Kopftuch gut – Herz schlecht

Bei der Chemo letzte Woche bekam ich ja nur Taxol (und zuerst den Magenschoner).
Es gibt zwei Räume für die Chemotherapie. Ein grösseres Zimmer mit sechs Plätzen und ein kleineres mit drei.
Das Grosse war vollbesetzt und entsprechend laut. Genau darum bin ich lieber im Kleinen.
Nur eine ältere Türkin war schon verkabelt. Sie wollte sich unterhalten und wir versuchten es mit Händen und Füssen, was nicht so einfach ist, wenn man an der Infusion hängt. Man muss immer aufpassen, beim Fuchteln die Schläuche nicht aus der Vene zu reissen.
Jedenfalls fand sie mein Totenkopftuch toll.

Sie: Du Tuch toll. Wo kaufen?
Ich: Nicht gekauft. Selbst gemacht.
Und ich nehme es vom Kopf und zeig ihr die halbprofessionellen Nähte.
Sie: Ah, gut, gut. Gut Tuch!

Wow, die ist auch noch Rock n‘ Roll drauf, dachte ich. Totenkopfkopftuch und ältere Türkin, ein Punk im Herzen.
Aber dann zeigte sie auf die unsäglichen Herzen mit den Aufmunterungsprüchen an der Zimmerwand und meinte Schön!  und wollte wissen, welches mir am besten gefällt.
Nein, wir haben nicht den gleichen Geschmack. Und eventuell waren die Totenköpfe aus der Distanz quer durchs Zimmer auch nicht erkennbar….

 

Kopftuchblicke: Eine Typologie

Eigentlich dachte ich, wenn ich nur noch mit Kopftuch herumlaufe, dann sei das quasi ein automatisches Outing. Aber dem scheint nicht so zu sein. Eine Reaktion war: Nein, das ist nicht so klar. Du läufst ja auch sonst immer mal wieder crazy rum. Ah, ok. Danke. 🙂

Trotzdem gibt es vier verschiedene Möglichkeiten, wie das Umfeld auf mich als Kopftuchträger reagiert, also vier Reaktionstypen. Da diese Typologie beim Lebensmitteleinkauf am Vormittag entstanden ist, handelt es sich klischeegetreu um rein weibliches Publikum.

Die Zweifelstalkerin: Sie guckt in der Gemüseabteilung und guckt beim Brot und dann guckt sie noch einmal verstohlen um das Regal bei den Keksen und fragt sich dabei: Ist das nun Style oder ist die Frau krank? Fragen würde sie nie, selbst wenn sie mich kennt. Das muss sich doch rausfinden lassen!

Die Betroffene: Ein Expertenblick genügt und ihr sackt das Gesicht eine Etage runter. Dann wendet sie sich ab. Offenbar war sie selbst einmal vom Krebs betroffen, direkt oder in der Familie.

Die Unbedarfte: Sie lacht mich an. Mustert mich von Kopf bis Fuss. Einmal kompletter Bodyscan. Ah, cooler style. Muss ich auch mal tragen, so ein Tuch passend zur Hose.

Die Filterblinde: Sie sieht mich nicht. Kopftuch wird ausgeblendet. Es gibt ja einen Unterschied, zwischen nicht anschauen und nicht sehen.
Gewisse schwule Männer haben  das bei Frauen oder es gibt auch Männer, deren Zensurfilter bei Frauen mit Kinderwagen anspringt. Man hinterlässt plötzlich nichts mehr auf der Netzhaut des Betrachters, man wird unsichtbar.
So auch die Filterblinde. Sie hat einen Kopftuchfilter eingebaut und manchmal frage ich mich, ob das wohl ein unbewusstes politisches Statement ist. 🤔
Besonders wenn die Filterblinde mich eigentlich kennen müsste.

 

Da muss was auf den Kopf: Pipi-Pirat in Town

Ja die Perücke kommt selten zum Einsatz. Bei 25° Grad fühlt sie sich auch wie eine Wollmütze an. Ich setze meine Wollmütze auf und spiele gesund. Das geht nicht.
Aber auch das Chemo-Tuch, dass ich mir gekauft hatte, fühlte sich fremd an. Also suchte ich nach Alternativen.

Ideen geholt habe ich mir hier: https://bit.ly/2IUfamV

Im Stoffladen habe ich mich mit Viskose und Jersey eingedeckt. Und Klunker hab ich auch noch besorgt.
img_3427-1Zuerst habe ich die Viskose-Kopftücher mit den Bördchen gemacht. Aber die trage ich kaum noch. Dann habe ich eigentlich nur noch Schläuche genäht. Wie die, die man im Winter beim Snowboarden trägt oder beim Motorradfahren.
Und ich bin KEIN Nähgenie. Meine Nähvorhaben brauchen eine grosse Fehlertoleranz. Und es muss alles sehr schnell gehen, sonst fange ich gar nicht erst an. Also kurz: wenn ich das kann, können das alle.

Die längeren Schläuche kann man in der Mitte mit einem Haargummi zusammennehmen und dann die eine Hälfte überstülpen, so gibt es ein Beanie. Wie ich es beim hellblauen Tuch gemacht habe. Man kann sie einfach doppelt nehmen oder nur einfach (Sterntuch).

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