1. Chemotag mit Regen

Onkologe: Heute ohne Skateboard?
Ich: Naja, es regnet!
Onkologe: Und da kann man nicht skateboarden?
Ich: Eher nicht.
Onkologe: Warum?
Ich: Es ist rutschig und das Board verliert den Pop. Die Spannung im Holz.
Onkologe: Aha. Das kann nur einer fragen, der nicht skateboarded, oder?
Ich: Ja.
Onkologe lacht: Und sie sagt noch ja!!

Aber. Olé!
4/12 = 1/3 Taxol ✅
bzw. 8/16 von allen Chemos ✅ 💪🏻💪🏻

Chemotrain 2 von 4

So da ist er wieder vorbei gerauscht und ich versuche jetzt meine von der Neulasta-Injektion schmerzenden Knochen zusammen zu sammeln und von der Strasse zu kriechen.

Der Ablauf scheint sich – wie der Herr Onkologe schon voraussah – zu wiederholen. Einziger Unterschied, die Nebenwirkungen habe ich dank frühzeitiger Medi-Einnahme besser im Griff.

Freitag: So fit wie nie, auf in die Klinik. Rauf auf die Anhöhe. Ich werde an die Leine gelegt. Einmal Injektion bitte.
Es brennt etwas in den Venen. Die Nase kitzelt und der metallene Geschmack im Mund.
Den Rest des Tages inklusive Samstag fühle ich mich wie ein Araber-Hengst im Körper eines Shire-Kaltblüters. An einer leicht abschüssigen Stelle stehe ich als einziges Zugpferd vor einem Brauereigespann. Und was die Spitalapotheke da so zusammengebraut hat, weiss ich nicht, aber sie nennen es AC.
Will heissen, ich tänzle innerlich hyperaktiv und hochenergetisch während sich äusserlich beim Zugpferd und dem Brauereigespann wenig bis nichts tut.
Also ziemlich anstrengend. Das dürfte wohl das zusätzliche Cortison sein.

Sonntag gleicht sich das ein wenig aus: der Araber beruhigt sich und der Shire Kaltblüter schrumpft. Das Gespann kommt ins Rollen.

Am Montag gewinnt das Gespann plötzlich an Fahrt und der ganze Chemotrain rollt über mich weg.
Da lieg ich flach, aber immer noch mit klopfendem Herzen. Bin froh was zu Essen und das Essen auch drin zu behalten. Schleppe mich von Bett zu Sofa und bedauere mich, unfähig zu entspannen.
Der Wagen schleift mich eine kurze Strecke mit und schrappelt mich etwas über den Asphalt.

Dienstag übergebe ich mich kurz vor dem Frühstück, um dann bei den Programmpunkten von Montag weiter zu fahren.
Noch übler, wenn irgendwelche Termine sind, wie zu Beispiel eine Veranstaltung in der Schule, die mir dann so richtig vor Augen führt, dass alle ihr Leben leben, während jemand bei mir den Pausenknopf gedrückt hat. Auf stand-by bis auf weiteres. Ich häng dann mal hier unten an meinem Chemotrain. So long.

Am Mittwoch ist die Übelkeit quasi weg. Das Herzklopfen auch. Kein Cortison kommt mehr dazu. Müdigkeit herrscht vor.
Der Zug ist über mich weg gerollt und ich robbe von der Strasse. Ich versuche den Rest Galgenhumor vom Asphalt zu kratzen, der mir kurzfristig abhanden gekommen war. Und ich freue mich über jeden Meter, den ich fort komme. Über jedes Essen, das wieder schmeckt. Und darüber, dass ich nicht jeden Morgen die komplette Bettwäsche neu waschen muss.

Bis zum nächsten Chemotrain in knapp 10 Tagen.

Nebenwirkungen: Teelicht

Eigentlich bin ich sonst mehr ein Walpurgisnachtfeuer. Nun ist meine Grundenergie zu einem Teelicht geschrumpft.
Brennt es zu lang, ersäuft der Docht im flüssigen Wachs und das Licht löscht.
Dann muss ich warten, bis der Wachs wieder ausgehärtet ist, bevor ich eine neue Flamme anzünden kann.

Praktisch heisst das: Entweder Tee trinken oder einkaufen gehen, nicht beides: maximal 2 Stunden unterwegs, dann 2 Stunden Schlaf.
Und unterwegs beginnt nicht erst mit der Haustüre, die ins Schloss fällt, sondern mit planen, duschen, anziehen, packen…

Chemotherapie: Bin mal kurz rot pinkeln…

Das Leiden hängt hier tief und schwer im Zimmer.

Am schlimmsten finde ich die Herzchen mit Aufmunterungssprüchen, die an der Wand hängen: Gib nicht auf! Du schaffst das!

Ich bin zu jung für die Krankheit, das sehe ich an den anderen, die hier am Tropf hängen. Wie das blühende Leben stürme ich das Zimmer. Vielleicht auch die Erleichterung, dass es endlich losgeht, dass es behandelt werden kann, vielleicht sind es auch die 3 Cortison-Tabletten, die mich aufputschen.

Die Care Nurse setzt sich zu mir. Und bleibt während der ganzen Infusion bei mir. Sie gibt mir Infomaterial, beantwortet Fragen. Das hilft sehr, denn mein Freund musste zurück zur Arbeit.
Erst wird die Infusion gelegt. Das muss sehr vorsichtig geschehen, da das Mittel ja nicht ins Gewebe auslaufen darf. Es wird von unten nach oben gestochen, d.h. die erste Chemo kriege ich in den Handrücken. Erst wird gespült, dann das Mittel, dann wieder gespült.

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Eine Mitpatientin kommt rein. Sie stöhnt und ächzt bei jedem Schritt. Leider nicht nur, bis sie in ihrem Chemo-Sessel sitzt. Sondern es geht weiter. Das hebt die Stimmung nicht gerade. Und ich versuche, mich davor zu schützen. Alle sind hier krank. Allen geht es nicht gerade rosig, aber so ein Theater abzuziehen. Die Krankenschwestern organisieren ihr eine Liege in einem Zimmer nebenan und wir sind alle froh.

 

Ich solle nicht erschrecken, was da reinkomme, müsse auch wieder raus. Ich würde farbig pinkeln und die Tränen könnten auch orange sein.
Nun gut, dann kann ich nicht weinen. Der Schock für meine Kinder wäre wohl zu gross. Und nach der Chemo pinkelte ich tatsächlich im diesem Farbton.