tinkakartinka 2.0

Die Ferien im Legoland waren Klasse!
Nun, ich bin noch nie in Deutschland auf der Autobahn gefahren und noch nie dreieinhalb Stunden am Stück. Und da ich von wegen Fatigue und so nicht wusste, ob ich das schaffe, hatten wir ganz viele Hörbücher und Snacks dabei, falls ich auf einem Parkplatz etwas Schlummern möchte.
Deshalb waren wir auch 3 Nächste in der Legoburg. Damit ich nicht in den Park und fahren muss am gleichen Tag. 
Es war toll!
Toll!
Toll!
Grossartig!!
Eigentlich feierte ich 5 Tage Geburtstag. 

Es geht mir generell grossartig. Wenn nicht grad ein Jahrestag dazwischenfunkt oder ich aus Nostalgie eine falsche Entscheidung treffe, die mich für zwei Tage aus der Bahn wirft. Und ich mir dann den Kopf an der Wand einschlage, weil ich mich so doof finde. Dann blase ich Trübsal und heule. Bis Beule und Geheule vorbei.

Unterrichten habe ich auch wieder begonnen- also alleine, wenig, aber immerhin. So ein Lebensbereich nach dem anderen erschliesse ich mir wieder.
Vielleicht kriegte ich nach der Akutbehandlung ein Upgrade:
Ich kann jetzt schliesslich wieder Achterbahn fahren. Deutsche Autobahnen machen mir keine Angst mehr und ich schmeisse mich gern in Beschäftigungen und an Orte, an denen ich noch nie war. Dafür brauchte ich früher einen Stups.
Und heute stellte ich noch was Neues fest.
Früher hab ich ja nie bemerkt, wenn mich wer angeschaut hat. Ich war sowas von blind. Hielt es auch nicht wirklich für wahrscheinlich, so unscheinbar und unsicher, wie ich mich fühlte. Sogar wenn ich einen Verehrer hatte – massiv verliebt – also wenn der sich nicht vor mir in den Schlamm geworfen und mit Rosenblättern bestreut hat – nada.
Ich merkte nichts.
Irgendwann stellte ich fest, dass sich manchmal wer umdreht, wenn ich den Raum betrete, aber da ich nicht wirklich schön bin- so klassisch – warens wohl meine roten Haare bis zum Po. Dachte ich. Ich war wie Arielle, einfach ohne Fischschwanz.
Dieses Wochenende habe ich zum ersten Mal wahrgenommen, wie die Leute gucken – Männer wie Frauen. Und es kann definitiv nicht an meiner Mähne – aka meinen kurzen Strubbelhaaren liegen. Auch nicht am kleinen Schwarzen und den High-Heels – die ich nicht trug.
Es hat mich irritiert. Ich meine, ok, wenn einer guckt oder zwei. Mal kurz. Ich bin auf die Toilette, um nachzuschauen, ob mir die Wimperntusche so waschbärmässig unter den Augen hängt. Oder die Haare alle zu Berge stehen?
Aber nein.

Wahrscheinlich sieht man mir das Glück an. Und die Freude, die ich habe, zu Leben. 
Am Leben zu sein.
Und ich sehe es plötzlich. 
Aus Neugier, das Neue zu entdecken, dass da draussen noch auf mich wartet. 
Mein Update 2.0

Der heutige Fluss war ganze 2° Grad wärmer, als mein Heim-Fluss, der am Samstag 12,6° war.

Kulinarisches Pulver bereits verschossen

Und das nach dem ersten Ferienwochenende.
Am Freitag war ich bei der Arbeit mitwandern. Vier Stunden sind eigentlich zuviel für mich. Aber ich muss ja auch mal Grenzen ausloten und kann mich auch nicht mitten im Wald wo abseilen.
Nachher hing ich wie ein welkes Blatt im Lehrerzimmer. Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerzen. Der Tinnitus pfiff. Eine Kollegin holte mir einen Kaffee. Andere sorgten sich, dass ich nicht mehr heimkomme.
Und einer – der hats immer noch nicht geschnallt – fragte, ob mich mein Exfreund nicht nach Hause fahre. Ich muss ihn sehr entgeistert angeguckt haben: Hä, weshalb sollte er?
Da hat wohl wer was nicht mitgekriegt.

Nach einer Stunde konnte ich wieder gehen, Schwindel war fast weg, Narbenschmerzen, Kopfweh auch. Die Autofahrt war zwar – naja – schummrig war es mir noch immer, aber ich kam heim.
Heim zu meinen Jungs und dem ersten kulinarischen Treffer: Pizzamann.
Und Film, den ich aber gucken wollte.
Am Samstag ging es mir erstaunlicherweise schon besser mit der Erschöpfung. Also, es geht definitiv bergauf mit der Fatigue. (Gut, ich lag viel rum, aber nicht nur). So ein Sechsstundenprogramm mit Wanderung, das hätte mich auch zwei Tage Knock-outen können…

Mein Kleiner wollte am Samstag mit mir Fajitas machen. Und da ich definitiv wieder ein paar Kilos mehr auf den Rippen haben dürfte: Das zweite Gelage.
Es gibt da nämlich diese neuen Hausregeln. Unter anderem müssen die Jungs einmal kochen am Wochenende. Das klappt natürlich vorerst noch nicht alleine, aber das wird schon. Und wenn ich nur schon einmal nicht überlegen muss, was ich kochen soll und sie sehen, dass kochen aufwendig ist und das Essen nicht auf den Tisch fliegt… Paschas gibts genug.
Brauch ich nicht auch noch welche gross zu ziehen. 🙂

Heute gabs Sushi. Auch da half der Kleine tatkräftig und voller Enthusiasmus mit. Er schnippelte und bestimmte den Inhalt der Sushirolle: Karotte, Gurke, Lachs, Avocado.
Ich rollte.
Aber erst nachdem meine Jungs zur Unterstützung mit mir an den Fluss gekommen sind, um mich anzufeuern. Also lang war ich nicht schwimmen, bei 16,6 Grad Wasser- und 11 Grad Lufttemperatur.

Brrrr….

Den Rest der Ferien gibts wohl Brot mit Marmelade. Und bitte, weniger Regen!

The Last One

Morgen ist meine letzte Chemo.
Also, hoffentlich natürlich! Nochmal will ich nicht!!!!
knockonwood

Ich glaube, nachher will ich mich einfach irgendwo hinlegen und nicht mehr aufstehen, so fühlt es sich jetzt an. Das ist so seltsam. Wieder so ein Moment, bei dem man bilanziert, das Jahr Revue passieren lässt. Dabei habe ich darauf grad so gar keine Lust!
Eigentlich wäre die Letzte ja am 20.07.20 gewesen, aber das Datum hatte ich verschoben, weil ich erst dachte, ich gehe zwei Wochen weg. IMG_5021
Ich hatte kurzzeitig Panik, da ich noch nie drei Wochen am Stück ohne Kinder war. Und das nach diesem Jahr! Fast schon buchte ich Lastminute was und dachte dann, nein, genau das nicht! Wann habe ich je Zeit einfach alles zu machen, was ich will, was mir gut tut. Und wenns eine Woche heulen ist, na dann… Und wegen Corona war Ausland für mich kein Thema. Aber in der Schweiz weg, um auf andere Gedanken zu kommen.
Dann habe ich festgestellt, dass ich das gar nicht muss. Ich habe hier ein perfektes Ferienhaus mit Atelier. Ich kann unter freiem Sternenhimmel schlafen, vor dem Fernseher  Pfannkuchen mit frischen Früchten frühstücken. Ich koche mir Schlemmermenus: Rindsplätzchen mit selbstgemachtem Kräuterbutter, Bohnen und Kartoffeln,  Pouletspiessli mit Sommergemüse und frischen Kräutern, Vitello Tonnato. Soviel Fleisch esse ich eigentlich selten, aber offenbar brauche ich es. Ich genieße es unglaublich!
IMG_4978Die erste Woche war ich fast nur hier, ich habe viele schöne Badeplätzchen entdeckt Mit Sand oder ohne, Strand, Amazonas oder Schilf.
Dann habe ich mich mal da und mal dort zum Essen eingeladen. Treffe Leute, die ich schon lange mal treffen wollte oder lerne neue kennen. Ich schlafe mal hier, mal da. Hab sogar seit langem wieder mal einen Kater gehabt…. 🙈
Glücklicherweise ist der vorbei, morgen müssen ja meine Leberwerte stimmen. 😬

Aber was ist dann, nach Morgen? Nach der letzten Chemo? Habe ich dann nach jedem Glas Wein oder Prosecco ein massiv schlechtes Gewissen? Alkohol ist ein Risikofaktor. Eigentlich der Einzige, den ich bei mir ausmachen konnte. Ausser eher später Kinder und nicht wirklich gestillt. Hormone sind der grösste Risikofaktor, aber die werden ja ausgeschaltet. Übergewicht habe ich nicht, Rauchen tu ich auch nicht (mehr). Sport mache ich, aber joggen liegt schmerztechnisch nicht drin. Auf dem Skateboard stand ich wieder und jeden Tag schwimme ich, mindestens einmal. Mal hier und mal da in der Aare, Türlersee, Bielersee, Zürisee, Limmat, Reuss. Werde ich ohne Chemo plötzlich Angst haben, mehr Angst haben, vor einem Rückfall? Ich weiss es nicht.
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Es waren zwei absolut grossartige Wochen. Aber heute Abend schlägt sie nun zu. Die Melancholie. Wie viele dieser Momente wird es noch geben? So bis ein komplettes Jahr rum ist, also, bis in einem Jahr? Ich hoffe doch nicht!
Aber ich bin auch sehr müde. Ich habe diese Woche nicht viel daheim geschlafen, viel unterwegs. Eigentlich zuviel. Dann kommt die Müdigkeit und ZACK, so ein Depro-Hammer dazu. Das kenne ich erst seit der Krebstherapie. Diese Erschöpfung, nicht nur körperlich, sondern immer auch seelisch. Nettes Doppelpack. Danke.
Teilweise wusste ich, dass ich zuviel mache, immerhin das kann ich schon wieder einschätzen.
Aber ich wollte mir das Leben in voller Dosis geben! Mich richtig auffüllen mit guten Momenten, guten Gesprächen, Treffen, Essen, Erlebnissen. Dazwischen gab es auch Halbtage oder Tage mit Rückzug und Stille, schreiben, lesen, malen, schwimmen.

Was ich nicht wusste und jetzt erlebt habe, wie viele Freunde da sind. Wie viele Menschen es gibt, die mir gut tun. Die lustig und gleichzeitig tiefgründig sind, echt. Wo ich mich einfach wohl fühle, weil ich ich sein kann, mit allen Ecken die ab sind, dem schwarzen Humor und meiner Geschichte. Ich.

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Du bist so eine mutige Frau

Hahahahaha….

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Ein kleiner Ausflug mit dem Grossen und dem Kleinen ins Jagdgebiet von Kleintinkakartinka.

Da Naturschutzgebiet war es nicht so einfach, einen Schlafplatz für drei Hängematten zu finden. Mussten ja im besten Fall 3, eher 4-5 Bäume im geeigneten Abstand sein. Und dann ohne über irgendwelche Absperrungen zu klettern und nicht im Schilf.
So richteten wir uns an einen Picknickplatz ein. Genügend weit entfernt von der Partywiese und vom Campingplatz, am anderen Seeufer.
img_4690Einrichten, baden, zusammen auf dem Steg sitzen und die aufploppenden Sterne zählen.
Wir alle sind voll im Zen. Der Grosse und der Kleine gehen ohne Murren in die Hängematte. Der Himmel wird immer dunkler und immer mehr Sterne leuchten und die Grillen zirpen. Von gegenüber schallt und gröhlt das Partyfolk, bis auch sie verstummen.
Dann löst das Froschkonzert das Grillenorchester ab und der Kleine schnarcht bereits friedlich in seiner Matte.
Es wird still, die Frösche gehen schlafen. Und die Halbgeräusche beginnen. Da ein Knacken, dort ein Rascheln. Und – war da nicht was?

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Ein Flugsaurier? Ein Kriechtier? Gibt es hier Getier mit Hörnern?
Ich zünde kurz mit der Lampe, sehe aber nur mein Mückennetz. Super gemacht.
Oh Schreck! Da spricht jemand. Ganz dicht neben mir!!!
Der Grosse murmelt im Schlaf. Es knackt und raschelt undzuordbar aus dem Wald.
Dann, da! Ein Licht! – Ah nein. Das sind bestimmt die Autos. Dort drüben ist eine Strasse. Wobei. Nein. Das Licht kommt näher. Schritte. Zwei Menschen sehr zielstrebig im Stechschritt direkt zum Steg vor unserem Schlafplatz. Kaum angekommen, löschen sie das Licht.
Also Liebespaar schliesse ich schon mal aus. Zu geschäftig, fast eilig sind die hergekommen. Stimmen sind keine zu hören, nur ein leises Murmeln. Hin und wieder flackert kurz das Licht auf. Es plätschert ins Wasser. Falls jemand Pinkeln war, muss es sehr erleichternd gewesen sein.
Aber was wird nun ins Wasser geworfen? Fischen die? Kann man Nachtfischen? Und warum werfen die so vieles ins Wasser. Und holen die auch was raus? Dazu dieses Knacken. Alles im Dunkeln. Klingt nach Zweigen, auf dem Steg sind aber keine Zweige. Knochen klingen bestimmt anders. Und zu schmuggeln gibt es hier ja auch nichts. Hmm. Gehen die bald wieder? Ich stell mich mal tot in der Matte. Bis jetzt haben sie und nicht entdeckt.
Da! Erneut Schritte! Genauso schnell und zielstrebig – aber diesmal am Steg vorbei. Also Abendspaziergang geht anders. Es ist nach Mitternacht.
Das geschäftige, aber beinahe lautlose Treiben auf dem Steg ist zu Ende. So schnell – die Taschenlampe auf den Weg gerichtet – wie sie gekommen sind, gehen die beiden Menschen wieder.
Und die Halbgeräusche kommen zurück, dort ein Knacken, hier ein Rascheln. Kurz flammt das Froschkonzert auf. Dann beginnt ein Fiepen, bis sich wieder rasche Schritte nähern, diesmal von der anderen Seite. Das muss der andere Mensch auf dem Rückweg sein.
Also, jetzt wird ja wohl Ruhe…. Es ist schon halb zwei.
Ich sinke langsam so wartewohlig ins Traumdämmerland, da höre ich unmissverständlich folgende Durchsage:
ACHTUNG, ACHTUNG, HIER SPRICHT IHRE BLASE! Der Urinspiegel nähert sich einer kritischen Höhe, es kann nicht mehr garantiert werden, dass nicht bald Unterleibskrämpfe einsetzen werden. Bitte sofort entleeren!

🙄

Na toll. Jetzt wo ich mich endlich entspannt und das Gerenne zu Ende ist. Fast kann ich nachvollziehen, wie man auf die Idee kommen kann, aus der Hängematte zu pinkeln….

Es kamen dann noch ein paar Halbwüchsige – der Steg scheint äusserst beliebt. Leider hatte ich auch um halb drei noch nicht ganz raus, weshalb der arme Junge so Stress mit seiner Freundin hatte. Und dann zogen sie auch schon weiter. War eher so, wie wenn man kurz mal in einen Tatort schaltet, aber weder mitgekriegt hat, wer umgebracht wurde, noch wer der Mörder war.

Irgendwann schlief ich dann doch ein. img_4715Und dann kam der Morgen und der Grosse und der Kleine schliefen immer noch. So legte ich mich auf den Steg, suchte nach Knochenteilen im Wasser und guckte der Sonne beim Aufgehen zu.

Und Grosser und Kleiner, habt ihr gut geschlafen?
Jaaaaaaaaaaaa! Und du Mami?
Ich= 🧟‍♀️: 😬👍🏻

 

Oder, wie ich mich so fühlte nach dieser Nacht…

Aber toll!

Toll, toll, toll wars!

Und als Abschluss, bevor sie zu Papa gehen und ich drei (!) Wochen (plus 1mal Chemo) Zeit für mich habe, gabs noch den letzten Harry Potter und das:

Rückeroberung

Also einmal Reisen hab ich schon geschafft. 💪🏻
Zum ersten Mal wieder weg seit letztem Februar. Das Jahr startete gut an meinen bestrahlungsfreien Tagen vom 1. zum 2. Januar. 🥳

Und trotz schlechter Blutwerte – ich musste der Onkologin versprechen, bei Fieber sofort in den Notfall zu kommen- konnte ich weg und wieder mal Freiheit fühlen.

Ich: Ähm, kann ich dich kurz beim Gamen stören oder stirbst du dann?
Er: Nö, okay.
Ich: Also, falls es dir nicht passt, ists Pech. Denn ich hab gerade für heute eine Übernachtung gebucht.
Er: Echt? Wo denn?
Ich: In einer Jurte.
Er: Cool. Wir fahren weg!
Ich: Nicht weit, meint google. Aber hart an der Nebelgrenze. Mit etwas Glück kriegen wir Sonne.
Er: Wann?
Ich: In ca. 2h? Ich koche Kartoffeln. Die Jurte hat ne Feuerschale. Dann brauchen wir kein Restaurant.
Er: Cool. Jurte im Januar. Feuerschalen-Nachtessen. Du bist ein verrücktes Weib!
Ich: Oh Danke! 😍 Dann passts ja.

Bestrahlungsstatus: 25/33