🦀Bilderbuch

Hab ja sonst nicht viel zu tun, ausser die Scherben wegzuräumen, von allem was zerbrochen ist und wegzubrechen scheint und warten.
Ob und wann und wie ich wieder arbeiten darf, ob und wann und wie es mit diesem Ausnahmezustand weitergeht.
Also habe ich mir ein Buch mit meinen 🦀Bildern gemacht.

So zum Jubiläum quasi. Heute ist Freitag in der zweiten Schulwoche nach den Frühlingsferien. Letztes Jahr war das der Zeitpunkt der ersten Chemo. Auch wenn es vom Datum her noch ein paar Tage geht bis zum exakten Jahrestag.
Deshalb nur ein Quasi-Jubiläum.

Vielleicht sollte ich mir heute einen Campari Soda gönnen. 🤔 (Schön in der gleichen Farbe wie die Infusion)

Krebshumor: Frei Schnauze

Ich brauche, bevor ich wieder Arbeiten kann, eine Reintegrationsmassnahme, um meinen Humor vom Galgen zu befreien. So bin ich kaum sozialkompatibel. 🙈

Bei der Theaterprobe mit lauter Krebskranken und -überlebenden.

Regisseurin: Und wir haben einen vierten Spielort! Hurra!
Spielerin: Wann?
Regisseurin: Im Frühjahr 2021!
Ich: Sind wir dann noch alle da? Ich meine, nicht dass die nur halbes Theater kriegen…
Grosses Gelächter
Ich: Tschuldigung. Aber unter uns darf ich ja…
Spielerin: Keine Angst. Wir schieben sonst Gedenksteine für die Fehlenden auf die Bühne.
Ich: Meiner aufm Skateboard, bitte.

Und was kam heute per Mail? Die Spieldaten im 2021, gefolgt von dem netten Schlussatz:

„So bitte niemand sterben…. 😉 Bis heute Abend in der Probe.
Liebe Grüsse“

Die Theatertruppe ist wohl nicht die richtige Reintegrationsmassnahme. 🤷‍♀️

Aber der tollste Ort, um über dieses ganze Desaster zu lachen, den Mittelfinger zu zeigen: He! Noch leben wir! Noch spielen wir! Noch lachen wir!
Und das mehr, als viele ‚Gesunde‘.

Best of Klinik

Um die Wartezeit zu verkürzen, ein Best of der dümmsten Momente aus dem Spital.

Sich aus Versehen die OP-Markierungen wegduschen und sie sich dann von der Nachtschwester heimlich nachzeichnen lassen.

In irgendeinem Gerät liegen und feststellen, dass die Blase doch nicht so viel Füllvermögen hat, wie vor einer Viertelstunde gedacht.

Frisch operiert.
Die Hand voll Mandelöl, um den Skalp zu pflegen.
Und beim Blick in den Spiegel feststellen, dass die linke Ölhand zur linken operierten Achsel gehört. Und das Öl wohl so nicht zum Kopf kommt.

Vom Spitalbett aufstehen und mit dem Dränageschlauch an der linken Bettseite und mit dem Infusionsschlauch am Kopfteil festhängen.

Dem falschen Spezialisten eine ungefähre Einschätzung entlocken. Und noch einem eine andere.

Sich beim Einfädeln der Infusionsbeutel in den Pullover verrechnen…

Einen über jede mögliche Komplikation gut informierten und zur Komnunikation motivierten Pfleger nach dem möglichen Schmerzlevel beim Entfernen der diversen Schläuche fragen.

Spital kann so anstrengend sein!

Voll krass Frau Lehrerin

Ich war auf Schulbesuch in meiner Klasse. Ohne Kopftuch mit Stoppelhaar. Da mussten sie sich nicht die ganze Zeit fragen, wie es wohl unter dem Tuch aussieht.
Sehr seltsam war es, nach vier Monaten wieder im Schulzimmer zu stehen. Und es so unglaublich aufgeräumt zu sehen.
😂😂😂

Lu: Kommen Sie auch ans Schulhausfest nächste Woche?
Ich: Hmm. Kann ich nicht sagen. Kommt drauf an, wie es mir an dem Tag geht.
Lu: Oh! Wir dachten, sie kommen…
Ich: Was ist denn euer Thema?
Ma: All in Black!
Mi ruft: BEERDIGUNG!
Ich: Oh! Das ist ja voll mein Thema! Da muss ich ja kommen!!
Klasse: 😂😂😂🤣🤣😂🤣🤣🤣😂
Ersatzlehrer (eher seriös sonst): 😁
Ich: Oh! Entschuldigung! Aber wir Krebspatienten haben einen ganz üblen Humor! 😬
Und zum Ersatzlehrer
Und reingerufen hab ich auch noch! Sorry. Ich bin jetzt still. 😶

Alle: 😁😁😁😁😁😁😁😁😁😁😁😁😁😁

Später, die Arbeitsaufträge sind verteilt, einige stehen auf, verteilen sich auf die Zimmer.
Da ruft Lu mit erhobener Faust vom anderen Ende des Zimmers:
Das war ein voll krasser Witz Frau Tinkakartinka!!!

Chemotrain 2 von 4

So da ist er wieder vorbei gerauscht und ich versuche jetzt meine von der Neulasta-Injektion schmerzenden Knochen zusammen zu sammeln und von der Strasse zu kriechen.

Der Ablauf scheint sich – wie der Herr Onkologe schon voraussah – zu wiederholen. Einziger Unterschied, die Nebenwirkungen habe ich dank frühzeitiger Medi-Einnahme besser im Griff.

Freitag: So fit wie nie, auf in die Klinik. Rauf auf die Anhöhe. Ich werde an die Leine gelegt. Einmal Injektion bitte.
Es brennt etwas in den Venen. Die Nase kitzelt und der metallene Geschmack im Mund.
Den Rest des Tages inklusive Samstag fühle ich mich wie ein Araber-Hengst im Körper eines Shire-Kaltblüters. An einer leicht abschüssigen Stelle stehe ich als einziges Zugpferd vor einem Brauereigespann. Und was die Spitalapotheke da so zusammengebraut hat, weiss ich nicht, aber sie nennen es AC.
Will heissen, ich tänzle innerlich hyperaktiv und hochenergetisch während sich äusserlich beim Zugpferd und dem Brauereigespann wenig bis nichts tut.
Also ziemlich anstrengend. Das dürfte wohl das zusätzliche Cortison sein.

Sonntag gleicht sich das ein wenig aus: der Araber beruhigt sich und der Shire Kaltblüter schrumpft. Das Gespann kommt ins Rollen.

Am Montag gewinnt das Gespann plötzlich an Fahrt und der ganze Chemotrain rollt über mich weg.
Da lieg ich flach, aber immer noch mit klopfendem Herzen. Bin froh was zu Essen und das Essen auch drin zu behalten. Schleppe mich von Bett zu Sofa und bedauere mich, unfähig zu entspannen.
Der Wagen schleift mich eine kurze Strecke mit und schrappelt mich etwas über den Asphalt.

Dienstag übergebe ich mich kurz vor dem Frühstück, um dann bei den Programmpunkten von Montag weiter zu fahren.
Noch übler, wenn irgendwelche Termine sind, wie zu Beispiel eine Veranstaltung in der Schule, die mir dann so richtig vor Augen führt, dass alle ihr Leben leben, während jemand bei mir den Pausenknopf gedrückt hat. Auf stand-by bis auf weiteres. Ich häng dann mal hier unten an meinem Chemotrain. So long.

Am Mittwoch ist die Übelkeit quasi weg. Das Herzklopfen auch. Kein Cortison kommt mehr dazu. Müdigkeit herrscht vor.
Der Zug ist über mich weg gerollt und ich robbe von der Strasse. Ich versuche den Rest Galgenhumor vom Asphalt zu kratzen, der mir kurzfristig abhanden gekommen war. Und ich freue mich über jeden Meter, den ich fort komme. Über jedes Essen, das wieder schmeckt. Und darüber, dass ich nicht jeden Morgen die komplette Bettwäsche neu waschen muss.

Bis zum nächsten Chemotrain in knapp 10 Tagen.