Der Fünfzehnte!

Jahrestag zum xy-ten

Ich könnte jetzt eine Liste machen:

Was an diesem Tag bachab ging.
Was an diesem Tag geplant nie eintrat.
Was an diesem Tag zu Ende ging.
Was heute alles anders.
Was heute besser.
Und was erneut ungewiss.

Aber ich lasse es. Stattdessen hatte ich sensationellen Besuch, war ich spazieren und machte mich im den Augen meiner Jungs zum besten Mami der Welt.

5 Monate

Heute gehört: Was? Deine letzte Chemo war Ende Juli? Das ist ja noch gar nicht lange her. Also, so wie ich dich kennen gelernt habe, dachte ich, das sei schon viel länger her. Ich verbinde dich so, wie ich dich kenne, überhaupt nicht mit Krankheit….

Stimmt, eigentlich ist die letzte Infusion erst genau auf den Tag 5 Monate her. Und auch wenn ich mit Nachwirkungen wie Fatige, Ödem, Muskelkrämpfe, brüchige Nägel, Menopause zu kämpfen habe… ansehen tu es wohl nur noch ich mir, weil Kurzhaarchemolöckli.

Also Geduld,
Geduld Tinkakartinka. 🙂

Weihnachten 2020

Viele haben Mühe mit Weihnachten in diesem Jahr. Ich nicht.
ich geniesse die Ruhe und die stressfreie Zeit.
Grosse Familienfeste mochte ich noch nie. Bei Gruppen über fünf Personen finden selten gute Gespräche statt und bei Familien fällt dann jede*r in seine oder ihre Rolle…
Da meine Mutter gestürzt ist und alle Besuche abgesagt hat, habe ich sie gestern mit ihrem Lieblingsnachtisch überrascht. Geschenkübergabe vor der Haustür, kurzer Austausch: 10min-Turboweihnacht.

Begonnen hatte der Tag mit meinem Grossen und meinem Kleinen, die mir beim Kekse backen halfen. Und wir werweisten den ganzen Tag, welches der Geschenke, die über Nacht unterm Christbaum aufgetaucht sind, für wen sei.
Der Kleine weiss eigentlich auch schon, wer das Christkind in Wirklichkeit ist. Aber in stillschweigendem Einkommen lassen wir das Christkind, Christkind sein. Es bringt die Geschenke. Meine Jungs bedanken sich bei mir und ich leite den Dank weiter… 😉
Den Zauber bewahren wir uns!

Wir verdrückten Sushi für eine ganze Kompanie (0,5 Kilo Reis, 2 Avocados, Lachs, Karotten, Gurke) und guckten Timm Thaler – das war natürlich mein Wunsch, weil Weihnachtszeit ist Nostalgiezeit. Und neben Nesthäckchen war das meine Lieblingsweihnachtsserie.

Im Gegensatz zu letztem Jahr denke ich diese Weihnachten nicht dauernd: Ich bin so froh, am Leben zu sein.
Ich bin auch nicht mehr in der Bestrahlung. Nur noch hormongeblockt.
Aber weinen musste ich doch.
Weil ich glücklich bin, dieses Leben, diese Kinder zu haben.
Was für ein Glück!

Dankbar

Nun ja.
Kein Theater mehr für dieses Jahr.
Das nächste C wirft alle Pläne über den Haufen.
War es 2019 das -ancer, ist es 2020 das -orona.
Trotzdem.
Immerhin durfte ich trotz Tanz- und Singverbot auf der Bühne eben dies tun.

Als am Dienstag klar wurde, das die restlichen Aufführungen dieses Jahr dem zweiten C zum Opfer fallen, haben wir geweint.
Aber erst nach der letzten Vorstellung, die grandios war!!!
Standing Ovations an allen Aufführungen. Nastücher sollen auch viele ertrunken sein im Publikum….
Hoffentlich gehts im Februar und März weiter mit der Tournee.

Ein letzter Check-Out – jeder gibt Feedback.

Meins: Ich bin wahnsinnig froh, konnten wir vier Aufführungen machen.
Weil dieses Projekt, das hat mich durch die letzten anderthalb Jahre gebracht.
Das hat mich gerettet. Ohne wäre ich verdammt einsam gewesen mit meiner Krankheit.
Ich danke euch allen!!!

Meine Überlebenstruppe

Post von früher

Heute habe ich einen Brief gekriegt. Vom 28. November 2019.
Geschrieben nach der ersten Bestrahlung. Von mir.

Es ist berührend diesen Brief zu lesen. Meine Angst davor, dass ich das – was ich während dieser Krankheit gelernt und entdeckt habe, wieder vergessen zu haben und vom Alltag aufgefressen worden zu sein.
Und vor allem meine Klarheit über die damalige Situation: Arbeit, Krankheit, Beziehung.

Ich gebe mir darin Tipps und Anweisungen und habe sie tatsächlich inzwischen verinnerlicht und nicht vergessen.
Vielleicht schreibe ich noch mal mehr dazu.

Ein wichtiger Satz aus dem Brief verrate ich: Du musst das Leben nicht neu erfinden.

Danke, Tinkakartinka.
Du hast so viel geschafft in diesen anderthalb Jahren!
🌻

tinkakartinka 2.0

Die Ferien im Legoland waren Klasse!
Nun, ich bin noch nie in Deutschland auf der Autobahn gefahren und noch nie dreieinhalb Stunden am Stück. Und da ich von wegen Fatigue und so nicht wusste, ob ich das schaffe, hatten wir ganz viele Hörbücher und Snacks dabei, falls ich auf einem Parkplatz etwas Schlummern möchte.
Deshalb waren wir auch 3 Nächste in der Legoburg. Damit ich nicht in den Park und fahren muss am gleichen Tag. 
Es war toll!
Toll!
Toll!
Grossartig!!
Eigentlich feierte ich 5 Tage Geburtstag. 

Es geht mir generell grossartig. Wenn nicht grad ein Jahrestag dazwischenfunkt oder ich aus Nostalgie eine falsche Entscheidung treffe, die mich für zwei Tage aus der Bahn wirft. Und ich mir dann den Kopf an der Wand einschlage, weil ich mich so doof finde. Dann blase ich Trübsal und heule. Bis Beule und Geheule vorbei.

Unterrichten habe ich auch wieder begonnen- also alleine, wenig, aber immerhin. So ein Lebensbereich nach dem anderen erschliesse ich mir wieder.
Vielleicht kriegte ich nach der Akutbehandlung ein Upgrade:
Ich kann jetzt schliesslich wieder Achterbahn fahren. Deutsche Autobahnen machen mir keine Angst mehr und ich schmeisse mich gern in Beschäftigungen und an Orte, an denen ich noch nie war. Dafür brauchte ich früher einen Stups.
Und heute stellte ich noch was Neues fest.
Früher hab ich ja nie bemerkt, wenn mich wer angeschaut hat. Ich war sowas von blind. Hielt es auch nicht wirklich für wahrscheinlich, so unscheinbar und unsicher, wie ich mich fühlte. Sogar wenn ich einen Verehrer hatte – massiv verliebt – also wenn der sich nicht vor mir in den Schlamm geworfen und mit Rosenblättern bestreut hat – nada.
Ich merkte nichts.
Irgendwann stellte ich fest, dass sich manchmal wer umdreht, wenn ich den Raum betrete, aber da ich nicht wirklich schön bin- so klassisch – warens wohl meine roten Haare bis zum Po. Dachte ich. Ich war wie Arielle, einfach ohne Fischschwanz.
Dieses Wochenende habe ich zum ersten Mal wahrgenommen, wie die Leute gucken – Männer wie Frauen. Und es kann definitiv nicht an meiner Mähne – aka meinen kurzen Strubbelhaaren liegen. Auch nicht am kleinen Schwarzen und den High-Heels – die ich nicht trug.
Es hat mich irritiert. Ich meine, ok, wenn einer guckt oder zwei. Mal kurz. Ich bin auf die Toilette, um nachzuschauen, ob mir die Wimperntusche so waschbärmässig unter den Augen hängt. Oder die Haare alle zu Berge stehen?
Aber nein.

Wahrscheinlich sieht man mir das Glück an. Und die Freude, die ich habe, zu Leben. 
Am Leben zu sein.
Und ich sehe es plötzlich. 
Aus Neugier, das Neue zu entdecken, dass da draussen noch auf mich wartet. 
Mein Update 2.0

Der heutige Fluss war ganze 2° Grad wärmer, als mein Heim-Fluss, der am Samstag 12,6° war.

Immer wieder

Gibts so emotionale Momente.
Heute war ich im Zirkus. Letztes Jahr mit Glatze, halb traumatisiert von der Trennung und den Lügen mitten in der Chemo.
Und doch war es einer dieser Glücksmomente. Weil ich im Zirkus sass und dachte, so schön, dass ich noch am Leben bin. Alles ist Scheisse, das Heute, das Morgen. Aber gerade jetzt bin ich froh, am Leben zu sein.
Es war ein sehr heisser Tag und ich zog irgendwann mein Kopftuch aus.
Der Kleinwüchsige in Uniform am Eingang schaute mich erschrocken an und fragte: Gehts dir gut???!!
Ich lachte ihn an und bejahte.
Weil es für diesen einen Moment stimmte.
Weil ich einfach mal alles vergessen wollte: Krankheit, Nebenwirkungen und vor allem das Gefühl, von der Person, die mehrere Jahre mein Vertrauter war, in dieser Situation angelogen und im Stich gelassen worden zu sein.
Der Verrat und das Gefühl der Wertlosigkeit erdrückten mich fast.

Und heute nun wieder im Zirkus.
Mit meinen Jungs. Mit Haar und Maske sitze ich in der fünften Reihe, so nah an der Manege, wie noch nie.
Und ich sehe mich gegenüber, ganz weit oben sitzen. Mit Glatze und weit aufgerissenen Augen. Wie ich versuche, möglichst alles in mich aufzusaugen, zu verschlingen. All die Farben, die Musik, die Kraft und das Leben. Wie ich versuche damit meinen Tank aufzufüllen, damit ich mich wo festhalten kann im grauen Wirbelsturm.
Und ich sehe die Tränen, die mir plötzlich die Wangen runter kullern bei der Vertikaltuchakrobatik. Und die ich verstohlen wegzublinzeln versuche.
Zu Tränen rührte mich nicht, dass das Paar eine hocherotisch-artistische Nummer zeigte. Sondern der simple Fakt, dass der Artist seine Partnerin hält, damit sie nicht auf dem Boden aufschlägt.

Ich sehe mich dort drüben sitzen. Und denke, halte durch. Guck doch mal her zu mir!
Und dieses letzte Jahr fühlt sich wie ein ganzes Jahrzehnt an.

Jahrestagsverjährung

Gibt es sowas? Ein Bilanzierungsstop?
Schon ja. Bestimmt.
War ja nach der Trennung von meinem Exmann auch so. Oder nach dem Tod meines Vaters.
Er wird kommen, auch nach Krebs.
Irgendwann schaltet das Hirn nicht mehr automatisch an bestimmten Daten oder Orten auf Vergangenheit und berechnet Zeit- und Gefühlsdistanzierung.

Wobei es einige Bilanzen gibt, die im schwarzen Bereich liegen. So meine Energie, die nach acht Stunden Leutetrubel noch für den gemütlichen Teil reicht, nicht mehr nur für das Sofakoma.
Und ich fühle mich im Vergleich in vielen Situationen, obwohl jetzt alleine, viel weniger einsam, als ich es in der Beziehung war. Mit einem Freund hinter spontanhochgezogenen Mauern.
Nur manchmal weht so ein Wehmutshauch. Weil Momente der innigen Verbundenheit gab es natürlich auch.
Doch der weht und vergeht.

Es ist gut so.