🦀Bilderbuch

Hab ja sonst nicht viel zu tun, ausser die Scherben wegzuräumen, von allem was zerbrochen ist und wegzubrechen scheint und warten.
Ob und wann und wie ich wieder arbeiten darf, ob und wann und wie es mit diesem Ausnahmezustand weitergeht.
Also habe ich mir ein Buch mit meinen 🦀Bildern gemacht.

So zum Jubiläum quasi. Heute ist Freitag in der zweiten Schulwoche nach den Frühlingsferien. Letztes Jahr war das der Zeitpunkt der ersten Chemo. Auch wenn es vom Datum her noch ein paar Tage geht bis zum exakten Jahrestag.
Deshalb nur ein Quasi-Jubiläum.

Vielleicht sollte ich mir heute einen Campari Soda gönnen. 🤔 (Schön in der gleichen Farbe wie die Infusion)

Kopftuch gut – Herz schlecht

Bei der Chemo letzte Woche bekam ich ja nur Taxol (und zuerst den Magenschoner).
Es gibt zwei Räume für die Chemotherapie. Ein grösseres Zimmer mit sechs Plätzen und ein kleineres mit drei.
Das Grosse war vollbesetzt und entsprechend laut. Genau darum bin ich lieber im Kleinen.
Nur eine ältere Türkin war schon verkabelt. Sie wollte sich unterhalten und wir versuchten es mit Händen und Füssen, was nicht so einfach ist, wenn man an der Infusion hängt. Man muss immer aufpassen, beim Fuchteln die Schläuche nicht aus der Vene zu reissen.
Jedenfalls fand sie mein Totenkopftuch toll.

Sie: Du Tuch toll. Wo kaufen?
Ich: Nicht gekauft. Selbst gemacht.
Und ich nehme es vom Kopf und zeig ihr die halbprofessionellen Nähte.
Sie: Ah, gut, gut. Gut Tuch!

Wow, die ist auch noch Rock n‘ Roll drauf, dachte ich. Totenkopfkopftuch und ältere Türkin, ein Punk im Herzen.
Aber dann zeigte sie auf die unsäglichen Herzen mit den Aufmunterungsprüchen an der Zimmerwand und meinte Schön!  und wollte wissen, welches mir am besten gefällt.
Nein, wir haben nicht den gleichen Geschmack. Und eventuell waren die Totenköpfe aus der Distanz quer durchs Zimmer auch nicht erkennbar….

 

Chemotrain 2 von 4

So da ist er wieder vorbei gerauscht und ich versuche jetzt meine von der Neulasta-Injektion schmerzenden Knochen zusammen zu sammeln und von der Strasse zu kriechen.

Der Ablauf scheint sich – wie der Herr Onkologe schon voraussah – zu wiederholen. Einziger Unterschied, die Nebenwirkungen habe ich dank frühzeitiger Medi-Einnahme besser im Griff.

Freitag: So fit wie nie, auf in die Klinik. Rauf auf die Anhöhe. Ich werde an die Leine gelegt. Einmal Injektion bitte.
Es brennt etwas in den Venen. Die Nase kitzelt und der metallene Geschmack im Mund.
Den Rest des Tages inklusive Samstag fühle ich mich wie ein Araber-Hengst im Körper eines Shire-Kaltblüters. An einer leicht abschüssigen Stelle stehe ich als einziges Zugpferd vor einem Brauereigespann. Und was die Spitalapotheke da so zusammengebraut hat, weiss ich nicht, aber sie nennen es AC.
Will heissen, ich tänzle innerlich hyperaktiv und hochenergetisch während sich äusserlich beim Zugpferd und dem Brauereigespann wenig bis nichts tut.
Also ziemlich anstrengend. Das dürfte wohl das zusätzliche Cortison sein.

Sonntag gleicht sich das ein wenig aus: der Araber beruhigt sich und der Shire Kaltblüter schrumpft. Das Gespann kommt ins Rollen.

Am Montag gewinnt das Gespann plötzlich an Fahrt und der ganze Chemotrain rollt über mich weg.
Da lieg ich flach, aber immer noch mit klopfendem Herzen. Bin froh was zu Essen und das Essen auch drin zu behalten. Schleppe mich von Bett zu Sofa und bedauere mich, unfähig zu entspannen.
Der Wagen schleift mich eine kurze Strecke mit und schrappelt mich etwas über den Asphalt.

Dienstag übergebe ich mich kurz vor dem Frühstück, um dann bei den Programmpunkten von Montag weiter zu fahren.
Noch übler, wenn irgendwelche Termine sind, wie zu Beispiel eine Veranstaltung in der Schule, die mir dann so richtig vor Augen führt, dass alle ihr Leben leben, während jemand bei mir den Pausenknopf gedrückt hat. Auf stand-by bis auf weiteres. Ich häng dann mal hier unten an meinem Chemotrain. So long.

Am Mittwoch ist die Übelkeit quasi weg. Das Herzklopfen auch. Kein Cortison kommt mehr dazu. Müdigkeit herrscht vor.
Der Zug ist über mich weg gerollt und ich robbe von der Strasse. Ich versuche den Rest Galgenhumor vom Asphalt zu kratzen, der mir kurzfristig abhanden gekommen war. Und ich freue mich über jeden Meter, den ich fort komme. Über jedes Essen, das wieder schmeckt. Und darüber, dass ich nicht jeden Morgen die komplette Bettwäsche neu waschen muss.

Bis zum nächsten Chemotrain in knapp 10 Tagen.

Kardiologie: Die sezierte Paprika

Da die Chemo im schlechten Fall das Herz in Mitleidenschaft ziehen kann, muss erst mal der aktuelle Zustand genau untersucht werden.

Leider war ich müde, sehr müde. Im Wartezimmer bin ich fast vom Stuhl gekippt.
Dann erst EKG und mit dem Zettel in der Hand auf die Untersuchung warten.

Ich muss mich seitlich auf die Bahre legen, schön Herz über Loch in der Liege. Der Arzt komme bald. Ich kriege noch ein warmes Tuch, wie beim Wellness.
Er kommt leider nicht so bald, entschuldigt sich, als er mich aus meinem Schläfchen weckt.
Dann arbeitet er sich Kammer für Kammer durch mein Herz. Die Pumpen und die Klappen zappeln.
> Sehen Sie, das ist wie eine Paprika. Hier kommt das Blut rein und wird dort weiter gepumpt. Und so mit Farbe kann ich sehen, ob die Klappen dicht schliessen.

Meine Güte ist das Herz fleissig. Ich glaube, Herzschmerz sollte man möglichst umgehen, gibt schon so viel zu tun.
Hochkonzentriert schiesst er unglaublich viele Bilder.
Ist das nun schon wieder distanzierte Professionalität?

>Alles in Ordnung?
>Ja, alles gut. Ich muss einfach alle Ansichten haben. Also die Paprika…. (er zeigt es mit den Händen)
>Sie sezieren die Paprika.
>Genau!

Herz gesund. Na immerhin. 🙂