Das Leben riecht anders

seit letztem Freitag.
Es ist klarer. Ruhiger.
Jedes Sonnenfunkeln auf dem Wasser, das gelbblinkende Herbstblatt, der Morgennebel, alles ist schön.
Und es fehlt nichts. Was da ist, ist da. Eine Mischung aus Abgeklärtheit und Melancholie? Nicht abgelöscht.
Etwas ist zu Ende gegangen.
Etwas das Kraft gekostet hat und wichtig war, ein Kampf. Ich verstehe noch nicht genau, welcher, worum.
Vielleicht bin ich noch nicht wieder ganz mitten drin. Im Getöse und Gerangle um Bedeutung und Anerkennung.
Etwas ist gegangen in dieser Nacht.
Und jetzt ist da Ruhe.

Oder ist es der Herbst?

Also…

Nur um es wirklich auch explizit erwähnt zu haben. So schnell wie es mir mit dem Medikament schlechter ging, so schnell wurde es auch wieder besser.

Ich hatte ein paar Tage voller Leben!!!!

Das weitere Prozedere ist noch in der Tüftelschlaufe… Evt. ist morgen wieder etwas grauer. Wir werden sehen.

Update zu CT, Behandlungsplan, Mörserverbot und unkrebsige Milchglasflecken folgt….

Holy shit!

Es ging mir nicht so rosig die letzten Wochen, aber als ich wieder schlafen konnte, gings stetig besser. Tag für Tag.
Dann kam dieses Medikament.
Mann!
Ich hoffe es ist davon, was für ein rasanter Höllenritt abwärts.
Ich hatte ja schon mal eine Depression.
Aber… so schnell, so stark. Das kenne ich nicht.
Das macht mir Angst.

Erst habe ich heute abgemacht, um nicht alleine zu sein. Ich kenne mich nicht mehr. Vielleicht sollte ich nicht alleine sein, denn meine Kids sind bei Papa. Doch ich schaffe es nicht unter Leute. Es geht nicht.
Und nun habe ich einen Schwips. Ich weiss, Alkohol und Brustkrebs, keine gute Kombination.
Aber, erstens hilft das Serotonin und zweitens weiss ich, es kann mir noch so schlecht gehen, ich würde nie unter Alkohol Auto fahren.
Also ist das ein guter Plan. Weil rumfahren mache ich manchmal, zur Ablenkung.
Aber wenn ich im Moment bei jeder Kurve denke, fahr doch gerade aus…

Ich versuche jetzt, was zu essen.
Das schaffe ich, diese Nacht.
Ein weiterer Tag.
Aber morgen MUSS es besser sein!

Pillen des Todes

Wenn das die einzige Option ist, die Chance zu erhöhen, dass der Krebs in den nächsten 5 Jahren nicht zurückkommt…
Ich erschiesse mich lieber.

Ich steh auf am Morgen, wunderbares Wetter. Freue mich auf das Wochenende, die Sonne, vielleicht mach ich doch noch Pläne.
Ich frühstücke genug, weil gestern hatte ich am Mittag keinen Hunger und Abends konnte ich mich für nichts entscheiden. Ich bin gespannt, was meine neue Stellvertretung heute macht. Es ist viel besser geworden mit ihr in der Schule!
Dann nehme ich die Pille des Todes.

In den darauf folgenden dreissig Minuten kurbelt wer das Rollo runter. In meinem Kopf.
Die Sonne scheint immer noch, der Himmel ist blau, aber das Licht kommt wie durch eine schmutzige Fensterscheibe nicht mehr zu mir durch.
Ich fahre los, bleierne Müdigkeit drückt auf meine Lider. Ich versuche mich zu konzentrieren, Autofahren ist extrem anstrengend, ich gähne. Gestern hatte ich frei und habe am Morgen 1,5h gedöst.
Ich bin so müde, vielleicht liege ich auch das ganze WE im Bett, wie letztes.
Nach der Arbeit fahre ich heim. Und heule. Ich bin so erschöpft. Menschlicher Abfall, denke ich. Was geht mich das Leben an, was die Sonne, der Herbst. Ich bin in einer grauen Wolke abgetrennt von allem.
Wenn ich jetzt den Lenker rumreisse, passiert dann überhaupt was? Fühle ich noch was? Oder bin ich schon nicht mehr da. Ich fühle nicht, dass ich noch da bin.
Nicht, dass ich sterben wollte, dazu müsste es sich erst nach Leben anfühlen. Und Schmerzen fühlen sich nach Leben an, nicht? So ein Spitalbett und keine Entscheidungen treffen müssen. Wenn ich mich nicht vor dem Frühstück anziehe, dann kann ich mich nicht mal mehr für ein T-Shirt entscheiden.
Ich zwinge mich in ein Kaffee zu gehen. Das fühlt sich gut an. Auch das Schwimmen. Bis die Wolke sich wieder senkt. Als würde ich das Glück berühren und es zerrinnt mir zwischen den Fingern wie Sand.
Ich sehe Bekannte in der Stadt und verstecke mich. Möchte niemanden sehen, geht mich alles nichts an. Ich schäme mich für mich. Ihr habt das Licht, ich nur die Wolke.
Ich lese. Und lese den Satz nochmals. Nochmals. Dann leg ich das Buch weg und starre an die Zimmerdecke. Bücher wurden für andere geschrieben. Nicht für mich.
Und wo sind die Farben hin? Ich mache Fotos, damit ich sie sehe. Ich sehe den blauen Himmel, die leuchtenden Blätter, aber ich fühle sie nicht. Ich decodiere ein Stilleben namens Welt.

Sind die Kinder da, dann koche ich und würge was runter. Manchmal verstecke ich mich, um zu weinen. Aus Verzweiflung, weil ich nichts mehr will und dafür habe ich nicht gekämpft. Weil ich mein eigener Ballast bin.
Wenn ich abends ins Bett gehe, dann denke ich: Ein Tag weniger!

Am Morgen wunderschönes Morgenrot. Ich bin hungrig, hatte gestern nur Salat, freue mich auf den Kaffee und am schönen Wetter. Vielleicht wird heute ja besser! Bestimmt! Jetzt fühle ich mich ja gut.
Etwas kraftlos, aber zuversichtlich.
Dann nehme ich die Pille des Todes und die Jalousie wird runtergekurbelt, meine Lider werden schwer und ich unendlich müde. So wahnsinnig müde, dass ich nicht weiss, warum ich mir überhaupt Frühstück gemacht habe und für wen die Sonne da draussen am Himmel… Und würde ich Schmerzen spüren, wenn ich jetzt da vorne in die Leitplanke…?

Morgen wird vielleicht doch besser. Heute im Lehrerzimmer las ich die Mail aus dem Spital:
Tamoxifen sofort absetzen!
Ich blinzle meine Tränen weg und warte, bis ich genug Energie für den Heimweg habe.
Also noch heute rumkriegen und auf der Strasse bleiben.
Und Morgen, vielleicht übermorgen.
Wieder mal überleben versuchen und
zurück auf Feld eins im Sterbebingo.

tbc

Sorry, meins.

Heute im Wartezimmer war eine Mutter mit Kinderwagen und einem etwa zweijährigem Mädchen. Beide dunkelhäutig, farbige Kleider, die Mutter mit Kopftuch, das Mädchen mit Zöpfen.
Ich wollte raus und das Mädchen schaut mich mit grossen Kulleraugen an, zum Skateboard, zu mir, zum Skateboard.
Dann kommt sie, dreht an den Rollen und als ich raus gehen will kommt sie mit.
Ich gehe zurück, sie kommt zurück.
Da lege ich ihr das 🛹 auf den Boden. Sie stürmt darauf zu.
Ich muss sie halten und platzieren, dann schiebe ich sie ein wenig rum.
Sie strahlt!
Ich stelle sie wieder runter. Winke und gehe.
Sie kommt mit.
Draussen fängt sie die Mutter ein.
Lautes Geschrei. Ich fahre davon.

So sorry.
Hoffentlich hast du mal dein Eigenes.

Erinnerte mich daran.

Hilfe in depressiven Phasen

Lego bauen

Das Einzige im Leben, bei dem alle Teile passen und alles nach Plan aufgeht.

Britische Kochshows gucken

Das ist ja an sich schon skurril. Und dennoch, die Zutaten haben immer die richtige Menge, Kuchen gehen auf, das Fleisch ist zart und die Kruste knusprig.
Alles geht leicht von der Hand!
Zumindest beim Zuschauen.

Rosamunde Pilcher

Nein. So schlimm ist es noch nicht!

Genau das!

Ich hatte immer gesagt, der Krebs kann mir nicht mein Leben nehmen, vielleicht bringt er mich um, aber das Leben nimmt er mir nicht.
Das konnte ich natürlich sagen, weil ich nicht bettlägerig Stage IV palliativ und austherapiert war. Und ich habe alles dafür gemacht, dass das auch so ist, für mich und mein Umfeld.
Und nun?
Nach Operation, 33 Bestrahlungen, 21 Infusionen Chemo in 1 1/4 Jahr, alles fertig. Soweit NED (oder wie mans nicht ganz treffend auf deutsch nennt: krebsfrei). REHA, Corona, zwei Trennungen, 3 Wochen Ferien ganz alleine ohne kids, alles überstanden. Lymphödem langsam besser, Zehennägel wachsen nach, Mund spuckt kein Blut mehr, die ersten Arbeitstage Stunden und die Luft ist raus.
Nix da mit Leben erobern: Hurra ich lebe noch, schaut her! 💃

Eher klebrig vorwärts robben, mich durch den Tag hangeln und mich fragen, wozu? Dazwischen der Wunsch, mich einfach wo hinfallen zu lassen und liegen zu bleiben. So als kurzhaariges Neutrum. Bald fallen ja eh die Blätter, decken mich zu. Fällt wohl nicht auf. Ich fehlte ja doch schon lange, alle lebten so gut ohne mich. Also, lasst mich doch.

Jetzt ist das Leben weg.

Ja. Genau das meinte ich damit. Ist das Leben nicht ein Arschloch? Hä?
Ja eben.
Danke.