Wie sag ichs meinem Kind

Aus dem Spital raus und zu meinen Kindern. Und bloss nicht weinen.
Aber meine Kinder sind nicht blöd. Und der Grössere fragte, ob etwas nicht gut war im Spital. Und ich antwortete, dass ich halt nochmals hinmüsse, Donnerstag.
Ich werde noch nichts sagen.
Erst, wenn ich auch weiss, wie es weitergeht. Wenn ich ihnen konkret etwas sagen kann.
Aber wie sagt man es seinen Kindern?
Hallo, Mami hat Brustkrebs?
Ich bewege mich den ganzen Tag in einer dunklen Wolke. Manchmal laufe ich ihr etwas  davon, dann holt sie mich wieder ein. Wie letztes Jahr, als mein Vater starb.
Vielleicht ist es ja gar nicht wahr? Doch, da ist der Knoten. Und wenn… nein.
Ich rufe eine Kollegin an, die alles bereits hinter sich hat. Vor drei Jahren. Ich bin so frech, denn in letzter Zeit hatten wir uns nicht viel gesehen.
>Hast du kurz Zeit für ein vielleicht etwas seltsames Telefonat?
>Aber sicher.
>Du hattest doch Brustkrebs, nicht? Darf ich Dir eine persönliche Frage stellen?
>Aber ja.
>Wie sagt man sowas seinen Kindern?
>Oh nein! Aber bitte nein, das tut mir soo leid.
Ich musste mich während dem Telefonat etwa fünfmal bei ihr bedanken. Ich hätte es hundertmal können. Sie fragte, was sie denn geholfen hätte.
>Du hast mir zugehört. Du hast mir Mut gemacht. Und du bist mein Vorbild, weil du alles schon hinter dir hast. Und das noch mit kleineren Kindern.
Ich weiss jetzt, dass ich jederzeit zu ihr kann, sollte es ganz schwierig werden.
Das ist gut.

Mammographie: Der Schleier distanzierter Professionalität

Manchmal geht alles sehr schnell.

So schnell, das man kaum hinterher kommt.
Am Donnerstag die Ärztin angerufen, dass ich einen Knoten in der Brust spüre, der nach der Mens zwar kleiner wurde, aber nicht verschwand.
Und am Dienstag schon vorgeladen zur Mammographie.


Das war sehr skurril. Zwei Frauen quetschen in einem düsteren, kleinen Raum meine Brust in einen Apparat. Hätte ich ja nichts dagegen, wenn der Apparat nicht wäre. Wobei die Jüngere wohl Mammo-Azubi war, immer wieder Anweisungen bekam und meine Brust neu positionieren musste. Die Kurzhaarige hätte ich also lieber ausserhalb diese Settings mal zu einem Kaffee getroffen, tja.
Hier Arm hoch, dann Brust rein streichen, jetzt werden wir komprimieren und wenn es schmerzt, dann sagen sie es. Es schmerzte nicht. Hängt vielleicht von der Brust ab, der Masse, die da komprimiert werden kann. Ich musste grinsen. Nicht aus Spass, sondern aus einem Gefühl heraus ins falsche Leben katapultiert worden zu sein.

Brustkrebs war nie ein Thema. Ich hatte gerade eine Konisation hinter mir und war also eher unter meine Gürtellinie konzentriert. Niemand im näheren Verwandtenkreis war betroffen und ganz so alt bin ich nun auch nicht wieder. Das merkte ich auch im Wartezimmer. Wenn die Frauenzeitschriften mehr so ü60-Titelbilder haben, weiss man, dass das eher ein schlechtes Omen ist.
Ein paar Sprüche konnte ich mir nicht verkneifen, zu steif wäre sonst die Situation gewesen. Suchte kurz die Gewichtsanzeige. So stelle ich mir eine Brustwaage vor. Legen sie mal ihr Fleisch aus, wir schauen mal, was sie da so vor sich eher tragen.
Nach der erfolgreichen Aufnahme meiner beiden Brüste: zwei Bilder normal geqetscht und zweimal schräg: Wir schauen uns jetzt die Bilder an. Vielleicht müssten sie ja gar nicht mehr zum Ultraschall.
Sie verschwinden und ich darf mich in eine Tuch hüllen.

Sie hatten sich die Bilder angeschaut. Scheinbar schaute es nicht gut aus. Sowohl die Mammographin, wie die Mammo-Azubi umgab plötzlich ein Schleier distanzierte Professionalität. Ja, doch, es müsste noch weitere Untersuchungen geben.
Also lag ich ein Zimmer weiter und starrte auf den Bildschirm mit den schwarz-weissen Schlieren, auf dem man als Laie nie etwas erkennt. Egal welches Körperteil gerade untersucht wird. Ausser man ist in der 14 Woche schwanger. Da sieht man vielleicht sogar einen Nase oder einen Penis. Aber ansonsten: starker Schneefall in der Nacht bei 120km/h auf der Frontscheibe.

Das Gesicht der Ärztin konzentriert, sehr konzentriert, sehr ernst. Auf dem Bildschirm ein schwarzes Loch. Und noch eins. Ewig bebilderte sie meine linke Brust und die Achselhöhle. Klar war, es war was wirklich nicht gut.

Ich versuchte nicht zu denken. Nur zu atmen und zu warten, bis sie alle Instrumente weglegte, sich zu mir umdrehte und es sagte.
>Es sieht nicht gut aus.
>Brustkrebs?
>Eventuell. Sicher müssen wir eine Biopsie machen. Fragen?
>Wie wahrscheinlich ist es, dass es kein Brustkrebs ist?
Sie seufzte.
>Vielleicht 3 Prozent. Eigentlich ist es ein Lehrbuchbefund. Weitere Fragen?
>Das heisst Operation? Chemo?
>Wahrscheinlich beides. Haben Sie weitere Fragen?
>Wie lange geht so eine Chemo? Kann ich dann für meine Kinder sorgen?
> Etwa ein halbes Jahr. Und dann geht es erstmal um sie. Aber auf eine Haushalthilfe haben sie Anrecht. Und wir haben hier ein ganzes Netz an Zusatzhilfen und Beratungsstellen. Ich werde Ihnen nachher eine Broschüre mitgeben. Weitere Fragen?
> Wie, von welchem Zeithorizont sprechen wir? Wie geht es weiter?
> Ich möchte sie für übermorgen zum MRI anmelden. Und zur Biopsie. Nach der definitiven Diagnose geht die Therapie spätestens innerhalb von zwei Wochen los. Wir müssen so schnell handeln. Das steht in unseren Richtlinien. Das hat nichts damit zu tun, wie schnell der Tumor wächst. Haben Sie weitere Fragen?
>Soll ich meinen Arbeitgeber informieren?
>Sie müssen ihn noch nicht informieren.
>Ich bin Lehrerin. Wenn ich in zwei Wochen weg bin, dann ist da ziemlich Chaos.
>Wenn Sie ein gutes Verhältnis haben. Das ist ihre Entscheidung. Haben Sie weitere Fragen?
>Äh. Nein. Ich..
>Wahrscheinlich dann zu Hause.
>Sicher.
>Wie geht es Ihnen jetzt?
>Keine Ahnung.

Ich stand auf.
Und kippte um.
Plötzlich standen sie zu dritt da, mit Traubenzucker und Wasser. Ich hasse Traubenzucker. Aber da musste ich jetzt wohl durch.
Die Mammographin war auch wieder da.
>Soll ich Ihnen die Kleider bringen?
Ich stand auf.
>Nein. Geht. Jetzt stehe ich schon. Sagen Sie, Sie haben auf der Mammographie schon was gesehen, nicht?
> Ja. Aber wir müssen immer sehr vorsichtig sein.
>Das habe ich gemerkt.
>Habe ich kein gutes Pokerface?
>Nicht persönlich nehmen, ich habe feine Antennen. Ihren Job möchte ich nicht machen müssen.
>Ja. Da braucht man beides.
Alle verabschiedeten sich. Wünschten mir alles Gute. Alle waren so nett. So wahnsinnig nett und rücksichtsvoll.
Daran merkte ich, dass es ernst jetzt ist.