere Kontinent, als mein Ich jetzt ist. Sehen das die anderen?
Einer sprach mich an. Meine Ausstrahlung… Ich sähe so anders aus.

Vieles ist weit weg. Das habe ich heute wieder gemerkt auf dem Weg in den Park. Ich war in einem Quartier, in dem ich ins Gymnasium ging. Ich erinnere mich genau, an meine Träume, meine Kämpfe, meine Unsicherheit. Und wenn ich – sagen wir vor 3 Jahren – diese Strassen entlang gefahren bin, so habe ich einen grossen Teil davon noch gespürt. Gepaart mit einer Trauer, um die Träume, die  zerbrochen, die Naivität, die an den Klippen des Lebens zerschellt.
Das fehlt.
Ja, ich weiss, wer ich war. Wie unsicher. Wie suchend. Ich weiss, was ich alles verloren habe auf dem Weg, gesucht und wer weiss, ob ich es je finden werde. Aber das ist keine Trauer. Manchmal etwas Melancholie. Besonders in lauen Sommernächten, diese nun alleine geniessen zu müssen. Aber vor allem ist da Ruhe.
Eine Art Glück.
Diese Freude, am Leben zu sein.
Manchmal kommen mir die Tränen, wenn ich den Mond sehe. Einfach weil er da ist und ich ihn noch sehen darf.
Und dann sauge ich das Bild in mich auf, vielleicht, wer weiss das schon, was morgen ist.
In der Reha hatte ich geweint, als ich das erste Mal spazieren ging. Geheult wie ein Schlosshund. Der Schnee, der glitzernde Fluss in der Sonne und die Berge. Ich war so überwältigt, dass ich das erleben kann und kam mir dann armselig vor, wegen sowas zu weinen.
Jetzt nicht mehr. Wer kann sich schon so an einer Mondsichel zwischen zwei Tannen freuen, wie ich. In meinem Alter.

Da fuhr ich heute in der Strassenbahn durch diese Strassen, durch die ich magersüchtig gestakst bin, unsicher, immer falsch, am falschen Ort. Ein Entwurf nur, eine Skizze, unfertig und mangelhaft. Hingeworfen in die falsche Familie. Und ich empfinde nur Ruhe. Und Frieden.
Dann sage ich mir, he, belüg dich doch nicht! Du bist noch in der Krebstherapie, alleinerziehend, kürzlich verlassen, kämpfst um einen realistischen Wiedereinstieg in die Arbeit. So hattest du das nicht geplant!!!
So nicht.
Ich frage mich, was mein früheres Ich zu mir sagen würde, das durch diese Strassen Staksende, wenn es wüsste, was da alles noch kommt. Verzweifeln würde es, glaube ich.
Und doch.
Trotz allem, wäre es gerne ich. Weil ich in mir Ruhe.

Nicht immer.
Heute habe ich so einen gescheiten Spruch gelesen. Zusammengefasst hiess der: Ich möchte für dich der Freund sein, der da ist. Der dir die Hand reicht, der dir hilft. Du musst nicht immer alles alleine tragen. Da draussen ist eine Welt, die dich braucht und liebt. Du bist nicht allein.
Und da habe ich auch geheult. Weil so jemanden möchte ich gerne mal haben.
Einmal in meinem Leben.
Viele Nächte habe ich die letzten Wochen schlecht geschlafen, weil ich mich aus der Arbeit raus gemobbt fühlte, abgeschnitten vom Leben. Alle lassen mich Kranke links liegen. Weil ich nicht lustig bin. Weil ich störe, weil ich noch nicht funktioniere. Weil jeder sich in seinem eigenen Universum nur um sich selber dreht.
Das macht auch dieses „aber“-Gefühl aus. Alle sind noch gleich, nur ein Jahr älter. Ich bin einmal quer durchs Universum geschleift worden. Musste mich zusammen sammeln, flicken, aufrichten.
Und bin jetzt müde manchmal, krank, zweifelnd. Aber genauso, wie ich bin.
Ich will nicht mehr sein, wie früher, als ich jünger war.
Und ich hoffe, dass ich das möglichst behalten werde. Auch wenn es unbequem für mein Umfeld ist. Und für mich dadurch auch. Mich vielleicht einsam macht.

Abends sah ich diese Häuser, diese Strassen. Und war etwas traurig über all die Dinge, ich dich im letzten Jahr verloren habe. Und dennoch, ist da etwas dazugekommen, was ich mir nicht erklären kann.
Wurzeln vielleicht.
Endlich.
Zarte erst, aber sie wachsen.

Dann im Park, alles voll Sommerschwärmer.
Und ich nahm die Kopfhörer und hörte die anderen sagen, oh nein, so viele Leute, da kann ich doch nicht tanzen. Ich geh nach hinten.
Und ich dachte, das ist mir sowas von scheissegal!
Ich tanze.
Nach den anderthalb Stunden klopft mir jemand auf die Schulter: Entschuldige bitte, dass ich dich so angeguckt habe. Aber ich schaute dir so gerne beim tanzen zu!
Kein Problem. Ich habe es nur peripher mitgekriegt.
Wenn ich tanze, dann lebe ich.
Und ich hoffe, ich vergesse das nicht.
Tanz dein Leben!

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Klasse Treffen

Zweimal Ausgang hintereinander: 💃

Klasse treffen

Meine Klasse hatte ich ja schon Donnerstag letzte Woche getroffen, aber vorgestern bin ich dann tatsächlich ans Schulhausfest. Den ganzen Tag hatte ich mich darauf vorbereitet und – im Bett verbracht. Und auf dem Weg dorthin dachte ich, es fühlt sich ein klein wenig wie Freiheit an. Wie eine Erinnerung an Freiheit.
Es war toll!
Es war die reinste Überforderung!
Die Kollegen haben mich begrüsst, wie ein Stargast und sind Schlange gestanden, um mich zu begrüssen.
In der Freude (die meisten haben mich zuletzt Anfang Mai gesehen) sah ich vor allem auch die Erleichterung, dass ich so aussah, wie ich aussah.
Hier auf dem Blog steht auch die ganze depressive 💩. Dieser Krebsweg ist definitiv kein Spaziergang.
Und doch wird mir öfter gesagt, dass ich so eine Kraft ausstrahle, meine Augen leuchteten.
Ich könnte erwiedern, wenn ich deprimiert bin, schleiche ich höchstens zum Bäcker… Aber ja, mit jedem Tag nach der Chemo fühle ich mich wieder ein Stück mehr im Leben und an der Energiequelle angedockt.
Ein kleines Stück.
Ich habe mich am Fest mit positiver Energie aufgeladen, sogar etwas mit meinem Beziehugstsunami-Wetterfaun auf der Tanzfläche gewippt.
Und dann bin ich zu Hause in einer Mischung aus Totalerschöpfung und freudiger Ekstase ins Schlafkoma gefallen.

Klassentreffen

Ich hatte mir offen gelassen, ob ich komme und die Organisatorin über meine Krankheit informiert. Den ganzen Freitag hatte ich wieder im Bett verbracht, da ich mich nach Donnerstagabend fühlte, wie vom D-Zug überrolt. Und gegangen bin ich mit leichten Kopfschmerzen und dem Wissen, dass es zuviel ist. Aber das letzte Treffen war 8 Jahre her – damals hatte ich noch 1 Meter rotes Räuberhaar – und wer weiss schon, was in weiteren 8 Jahren ist.
Ich war nur ein Jahr mit ihnen in der 4. Klasse der Grundschule. Trotzdem sind das die Leute aus meinem Dorf, wo ich – mit 5 Jahren Unterbruch – aufgewachsen bin. Kontakt habe ich sonst keinen mehr, aber viel Neugier auf die Schlenker, die das Leben so schlägt.
Und da ich eher Aussenseiter bin, nehme ich eine seltsame Rolle ein, nicht nur wenn ich mit weissem Raspelirokesen und schwarzer punkig-eleganter Kluft dort auftauche.
Es war toll!
Es war eine Überforderung!
Es war spannend.
Sogar meine Schwester tauchte kurz vor dem Lokal auf, um mich zu sehen.

klasse Treffen

Ich fühlte mich endlich wieder im Leben. Raus aus der Chemo-Isolationshaft. Und wenn ich über meine Energiegrenzen ging, nächste Woche im Spital werde ich bekocht.
Aber die guten Energien, die ich auftanken konnte, nimmt mir keiner.