Punkt, Punkt, Komma, Strich…

fertig ist das Mondgesicht:
Frauen, schminkt euch!

Kürzlich fragte mein Kleiner: Mami, was ist das Blaue unter deinen Augen?
Ich: Augenringe?
Kleiner: Du siehst so … aus!

Er machte ein Gesicht wie ein Mops der in eine Zitrone gebissen hatte.

Ich: He! Ich bin einfach noch nicht geschminkt und hab kaum geschlafen….

Immer wieder höre ich: Aber deine Augenbrauen hast du ja noch. Also quasi zum Trösten.
Nein habe ich nicht. Die sind geschminkt.
4Vorletzte Chemo war ich so unmotiviert, dass ich mir extraböse Balken hingepinselt habe. Damit ich im Spital so richtig finster gucken konnte.
Meistens muss ich sowieso aufpassen, dass ich nicht als Mr. Spock das Haus verlasse. Oder vor lauter Gehetze die rechte Augenbraue ein Stockwerk zu tief hängt. Also so fix bin ich mit den Augenbrauen noch nicht. Leider seh ich ja ohne Kontaktlinsen auch nix und klebe quasi am Spiegel, wenn ich versuche mir die Braue ins Gesicht zu platzieren. Nicht einfach.

5Ich hatte den Kurs look good – feel better besucht. Und dort einige Tipps bekommen. Unter anderem auch den mit dem Brauenpulver mit Schablone aus dem Perückenladen. Das würde eigentlich schnell gehen, hätte ich die richtige Höhe, Neigung jeweils auf Anhieb.
Die Augenbrauen machen enorm
viel aus. Sie sind wie ein Rahmen für die Augen und das Gesicht. Aber auch Augenringe abdecken und Kajal als Wimpernersatz. Rouge, wenn ich grad keine roten Chemobäckchen habe und zuerst natürlich die Grundierung.

Ich fühle mich einfach viel besser, wenn ich wenigstes nicht noch krank aussehe. (Kranksein reicht ja.)
Was mir auch öfter bestätigt wird. Meine Antwort lautet dann jeweils: Ein Hoch auf die Kosmetikindustrie!

Kürzlich war ich mit einer Freundin Mittag essen. Ich zeigte ihr dann ein Selfie von mir, ungeschminkt.
Ihre Gesichtszüge verrutschten arg. Sie sah ehrlich geschockt aus: So würde ich dich nie erkennen!!
Macht nichts.
Ich erkenne das haarlose Alien ja auch kaum morgens im Spiegel, bevor ich mir mein Gesicht aufgemalt habe. 🤷‍♀️

Punkt, Punkt, Komma, Strich.

Innere Bilder: Chemo-Männchen im Einsatz

Ich brauche immer innere Bilder für Vorgänge. So habe ich auch meine Bilder, wie die Chemotherapie abläuft.
Ich stelle mir eine ganze Truppe von Chemo-Männchen vor, die mit Hammer und Pickel am Tumor herum klopfen. Alle tragen die gleiche weisse Kleidung: Latzhosen, Stiefel, Basketballkappen. Eigentlich sind es uniforme Comic-Figuren. Nur bei der Arbeitsausrüstung gibt es Unterschiede: Hammer, Pickel, Brecheisen.
Das Gesicht ist ausdruckslos und da sie alle etwas unterbelichtet sind, gehen sie leider nicht nur auf den Tumor los, sondern auch auf andere Zellen, die sich schnell teilen, wie die Schleimhäute und die Haare.
Immer nach der Infusion merke ich, dass sich etwas am Tumor tut. Der Onkologe meinte, dass es schon zu Entzündungsreaktionen kommen kann, wenn die abgestorbenen Krebszellen abtransportiert werden.
Ich stelle mir vor, wie die weissen Männchen mit ihren Gerätschaften auf den Tumor einhauen. Erst hatte ich nur das Bild von Staub und Sand, der weg bricht, inzwischen sind es kleine Stücke und Brocken, die sich dann zu Staub auflösen und vom Körper abgebaut werden. Das ist das, was ich spüre.
Und da die jetzige Chemotherapie auch die Nerven in den Fingern und Zehen angreifen kann, stelle ich mir Nervenbäume vor. Verästelungen, wie man sie auf anatomischen Zeichnungen sieht. Sie bewegen wie ein Baum die Äste im Wind, schütteln sich. So können sie die Chemo-Männchen, die ihre Pickel auch dort reinhauen wollen, abschütteln. Die fallen runter und bleiben zappelnd auf dem Rücken liegen.

Ob das was hilft? Wer weiss. Ich leide auch an dem Raynaud-Syndrom, auch bekannt als Leichenfinger-Syndrom. Eigentlich etwas, das vor allem sehr junge, sehr schlanke Frauen kennen würden, meinte mein Arzt. Ich bedankte mich schon mal so halb für das Kompliment (ohne ‚eigentlich‘ wäre es eins gewesen…).
Ist es kalt und/oder bin ich sehr gestresst, dann werden meine Fingerkuppen weiss und blutleer. In einer schlimmen Phase konnte ich nicht einmal die Milch aus dem Kühlschrank nehmen, ohne weisse, blutleere Flecken an den Fingerkuppen zu kriegen.
Sind die Finger erst mal weiss, werden sie auch nicht so schnell wieder durchblutet, selbst wenn ich sie mit warmem Wasser abspüle.
Aber weitaus schneller hilft, mir vorzustellen, wie die Wärme und das Blut zurück in die Finger fliesst. Ich konzentriere mich und versuche alle Wärme zurück zu schicken. Und wenn ich das mache, kann ich zuschauen, wie sich die Farbe ihren Weg zurück in die Fingerkuppen bahnt. Wie sich das Blut wieder ausbreitet.
Sicher gibt es dafür eine esoterische oder eine medizinische Erklärung: Visualisierung oder Entspannung.
Aber ich brauche keine Erklärungen. Hauptsache es hilft mir. Und wenn es dort hilft, warum soll so ein Bild nicht auch jetzt helfen?
Zumindest hilft es mir im Umgang mit der Krankheit.
Welche Bilder es wohl noch gibt? Habt ihr welche?

Nur seit Freitag, da hatten einzelne Chemo-Männchen ein Werkzeug-Upgrade.
Einige sind nun mit Flammenwerfer unterwegs und brutzeln damit den Tumor weg.
Aber das Upgrade könnte einen Zusammenhang damit haben, dass ich am Donnerstag den neuen Tarantino-Film im Kino gesehen habe. 😉

Erst💩 dann Olé💃

Zuerst gestern der Frust. Da ich quasi Beamte bin, wird ein Case Management zur Reintegration in die Arbeitswelt eingerichtet.
Ist ja durchaus sinnvoll.
Aber sich mitten in der Chemo schon wieder mit Reintegration beschäftigen? Schon nur das Wort zu hören…
Und: Ich muss die Anmeldung für die Invalidenversicherung ausfüllen. Wer weiss, wenns dann eine Rente braucht oder eine Massnahme zum Wiedereinstieg…🙈
Ich weiss, die Versicherungen arbeiten sehr langsam, darum.
Aber es hilft nicht gerade, wenn man mitten in der Chemotherapie steckt, noch Operation und Bestrahlung vor sich hat, sich nicht wie Alteisen in dem Güterwagen auf dem Abstellgleis zu fühlen.

Aber jetzt: OLÉ 💃
Halbzeit! 6 von 12 Chemos sind geschafft!

Und: OLÉ OLÉ 💃💃
Ich kann den Tumor nicht mehr tasten. Der Onkoonkel auch nicht. Er ist weg!

Wahrscheinlich noch nicht total, aber es geht ihm an den Kragen, OLÉ! 💃💃💃

Ich meditiere mich zu Tode

Meditation, das wäre noch was, dachte ich früher öfter. Hatte aber irgendwie keine Zeit etwas Neues zu lernen zwischen Kids, Arbeit, Haushalt und Sport.
Jetzt habe ich Zeit, viel Zeit. Und gross bewegen muss ich mich zum Meditieren auch nicht. Also quasi ideal um damit zu beginnen.
Entspannungsübungen sind mir nicht fremd. Autogenes Training habe ich immer gerne gemacht, kennen gelernt mit sechs Jahren im Kindergarten. Beim AT war aber immer das Problem, dass ich eine Stimme brauchte, die mich anleitete.
Zuerst musste ich also immer eine Stimme finden, die angenehm sprach. Und wenn die Stimme dann was Unpassendes sagte, war Schluss mit der Entspannung.
Oder wenn ich gerne noch tiefer in die Entspannung wäre, so zum Beispiel in den Traum der letzten Nacht wieder einsteigen, aber es dann schon fertig war. Diese Abhängigkeit nervte mich.
Aber alleine habe ich es selten geschafft, das Rauschen im Kopf ruhig zu kriegen.
Progressive Muskelentspannung war nie meins. Also versuche ich es jetzt mit Meditation.
Ich lasse mich auch erst durch Stimmen anleiten. Gibt ja nette Apps. Und ich habe viiiiiiiel Zeit.
Mein Hirn braucht dringend eine Auszeit!
Die letzten Wochen waren emotional so anstrengend. Nicht nur wegen dem Krebs. Den hab ich ja schon fast vergessen. Haha. (Scherz)

Und dann habe ich gestern festgestellt, das geht tatsächlich.
Man kann nichts denken. Bis jetzt hielt ich das ja für ein esoterisches Gerücht. Oder für eine Ausrede auf die Frage: Woran denkst du?
Doch seit gestern bin ich bekehrt.
Ich konnte tatsächlich Rosen schneiden und an nichts denken. Nicht die ganze Zeit, aber bis jetzt konnte ich noch nie an nichts denken, keine Sekunde. Mein hyperaktives Hirn denkt normalerweise eher so an drei Sachen gleichzeitig und das im 6 Gang auf der Überholspur.
Nichts denken.
Was für ein wattebauschiger Zustand!

Dafür geben meine Träume Gas. Wohl zum Ausgleich. Schütten mich zu mit plakativen Mitteilungen und Appellen in Metaphernform.
Puh!
Wieder mal Grossputz im Unterbewusstsein? Ausmisten?

Aber gerne!

Brustkrebs: Ein Angriff auf die Weiblichkeit?

Der Beitrag war schon lange fällig. Und er wird jetzt nach der Trennung echt etwas schwieriger zu schreiben.
Weil sich das ja als Erklärung durchaus auch anbieten würde. Krank = unattraktiv. Keine Haare = unweiblich. Und zack: alleine.

Ich verstehe den Gedanken, dass die Krankheit die Weiblichkeit angreift, aber ich bin nicht ganz einverstanden. Klar, die Haare, die Brüste. Aber Weiblichkeit hat für mich mit viel mehr zu tun, als mit Kurven und Haaren. Es gibt kurvige Frauen mit langem Haar, die ich nicht als besonders weiblich wahrnehme.
Und es gibt kurzhaarige Frauen ohne ausladende Kurven, die sehr weiblich sind.
Für mich gehört zur Weiblichkeit immer auch die Sinnlichkeit dazu. Und die Sinnlichkeit hängt nicht an langen Haaren oder am Busen. Die Sinnlichkeit liegt in der Art, wie jemand schaut, sich bewegt, in der Lebensfreude, der Wachheit, Neugier und der Art, wie die Person ihre Sinne einsetzt und geniesst.
Bedingt ist die Krankheit auch darauf ein Angriff. Die letzte Woche ging es mir derart besch…., dass ich mir kurz überlegte, die Axt und den Holzpflock vor meinem Haus zu benutzen und mich in eine Amazone zu verwandeln, damit der Scheisskrebs endlich wenig ist. Wäre wohl noch schwierig geworden, sich selbst die Brust abzuhacken.
Da hatte sie mich niedergeknüppelt, die Krankheit. Meine Energie, Neugier, Lebensfreude, alles weg.
Insofern ist jede Krankheit ein Angriff auf die Weiblichkeit, weil Lebenslust und Sinnlichkeit. So auch eine Magen-Darm-Grippe. Auch nicht so sexy. Nur viel kürzer, die geht schneller weg. Sonst wäre man ja dehydriert wie Dörrobst.
Seltsamerweise trauere ich meinem Haar nur bedingt nach (abgesehen von den Augenbrauen). Und eine Mastektomie steht glücklicherweise nicht zur Diskussion. Sonst würde dieser Text wohl ganz anders aussehen.

Was mich an der Aussage Brustkrebs ist ein Angriff auf die Weiblichkeit wohl am Meisten stört, dass ich Weiblichkeit, Attraktivität, Frau sein nicht nur auf Brüste und Haare reduziert haben will.

Gespräche: Haarwurzel-Reset

Ich: Gucken sie mal. Ich hab zweifarbige Fingernägel und jetzt bekomme ich einen blonden Babyflaum. Ich nehme mir das Tuch vom Kopf. Kommt da noch mehr komisches?
Onkologe beugt sich vor, inspiziert mein Skalp: Och jaaa.
Ich: Wann kommen den die richtigen Haare? Also der Babyflaum fällt aus, oder?
Onkologe lehnt sich zurück und verschränkt die Arme über der Brust: Was hatten sie denn für Haare als Kind?
Ich: Na, blond. Ja also genau so weissblond.
Onkologe: Eben! Das ist wie ein Reset. Die Haarwurzel startet neu. Manche sind wieder blond oder haben Locken. Aber das hält dann nicht.
Ich: Sie meinen, die Haarwurzel beginnt freudig von vorne. Dann merkt sie, ach nö, die ist ja schon ü40. Handbremse, Gangschaltung, wir müssen ja dunkler und grau?
Er mit Zeigefinger: Genau!

Schön kommen sie wieder. Erst war es ja nur ein blonder Büschel über dem linken Ohr, den ich mir abrasiert hatte, um nicht wie ein Weissbüschelaffe auszusehen. Aber jetzt kann ich sie stehen lassen.
Unter der Achsel meldet sich auch schon ein äh, eher eine waagrechte Haarantenne. 🤨

Der haarlose Sommer neigt sich dem Ende zu.

Gespräche: Little Barça

Onkologe: Aha! Wieder im Style. Mit Board!
Ich: Ja, schönes Wetter! Wussten sie, dass der Boden im Haus 1 wie Barcelona klingt? Wie die Marmorplatten in Barça!
Onkologe: Wo? Unten?
Ich: Ja. Im Erdgeschoss.
Onkologe: Sie fahren IM Spital?
Ich: Also nur ein wenig. Nicht dass mich die polizistige Pflege rausschmeisst…
Onkologe winkt ab: Aaaach, das werden sie nicht. Ich fahr da auch mit dem Roller.
Ich: Ok. Sonst reiss ich mir das Piratentuch vom Kopf. Dann haben eh alle Mitleid.
Onkologe: 👍🏻 👍🏻