Künstliche Intelligenz – my ass

Oder Algorithmen, whatever!
Mein Grosser mag ja Fan sein und seine Neuronen trainieren mit dem Ziel, mal bei G**gle zu arbeiten, ich nicht.
Es reicht schon, wenn mich Faceb**k an die Freundschaft mit meinem Vater erinnert, der vor zwei Jahren verstorben ist.
Oder kurz nach Trennung_1 Urlaubsbilder mit dem Ex hochfährt.
Nun schickt mir P*nterest ständig Pinnwand-Vorschläge für: Glatzenbilder und Ultra-Kurzhaarfrisuren…. 🙈🙈
Glücklicherweise hab ich dort nie OP- oder IV-Bilder gesucht.

Kein Wunder habe ich verschiedene Online-Identitäten. Für das Internet generell und für KI im Besonderen sind wir immer nur Vergangenheit.

Ziemlich verlegen und fast verstummt

Mein Onkodoc kann auch fast sprachlos:

Er: Hier noch ihre Verordnung und die nächsten Termine.
Ich: Danke. Und hier noch ein Geschenk für sie.
Er: Ach?
Ich: Nun ja, gestern vor einem Jahr hatte ich meine erste Chemo. Jubiläum, Taraaa! 🥳
Und ich habe ja das ganze Jahr in der Behandlung gezeichnet und nun ein Buch daraus gemacht. Das kriegen sie jetzt.
Er: Oh!
Ich: Diejenigen die das Werk bis jetzt gesehen haben, hatten teilweise ein schmerzverzerrtes Gesicht… 😬
Er: Muss ich erst Alkohol trinken, bevor ich es mir anschaue? 🤔
Ich: Wie sie wollen. Meine Kids findens nicht so schlimm, aber die kennen ja meine Bilder. Und sie als Arzt, sie sollten sich sowas gewöhnt sein, nicht? Sie kennen ja die Behandlung. Soooo schlimme Sachen sind und auch nicht drin…
Er: Nicht?
Ich: Vielleicht die abgehackte Hand. Die hab ich ja eh für sie gezeichnet. Nun, ja. Und viele glatzköpfige Frauen!
Er: Das ist nicht verwunderlich.
Ich: Und oben ohne sind sie auch.
Er: Da gibts Schlimmeres! 🤭 Oh. Darf ich das sagen?
Ich: Durchaus! Da bin ich ganz bei ihnen. 😁
Er verlegen hinter der Maske: Also, ähm, ah.. vielen Dank!

 

 

🦀Bilderbuch

Hab ja sonst nicht viel zu tun, ausser die Scherben wegzuräumen, von allem was zerbrochen ist und wegzubrechen scheint und warten.
Ob und wann und wie ich wieder arbeiten darf, ob und wann und wie es mit diesem Ausnahmezustand weitergeht.
Also habe ich mir ein Buch mit meinen 🦀Bildern gemacht.

So zum Jubiläum quasi. Heute ist Freitag in der zweiten Schulwoche nach den Frühlingsferien. Letztes Jahr war das der Zeitpunkt der ersten Chemo. Auch wenn es vom Datum her noch ein paar Tage geht bis zum exakten Jahrestag.
Deshalb nur ein Quasi-Jubiläum.

Vielleicht sollte ich mir heute einen Campari Soda gönnen. 🤔 (Schön in der gleichen Farbe wie die Infusion)

Bild: So!

Fühlt es sich an, wenn man 9 Monate durch die Krebsmangel gedreht wird: gezerrt, geritzt, gehalten, gestützt.
Aber immer ausgeliefert.

Das Bild entstand in der Reha, in einem wunderschönen Atelier, in das man auch ausserhalb der Therapien gehen konnte. Leider war ich abends häufig zu müde dazu, ich hätte es viel mehr nutzen wollen.

Eigentlich hätte es ein letztes Krebsbild werden sollen, wurde es dann noch nicht. Aber das, was die Behandlung für mich zusammenfasst. Das Original ist so gross, wie ein Werbeplakat: A0.
Und natürlich nicht zerstückelt.

Ich bin gespannt, wann die Frauen auf meinen Bildern nicht mehr glatzköpfig und barbusig sind.
(Ich bin beides nicht mehr).

On my Board: Bald but Beautiful 👩‍🦲🛹✌🏻

Skatelesson im Park.
Ok.
Mini-mini-mini-Skatelesson.
Aber immerhin.

Die Physiotherapiehalbstunde ist ausgefallen, also spontan Koordination und Gleichgewicht im Park trainiert.
Und das geht im Moment nicht alleine. Meine Kondition ist übel, meine Angst zu stürzen gross. Nach 5 Kickturns muss ich mich ausruhen. 🙈
Aber he! Ich war im Park!!!! 💪🏻💪🏻💪🏻
Ansonsten ist es im Moment nur viel zu heiss für alles.
Mit meinem tiefen Blutdruck ist mir schon in gesundem Zustand alles über 25° Grad zu heiss. Und jetzt?
🥵🥵🥵
Glücklicherweise ist mein Haus über 100 Jahre alt = dicke Mauern und schön kühl.

Heute gehts zur 3. Chemo der 2. Phase. Das wäre dann schon 1/4 geschafft.

Und vom Knoten kann ich bereits nicht mehr viel tasten…. 🤔
Kann das sein?
Können wir dann aufhören mit Chemo, bitte? 🙏🏻
Wohl kaum.
🤷‍♀️

PS: Lieber Herr Onkologe, Glatze trug ich natürlich nur fürs Foto. Ansonsten 👷‍♀️.
Versprochen! 🤞🏻

PPS: Diese Emojiflut ist hitzebedingt. Mein Hirn ist niedergegart. 🧠🔥

PPS: Auf in die Klinik. Jetzt!

PPPS: Nachtrag: Weicher ist der Tumor geworden und darum seine aktuelle Grösse schwer abzuschätzen, meint Herr Doktor.
Aber es geht was. 🦀💥🔫

Gespräche: Zombiefamilie

Kinderübergabe. Da ich zu Hause ja „oben ohne“ rumlaufe, steh ich ohne Kopfbedeckung vor dem Haus uns spreche mit dem Papa vom Kleinen und Grossen, als ein paar Kids mit dem Fahrrad vorbei fahren.

Ich: Oh nein! Jetzt verschreck ich noch die Kinder. So nur mit Glatze.
Kleiner: Hahaha, Mami das Glatzenmonster!
Der Grosse nimmt die Arme hoch, macht den Zombie und röchelt: Chhhghhhhrrrgghh
Der Kleine nimmt die Arme hoch: Chhhgghhrrchhhhhg
Ich: Chhhrrrghhhhchhhhgg

Papa schaut irritiert vom Kleinen zum Grossen zu mir.

Frau Glatzi geht was trinken

Ab letzten Freitag Abend war ich  für zwei Tage permanent und penetrant gutgelaunt, einfach weil ich froh war, aus dem Spital raus zu sein. Auch wenn ich total übermüdet war.
Erst eine Nacht schlaflos wegen Kopf- und Bauchschmerzen und dann die nächste  bis zwei Uhr früh im Notfall rumliegen. Um drei bat ich auf der Station um etwas zum Schlafen, um sieben sass ich schon im Waagerollstuhl. Aber der Rest des Tages bestand dann hauptsächlich aus dösen, zeichnen, lesen, Musik hören mit gelegentlichen Störungen.

Ich hatte Glück zwar, ich bekam ein Zimmer im dritten Stock und ein Bett direkt am offenen Fenster. Aber sonst ist es im Moment so abartig heiss, dass ich mich im Spital entschloss, endlich mal ohne Kopftuch – oben ohne – zu gehen. Ist ja eh Spital. Die müssen das ab können.
Also sass ich da mit Glatze. Bekam gefühlte 573 Komplimente für meine Kopfform. Seltsam, früher waren es Komplimente für meine dicke Haarpracht. Und ich fand immer meinen Kopf zu schmal und die Stirn zu hoch. Aber da die Stirn jetzt ja eh rundherum geht, kommts wohl nicht drauf an.

Ich wollte raus an dem Abend als ich entlassen wurde, etwas trinken gehen. Ich weiss nicht, ob das sinnvoll ist, aber ich musste den Spitalgroove wegkriegen. Ich schminkte mich – schön anwenden, was ich beim Schminkkurs für Krebskranke (sehr zu empfehlen!) gelernt hatte. Dann:
schwarzesTanktop, hellbeige Dickies, Silberarmspange, Silberring und grosse Silbercreolen im Ohr. Glatze als Mode-Statement.

Ich fuhr ultravorsichtig Rad. Weil, nochmals in den Notfall einen Abend später und erklären, dass man vom Rad gekippt ist, wäre voll unsexy.

Das beste Gingerale in der Stadt und der Barkeeper der aus tiefsten Herzen ruft: „Alle Haare weg? Voll geil!“
Das war die beste Reaktion ever. Wenn die erste Assoziation nicht „Oh Schreck“, sondern „voll geil“ ist.

Natürlich war ich det Hingucker als einzige Frau Glatzi. Die Blicke voll Neugier, weniger Zweifel, ob das jetzt krank oder Style ist.
Vor allem erstaunt haben mich die vielen bewundernden Blicke. Vor allem von Frauen.
Wofür?

Kopftuchblicke: Eine Typologie

Eigentlich dachte ich, wenn ich nur noch mit Kopftuch herumlaufe, dann sei das quasi ein automatisches Outing. Aber dem scheint nicht so zu sein. Eine Reaktion war: Nein, das ist nicht so klar. Du läufst ja auch sonst immer mal wieder crazy rum. Ah, ok. Danke. 🙂

Trotzdem gibt es vier verschiedene Möglichkeiten, wie das Umfeld auf mich als Kopftuchträger reagiert, also vier Reaktionstypen. Da diese Typologie beim Lebensmitteleinkauf am Vormittag entstanden ist, handelt es sich klischeegetreu um rein weibliches Publikum.

Die Zweifelstalkerin: Sie guckt in der Gemüseabteilung und guckt beim Brot und dann guckt sie noch einmal verstohlen um das Regal bei den Keksen und fragt sich dabei: Ist das nun Style oder ist die Frau krank? Fragen würde sie nie, selbst wenn sie mich kennt. Das muss sich doch rausfinden lassen!

Die Betroffene: Ein Expertenblick genügt und ihr sackt das Gesicht eine Etage runter. Dann wendet sie sich ab. Offenbar war sie selbst einmal vom Krebs betroffen, direkt oder in der Familie.

Die Unbedarfte: Sie lacht mich an. Mustert mich von Kopf bis Fuss. Einmal kompletter Bodyscan. Ah, cooler style. Muss ich auch mal tragen, so ein Tuch passend zur Hose.

Die Filterblinde: Sie sieht mich nicht. Kopftuch wird ausgeblendet. Es gibt ja einen Unterschied, zwischen nicht anschauen und nicht sehen.
Gewisse schwule Männer haben  das bei Frauen oder es gibt auch Männer, deren Zensurfilter bei Frauen mit Kinderwagen anspringt. Man hinterlässt plötzlich nichts mehr auf der Netzhaut des Betrachters, man wird unsichtbar.
So auch die Filterblinde. Sie hat einen Kopftuchfilter eingebaut und manchmal frage ich mich, ob das wohl ein unbewusstes politisches Statement ist. 🤔
Besonders wenn die Filterblinde mich eigentlich kennen müsste.