Jahrestagsverjährung

Gibt es sowas? Ein Bilanzierungsstop?
Schon ja. Bestimmt.
War ja nach der Trennung von meinem Exmann auch so. Oder nach dem Tod meines Vaters.
Er wird kommen, auch nach Krebs.
Irgendwann schaltet das Hirn nicht mehr automatisch an bestimmten Daten oder Orten auf Vergangenheit und berechnet Zeit- und Gefühlsdistanzierung.

Wobei es einige Bilanzen gibt, die im schwarzen Bereich liegen. So meine Energie, die nach acht Stunden Leutetrubel noch für den gemütlichen Teil reicht, nicht mehr nur für das Sofakoma.
Und ich fühle mich im Vergleich in vielen Situationen, obwohl jetzt alleine, viel weniger einsam, als ich es in der Beziehung war. Mit einem Freund hinter spontanhochgezogenen Mauern.
Nur manchmal weht so ein Wehmutshauch. Weil Momente der innigen Verbundenheit gab es natürlich auch.
Doch der weht und vergeht.

Es ist gut so.

Zukunft ausmalen

Warum ist mir das erst heute aufgefallen?
Irgendwann in der Reha hatte ich die Nase voll davon, Krebsbilder zu malen. Ich wollte ein Zukunftsbild malen in kräftigen Farben.
Also bekam ich ein grosses Stück Papier ca. 1,5m x 2m und nah mir den breitesten Pinsel, blau und grün und malte wie wild drauf los.

Und dann stand das Bild etwa 3 Wochen zusammengerollt in der Ecke. Ich konnte mir einfach nicht ausmalen, was denn in Zukunft werden sollte.
Irgendwann nahm ich es wieder raus und schmierte erst mit den Händen weiter Farbe drauf, gestalten, formen. Zukunft selbst im die Hand nehmen.

Das sah aber zu sehr nach fleischigen Büropflanzen aus, also griff ich wieder zum Pinsel.

Und das ist mein: Ich-will-ins-Leben-reinspringen-Bild.

Und dann kam Corona, Schulen zu, vereitelter Arbeitsversuch, Trennung und trotzdem…

Wem fällt was auf?
Was mache ich seit Ostern fast täglich?

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Und hier!

Was male ich als nächstes? 🤔😄

Du bist so eine mutige Frau

Hahahahaha….

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Ein kleiner Ausflug mit dem Grossen und dem Kleinen ins Jagdgebiet von Kleintinkakartinka.

Da Naturschutzgebiet war es nicht so einfach, einen Schlafplatz für drei Hängematten zu finden. Mussten ja im besten Fall 3, eher 4-5 Bäume im geeigneten Abstand sein. Und dann ohne über irgendwelche Absperrungen zu klettern und nicht im Schilf.
So richteten wir uns an einen Picknickplatz ein. Genügend weit entfernt von der Partywiese und vom Campingplatz, am anderen Seeufer.
img_4690Einrichten, baden, zusammen auf dem Steg sitzen und die aufploppenden Sterne zählen.
Wir alle sind voll im Zen. Der Grosse und der Kleine gehen ohne Murren in die Hängematte. Der Himmel wird immer dunkler und immer mehr Sterne leuchten und die Grillen zirpen. Von gegenüber schallt und gröhlt das Partyfolk, bis auch sie verstummen.
Dann löst das Froschkonzert das Grillenorchester ab und der Kleine schnarcht bereits friedlich in seiner Matte.
Es wird still, die Frösche gehen schlafen. Und die Halbgeräusche beginnen. Da ein Knacken, dort ein Rascheln. Und – war da nicht was?

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Ein Flugsaurier? Ein Kriechtier? Gibt es hier Getier mit Hörnern?
Ich zünde kurz mit der Lampe, sehe aber nur mein Mückennetz. Super gemacht.
Oh Schreck! Da spricht jemand. Ganz dicht neben mir!!!
Der Grosse murmelt im Schlaf. Es knackt und raschelt undzuordbar aus dem Wald.
Dann, da! Ein Licht! – Ah nein. Das sind bestimmt die Autos. Dort drüben ist eine Strasse. Wobei. Nein. Das Licht kommt näher. Schritte. Zwei Menschen sehr zielstrebig im Stechschritt direkt zum Steg vor unserem Schlafplatz. Kaum angekommen, löschen sie das Licht.
Also Liebespaar schliesse ich schon mal aus. Zu geschäftig, fast eilig sind die hergekommen. Stimmen sind keine zu hören, nur ein leises Murmeln. Hin und wieder flackert kurz das Licht auf. Es plätschert ins Wasser. Falls jemand Pinkeln war, muss es sehr erleichternd gewesen sein.
Aber was wird nun ins Wasser geworfen? Fischen die? Kann man Nachtfischen? Und warum werfen die so vieles ins Wasser. Und holen die auch was raus? Dazu dieses Knacken. Alles im Dunkeln. Klingt nach Zweigen, auf dem Steg sind aber keine Zweige. Knochen klingen bestimmt anders. Und zu schmuggeln gibt es hier ja auch nichts. Hmm. Gehen die bald wieder? Ich stell mich mal tot in der Matte. Bis jetzt haben sie und nicht entdeckt.
Da! Erneut Schritte! Genauso schnell und zielstrebig – aber diesmal am Steg vorbei. Also Abendspaziergang geht anders. Es ist nach Mitternacht.
Das geschäftige, aber beinahe lautlose Treiben auf dem Steg ist zu Ende. So schnell – die Taschenlampe auf den Weg gerichtet – wie sie gekommen sind, gehen die beiden Menschen wieder.
Und die Halbgeräusche kommen zurück, dort ein Knacken, hier ein Rascheln. Kurz flammt das Froschkonzert auf. Dann beginnt ein Fiepen, bis sich wieder rasche Schritte nähern, diesmal von der anderen Seite. Das muss der andere Mensch auf dem Rückweg sein.
Also, jetzt wird ja wohl Ruhe…. Es ist schon halb zwei.
Ich sinke langsam so wartewohlig ins Traumdämmerland, da höre ich unmissverständlich folgende Durchsage:
ACHTUNG, ACHTUNG, HIER SPRICHT IHRE BLASE! Der Urinspiegel nähert sich einer kritischen Höhe, es kann nicht mehr garantiert werden, dass nicht bald Unterleibskrämpfe einsetzen werden. Bitte sofort entleeren!

🙄

Na toll. Jetzt wo ich mich endlich entspannt und das Gerenne zu Ende ist. Fast kann ich nachvollziehen, wie man auf die Idee kommen kann, aus der Hängematte zu pinkeln….

Es kamen dann noch ein paar Halbwüchsige – der Steg scheint äusserst beliebt. Leider hatte ich auch um halb drei noch nicht ganz raus, weshalb der arme Junge so Stress mit seiner Freundin hatte. Und dann zogen sie auch schon weiter. War eher so, wie wenn man kurz mal in einen Tatort schaltet, aber weder mitgekriegt hat, wer umgebracht wurde, noch wer der Mörder war.

Irgendwann schlief ich dann doch ein. img_4715Und dann kam der Morgen und der Grosse und der Kleine schliefen immer noch. So legte ich mich auf den Steg, suchte nach Knochenteilen im Wasser und guckte der Sonne beim Aufgehen zu.

Und Grosser und Kleiner, habt ihr gut geschlafen?
Jaaaaaaaaaaaa! Und du Mami?
Ich= 🧟‍♀️: 😬👍🏻

 

Oder, wie ich mich so fühlte nach dieser Nacht…

Aber toll!

Toll, toll, toll wars!

Und als Abschluss, bevor sie zu Papa gehen und ich drei (!) Wochen (plus 1mal Chemo) Zeit für mich habe, gabs noch den letzten Harry Potter und das:

Schamgrenzensenkung und Leben lernen

Schwimmen ist das Beste!
Nach dem unglaublich strengen Tag gestern habe ich mich heute doch noch aufgerafft. Und jedesmal mache ich ein Foto. Das Bikini-Oberteil nehme ich nur noch pro forma mit, falls auch wer anders da sein sollte, an meinem Platz. Weil, ich habe ein Lymphödem in der Brust und ohne Oberteil, hilft es besser.
Und oben ohne Schwimmen ist toll!
Ausserdem, nun. Die Schamgrenze ist massiv gesunken. Wenn man dauernd vor Heerscharen von Medizinpersonal topless sitzt, steht, liegt. Abgetastet, vermessen, untersucht wird.
Meine Physiotherapeutin fragte mich, als sie kurz das Behandlungszimmer verliess, ob ich ein Tüchlein wolle.
Wozu?
Für die Brust.
Ich hätte nicht kalt.
Um mich zu bedecken.
Das fand ich schon fast witzig. In der Radiologie liessen sie mich topless den Flur runter spazieren, am Kontrollterminal vorbei und dann rauf auf die Liege. An etwa 5 Leuten vorbei, Männern wie Frauen. Dann drapierten sie mich wie ein Stück Fleisch.
Und mit der Physiotherapeutin, bzw. alleine im Zimmer. Echt? Bedecken?
Damit der Schrank nicht errötet? 😂😂

Ich habe gelesen, dass es Frauen mit Krebs unter der Gürtellinie ähnlich geht. Irgendwann ist es fast schon egal, die Hose runter zu lassen.
Ist wie mit der Sauna. Wenn man regelmässig geht, ist einem das unter die Achsel geklemmte Tuch irgendwann zu heiss.

Von der Physio bin ich direkt an den Fluss. Leider hatte ich das Badezeug vergessen. Und ganz nackt, das ist tatsächlich ungewohnter. Finde ich bei den Wassertemperaturen ehrlich gesagt auch nicht so angenehm. Wie wenn die Badehose isolieren würde, damit einem die Schamlippen nicht abfrieren. Jedenfalls bin ich ganz nackt schneller im Badetuch als topless.
Glücklicherweise sind die Handykameras noch nicht so gut. Und der Mann, der am anderen Ufer erst nur die Füsse tauchte, dann, als er sah, dass ich meine Runden schwimme, seine Hosen auszog und mit seinen Boxern einen Versuch startete, konnte eh nicht so viel sehen oder blöder noch, festhalten.
Es war ihm zu kalt. Und als ich zum zweiten Mal reingesprungen war und Richtung Flussmitte geschwommen, bis die Strömung zu stark wurde, um die Position zu halten, war er noch immer nicht weiter als bis über die Knie gekommen.
Für mich ist es bereits warm.
Im Vergleich zu den 8° Grad von Ostern.
(Als notabene mein Kleiner auch drin war…)
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Ich mache am Fluss Ferien!
Mit dem Fahrrad und der Hängematte. Und dann schwimme ich mir das Scheiss-Lymphödem weg!
Frei schwimmen, frei tanzen.
Hauptsache frei.
Nicht mehr nur mich durchhangeln und versuchen zu überleben, Moral zu behalten und nicht abzustürzen.
Auftanken, gesunden. Gute Erlebnisse sammeln, Erinnerungen.
Und wieder leben lernen.
Das ist gar nicht so einfach.
Und niemand bereitet einem darauf vor…

Sorgen wegtanzen

Nun, jetzt darf ich wieder zur Arbeit. Es tat gut, die Klasse zu sehen, die Verbindung war sofort wieder da. Es war anstrengend, ich bin mir so viele Menschen nicht mehr gewohnt. Ich verstehe auch, weshalb ich nicht hindurfte. Mir folgen sie auf ein Augenzucken. Der Stellvertreter muss richtig ackern. Obwohl er sich Mühe gibt, spüre ich da keine Verbindung.
Es war schön, wieder dort zu sein.  Aber…
Aber.
Das Bekannte ist fremd. Oder weit weg. Alles ist so weit weg, selbst wenn ich jetzt wieder dort bin. Mein Ich vor der Krankheit ist auf einem andere Kontinent, als mein Ich jetzt ist. Sehen das die anderen?
Einer sprach mich an. Meine Ausstrahlung… Ich sähe so anders aus.

Vieles ist weit weg. Das habe ich heute wieder gemerkt auf dem Weg in den Park. Ich war in einem Quartier, in dem ich ins Gymnasium ging. Ich erinnere mich genau, an meine Träume, meine Kämpfe, meine Unsicherheit. Und wenn ich – sagen wir vor 3 Jahren – diese Strassen entlang gefahren bin, so habe ich einen grossen Teil davon noch gespürt. Gepaart mit einer Trauer, um die Träume, die  zerbrochen, die Naivität, die an den Klippen des Lebens zerschellt.
Das fehlt.
Ja, ich weiss, wer ich war. Wie unsicher. Wie suchend. Ich weiss, was ich alles verloren habe auf dem Weg, gesucht und wer weiss, ob ich es je finden werde. Aber das ist keine Trauer. Manchmal etwas Melancholie. Besonders in lauen Sommernächten, diese nun alleine geniessen zu müssen. Aber vor allem ist da Ruhe.
Eine Art Glück.
Diese Freude, am Leben zu sein.
Manchmal kommen mir die Tränen, wenn ich den Mond sehe. Einfach weil er da ist und ich ihn noch sehen darf.
Und dann sauge ich das Bild in mich auf, vielleicht, wer weiss das schon, was morgen ist.
In der Reha hatte ich geweint, als ich das erste Mal spazieren ging. Geheult wie ein Schlosshund. Der Schnee, der glitzernde Fluss in der Sonne und die Berge. Ich war so überwältigt, dass ich das erleben kann und kam mir dann armselig vor, wegen sowas zu weinen.
Jetzt nicht mehr. Wer kann sich schon so an einer Mondsichel zwischen zwei Tannen freuen, wie ich. In meinem Alter.

Da fuhr ich heute in der Strassenbahn durch diese Strassen, durch die ich magersüchtig gestakst bin, unsicher, immer falsch, am falschen Ort. Ein Entwurf nur, eine Skizze, unfertig und mangelhaft. Hingeworfen in die falsche Familie. Und ich empfinde nur Ruhe. Und Frieden.
Dann sage ich mir, he, belüg dich doch nicht! Du bist noch in der Krebstherapie, alleinerziehend, kürzlich verlassen, kämpfst um einen realistischen Wiedereinstieg in die Arbeit. So hattest du das nicht geplant!!!
So nicht.
Ich frage mich, was mein früheres Ich zu mir sagen würde, das durch diese Strassen Staksende, wenn es wüsste, was da alles noch kommt. Verzweifeln würde es, glaube ich.
Und doch.
Trotz allem, wäre es gerne ich. Weil ich in mir Ruhe.

Nicht immer.
Heute habe ich so einen gescheiten Spruch gelesen. Zusammengefasst hiess der: Ich möchte für dich der Freund sein, der da ist. Der dir die Hand reicht, der dir hilft. Du musst nicht immer alles alleine tragen. Da draussen ist eine Welt, die dich braucht und liebt. Du bist nicht allein.
Und da habe ich auch geheult. Weil so jemanden möchte ich gerne mal haben.
Einmal in meinem Leben.
Viele Nächte habe ich die letzten Wochen schlecht geschlafen, weil ich mich aus der Arbeit raus gemobbt fühlte, abgeschnitten vom Leben. Alle lassen mich Kranke links liegen. Weil ich nicht lustig bin. Weil ich störe, weil ich noch nicht funktioniere. Weil jeder sich in seinem eigenen Universum nur um sich selber dreht.
Das macht auch dieses „aber“-Gefühl aus. Alle sind noch gleich, nur ein Jahr älter. Ich bin einmal quer durchs Universum geschleift worden. Musste mich zusammen sammeln, flicken, aufrichten.
Und bin jetzt müde manchmal, krank, zweifelnd. Aber genauso, wie ich bin.
Ich will nicht mehr sein, wie früher, als ich jünger war.
Und ich hoffe, dass ich das möglichst behalten werde. Auch wenn es unbequem für mein Umfeld ist. Und für mich dadurch auch. Mich vielleicht einsam macht.

Abends sah ich diese Häuser, diese Strassen. Und war etwas traurig über all die Dinge, ich dich im letzten Jahr verloren habe. Und dennoch, ist da etwas dazugekommen, was ich mir nicht erklären kann.
Wurzeln vielleicht.
Endlich.
Zarte erst, aber sie wachsen.

Dann im Park, alles voll Sommerschwärmer.
Und ich nahm die Kopfhörer und hörte die anderen sagen, oh nein, so viele Leute, da kann ich doch nicht tanzen. Ich geh nach hinten.
Und ich dachte, das ist mir sowas von scheissegal!
Ich tanze.
Nach den anderthalb Stunden klopft mir jemand auf die Schulter: Entschuldige bitte, dass ich dich so angeguckt habe. Aber ich schaute dir so gerne beim tanzen zu!
Kein Problem. Ich habe es nur peripher mitgekriegt.
Wenn ich tanze, dann lebe ich.
Und ich hoffe, ich vergesse das nicht.
Tanz dein Leben!

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🦀Bilderbuch

Hab ja sonst nicht viel zu tun, ausser die Scherben wegzuräumen, von allem was zerbrochen ist und wegzubrechen scheint und warten.
Ob und wann und wie ich wieder arbeiten darf, ob und wann und wie es mit diesem Ausnahmezustand weitergeht.
Also habe ich mir ein Buch mit meinen 🦀Bildern gemacht.

So zum Jubiläum quasi. Heute ist Freitag in der zweiten Schulwoche nach den Frühlingsferien. Letztes Jahr war das der Zeitpunkt der ersten Chemo. Auch wenn es vom Datum her noch ein paar Tage geht bis zum exakten Jahrestag.
Deshalb nur ein Quasi-Jubiläum.

Vielleicht sollte ich mir heute einen Campari Soda gönnen. 🤔 (Schön in der gleichen Farbe wie die Infusion)

Byebye 2019 – Hello 2020

Ich hatte noch nie so wenig Lust an Silvester irgendeine Bilanz des Jahres zu ziehen, wie gestern.
Normalerweise denke ich an Silvester an die schönen Tage des Jahres zurück, an Ferien, Menschen, Erlebnisse. Aber diesmal hatte ich das Gefühl, dass ich das schon immer wieder im Laufe des Jahres gemacht habe, immer das Gute suchen, das Glück zu finden versuchen, dass ich gestern dazu keine Lust hatte.
Und eine Bilanz ziehen über dieses Jahr ohne Sonne, als Knut der Knoten kam, obwohl ich noch 10 Bestrahlungen vor mir habe? Das fühlte sich seltsam an. Auch weil ich mich wie ein Nepalesischer Lastenträger fühle, zerpflücke ich die Last, würde sie mich wohl unter sich begraben.
Aber einiges Neues gelernt habe ich in diesem 2019, abgesehen von medizinischem Wissen:

  • In mir gibt es einen Raum, in dem ich zu Hause bin und wo Stille ist. Ich habe das Meditieren entdeckt.
  • Ich bin nicht für das Glück der Anderen (Erwachsenen) zuständig.
  • Nicht-Kämpfen heisst nicht automatisch aufgeben. Und nicht aufzugeben bedeutet nicht immer kämpfen.
  • Der Krebs kann mir nicht das Leben nehmen. Ich kann daran sterben. Aber das Leben will ich mir nicht nehmen lassen.

Und fürs Neue Jahr wünsche ich mir, dass mein Körper wieder mir gehört!

(Bewegungs-Freiheit, Reisen, Sonne auf meiner Haut, nackt im Meer schwimmen, mit meinem Mountainbike auf einen Hügel und den Wald runterbrettern, querwaldein Joggen, eine Nacht durchtanzen, mich über furchtbar Banales ganz fürchterlich aufregen, Alltag und Ausbruch, ein Tattoo mit selbst gezeichnetem Motiv, auf einem Gipfel stehen, Skateboarden, mit meinem Kids verreisen und, und, und…)

Leben umkrempeln mit Krebskrake

Wenn nicht jetzt, wann dann.
Der Krebs als Freibrief zur Neuerfindung seiner selbst?
Will ich das?
Muss ich das?
Muss ich das wollen?
Was möchte ich von meinem Leben vorher zurück, was behalten, was kann weg?

Ich weiss es nicht.
Einzig, dass ich mehr Einfachheit will. Alles Komplizierte, Stress produzierende darf weg.
Ich will nicht mehr so viel Arbeiten, kann es wahrscheinlich gar nicht mehr. Ich möchte nicht mehr jeden Tag um 05:30 Uhr aufstehen und durch den Tag hecheln: Kinder wecken, Arbeit, Sport, Arbeit, Einkaufen, Kinder holen, Kochen, Haushalt und dann nach 15h-non-stop-Gerenne endlich Feierabend.

Ich möchte mich nicht mehr in meiner Stärke beweisen müssen. Dieses Alles-gebacken-kriegen ist fatal.

Ich will zuverlässige Partner, mehr Luft für mich und meine Träume.

Das Problem mit dem Umkrempeln ist, solange die Krebstherapie läuft, bin ich in der Medizinmangel.
Ich bin entweder Krebspatient oder Krebskranke, immer in den Fängen der Krebskrake.
Nie nur Tinkakartinka.
Es gibt keine Arbeitskollegen, wenig Freunde, kaum Normalität, die mir ein Ich fern der Krankheit spiegeln. Die Krake sitzt immer mit am Tisch.

Habe ich mich verändert durch die Krankheit? Von mir entfernt? Oder bin ich mir näher gekommen.
Wer bin ich, ist die Krake mal weg.
Wer könnte ich nun sein, was will ich.
Alles Fragen, in deren Strudel ich mich um mich selbst drehe. Ich tanze mit der Krake im Kreis.
Kann mich aber kaum im Leben ausprobieren.
Irgendwie alles
unbeantwortbar mittendrin.

Und nachher, soll ich einfach wieder funktionieren?
In der Schweiz ist keine Krebs-Reha vorgesehen. (In der Schweiz arbeitet man ja auch bis zum Geburtstermin als Mutter, kann nachher 16 Wochen pausieren und Stillen, bevor man wieder einsteigt. Der Papa kriegt zwei Tage Vaterschaftsurlaub.)
Weil Arbeit definiert uns.

Zeit, mit allem klarzukommen ist nicht vorgesehen im Gesundheitssystem.

Und genau das wünsche ich mir. Die Krake werd ich wohl noch nicht so schnell vollständig los. Aber wenn sie nicht mehr dauernd mit mir am Tisch, an mir klebt, im Hirn sitzt, dann möchte ich flüchten, weg, um mich selbst (wieder) zu finden. Mitten im Leben.

Stille

Das war ein guter Traum.
Die Trauer, die Erschütterung kam erst später.
Ein sanfter Traum.
Der Tod war nicht schlimm.
Nur Stille.

All dieses Um-sich-selbst-Kreisen, Egooptimierung, Bedürfnisbehauptung, dieser Kampf um Bedeutung, alles unwichtig.

Was bleibt ist Erinnerung.