Jahrestagsverjährung

Gibt es sowas? Ein Bilanzierungsstop?
Schon ja. Bestimmt.
War ja nach der Trennung von meinem Exmann auch so. Oder nach dem Tod meines Vaters.
Er wird kommen, auch nach Krebs.
Irgendwann schaltet das Hirn nicht mehr automatisch an bestimmten Daten oder Orten auf Vergangenheit und berechnet Zeit- und Gefühlsdistanzierung.

Wobei es einige Bilanzen gibt, die im schwarzen Bereich liegen. So meine Energie, die nach acht Stunden Leutetrubel noch für den gemütlichen Teil reicht, nicht mehr nur für das Sofakoma.
Und ich fühle mich im Vergleich in vielen Situationen, obwohl jetzt alleine, viel weniger einsam, als ich es in der Beziehung war. Mit einem Freund hinter spontanhochgezogenen Mauern.
Nur manchmal weht so ein Wehmutshauch. Weil Momente der innigen Verbundenheit gab es natürlich auch.
Doch der weht und vergeht.

Es ist gut so.

Genau das!

Ich hatte immer gesagt, der Krebs kann mir nicht mein Leben nehmen, vielleicht bringt er mich um, aber das Leben nimmt er mir nicht.
Das konnte ich natürlich sagen, weil ich nicht bettlägerig Stage IV palliativ und austherapiert war. Und ich habe alles dafür gemacht, dass das auch so ist, für mich und mein Umfeld.
Und nun?
Nach Operation, 33 Bestrahlungen, 21 Infusionen Chemo in 1 1/4 Jahr, alles fertig. Soweit NED (oder wie mans nicht ganz treffend auf deutsch nennt: krebsfrei). REHA, Corona, zwei Trennungen, 3 Wochen Ferien ganz alleine ohne kids, alles überstanden. Lymphödem langsam besser, Zehennägel wachsen nach, Mund spuckt kein Blut mehr, die ersten Arbeitstage Stunden und die Luft ist raus.
Nix da mit Leben erobern: Hurra ich lebe noch, schaut her! 💃

Eher klebrig vorwärts robben, mich durch den Tag hangeln und mich fragen, wozu? Dazwischen der Wunsch, mich einfach wo hinfallen zu lassen und liegen zu bleiben. So als kurzhaariges Neutrum. Bald fallen ja eh die Blätter, decken mich zu. Fällt wohl nicht auf. Ich fehlte ja doch schon lange, alle lebten so gut ohne mich. Also, lasst mich doch.

Jetzt ist das Leben weg.

Ja. Genau das meinte ich damit. Ist das Leben nicht ein Arschloch? Hä?
Ja eben.
Danke.

Oh hello again

Na, das ging ja lange, bis ich es gecheckt habe. Ja Tinkakartinka, du kannst nicht alles. Nein.
Erst dachte ich, die Erschöpfung. Kein Schlaf, kein Wunder, begann doch grad der Arbeitsversuch.
Und wer hat schon Hunger, bei dieser Hitze? Da möchte man sich doch den ganzen Tag im Bett verkriechen und niemanden sehen – ist ja nett kühl im Haus.
Und das man sich mal wie der letzte Dreck fühlt, na das kommt halt vor! Und wie Abfall, seelisch und körperlich defekt und beschädigt, wertlos.

Mein emotionales Gleichgewicht zu finden, absorbierte meine ganze Energie. Und am Samstag hatte ich auch 3 grossartige Stunden, am Sonntag hart erarbeitete 2h Zufriedenheit und gestern deren drei. Vom Rest spreche ich lieber nicht.
So viel Seelenhygiene wie ich betreibe, müsste ich innerlich rein erleuchten. Mach ich aber nicht.
Tja. 🤷‍♀️
Hello again. Hast ja lange auf dich warten lassen – in Anbetracht der Umstände…
Nun, um mich den ganzen Tag, das restliche Leben unter der Bettdecke zu verkriechen, dafür hat sich das letzte Jahr also definitiv nicht gelohnt!
☠️

Das Runde passt nicht ins Eckige

Wer bin ich?
Fragte ich mich vor einem Jahr, als ich mich so ohne Haar im Spiegel sah.
Wer bin ich? Frage ich mich heute.
Gestern habe ich meinen Ex-Freund getroffen. Das war gut, war schön, war erhellend. Ich hatte das Gefühl, ich sehe ihn zum ersten Mal ganz klar, wie er ist, in seinem Innersten. Fernab von allen Rollen und Kleidern, Federn und Reden, Verstrickung und gemeinsamer Vergangenheit. Und das erklärte, warum er so ist. Sein widersprüchliches Verhalten und seine wechselnden Aussagen haben sich zu einem kongruenten Bild für mich zusammengefügt. Das war gut für mich. Ein Abschluss.
Und doch.
Die Nacht kaum geschlafen. Mich gefragt, wer ist dieser Mann, den ich so geliebt habe. Warum habe ich ihn so geliebt? Ist das der Mann? Und war ich das? Welches ich denn?
Gibt es dieses ich noch?
Und dann kam plötzlich die Trauer. Wie ein Hammer aus dem Nichts streckte sie mich nieder. Die Trauer um den Verlust der Unschuld.
Was habe ich alles verloren in diesem letzten Jahr!
Die Unbeschwertheit, die Gesundheit, ein Gefühl für Zeit, viel Zeit, viele Jahre. Verloren auch eine Unruhe, ein Getriebensein, den Drang, es allen Recht machen zu müssen, von allen gemocht zu werden. Verloren einen unversehrten Körper, Schmerzfreiheit, meine Selbstbestimmtheit. Und die Verbindung zur Welt, irgendwie, zu meiner Welt ausserhalb der Krebsblase. Zu meinen Arbeitskollegen, der Arbeit, zu Freunden, zu Dingen, die mir wichtig waren, die Spass machten. Zu Themen, die anderen wichtig sind.
Dieser Moment im Lehrerzimmer, als ich in die Runde schaute, sah, wie sie sich alle freuen, dass ich wieder da bin und so „gut“ aussehe und dachte: Die sind alle bloss ein Jahr älter geworden. Und ich wurde einmal durchs Universum geschleift.
Dieser Moment sitzt mir noch in den Knochen.

Auch weil ich merke, dass ich nicht einfach anknüpfen kann. Zum Beispiel interessieren mich viele Gesprächsthemen im Moment sowas von nicht, viele „Probleme“.  Eigentlich möchte ich dann nur aufstehen und weglaufen. Diese Profilierungsneurosen, das Erzählen persönlicher Heldentaten fand ich schon immer anstrengend, aber meine Toleranz ist quasi verschwunden. Vielleicht bin ich nicht mehr soziabel? Bin ich jetzt anormal? (Also mehr als vorher, weil ich war ja noch nie ganz so 0815…)
Und dann ist da diese Trauer, diese immens grosse Trauer!

Das Trauern beginnt wohl erst jetzt. Der Abschied von der früheren Tinkakartinka.
Ich habe gehört, dass der Moment kommt. Auch wurde ich gewarnt davor, dass der Abschluss der Therapie nicht einfach ist. Eben weil man während der Therapie ja einfach dauernd weiter rennt. Von Termin zu Termin von Therapie zu Therapie, hangelt man sich von Infusion zu Schmerz zu Nebenwirkung zu Medikament und wieder zurück auf Position 1.
Damals dachte ich, sie sprechen von der Angst vor einem Rezidiv oder von den Nebenwirkungen, der Müdigkeit. Aber eigentlich fühle ich mich grad etwas aus der Welt gefallen, beziehungsweise nicht mehr dazu passend.

Kennt ihr dieses Holzspielzeug für kleine Kinder? Eine Sortierbox, im Deckel sind Bildschirmfoto 2020-06-28 um 13.01.48verschiedene Öffnungen eingelassen: Quadrat, Kreis, Rechteck, Dreieck…. Und man muss das passende Klötzchen in die passen Öffnung kriegen.
Ich war vorher ein oranger Würfel und bin nun ein roter Zylinder. Und alle sagen: Oh! Der orange Würfel ist wieder da! Guck, da ist dein Platz.
Und versuche mich einzupassen:
Klonk, Klonk, Klonk!
Und das geht einfach nicht.

So etwa fühlt es sich an.
Vielleicht schleift sich diese Gefühl ab mit der Zeit. Oder die Öffnung.
Vielleicht muss ich mir auch eine andere Passung finden.
Und auch die Trauer wird vorbei gehen. Sie wird in Wellen kommen, mich umhauen, abebben, meine Knie umspülen und irgendwann ganz vorbei gehen. Aber erst muss sie da sein und Platz haben.
Ich weiss.

Sorgen wegtanzen

Nun, jetzt darf ich wieder zur Arbeit. Es tat gut, die Klasse zu sehen, die Verbindung war sofort wieder da. Es war anstrengend, ich bin mir so viele Menschen nicht mehr gewohnt. Ich verstehe auch, weshalb ich nicht hindurfte. Mir folgen sie auf ein Augenzucken. Der Stellvertreter muss richtig ackern. Obwohl er sich Mühe gibt, spüre ich da keine Verbindung.
Es war schön, wieder dort zu sein.  Aber…
Aber.
Das Bekannte ist fremd. Oder weit weg. Alles ist so weit weg, selbst wenn ich jetzt wieder dort bin. Mein Ich vor der Krankheit ist auf einem andere Kontinent, als mein Ich jetzt ist. Sehen das die anderen?
Einer sprach mich an. Meine Ausstrahlung… Ich sähe so anders aus.

Vieles ist weit weg. Das habe ich heute wieder gemerkt auf dem Weg in den Park. Ich war in einem Quartier, in dem ich ins Gymnasium ging. Ich erinnere mich genau, an meine Träume, meine Kämpfe, meine Unsicherheit. Und wenn ich – sagen wir vor 3 Jahren – diese Strassen entlang gefahren bin, so habe ich einen grossen Teil davon noch gespürt. Gepaart mit einer Trauer, um die Träume, die  zerbrochen, die Naivität, die an den Klippen des Lebens zerschellt.
Das fehlt.
Ja, ich weiss, wer ich war. Wie unsicher. Wie suchend. Ich weiss, was ich alles verloren habe auf dem Weg, gesucht und wer weiss, ob ich es je finden werde. Aber das ist keine Trauer. Manchmal etwas Melancholie. Besonders in lauen Sommernächten, diese nun alleine geniessen zu müssen. Aber vor allem ist da Ruhe.
Eine Art Glück.
Diese Freude, am Leben zu sein.
Manchmal kommen mir die Tränen, wenn ich den Mond sehe. Einfach weil er da ist und ich ihn noch sehen darf.
Und dann sauge ich das Bild in mich auf, vielleicht, wer weiss das schon, was morgen ist.
In der Reha hatte ich geweint, als ich das erste Mal spazieren ging. Geheult wie ein Schlosshund. Der Schnee, der glitzernde Fluss in der Sonne und die Berge. Ich war so überwältigt, dass ich das erleben kann und kam mir dann armselig vor, wegen sowas zu weinen.
Jetzt nicht mehr. Wer kann sich schon so an einer Mondsichel zwischen zwei Tannen freuen, wie ich. In meinem Alter.

Da fuhr ich heute in der Strassenbahn durch diese Strassen, durch die ich magersüchtig gestakst bin, unsicher, immer falsch, am falschen Ort. Ein Entwurf nur, eine Skizze, unfertig und mangelhaft. Hingeworfen in die falsche Familie. Und ich empfinde nur Ruhe. Und Frieden.
Dann sage ich mir, he, belüg dich doch nicht! Du bist noch in der Krebstherapie, alleinerziehend, kürzlich verlassen, kämpfst um einen realistischen Wiedereinstieg in die Arbeit. So hattest du das nicht geplant!!!
So nicht.
Ich frage mich, was mein früheres Ich zu mir sagen würde, das durch diese Strassen Staksende, wenn es wüsste, was da alles noch kommt. Verzweifeln würde es, glaube ich.
Und doch.
Trotz allem, wäre es gerne ich. Weil ich in mir Ruhe.

Nicht immer.
Heute habe ich so einen gescheiten Spruch gelesen. Zusammengefasst hiess der: Ich möchte für dich der Freund sein, der da ist. Der dir die Hand reicht, der dir hilft. Du musst nicht immer alles alleine tragen. Da draussen ist eine Welt, die dich braucht und liebt. Du bist nicht allein.
Und da habe ich auch geheult. Weil so jemanden möchte ich gerne mal haben.
Einmal in meinem Leben.
Viele Nächte habe ich die letzten Wochen schlecht geschlafen, weil ich mich aus der Arbeit raus gemobbt fühlte, abgeschnitten vom Leben. Alle lassen mich Kranke links liegen. Weil ich nicht lustig bin. Weil ich störe, weil ich noch nicht funktioniere. Weil jeder sich in seinem eigenen Universum nur um sich selber dreht.
Das macht auch dieses „aber“-Gefühl aus. Alle sind noch gleich, nur ein Jahr älter. Ich bin einmal quer durchs Universum geschleift worden. Musste mich zusammen sammeln, flicken, aufrichten.
Und bin jetzt müde manchmal, krank, zweifelnd. Aber genauso, wie ich bin.
Ich will nicht mehr sein, wie früher, als ich jünger war.
Und ich hoffe, dass ich das möglichst behalten werde. Auch wenn es unbequem für mein Umfeld ist. Und für mich dadurch auch. Mich vielleicht einsam macht.

Abends sah ich diese Häuser, diese Strassen. Und war etwas traurig über all die Dinge, ich dich im letzten Jahr verloren habe. Und dennoch, ist da etwas dazugekommen, was ich mir nicht erklären kann.
Wurzeln vielleicht.
Endlich.
Zarte erst, aber sie wachsen.

Dann im Park, alles voll Sommerschwärmer.
Und ich nahm die Kopfhörer und hörte die anderen sagen, oh nein, so viele Leute, da kann ich doch nicht tanzen. Ich geh nach hinten.
Und ich dachte, das ist mir sowas von scheissegal!
Ich tanze.
Nach den anderthalb Stunden klopft mir jemand auf die Schulter: Entschuldige bitte, dass ich dich so angeguckt habe. Aber ich schaute dir so gerne beim tanzen zu!
Kein Problem. Ich habe es nur peripher mitgekriegt.
Wenn ich tanze, dann lebe ich.
Und ich hoffe, ich vergesse das nicht.
Tanz dein Leben!

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🦀Bilderbuch

Hab ja sonst nicht viel zu tun, ausser die Scherben wegzuräumen, von allem was zerbrochen ist und wegzubrechen scheint und warten.
Ob und wann und wie ich wieder arbeiten darf, ob und wann und wie es mit diesem Ausnahmezustand weitergeht.
Also habe ich mir ein Buch mit meinen 🦀Bildern gemacht.

So zum Jubiläum quasi. Heute ist Freitag in der zweiten Schulwoche nach den Frühlingsferien. Letztes Jahr war das der Zeitpunkt der ersten Chemo. Auch wenn es vom Datum her noch ein paar Tage geht bis zum exakten Jahrestag.
Deshalb nur ein Quasi-Jubiläum.

Vielleicht sollte ich mir heute einen Campari Soda gönnen. 🤔 (Schön in der gleichen Farbe wie die Infusion)

Wartebank

Ich bin weg.
Jeden holt es ein, wurde mir von der Psycho-Onkologin gesagt. Kaum jemand schafft es, nur optimistisch durch die Krebstherapie zu gehen.
Seit Montag hängen die Flaggen tief.
Und ich habe das Gefühl, zu verschwinden, nicht mehr zu wissen, wer ich bin.
Diese Krankheit überschattet alles. Und damit meine ich nicht die Symptome oder die Angst vor einem unguten Ende.
Vielleicht ein wenig.
Ich existiere nicht mehr unabhängig der Diagnose, unabhängig vom Krebs.
Ich kann mir nie entfliehen, mich nie finden, geschweige denn neu erfinden.
Ich erkenne mich nicht mehr wieder.

Ich sitze und warte. Ich gehe an meine Termine, Spital, Physiotherapie. Dann sitze ich wieder und warte.

Darauf, dass ich mir wieder begegnen kann.

Dunkle Wolken

Manchmal habe ich das Gefühl, zu verschwinden. Fürs Leben unsichtbar geworden zu sein. Das zieht an mir vorbei. Wie ein langer Fluss und ich stehe am Ufer.
Die anderen ziehen mit, lassen sich treiben im Wasser, winken und ich werde hier fest gehalten.
Als Geisel der Krankheit.
Ich muss froh sein, wenn ich meine Füsse ins Wasser halten kann und auch etwas von der Strömung spüre. Und dann ziehe ich sie wieder raus und warte, darauf, dass sie trocknen und darauf, dass das irgendwann einmal vorbei ist.

Dann habe ich die Schnauze voll. Und ich frage mich, wozu das alles. Wozu mich mit Chemo vergiften lassen, wenn ich nicht mal weiss, ob ich je wieder ich selber sein werde. Wer ich sein werde, wenn dieser Krebsmarathon endlich vorbei ist.
Die Glatze nervt, die 1000 Tücher, die ich habe, helfen dann auch nicht.
Und immer optimistisch. Und jaja, das wird schon alles gut.
Wer bist du? Gott? Ein Wahrsager? Woher willst du das wissen?
Es wird NIE alles gut. Nie ALLES.
Weil, das ist das Leben und das geht ja sowieso unweigerlich auf den Tod zu.
Wenn man Glück hat, dann lebt man als Kind unbeschwert in den Tag und alle Türen stehen einem offen. Wenn man Pech hat, dann nicht mal als Kind.
Wird man älter, so werden einem immer mehr Türen vor der Nase zugeknallt. Und ja, ich suche immer wieder neue.  Versuche es.
Sonst.
Heute nicht.
Heute bin ich müde, so unendlich müde.
Lasst mich bloss alle in Ruhe.
Denn ich bin sowieso allein. Krank ist man immer nur allein.
Und einsam.

Ich habe die Nase voll von Mitleid und Anteilnahme. Von Hilfe und Betroffenheit.
Ich will meine Unabhängigkeit zurück.
Ich will mein Leben zurück.
Ich will wieder ich sein.