Taucher

Kurzes Luftschnappen nur.

Morgen wird untersucht, ob der Tumor gestreut hat. Das ultimative Angstszenario.
Ansonsten mit Chemo 90% Heilungschance.
Freitag Onkologie-Termin.
Nächste Woche startet Chemo. Kaum zwei Wochen nach der Mammographie.

Da kommt man gar nicht hinterher mit dem Gefühl….

Breihirn und Schwabbelbeine

Schon erstaunlich, was so eine Diagnose mit mir macht. Ich bin ja jetzt nicht kränker als vor einer Woche. Und der erste Schockzustand hat sich etwas gelegt. Trotzdem fühle ich mich ungemein kraftlos. Kann mich plötzlich nicht mehr erinnern, wie ich die Klimaanlage im Auto bedienen muss. Kann kaum auf dem Skateboard stehen.

Und das macht nur mein Hirn. Weil ich jetzt weiss, dass ich Krebs habe schaltet es auf unsportlichen Halbdebilenmodus?

Als würde die Kraft anderweitig abgezogen, umgeleitet, abgezwackt. Nun, wenns der Genesung dient….

Luft holen

Nachricht erhalten, nicht definitiv, aber soweit, so gut.

Nur ein Herd, zweite Auffälligkeit ist kein Krebs.

Auch scheint er noch nicht weit fortgeschritten. Alles unter Vorbehalt.
Definitiv erfahre ich es am Mittwoch. Kaum eine Woche nach der Mammographie. Was für eine Höllenfahrt.

Gespräche: Viel Lachen und kein Stress

So ich hab es hinter mir. Meine Kinder wissen jetzt, dass ich Brustkrebs habe. Sie wissen, dass es eine ernsthafte Erkrankung ist, dass ich wohl ca. ein halbes Jahr nicht werde Arbeiten können. Auch dass ich sehr starke Medikamente kriegen werde, die mich sehr müde machen und eventuell alle Haare verlieren, von den Medikamenten, nicht von der Krankheit.

> Was alle? So paff und weg?
> Nein, wahrscheinlich nicht alle auf einmal. Mehr so Büschelweise. Dann schmeide ich oder rasiere ich sie ab. Gäbe ja sonst ne schöne Sauerei.

Sie wissen auch, dass ich jemanden kenne, der wieder gesund wurde. Dass wir hier ein Spital mit Spezialisten und sehr viel Erfahrung haben.

Ihre Lehrpersonen und Hort sind auch informiert. Puh!

Der Kleine meinte, ich sehe ja noch gesund aus. Das sei sicher nicht so schlimm.

Der Grosse bedankte sich für meine Ehrlichkeit, sonst würde er merken, dass was nicht stimme und sich noch mehr Sorgen machen. Ich solle jetzt ganz viel Lachen und ja keinen Stress haben. Das helfe beim Gesundwerden.

Und ich müsse meine Einstellung beim Skateboarden ändern und nur noch Freude haben und keinen Frust. (Das dürfte eine Herausforderung sein.)

Ich habe tolle Kinder!

Glücksmomente

Ich versuche jetzt jeden Tag einen Glücksmoment zu sammeln. Einen im Minimum.
Vielleicht erinnere ich mich dann daran, wenn es mir schlechter geht.
Dafür habe ich eine App runtergeladen.

Am Dienstag gelang mir das noch nicht, aber da kam der Glücksmoment zu mir ins Bett gekrochen.

Mi plante ich und kam doch anders. Do schnappte ich ihn mir und Fr drängte er sich auf. Sa ergab sich und heute pushte ich mich.

Tumor-Piercing

Biopsie. Nun ja. Ich erkenne zum ersten Mal was beim Röntgen. Nämlich die Nadel der Betäubungsspritze. Dann beim Einführen der Kanüle, schau ich nicht mehr. Dann knipsen sie. Und ich erschrecke trotz Warnung. Klingt wie Ohrstecker schiessen.

Leider klemmt die „Pistole“ und es gibt keine geölte, sterile mehr. Also Knipskrampf für Ärztin. Leider lässt auch bei 3-Uhr die Betäubung nach. Und das Knipsen fühlt sich eher nach Lochstanzer an. Mitten in der Brust. Sehr unschön. Nachspritzen bitte. Nochmal. Der Schmerz wird dumpfer.

> Sollen wir aufhören? Sie kommen später wieder? Brauchen Sie eine Pause?

> Bloss nicht! Also ich hab Spital ja nicht so gerne. Und möchte nicht noch mehr kommen. Also, werde ja eh noch kommen müssen. Aber nicht noch mehr. Ok? Spritzen sie einfach alles rein. Und knipsen sie.

>Wir markieren Ihnen gleich auch noch den Tumor.
>Wie?
>Wahrscheinlich beginnen wir bei Ihnen mit der Chemotherapie. Und die Operation folgt später. Dann ist der Tumor schon markiert für die OP und wir müssen das nicht mehr tun.
>Wie markieren? Also….
>Wir haben da so Titanfedern. Die sind in einem Gel, das löst sich dann auf und dann bleibt die Feder am Platz.
>Sie meinen das Metall bleibt in mir drin?
>Ja genau.
>So eine Art Tumor-Piercing. Aha. Und warum machen Sie so viele Bilder und Filmsequenzen?
> Damit, falls sie disloziert, man weiss, wohin.
> Disloziert! Hahaha!

(Mein Vater sagte zum Umzug immer Dislozieren. Und ich stelle mir grad ne Wanderfeder in der Brust dar.)

MRI: Come to the Dark Side

Oh, eine Massageliege!
Leider nein. Zwar muss ich mich auf den Bauch legen und darf den Kopf durch die Aussparung strecken, aber da sind zwei weitere Löcher, durch die ich meine Brüste hängen lassen soll. Hmm.
Massage wäre mir lieber gewesen als MRI.

Unglaublich laut ist es. Ganz so schlimm hatte ich es nicht in Erinnerung. Es klackt und dröhnt und tröötet. Das letzte Mal ist ja auch schon 20 Jahre her. Aber futuristisch sieht es immer noch aus. Sicher hatte der Starwars-Drehbuchautor auch schon im MRI gelegen. So entstehen Science-Fiction-Settings. Oder umgekehrt, bei Siemens gibt es Star Wars Fans.

 

Aus dem Gleichgewicht

Ich versuche mich nicht von der schwarzen Wolke erdrücken zu lassen.
Nach do einer Nachricht verschwindet die Zukunft in einem schwarzen Loch. Wie die Anzeige im Flughafen bei starkem Schneefall:
Pfingstferien – cancelled
Sommerreise – cancelled
Karateprüfung – delayed
Ausflug – cancelled

Aber auch all die kleinen Problemchen sind weg. Zack, pulverisiert. Who the fuck cares!
Wenn ich vielleicht nicht mehr lange da bin. Nein. Stop!
Die Wolke kommt.
Ich muss was tun, was mir Spass macht. Ich gehe Skateboarden. Könnte ich jetzt den Helm weglassen und mein Hirn zerschmettern am Beton? Gibt ja sowieso eine spitalintensive Zeit.
Nein, dafür bin ich nicht der Typ. Aber aus dem Gleichgewicht hat sie mich gebracht, die Wolke. Kann kaum fahren, geschweige denn, etwas anderes machen.
Halte an, heule. Lasse mich vom Freund trösten.
Was für eine Scheisse!

Ich informiere Geschwister und meine Mutter, die ohnehin schon alle in Kenntnis gesetzt hat. Als Dramaqueen kaum zu überbieten. Ich informiere meinen geschockten Arbeitgeber. Das reicht an Exposition.
Sonst kann ich nichts tun. Ausser mein Netzt aktivieren. Und der Wolke davon zu fahren.
Nichts ist schlimmer als warten.