Immer wieder

Gibts so emotionale Momente.
Heute war ich im Zirkus. Letztes Jahr mit Glatze, halb traumatisiert von der Trennung und den Lügen mitten in der Chemo.
Und doch war es einer dieser Glücksmomente. Weil ich im Zirkus sass und dachte, so schön, dass ich noch am Leben bin. Alles ist Scheisse, das Heute, das Morgen. Aber gerade jetzt bin ich froh, am Leben zu sein.
Es war ein sehr heisser Tag und ich zog irgendwann mein Kopftuch aus.
Der Kleinwüchsige in Uniform am Eingang schaute mich erschrocken an und fragte: Gehts dir gut???!!
Ich lachte ihn an und bejahte.
Weil es für diesen einen Moment stimmte.
Weil ich einfach mal alles vergessen wollte: Krankheit, Nebenwirkungen und vor allem das Gefühl, von der Person, die mehrere Jahre mein Vertrauter war, in dieser Situation angelogen und im Stich gelassen worden zu sein.
Der Verrat und das Gefühl der Wertlosigkeit erdrückten mich fast.

Und heute nun wieder im Zirkus.
Mit meinen Jungs. Mit Haar und Maske sitze ich in der fünften Reihe, so nah an der Manege, wie noch nie.
Und ich sehe mich gegenüber, ganz weit oben sitzen. Mit Glatze und weit aufgerissenen Augen. Wie ich versuche, möglichst alles in mich aufzusaugen, zu verschlingen. All die Farben, die Musik, die Kraft und das Leben. Wie ich versuche damit meinen Tank aufzufüllen, damit ich mich wo festhalten kann im grauen Wirbelsturm.
Und ich sehe die Tränen, die mir plötzlich die Wangen runter kullern bei der Vertikaltuchakrobatik. Und die ich verstohlen wegzublinzeln versuche.
Zu Tränen rührte mich nicht, dass das Paar eine hocherotisch-artistische Nummer zeigte. Sondern der simple Fakt, dass der Artist seine Partnerin hält, damit sie nicht auf dem Boden aufschlägt.

Ich sehe mich dort drüben sitzen. Und denke, halte durch. Guck doch mal her zu mir!
Und dieses letzte Jahr fühlt sich wie ein ganzes Jahrzehnt an.

Wie man seiner Psycho-

Onkologin einen Gesichtsausdruck verpasst, als würde ihr ein Messer in den Bauch gestossen und umgedreht:

„Darf ich sie was fragen? Nur mal so generell, damit ich weiss, ob das so eine naive Vorstellung von mir ist….
Also, gibt es das tatsächlich, dass Partner wirklich zu einem halten… unterstützen, auch wenns mal nicht lustig ist. Und auch wenn sie zurück stecken müssen? Partner oder Familie, halt nahe Angehörige, so Leute, die sagen, dass sie einen lieben.
Oder denke nur ich so? Dass das ja eigentlich dazu gehört?
Also muss ja nicht unbedingt Krebs sein, halt einfach sonst, Krankheit oder Krisen, Durststrecken… Nicht Lustiges halt.
Gibt es das wirklich oder ist das so eine Hollywood-Erfindung?
Weil, also mein Ex-Mann oder -Freund, waren ja nicht so. Und als Kind, nun, meine Eltern… äh, ich wollte das mal fragen, weil ich kenne das nicht. Hatte das halt noch nie.“

Liste Reloaded

Ich hatte ja da mal so eine Liste und hab jetzt mal alles gestrichen, was schon erfüllt wurde:

  • Umarmungen
  • weisse, vegane Schokolade
  • Gefühl in meinen Fingerkuppen
  • Gelassenheit
  • Pedicure
  • Moussaka von meiner Freundin
  • 1-m Ollie, Rock to Fakie und Kickflip
  • Augenbrauen
  • Sonnengetrockneter Lakenduft
  • Gesundheit
  • mein Picknick, dass noch zu Hause auf dem Tisch liegt
  • Urlaub am Meer
  • Energienoch stark ausbaufähig
  • Haut, die sich sonnen lässt
  • eine coole Netflix-Serie (möglichst 12 Staffeln)
  • Zuversicht
  • 3 Caipiroshkas 🤪🤪
  • ein neues Dachfenster im Estrich
  • Doc Martens 2 Paar 😬
  • Liebe
  • einen Koch / Astronautenfood
  • schöne Träume
  • durchtanzte Nacht
  • Haare (auf dem Kopf)
  • Drogen
  • Jemand, der meine schweren Müllsäcke trägt
  • animalischen Sex
  • Freiheit

Einen Koch brauche ich nicht mehr und jemanden, der die Müllsäcke trägt auch nicht.
Um die Fenster (sind inzwischen zwei) kümmere ich mich bald.

Das mit der Gesundheit ist so weit so gut und das Meer kann warten, ich habe meinen Privatnacktbadeplatz. 😁

Auf Drogen kann ich locker verzichten, das Leben ist grad wunderbar (mit Vorbehalt, am Wochenende wars das, gestern wars beschissen 🤷‍♀️).
Mein Grosser und mein Kleiner sind ziemlich gut drauf und wir schauen uns prima. 🧑🏼‍🦱👦🏼🧒🏼

Das mit der Liebe ❤️ wäre noch offen. Hallo? Universum? Aber lass dir ruhig Zeit, ich brauch noch etwas. 🙏🏻

Sonst schlittere ich wieder in Halbes rein… oder bin totalüberfordert.

Ich meditiere mich zu Tode

Meditation, das wäre noch was, dachte ich früher öfter. Hatte aber irgendwie keine Zeit etwas Neues zu lernen zwischen Kids, Arbeit, Haushalt und Sport.
Jetzt habe ich Zeit, viel Zeit. Und gross bewegen muss ich mich zum Meditieren auch nicht. Also quasi ideal um damit zu beginnen.
Entspannungsübungen sind mir nicht fremd. Autogenes Training habe ich immer gerne gemacht, kennen gelernt mit sechs Jahren im Kindergarten. Beim AT war aber immer das Problem, dass ich eine Stimme brauchte, die mich anleitete.
Zuerst musste ich also immer eine Stimme finden, die angenehm sprach. Und wenn die Stimme dann was Unpassendes sagte, war Schluss mit der Entspannung.
Oder wenn ich gerne noch tiefer in die Entspannung wäre, so zum Beispiel in den Traum der letzten Nacht wieder einsteigen, aber es dann schon fertig war. Diese Abhängigkeit nervte mich.
Aber alleine habe ich es selten geschafft, das Rauschen im Kopf ruhig zu kriegen.
Progressive Muskelentspannung war nie meins. Also versuche ich es jetzt mit Meditation.
Ich lasse mich auch erst durch Stimmen anleiten. Gibt ja nette Apps. Und ich habe viiiiiiiel Zeit.
Mein Hirn braucht dringend eine Auszeit!
Die letzten Wochen waren emotional so anstrengend. Nicht nur wegen dem Krebs. Den hab ich ja schon fast vergessen. Haha. (Scherz)

Und dann habe ich gestern festgestellt, das geht tatsächlich.
Man kann nichts denken. Bis jetzt hielt ich das ja für ein esoterisches Gerücht. Oder für eine Ausrede auf die Frage: Woran denkst du?
Doch seit gestern bin ich bekehrt.
Ich konnte tatsächlich Rosen schneiden und an nichts denken. Nicht die ganze Zeit, aber bis jetzt konnte ich noch nie an nichts denken, keine Sekunde. Mein hyperaktives Hirn denkt normalerweise eher so an drei Sachen gleichzeitig und das im 6 Gang auf der Überholspur.
Nichts denken.
Was für ein wattebauschiger Zustand!

Dafür geben meine Träume Gas. Wohl zum Ausgleich. Schütten mich zu mit plakativen Mitteilungen und Appellen in Metaphernform.
Puh!
Wieder mal Grossputz im Unterbewusstsein? Ausmisten?

Aber gerne!

Allein

Und dann ist man plötzlich allein.
Allein mit den Kindern.
Allein mit der Krankheit.

Und kein Partner in Crime mehr da. Vielleicht ein Freund.

Überraschend, auch wenn nicht total unerwartet.
Doch das Gefühl bleibt: Krebs frisst alles. Erst den Alltag, das Abenteuer, die Freiheit, dann die Liebe.