Endspurt mit Durchhänger

Noch zwei Bestrahlungen.

Danach Freiheit, denke ich. Obwohl ich noch alle 3 Wochen zur Infusion auf die Onko muss. Aber immerhin ist die Chemo nicht mehr so belastend.
Und im Vergleich zum letzten Dreivierteljahr ist das Freiheit.

Ich merke, ich bin müde.
Ich bin esmüde, es „gut zu machen.“
Manchmal kann ich es nicht mehr hören: Du machst das gut! Du machst das so gut!
Ich habe heute keine Lust, es gut zu machen.
Auf mich zu schauen. Auf meine Kids. Verständnis zu haben für alle. Gut Essen, etwas Sport, regelmässig Entspannung, Bestrahlung, Wundpflege.
Alles gut.

Ich will mich um mich kümmern, nicht um andere, ihre Angst, ihre Sorgen und Launen.
Um mich,
nicht um den Krebs.

Spasstruppe

Man gewöhnt sich ja an jeden Scheiss. Echt jetzt.
Sogar daran, jeden morgen sich den Busen grillen zu lassen.
Zu Beginn sind die 33mal ein unheimlich hoher Berg. Kaum zu erklimmen. Besonders wenn man sich bereits nach zwei Wochen damit ausrüsten muss:

Seit Montag nun bin ich im Boost-Modus. Bestrahlung 2. Serie, nur noch das Tumorbett. Und das macht jetzt wusch und es ist vorbei. Noch 4 mal!

Und dann? Dabei sind die Bestrahler vom Polarkreis so schön aufgetaut. Richtig lustig wars heute.
Länger will ich trotzdem nicht… 😏

Sie mault hinter der offen Türe des Kontrollraums: Dann hör ich was, aber kein Mensch da!!!
Ich: Der Mensch ist hier. Der Mensch musste auf Toilette.
Gelächter aus dem Kontrollraum.
Sie kommt raus: Ja wissen Sie, ich höre das Klappern der Garderobe, aber dann sind sie weg. Niemand da.
Ich: Sehen sie mal. So schnell kanns gehen.

Später liege ich in Leggins, Docs, oben ohne, aber mit Mütze – ich hatte kalt – auf der Liege und atme nach Kommando.

Andere Sie: Einatmen, Ausatmen. Einatmen, Stopp! Nicht mehr atmen!
Sie: Jetzt haben wir noch eine Rotation. Sie drückt meine Schulter runter. Tritt zurück und kontrolliert.
Er: Ja. Ruckelt mich zurecht. Schaut.
Sie zieht an der Auflage: Hm. Ja.
Ich huste. Sie blicken mich überrascht an.
Er: Oh, ja, Sie dürfen wieder.
Sie grinst: Wir dachten, wir erhöhen mal die Schwierigkeit für Sie.
Ich: Das ist nett. Auf eine Minute?
Sie: Aber gut, dass Sie wieder atmen.
Ich: Ja ich dachte, das sei noch sinnvoll.

Abgrenzungsversuche

Ich: Also hier ist der Plan für die sechs Wochen Reha. Wann sie wo wohnen. Evt. meldet sich der Papa noch, wegen Zusatzbetreuung.
Sie: Oh, das wird knapp. Das müsstest du viel früher sagen.
Ich: Nicht ich, er. Ich bin dann weg.
Sie: Das ist schon jetzt fast zu spät.
Ich: Ja. Er hat den Plan seit Dezember.
Sie: Sag ihm das.
Ich: Hab ich schon.
Sie: Das müssten wir bald wissen. Sag ihm das.
Ich: Hab ich. Sags du ihm.
Sie: Falls es überhaupt noch klappt…
Ich: Ich weiss nicht, wie er sich organisieren will. Für einmal nicht mein Problem.
Sie: Aber du musst schauen…
Ich: Nein, nicht ich. Sein Job. Ich krank. Ich weg.

MANN! Geteiltes Sorgerecht heisst doch nicht nur Vetorecht. Lasst doch die Väter auch mal Väter sein, anstatt nur Zahl- und Spassonkel. Traut ihnen was zu und fordert was und degradiert die Mütter nicht für ewig zur Familiensekretärin des Ex.🙄

Rückeroberung

Also einmal Reisen hab ich schon geschafft. 💪🏻
Zum ersten Mal wieder weg seit letztem Februar. Das Jahr startete gut an meinen bestrahlungsfreien Tagen vom 1. zum 2. Januar. 🥳

Und trotz schlechter Blutwerte – ich musste der Onkologin versprechen, bei Fieber sofort in den Notfall zu kommen- konnte ich weg und wieder mal Freiheit fühlen.

Ich: Ähm, kann ich dich kurz beim Gamen stören oder stirbst du dann?
Er: Nö, okay.
Ich: Also, falls es dir nicht passt, ists Pech. Denn ich hab gerade für heute eine Übernachtung gebucht.
Er: Echt? Wo denn?
Ich: In einer Jurte.
Er: Cool. Wir fahren weg!
Ich: Nicht weit, meint google. Aber hart an der Nebelgrenze. Mit etwas Glück kriegen wir Sonne.
Er: Wann?
Ich: In ca. 2h? Ich koche Kartoffeln. Die Jurte hat ne Feuerschale. Dann brauchen wir kein Restaurant.
Er: Cool. Jurte im Januar. Feuerschalen-Nachtessen. Du bist ein verrücktes Weib!
Ich: Oh Danke! 😍 Dann passts ja.

Bestrahlungsstatus: 25/33

Byebye 2019 – Hello 2020

Ich hatte noch nie so wenig Lust an Silvester irgendeine Bilanz des Jahres zu ziehen, wie gestern.
Normalerweise denke ich an Silvester an die schönen Tage des Jahres zurück, an Ferien, Menschen, Erlebnisse. Aber diesmal hatte ich das Gefühl, dass ich das schon immer wieder im Laufe des Jahres gemacht habe, immer das Gute suchen, das Glück zu finden versuchen, dass ich gestern dazu keine Lust hatte.
Und eine Bilanz ziehen über dieses Jahr ohne Sonne, als Knut der Knoten kam, obwohl ich noch 10 Bestrahlungen vor mir habe? Das fühlte sich seltsam an. Auch weil ich mich wie ein Nepalesischer Lastenträger fühle, zerpflücke ich die Last, würde sie mich wohl unter sich begraben.
Aber einiges Neues gelernt habe ich in diesem 2019, abgesehen von medizinischem Wissen:

  • In mir gibt es einen Raum, in dem ich zu Hause bin und wo Stille ist. Ich habe das Meditieren entdeckt.
  • Ich bin nicht für das Glück der Anderen (Erwachsenen) zuständig.
  • Nicht-Kämpfen heisst nicht automatisch aufgeben. Und nicht aufzugeben bedeutet nicht immer kämpfen.
  • Der Krebs kann mir nicht das Leben nehmen. Ich kann daran sterben. Aber das Leben will ich mir nicht nehmen lassen.

Und fürs Neue Jahr wünsche ich mir, dass mein Körper wieder mir gehört!

(Bewegungs-Freiheit, Reisen, Sonne auf meiner Haut, nackt im Meer schwimmen, mit meinem Mountainbike auf einen Hügel und den Wald runterbrettern, querwaldein Joggen, eine Nacht durchtanzen, mich über furchtbar Banales ganz fürchterlich aufregen, Alltag und Ausbruch, ein Tattoo mit selbst gezeichnetem Motiv, auf einem Gipfel stehen, Skateboarden, mit meinem Kids verreisen und, und, und…)