🦀Bilderbuch

Hab ja sonst nicht viel zu tun, ausser die Scherben wegzuräumen, von allem was zerbrochen ist und wegzubrechen scheint und warten.
Ob und wann und wie ich wieder arbeiten darf, ob und wann und wie es mit diesem Ausnahmezustand weitergeht.
Also habe ich mir ein Buch mit meinen 🦀Bildern gemacht.

So zum Jubiläum quasi. Heute ist Freitag in der zweiten Schulwoche nach den Frühlingsferien. Letztes Jahr war das der Zeitpunkt der ersten Chemo. Auch wenn es vom Datum her noch ein paar Tage geht bis zum exakten Jahrestag.
Deshalb nur ein Quasi-Jubiläum.

Vielleicht sollte ich mir heute einen Campari Soda gönnen. 🤔 (Schön in der gleichen Farbe wie die Infusion)

Innere Bilder: Chemo-Männchen im Einsatz

Ich brauche immer innere Bilder für Vorgänge. So habe ich auch meine Bilder, wie die Chemotherapie abläuft.
Ich stelle mir eine ganze Truppe von Chemo-Männchen vor, die mit Hammer und Pickel am Tumor herum klopfen. Alle tragen die gleiche weisse Kleidung: Latzhosen, Stiefel, Basketballkappen. Eigentlich sind es uniforme Comic-Figuren. Nur bei der Arbeitsausrüstung gibt es Unterschiede: Hammer, Pickel, Brecheisen.
Das Gesicht ist ausdruckslos und da sie alle etwas unterbelichtet sind, gehen sie leider nicht nur auf den Tumor los, sondern auch auf andere Zellen, die sich schnell teilen, wie die Schleimhäute und die Haare.
Immer nach der Infusion merke ich, dass sich etwas am Tumor tut. Der Onkologe meinte, dass es schon zu Entzündungsreaktionen kommen kann, wenn die abgestorbenen Krebszellen abtransportiert werden.
Ich stelle mir vor, wie die weissen Männchen mit ihren Gerätschaften auf den Tumor einhauen. Erst hatte ich nur das Bild von Staub und Sand, der weg bricht, inzwischen sind es kleine Stücke und Brocken, die sich dann zu Staub auflösen und vom Körper abgebaut werden. Das ist das, was ich spüre.
Und da die jetzige Chemotherapie auch die Nerven in den Fingern und Zehen angreifen kann, stelle ich mir Nervenbäume vor. Verästelungen, wie man sie auf anatomischen Zeichnungen sieht. Sie bewegen wie ein Baum die Äste im Wind, schütteln sich. So können sie die Chemo-Männchen, die ihre Pickel auch dort reinhauen wollen, abschütteln. Die fallen runter und bleiben zappelnd auf dem Rücken liegen.

Ob das was hilft? Wer weiss. Ich leide auch an dem Raynaud-Syndrom, auch bekannt als Leichenfinger-Syndrom. Eigentlich etwas, das vor allem sehr junge, sehr schlanke Frauen kennen würden, meinte mein Arzt. Ich bedankte mich schon mal so halb für das Kompliment (ohne ‚eigentlich‘ wäre es eins gewesen…).
Ist es kalt und/oder bin ich sehr gestresst, dann werden meine Fingerkuppen weiss und blutleer. In einer schlimmen Phase konnte ich nicht einmal die Milch aus dem Kühlschrank nehmen, ohne weisse, blutleere Flecken an den Fingerkuppen zu kriegen.
Sind die Finger erst mal weiss, werden sie auch nicht so schnell wieder durchblutet, selbst wenn ich sie mit warmem Wasser abspüle.
Aber weitaus schneller hilft, mir vorzustellen, wie die Wärme und das Blut zurück in die Finger fliesst. Ich konzentriere mich und versuche alle Wärme zurück zu schicken. Und wenn ich das mache, kann ich zuschauen, wie sich die Farbe ihren Weg zurück in die Fingerkuppen bahnt. Wie sich das Blut wieder ausbreitet.
Sicher gibt es dafür eine esoterische oder eine medizinische Erklärung: Visualisierung oder Entspannung.
Aber ich brauche keine Erklärungen. Hauptsache es hilft mir. Und wenn es dort hilft, warum soll so ein Bild nicht auch jetzt helfen?
Zumindest hilft es mir im Umgang mit der Krankheit.
Welche Bilder es wohl noch gibt? Habt ihr welche?

Nur seit Freitag, da hatten einzelne Chemo-Männchen ein Werkzeug-Upgrade.
Einige sind nun mit Flammenwerfer unterwegs und brutzeln damit den Tumor weg.
Aber das Upgrade könnte einen Zusammenhang damit haben, dass ich am Donnerstag den neuen Tarantino-Film im Kino gesehen habe. 😉

Erst💩 dann Olé💃

Zuerst gestern der Frust. Da ich quasi Beamte bin, wird ein Case Management zur Reintegration in die Arbeitswelt eingerichtet.
Ist ja durchaus sinnvoll.
Aber sich mitten in der Chemo schon wieder mit Reintegration beschäftigen? Schon nur das Wort zu hören…
Und: Ich muss die Anmeldung für die Invalidenversicherung ausfüllen. Wer weiss, wenns dann eine Rente braucht oder eine Massnahme zum Wiedereinstieg…🙈
Ich weiss, die Versicherungen arbeiten sehr langsam, darum.
Aber es hilft nicht gerade, wenn man mitten in der Chemotherapie steckt, noch Operation und Bestrahlung vor sich hat, sich nicht wie Alteisen in dem Güterwagen auf dem Abstellgleis zu fühlen.

Aber jetzt: OLÉ 💃
Halbzeit! 6 von 12 Chemos sind geschafft!

Und: OLÉ OLÉ 💃💃
Ich kann den Tumor nicht mehr tasten. Der Onkoonkel auch nicht. Er ist weg!

Wahrscheinlich noch nicht total, aber es geht ihm an den Kragen, OLÉ! 💃💃💃

Dunkle Wolken

Manchmal habe ich das Gefühl, zu verschwinden. Fürs Leben unsichtbar geworden zu sein. Das zieht an mir vorbei. Wie ein langer Fluss und ich stehe am Ufer.
Die anderen ziehen mit, lassen sich treiben im Wasser, winken und ich werde hier fest gehalten.
Als Geisel der Krankheit.
Ich muss froh sein, wenn ich meine Füsse ins Wasser halten kann und auch etwas von der Strömung spüre. Und dann ziehe ich sie wieder raus und warte, darauf, dass sie trocknen und darauf, dass das irgendwann einmal vorbei ist.

Dann habe ich die Schnauze voll. Und ich frage mich, wozu das alles. Wozu mich mit Chemo vergiften lassen, wenn ich nicht mal weiss, ob ich je wieder ich selber sein werde. Wer ich sein werde, wenn dieser Krebsmarathon endlich vorbei ist.
Die Glatze nervt, die 1000 Tücher, die ich habe, helfen dann auch nicht.
Und immer optimistisch. Und jaja, das wird schon alles gut.
Wer bist du? Gott? Ein Wahrsager? Woher willst du das wissen?
Es wird NIE alles gut. Nie ALLES.
Weil, das ist das Leben und das geht ja sowieso unweigerlich auf den Tod zu.
Wenn man Glück hat, dann lebt man als Kind unbeschwert in den Tag und alle Türen stehen einem offen. Wenn man Pech hat, dann nicht mal als Kind.
Wird man älter, so werden einem immer mehr Türen vor der Nase zugeknallt. Und ja, ich suche immer wieder neue.  Versuche es.
Sonst.
Heute nicht.
Heute bin ich müde, so unendlich müde.
Lasst mich bloss alle in Ruhe.
Denn ich bin sowieso allein. Krank ist man immer nur allein.
Und einsam.

Ich habe die Nase voll von Mitleid und Anteilnahme. Von Hilfe und Betroffenheit.
Ich will meine Unabhängigkeit zurück.
Ich will mein Leben zurück.
Ich will wieder ich sein.