Ambivalenz

Gemischte Gefühle vor dem Spitaleintritt.

Einerseits Angst, deformiert wieder raus zu kommen.
Andererseits freue ich mich immer aufs Spital, weil man sich da mal um mich kümmert. Und ich nicht mich immer um alle(s) kümmern muss.
Oh, was sagt das bloss über mich und mein Leben. Armselig irgendwie.🙈

Wie der Gedanke, der mir nach der Diagnose kam: Jetzt hab ich endlich Zeit für mich.
Ich muss dringend ein paar Dinge in meinem Leben ändern.

Nach Krebs kann nicht vor Krebs sein.

Back on Board

Das habe ich doch glatt vergessen. Vor einer Woche war ich im Skatepark und habe ALLES wieder gemacht, was ich vor der Diagnose und Chemo konnte (🙏🏻 Coach!).
Zugegebenermassen nicht so viel, da ich als ü-40-Skatebeginner-Angsthase nun mal nicht über wahnsinnig viele Skills verfüge und der Brustkrebs kam, bevor ich mein jähriges on board feiern konnte.

Aber ich bin zurück. Und war nun jeden Tag auf dem 🛹.
Zumal nach der OP Sportverbot haben werde…

So geht Sonntag mit meinen Jungs:

Klasse Treffen

Zweimal Ausgang hintereinander: 💃

Klasse treffen

Meine Klasse hatte ich ja schon Donnerstag letzte Woche getroffen, aber vorgestern bin ich dann tatsächlich ans Schulhausfest. Den ganzen Tag hatte ich mich darauf vorbereitet und – im Bett verbracht. Und auf dem Weg dorthin dachte ich, es fühlt sich ein klein wenig wie Freiheit an. Wie eine Erinnerung an Freiheit.
Es war toll!
Es war die reinste Überforderung!
Die Kollegen haben mich begrüsst, wie ein Stargast und sind Schlange gestanden, um mich zu begrüssen.
In der Freude (die meisten haben mich zuletzt Anfang Mai gesehen) sah ich vor allem auch die Erleichterung, dass ich so aussah, wie ich aussah.
Hier auf dem Blog steht auch die ganze depressive 💩. Dieser Krebsweg ist definitiv kein Spaziergang.
Und doch wird mir öfter gesagt, dass ich so eine Kraft ausstrahle, meine Augen leuchteten.
Ich könnte erwiedern, wenn ich deprimiert bin, schleiche ich höchstens zum Bäcker… Aber ja, mit jedem Tag nach der Chemo fühle ich mich wieder ein Stück mehr im Leben und an der Energiequelle angedockt.
Ein kleines Stück.
Ich habe mich am Fest mit positiver Energie aufgeladen, sogar etwas mit meinem Beziehugstsunami-Wetterfaun auf der Tanzfläche gewippt.
Und dann bin ich zu Hause in einer Mischung aus Totalerschöpfung und freudiger Ekstase ins Schlafkoma gefallen.

Klassentreffen

Ich hatte mir offen gelassen, ob ich komme und die Organisatorin über meine Krankheit informiert. Den ganzen Freitag hatte ich wieder im Bett verbracht, da ich mich nach Donnerstagabend fühlte, wie vom D-Zug überrolt. Und gegangen bin ich mit leichten Kopfschmerzen und dem Wissen, dass es zuviel ist. Aber das letzte Treffen war 8 Jahre her – damals hatte ich noch 1 Meter rotes Räuberhaar – und wer weiss schon, was in weiteren 8 Jahren ist.
Ich war nur ein Jahr mit ihnen in der 4. Klasse der Grundschule. Trotzdem sind das die Leute aus meinem Dorf, wo ich – mit 5 Jahren Unterbruch – aufgewachsen bin. Kontakt habe ich sonst keinen mehr, aber viel Neugier auf die Schlenker, die das Leben so schlägt.
Und da ich eher Aussenseiter bin, nehme ich eine seltsame Rolle ein, nicht nur wenn ich mit weissem Raspelirokesen und schwarzer punkig-eleganter Kluft dort auftauche.
Es war toll!
Es war eine Überforderung!
Es war spannend.
Sogar meine Schwester tauchte kurz vor dem Lokal auf, um mich zu sehen.

klasse Treffen

Ich fühlte mich endlich wieder im Leben. Raus aus der Chemo-Isolationshaft. Und wenn ich über meine Energiegrenzen ging, nächste Woche im Spital werde ich bekocht.
Aber die guten Energien, die ich auftanken konnte, nimmt mir keiner.

Bald gehts zum Metzger

Ein second look beim Röntgen. Das MRI war gut, kein Krebs leuchtete mehr auf dem Bild. Aber etwas Undefinierbares schon und dazu musste überprüft werden, ob alle meine Tumor-Piercings noch sitzen, für die Operateure.
Als ich beim OP-Gepspräch fragte, ob ich dann ein Barbapapa-Busen haben werde (der kann sich ja so verformen, dass er Dellen hat) meinten sie, man könne das gut ausgleichen mit Fettgewebe. Der Busen werde dann halt etwas kleiner.
Na gut, passt. Der ist eh grösser. Dann sind sie nachher vielleicht gleich.

Beim Röntgen nun war die Ärztin die Gleiche, wie beim ersten Termin, direkt nach der Mammographie.
Die, die meinte: Ein Lehrbuchbefund.
Ich: Wie gross ist die Chance, dass es KEIN Krebs ist? Weil die Biopsie kommt ja noch.
Sie: Hmmmm, 3%? Fragen?
Ich: Kann ich mich dann um meine Kinder kümmern?
Sie: Sie müssen sich dann erst mal um sich kümmern. Weitere Fragen?

Also das mit dem nur um sich selbst kümmern ist erwartungsgemäss etwas schwierig gewesen. Und nun sah ich sie nach 4,5 Monaten mit massiv weniger Haar (also ich) wieder.

Sie: Kennen Sie mich noch?
Ich: Ha! Klar. Den Termin vergesse ich nicht so schnell. Erkennen Sie mich noch?

Das Undefinierbare blieb undefinierbar und wird dann in der ersten Nachkontrolle sechs Monate nach Abschluss der Behandlung nochmals überprüft. Alle Marker sind da, wo sie sein sollen.
Am Ende der Untersuchung schloss sie wieder mit: Fragen?
Ich: Wie sehe ich nach der OP aus? Wie stark sind die Schmerzen? Wie schnell bin ich fit? Wie schnell kann mein Kleiner mir wieder in die Arme springen?
Das fragte ich alles nicht.
Denn sie hätte es mir nicht beantworten können. So hatte ich keine Fragen für einmal.
Einige der Antworten weiss ich nächste Woche.

Spitaleintritt am Dienstag um 8:00 Uhr, damit ich ein radioaktives Mittel gespritzt kriege und die Piercings schön leuchten, wenn ich es richtig verstanden habe.
Dann passt das dann ja, wenn ich jeweils sage, im Moment habe ich eine Zwei-Serien-Frisur: zwischen Twin Peaks und Chernobyl.
Es folgen noch weitere Untersuche an dem Tag und viel warten, weil man mich versicherungstechnisch nicht mehr nach Hause lassen kann.
Am Mittwoch werde ich operiert.

Vielleicht mache ich ein Busenfoto. So für mich.
Eins ohne Narben.
Zum Abschied.

Voll krass Frau Lehrerin

Ich war auf Schulbesuch in meiner Klasse. Ohne Kopftuch mit Stoppelhaar. Da mussten sie sich nicht die ganze Zeit fragen, wie es wohl unter dem Tuch aussieht.
Sehr seltsam war es, nach vier Monaten wieder im Schulzimmer zu stehen. Und es so unglaublich aufgeräumt zu sehen.
😂😂😂

Lu: Kommen Sie auch ans Schulhausfest nächste Woche?
Ich: Hmm. Kann ich nicht sagen. Kommt drauf an, wie es mir an dem Tag geht.
Lu: Oh! Wir dachten, sie kommen…
Ich: Was ist denn euer Thema?
Ma: All in Black!
Mi ruft: BEERDIGUNG!
Ich: Oh! Das ist ja voll mein Thema! Da muss ich ja kommen!!
Klasse: 😂😂😂🤣🤣😂🤣🤣🤣😂
Ersatzlehrer (eher seriös sonst): 😁
Ich: Oh! Entschuldigung! Aber wir Krebspatienten haben einen ganz üblen Humor! 😬
Und zum Ersatzlehrer
Und reingerufen hab ich auch noch! Sorry. Ich bin jetzt still. 😶

Alle: 😁😁😁😁😁😁😁😁😁😁😁😁😁😁

Später, die Arbeitsaufträge sind verteilt, einige stehen auf, verteilen sich auf die Zimmer.
Da ruft Lu mit erhobener Faust vom anderen Ende des Zimmers:
Das war ein voll krasser Witz Frau Tinkakartinka!!!

MRI-Ergebnisse / OP-Planung

Ausruhen: Etappenziel

Am letzten Mittwoch um halb zwölf kriegte ich den Anruf, ob ich um zwei zur Besprechung kommen könne.

Das Ergebnis behielt ich für mich. Fünf Stunden lang habe ich mich alleine gefreut. Weil ich ja auch alleine krank bin, es alleine durchstehen muss. Da wollte ich mich auch alleine – im Stillen – freuen.
Der Tumor und der Lymphknoten „leuchteten“ auf dem MRI nicht mehr, nahmen kein Komtrastmittel auf!!

Allerdings gibt es einen weiteren Punkt (dort gab es schon was im Frühling), von dem sie nicht wissen, was das ist.
Aber morgen steht sowieso nochmal Mammografie und Ultraschall zur Tumorlokalisierung an. Wurde zwar alles gepierct/markiert. Aber nicht, dass sie mir was falsches rausnehmen! 🧐

Geplant ist die OP nächste Woche, 2-3 Tage stationär.
Entfernt werden Narbengewebe (Tumor), ein Lymphknoten und die Wächterlymphknoten.
Und dann hoffe ich, dass der Pathologe nichts findet.
Ich solle mich nun mal erholen bis zur OP. Das schlimmste hätte ich geschafft. Hoffentlich!

Zur Feier des guten MRI-Befunds und der Erleichterung, da ich ja die letzten Tage mehr an den Tod gedacht hatte, als die Wochen zuvor, habe ich mir ein Reisbier gekauft.
Zum Anstossen.
Ich hab mit meinen Kids dann mit Orangina angestossen. Brachte das Bier doch tatsächlich kaum über meine Lippen.
Dann vor dem zu Bett gehen immerhin EINEN Schluck. 🙄

Der Rest steht noch im Kühlschrank.

Augenlidtattoo

Bei der Anmeldung zum MRI bekomme ich den Fragebogen in die Hand gedrückt.

Ich: Oh nein. Ungeschminkt! Das habe ich vergessen. Heute hab ich die Augenbrauen so schön gemacht…
Sie: Oh! Aber das ist ja nur Augenbrauenstift. Es ist eher der Lidschatten das Problem.
Ich: Ist ja auch Puder.
Sie: Aber der glänzt nicht. Wissen sie, das Metall im Lidschatten ist das Problem.
Ich: Metall???
Sie: Ja, wenns glänzt…
Ich: Und das blitzt dann im MRI? Wie Alu in der Mikro? Und ich krieg ein Augenlidtattoo?
Sie: Ah, machen Sie sich keine Sorgen. Das gibt kein Tattoo. Höchstens ein ungenaues Bild. Aber wir brauchen ja auch nicht ihr Auge.

Scooterboy mit Todessehnsucht

Ein Junge im Skatepark pflanzt sich vor mir auf und glotzt. Er ist bestimmt mind. 10 Jahre alt.

Scooterboy: Bist du ein Junge?
Ich: Seh ich so aus? 😃
Scooterboy: Jedenfalls komisch, so ohne Haar.
Ich: Schon Männer mit solch grossen Ohrringen gesehen?
Scooterboy: Ja. Doch. Aber du siehst komisch aus, wie ein Junge!
Skatebuddy: Du bist frech.
Ich: 😁 steh mal auf, der Scooterknirps schrumpft. Vielleicht erkennt er so gewisse anatomische Unterschiede…
Scooterboy: Sorry, ist sie deine Mutter?
Ich: 😂😂
Skatebuddy: Nein! Und du bist saufrech!
Scooterboy: Deine Freundin? Entschuldigung!
Ich: 😂😂😂
Skatebuddy: Auch nicht. Trotzdem. Es gibt Gründe. Du bist nicht nur saufrech, du bist auch doof!!
Scooterboy: Sorry. Sie ist ja hübsch, sehr hübsch, sieht gut aus und gross und so. Wollte ja nicht…
Skatebuddy: Genau!! – Geh! – Fahren! – Da!
zeigt zum Park und dreht sich dann kopfschüttelnd zu mir Unglaublich!
Ich: Hahaha 🤣🤣🤣

.

Das war schon fast Todessehnsucht, bedenkt man, dass Skater meistens Scooterfahrer hassen (u. A. aus sicherheitstechnischen Gründen).

Heulsuse

Seit einer Woche bin ich eine üble Heulsuse.

Ich kann mich zwecks Bewässerung in den Garten stellen. Ein kleiner Input und es läuft minutenlang: 😭

Chernobyl fertig: 15’😭
Artikel gelesen: 10′ 😭
Kinder im Bett: 20′ 😭
Lied am Radio: 10′ 😭

Letztes Mal nach 18 Wochen Pilgerfahrt auf dem Chemostuhl in der Onkologie: 😭😭😭😭
Oh nein! Wo ist das Glücksgefühl, die Erleichterung? Abschiedsschmerz kanns nicht sein, werde ohnehin noch alle drei Wochen dort sitzen, für ein Jahr Antikörper.

Das Glück sickerte erst am nächsten Tag in den Körper. So dass ich nach dem MRI wie eine Verrückte mit dem Skateboard durch die Strassen fegte. Kein Kiesel brachte mich zu Fall. Bei diesem Tempo spickten sie weg…
Erst am Abend, als ich einen verpassten Anruf aus der Klinik auf dem Handy hatte: 18:23 am Freitag.
😭😭😭
Wer macht sowas? Keine Nachricht, mein Rückruf brachte nix, narürlich. Und das nach Chemostopp und MRI.
Am Freitag.
Denken die auch nach? Was das macht, wenn man so eine Löcherseele hat?
Und wahrscheinlich gehts nur um einen Termin…

Also, wenn ein Leser oder eine Leserin ihren Garten bewässern will, bitte melden!
Im Moment reicht wahrscheinlich sogar ein Babybild, Rosamunde Pilcher oder irgendeine Soap.

😭😭😭
Ich geh jetzt sofort den Radiosender wechseln.