Post- Chemo- Erschöpfung

Diese bleierne alles verschlingende Erschöpfung, die einem manchmal nach der Chemo niederstreckt.

Immer wenn ich das Leben geniessen wollte, trotz Chemiecocktail im Blut.
Zuviel Energie verbraucht, ahoi depressive Verstimmung.

Dann kommt die Erschöpfung gepaart mit Einsamkeit und schlägt mir erst in die Kniekehlen, dann ins Genick.
Und ich bin nur froh, sind die Kinder schon im Bett, wenn ich zusammenklappe.
Krebs ist 💩
Allein sein ist 💩
Alleinerziehend sein ist 💩

Und alles zusammen: C’est la grosse merde!

Na dann…
Gute Nacht!

Liste ans Unviversum

Im Moment brauche ich dringend:

  • Umarmungen
  • weisse, vegane Schokolade
  • Gefühl in meinen Fingerkuppen
  • Gelassenheit
  • Pedicure
  • Moussaka von meiner Freundin
  • 1-m Ollie, Rock to Fakie und Kickflip
  • Augenbrauen
  • Sonnengetrockneter Lakenduft
  • Gesundheit
  • mein Picknick, dass noch zu Hause auf dem Tisch liegt
  • Urlaub am Meer
  • Energie
  • Haut, die sich sonnen lässt
  • eine coole Netflix-Serie (möglichst 12 Staffeln)
  • Zuversicht
  • 3 Caipiroshkas
  • ein neues Dachfenster im Estrich
  • Doc Martens
  • Liebe
  • einen Koch / Astronautenfood
  • schöne Träume
  • durchtanzte Nacht
  • Haare (auf dem Kopf)
  • Drogen
  • Jemand, der meine schweren Müllsäcke trägt
  • animalischen Sex
  • Freiheit

Gespräche: Humorverlust

Onkologe: Ihnen gehts nicht gut! Hier!

Streckt mir Kleenexbox unter die Nase wie ein Musketier den Degen.

Ich: Oh. Sie haben auch eine Therapiebox.

Onkologe hält den Telefonhörer hoch: Soll ich was organisieren? Sie müssens nur sagen! Brauchen sie Hilfe? Sonst was? Irgendwas?

Ich winke ab. (Drogen, ich hätte Drogen sagen sollen!)

Onkologe: Ich kann sie nicht mal mit meinen Sprüchen aufheitern?
Ich: Ich weiss. Totale Verschwendung ihres schwarzen Humors im Moment. Völlig hoffnungslos.

Er grinst gequält. Und ich darf mir die Augenbrauen nicht wegweinen.

Gespräche: Crèmephobie

Onkologe: Sind sie erkältet?
Ich: Nein, nur die Nase tropft.
Onkologe: So wässrig?
Ich: Ja.
Onkologe: Das ist das Taxol. Soll ich ihnen was aufschreiben?
Ich: Noch ein Medikament? Nein danke. Falls ich dann eine Tropfspur hinter mir her ziehe und mich nicht mehr sozialkompatibel fühle, meld ich mich.
Onkologe: Und sonst? Haben sie Nebenwirkungen?
Ich: Durchfall. Heute morgen.
Onkologe: Nur heute?
Ich: Ja. Aber es hat mich auch etwas ange… ich war nicht so motiviert herzukommen.
Onkologe: Ah danke! Charmant. Hahaha. Na das bin ich mir gewohnt. Sonst?
Ich: Gelenkschmerzen und etwas klapprig fühl ich mich. Und hier, die rissige Haut.
Onkologe: Trocken?
Ich: Ja ich bin am dauercrèmen.
Onkologe: Sehen sie! Das ist der grosse Unterschied zwischen Frauen und Männern.
Männer kommen mit rissiger Haut und wollen eine Pille. Und ich frag, crèmen sie sich ein? Dann schauen die mich an… Wissen sie, was eine Crème ist?
Ich: Nö, kennen Männer nicht. Nicht mal Sonnencrème. ‚Brauch ich bei meinem Hauttyp nicht.‘ Ich sag dann immer, sehen wir in 40 Jahren dann…
Onkologe: Genau. Bei mir.

Gespräche: Mami, der Hauself

Kleiner: Also Mami, du siehst ein wenig aus wie Dobby.
(Er meint den Hauself aus Harry Potter….)
Ich: 😐 Oooookaay???
Kleiner: Also mit kürzerer Nase.
Ich: Na wenigstens!
Kleiner: Und kleinere Ohren hast du!
Ich: Und sonst?
Kleiner: Und ganz grosse Glotzaugen müsstest du noch machen! Sooo…
(Er reisst sich mit dem Fingern die Augen auf)
Ich: Also meinst du hoffentlich nur die Glatze!
Kleiner: Schau Mami! Soooo!

Im Auge des Tornados

Krebs ist wie ein Wirbelsturm. Von weitem kommt er unaufhaltsam auf einen zu. Er hat den totalen Fokus.
Alles in der Nähe gerät in den Sog.
Einige Freunde wirbelt er weg, andere stehen plötzlich unerwartet da.
Vieles wird unwichtig, anderes unerreichbar. Es wird vesprochen, versichert, gehalten, gelogen und betrogen. Krebs ist ein Katalysator.
Der Charakter zeigt sich im Sturm. Nicht zu Beginn, nein, mittendrin. Im langen Atem, wenn einem alles um die Ohren fliegt und man nicht flieht, Hals über Kopf.
Nicht alle wollen bleiben, nicht alle können bleiben. Manche möchten, können aber nicht.
Sicher ist nur, dass ich da bleibe. Denn ich stehe im Auge des Sturms.
Und warte.

Kein Taxol heute. Blutwerte zu schlecht.