Kardiologie: Die sezierte Paprika

Da die Chemo im schlechten Fall das Herz in Mitleidenschaft ziehen kann, muss erst mal der aktuelle Zustand genau untersucht werden.

Leider war ich müde, sehr müde. Im Wartezimmer bin ich fast vom Stuhl gekippt.
Dann erst EKG und mit dem Zettel in der Hand auf die Untersuchung warten.

Ich muss mich seitlich auf die Bahre legen, schön Herz über Loch in der Liege. Der Arzt komme bald. Ich kriege noch ein warmes Tuch, wie beim Wellness.
Er kommt leider nicht so bald, entschuldigt sich, als er mich aus meinem Schläfchen weckt.
Dann arbeitet er sich Kammer für Kammer durch mein Herz. Die Pumpen und die Klappen zappeln.
> Sehen Sie, das ist wie eine Paprika. Hier kommt das Blut rein und wird dort weiter gepumpt. Und so mit Farbe kann ich sehen, ob die Klappen dicht schliessen.

Meine Güte ist das Herz fleissig. Ich glaube, Herzschmerz sollte man möglichst umgehen, gibt schon so viel zu tun.
Hochkonzentriert schiesst er unglaublich viele Bilder.
Ist das nun schon wieder distanzierte Professionalität?

>Alles in Ordnung?
>Ja, alles gut. Ich muss einfach alle Ansichten haben. Also die Paprika…. (er zeigt es mit den Händen)
>Sie sezieren die Paprika.
>Genau!

Herz gesund. Na immerhin. 🙂

Tumor-Humor: Rapunzel! Rapunzel!

Als Betroffener darf man das. Als Behinderter darf man Krüppelwitze reissen, als Jude Judenwitze und als Krebspatient Chemo-Witze.
Aber ich muss aufpassen, dass mein Humor nicht überfordert.
Doch mit meinen Kindern witzeln, tut gut.

Prinz: Rapunzel! Rapunzel! Lass dein Haar herunter.
Chemo-Rapunzel wirft den Zopf aus dem Fenster.
Plaff.
Prinz von Zopf erschlagen.

Nebenwirkungen: übel übel

Ja die Übelkeit.
Was meinte Herr Onkologe? Falls ich keine Nebenwirkungen von der Chemotherapie hätte, würde er sich Sorgen machen, dass sie mir das falsche Medi gemischt hätten.

Und ja ist es mir übel. Noch nicht am Samstag, aber da durfte es mir auch nicht übel sein, da ich noch einen Kindergeburtstag hatte und Sonntag Spielbesuch für den Grossen.
Sonntag gings los. Montag und Dienstag waren katastrophal. Trotz Antikotztablette wurde die Nahrungsaufnahme und das Drinbehalten ebendieser zu einem zweistündigen Projekt.

Aber es wird besser. Dafür schmerzt etwas das Kreuz. Muss wohl die Leukozytenfabrik sein.

Neulasta: Spritze und Avocadobrötchen

Jaja, gar kein Problem!!!

Grosse Töne schwang ich am Freitag im Gespräch. Klar, kann ich mir auch selbst spritzen.
Denkste!
Totalüberfordert rufe ich die Care Nurse an. Die sind supernett, natürlich kann ich vorbeikommen.

Die Spritze ist wirklich kein Problem – für sie.

Aber sie schaut mich brsorgt an. Ich kann vor Erschöpfung kaum aufrecht sitzen. Sie fragt nach dem Essverhalten und betont nochmals, dass eine Gewichtsabnahme meine Prognose verschlechtere.
Sie holt einen Ratgeber: anreichern mit Sahne, Oel, viel Butter. Hauptsache Kalorien.
Kleine Portionen, wenns grad geht sind sicher besser.
Der Körper braucht Schmackes für den Kampf gegen den Krebs.

>Aha, andersrum also wie in meiner Anorexiezeit. Sie können den Ratgeber behalten, ich weiss Bescheid.

Ich ging nach Hause und ass ein Eis. Später Avocadobrötchen mit Butter.
BÄMM!

Lava: Da brennt was in mir.

Wie fühlt sich das nun an, eine Chemotherapie zu haben? Sicher ist es ganz unterschiedlich. Ich kann nur beschreiben, wie es sich bei mir anfühlte.
Unglaublich aufgeputscht war ich, wahrscheinlich das Cortison, fast schon manisch.

Und so musste ich dann auch versuchen zu schlafen. Im Kopf brannte das Flutlicht eines Fussballstadions. Ich war hellwach und gleichzeitig müde. Mein Köper war in Alarmbereitschaft, wissend, dass da irgendetwas passiert, was ungewöhnlich ist.
Mein Herz klopfte wie nach einem Sprint und ich hatte heiss.
Keine Fieberhitze, bei der glüht man ja eher so von Innen heraus. Auch keine Hitze, die von aussen kommt, wie im Sommer oder bei zuviel Kleidung. Es fühlte sich an, als flösse Lava durch meinen Körper und zwar dicht unter der Haut. Es kribbelte im Tumor. Aber das kann natürlich Einbildung gewesen sein.

Ich versuchte Autogenes Training, ich versuchte mich abzulenken. Ich nahm eine Temesta, die nicht wirklich half. Ich habe drei Stunden gebraucht um mich so weit entspannen zu können, dass ich Einschlafen konnte.

Chemotherapie: Bin mal kurz rot pinkeln…

Das Leiden hängt hier tief und schwer im Zimmer.

Am schlimmsten finde ich die Herzchen mit Aufmunterungssprüchen, die an der Wand hängen: Gib nicht auf! Du schaffst das!

Ich bin zu jung für die Krankheit, das sehe ich an den anderen, die hier am Tropf hängen. Wie das blühende Leben stürme ich das Zimmer. Vielleicht auch die Erleichterung, dass es endlich losgeht, dass es behandelt werden kann, vielleicht sind es auch die 3 Cortison-Tabletten, die mich aufputschen.

Die Care Nurse setzt sich zu mir. Und bleibt während der ganzen Infusion bei mir. Sie gibt mir Infomaterial, beantwortet Fragen. Das hilft sehr, denn mein Freund musste zurück zur Arbeit.
Erst wird die Infusion gelegt. Das muss sehr vorsichtig geschehen, da das Mittel ja nicht ins Gewebe auslaufen darf. Es wird von unten nach oben gestochen, d.h. die erste Chemo kriege ich in den Handrücken. Erst wird gespült, dann das Mittel, dann wieder gespült.

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Eine Mitpatientin kommt rein. Sie stöhnt und ächzt bei jedem Schritt. Leider nicht nur, bis sie in ihrem Chemo-Sessel sitzt. Sondern es geht weiter. Das hebt die Stimmung nicht gerade. Und ich versuche, mich davor zu schützen. Alle sind hier krank. Allen geht es nicht gerade rosig, aber so ein Theater abzuziehen. Die Krankenschwestern organisieren ihr eine Liege in einem Zimmer nebenan und wir sind alle froh.

 

Ich solle nicht erschrecken, was da reinkomme, müsse auch wieder raus. Ich würde farbig pinkeln und die Tränen könnten auch orange sein.
Nun gut, dann kann ich nicht weinen. Der Schock für meine Kinder wäre wohl zu gross. Und nach der Chemo pinkelte ich tatsächlich im diesem Farbton.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Onkologie: Das Gespräch

Die Informationsflut war enorm. Mein Gehirn sowieso nicht ganz aufnahmefähig.
Neben dem Herrn Onkologen war noch eine Care Nurse anwesend. Ich erfuhr die Diagnose, die Behandlung, die Risiken und Nebenwirkungen.
Mein Tumor sei nicht ganz so langweilig, was ihn als Onkologe natürlich freue. Mich weniger. Ich hätte wenn schon, dann lieber den sehr langweiligen bekommen.
Er zeichnete einen Kreis mit einem Punkt drin, um mir zu erklären, welche Rezeptoren der Turmor trägt und was mit welcher Chemie bekämpft werden muss. Und mir ist tatsächlich erst zwei Tage später klar geworden, dass er keinen Busen gezeichnet hat, sondern eine Zelle mit Zellkern.
Ich scheine grad etwas busenfixiert zu sein.

Plötzlich freut man sich über die eine Auffälligkeit in der Lunge, da es nur in der Lunge ist und ich nach dem CT mich gedanklich vollkommen voll Metastasen sah. An der Therapie ändert diese Auffälligkeit nichts: AC-THP.

>Wann möchten Sie denn mit der Chemotherapie starten?
>Sobald wie möglich.
Er verlässt den Raum, um sich zu erkundigen und kommt zurück.
>Heute?
>Heute? Äh. Und der nächste Termin?
Er verlässt wieder den Raum und kommt zurück.
>Mittwochnachmittag.
>Dann lieber heute. Wann? Kann ich noch was Essen?
Er geht und kommt.
> Jetzt!
>Ok. Dann jetzt.

Natürlich muss die Chemomischung erst noch gemischt werden, alle Medikamente quergecheckt und ich werde noch ca. 20 Mal gefragt, ob ich mir sicher sei und nicht noch darüber schlafen muss, vor allem von der Care Nurse.
Nein, muss ich nicht. Es gibt hier ja nicht wirklich was zu entscheiden und wenn mich etwas wirklich fertig macht, dann das Warten.

 

 

 

Angst

Jetzt hab ich Angst. Bis jetzt war es mehr Verzweiflung, Überforderung.

Heute im CT gleiche Situation wie nach der Mammographie. Sie kontrolliert die Bilder, ob die Qualität reicht und kommt zurück mit diesem distanziert-professionellen Blick. Also hat er wohl gestreut der Tumor.

Und das heisst? Was heisst das den jetzt?
Erfahren werde ich es morgen.

Und dann gerne wieder eine Stufe rauf und nicht nur immer weiter runter.