Ernüchterung

Eigentlich hatte ich einen so positiv frohlockenden Beitrag geschrieben – gestern – so frohlockend wie ich gestern zur Arbeit fuhr.
Fünf Stunden später bin ich nach Hause und bin zusammen gebrochen. Habe mich ins Bett gelegt: Kopfschmerzen, Übelkeit, Tinitus, Totalerschöpfung.
Ich war bloss einen halben Tag dort!!!
Ich bin ein Wrack.

Dann Abends Totaleskalation mit meinen Jungs und ja, nur falls ich es vergessen hatte, die letzten Wochen:
Ich bin allein.
Ich bin allein für alles zuständig.
Ich bin weder fit noch gesund.
Und ich fühlte mich, als sollte man mich am Besten gleich kompostieren. Abfall. Verfallsdatum überschritten, angeschimmelt und nutzlos.

Keine Hilfe ist es, meinen Ex mit seiner Honeymoon-Ausstrahlung zu sehen, da wir ja am selben Ort arbeiten.
Und das neue Auto, die zehn Jahre jüngere Freundin und die drogeninduzierte Selbsterfahrung haben auch in der Punkvariante etwas sehr klischiert-stereotypes.

Was hatte ich in ihm gesehen?
Das habe ich mich die letzten Wochen immer wieder gefragt. Und wozu der zweite Versuch mit einem Mann, der mir sowohl indirekt als auch direkt immer wieder zu verstehen gab, dass ihn mein Zustand in seiner persönlichen Freiheit einschränkt, der mich energetisch total geschlissen hat?
Nun, wahrscheinlich weil ich krank und hilfsbedürftig war. Auch ich bin schwach und mitunter naiv. Und weil ich nicht wahrhaben wollte, dass der Mann, mit dem ich fast fünf Jahre zusammen war – mein Kleiner kennt ihn die Hälfte seines Lebens – tatsächlich so ist. Sich so verhalten kann, dann, wenn ich wirklich jemanden gebraucht hätte, der zu mir steht und zurücksteht. Immerhin gab er offen zu: Ich bin mir halt der wichtigste Mensch!

Die Enttäuschung und die Verletzung schwappen manchmal noch hoch. Besonders bei Erschöpfung, ansonsten überwiegt die Erleichterung. Die Wut auf ihn und auch auch auf mich, dass ich den Scheiss mitgemacht habe. Auch das wird mal vorbei sein.
Erstaunen und Ungläubigkeit gingen auch.
Und die Erschöpfung?
Ich hoffe es!

Und der nächste Post ist positiv. Aber erst, wenn ich mich erholt habe.

Das Runde passt nicht ins Eckige

Wer bin ich?
Fragte ich mich vor einem Jahr, als ich mich so ohne Haar im Spiegel sah.
Wer bin ich? Frage ich mich heute.
Gestern habe ich meinen Ex-Freund getroffen. Das war gut, war schön, war erhellend. Ich hatte das Gefühl, ich sehe ihn zum ersten Mal ganz klar, wie er ist, in seinem Innersten. Fernab von allen Rollen und Kleidern, Federn und Reden, Verstrickung und gemeinsamer Vergangenheit. Und das erklärte, warum er so ist. Sein widersprüchliches Verhalten und seine wechselnden Aussagen haben sich zu einem kongruenten Bild für mich zusammengefügt. Das war gut für mich. Ein Abschluss.
Und doch.
Die Nacht kaum geschlafen. Mich gefragt, wer ist dieser Mann, den ich so geliebt habe. Warum habe ich ihn so geliebt? Ist das der Mann? Und war ich das? Welches ich denn?
Gibt es dieses ich noch?
Und dann kam plötzlich die Trauer. Wie ein Hammer aus dem Nichts streckte sie mich nieder. Die Trauer um den Verlust der Unschuld.
Was habe ich alles verloren in diesem letzten Jahr!
Die Unbeschwertheit, die Gesundheit, ein Gefühl für Zeit, viel Zeit, viele Jahre. Verloren auch eine Unruhe, ein Getriebensein, den Drang, es allen Recht machen zu müssen, von allen gemocht zu werden. Verloren einen unversehrten Körper, Schmerzfreiheit, meine Selbstbestimmtheit. Und die Verbindung zur Welt, irgendwie, zu meiner Welt ausserhalb der Krebsblase. Zu meinen Arbeitskollegen, der Arbeit, zu Freunden, zu Dingen, die mir wichtig waren, die Spass machten. Zu Themen, die anderen wichtig sind.
Dieser Moment im Lehrerzimmer, als ich in die Runde schaute, sah, wie sie sich alle freuen, dass ich wieder da bin und so „gut“ aussehe und dachte: Die sind alle bloss ein Jahr älter geworden. Und ich wurde einmal durchs Universum geschleift.
Dieser Moment sitzt mir noch in den Knochen.

Auch weil ich merke, dass ich nicht einfach anknüpfen kann. Zum Beispiel interessieren mich viele Gesprächsthemen im Moment sowas von nicht, viele „Probleme“.  Eigentlich möchte ich dann nur aufstehen und weglaufen. Diese Profilierungsneurosen, das Erzählen persönlicher Heldentaten fand ich schon immer anstrengend, aber meine Toleranz ist quasi verschwunden. Vielleicht bin ich nicht mehr soziabel? Bin ich jetzt anormal? (Also mehr als vorher, weil ich war ja noch nie ganz so 0815…)
Und dann ist da diese Trauer, diese immens grosse Trauer!

Das Trauern beginnt wohl erst jetzt. Der Abschied von der früheren Tinkakartinka.
Ich habe gehört, dass der Moment kommt. Auch wurde ich gewarnt davor, dass der Abschluss der Therapie nicht einfach ist. Eben weil man während der Therapie ja einfach dauernd weiter rennt. Von Termin zu Termin von Therapie zu Therapie, hangelt man sich von Infusion zu Schmerz zu Nebenwirkung zu Medikament und wieder zurück auf Position 1.
Damals dachte ich, sie sprechen von der Angst vor einem Rezidiv oder von den Nebenwirkungen, der Müdigkeit. Aber eigentlich fühle ich mich grad etwas aus der Welt gefallen, beziehungsweise nicht mehr dazu passend.

Kennt ihr dieses Holzspielzeug für kleine Kinder? Eine Sortierbox, im Deckel sind Bildschirmfoto 2020-06-28 um 13.01.48verschiedene Öffnungen eingelassen: Quadrat, Kreis, Rechteck, Dreieck…. Und man muss das passende Klötzchen in die passen Öffnung kriegen.
Ich war vorher ein oranger Würfel und bin nun ein roter Zylinder. Und alle sagen: Oh! Der orange Würfel ist wieder da! Guck, da ist dein Platz.
Und versuche mich einzupassen:
Klonk, Klonk, Klonk!
Und das geht einfach nicht.

So etwa fühlt es sich an.
Vielleicht schleift sich diese Gefühl ab mit der Zeit. Oder die Öffnung.
Vielleicht muss ich mir auch eine andere Passung finden.
Und auch die Trauer wird vorbei gehen. Sie wird in Wellen kommen, mich umhauen, abebben, meine Knie umspülen und irgendwann ganz vorbei gehen. Aber erst muss sie da sein und Platz haben.
Ich weiss.

🦀Bilderbuch

Hab ja sonst nicht viel zu tun, ausser die Scherben wegzuräumen, von allem was zerbrochen ist und wegzubrechen scheint und warten.
Ob und wann und wie ich wieder arbeiten darf, ob und wann und wie es mit diesem Ausnahmezustand weitergeht.
Also habe ich mir ein Buch mit meinen 🦀Bildern gemacht.

So zum Jubiläum quasi. Heute ist Freitag in der zweiten Schulwoche nach den Frühlingsferien. Letztes Jahr war das der Zeitpunkt der ersten Chemo. Auch wenn es vom Datum her noch ein paar Tage geht bis zum exakten Jahrestag.
Deshalb nur ein Quasi-Jubiläum.

Vielleicht sollte ich mir heute einen Campari Soda gönnen. 🤔 (Schön in der gleichen Farbe wie die Infusion)

Dunkle Wolken

Manchmal habe ich das Gefühl, zu verschwinden. Fürs Leben unsichtbar geworden zu sein. Das zieht an mir vorbei. Wie ein langer Fluss und ich stehe am Ufer.
Die anderen ziehen mit, lassen sich treiben im Wasser, winken und ich werde hier fest gehalten.
Als Geisel der Krankheit.
Ich muss froh sein, wenn ich meine Füsse ins Wasser halten kann und auch etwas von der Strömung spüre. Und dann ziehe ich sie wieder raus und warte, darauf, dass sie trocknen und darauf, dass das irgendwann einmal vorbei ist.

Dann habe ich die Schnauze voll. Und ich frage mich, wozu das alles. Wozu mich mit Chemo vergiften lassen, wenn ich nicht mal weiss, ob ich je wieder ich selber sein werde. Wer ich sein werde, wenn dieser Krebsmarathon endlich vorbei ist.
Die Glatze nervt, die 1000 Tücher, die ich habe, helfen dann auch nicht.
Und immer optimistisch. Und jaja, das wird schon alles gut.
Wer bist du? Gott? Ein Wahrsager? Woher willst du das wissen?
Es wird NIE alles gut. Nie ALLES.
Weil, das ist das Leben und das geht ja sowieso unweigerlich auf den Tod zu.
Wenn man Glück hat, dann lebt man als Kind unbeschwert in den Tag und alle Türen stehen einem offen. Wenn man Pech hat, dann nicht mal als Kind.
Wird man älter, so werden einem immer mehr Türen vor der Nase zugeknallt. Und ja, ich suche immer wieder neue.  Versuche es.
Sonst.
Heute nicht.
Heute bin ich müde, so unendlich müde.
Lasst mich bloss alle in Ruhe.
Denn ich bin sowieso allein. Krank ist man immer nur allein.
Und einsam.

Ich habe die Nase voll von Mitleid und Anteilnahme. Von Hilfe und Betroffenheit.
Ich will meine Unabhängigkeit zurück.
Ich will mein Leben zurück.
Ich will wieder ich sein.