Gespräche: Strahlenmüde

Sie: So, wir sind fertig. Sie können die Arme runternehmen.
Ich gähnend: Ach, ich könnte grad liegen bleiben und ein Nickerchen machen.
Sie: Gute Idee! Ich lege mich dazu.
Ich: Oh! Das könnte eng werden.

BILD 20.12.19 UM 09.51
So kuschelig ist es in der Radio-Onkologie

Bring Pussy Riot home

Am Telefon.
Ich: Guten Tag Frau We, ich wollte Fragen, ob ich was tun kann für die Haut während der Bestrahlung. Die Lotion habe ich schon und das mit dem Waschlappen weiss ich auch.
Sie: Sie meinen prophilaktisch? Leider nein. Da gibt es keine Sonnencrème oder so.
Aber sie könnten noch möglichst viel oben ohne rumlaufen. Ist ja gut jetzt, ist auch schön kühl im Winter.
Ich: Bitte?! 🤨
Sie: Drinnen! Drinnen meine ich! Ist ja auch kühler drinnen im Winter.
Ich: Na da bin ich ja beruhigt.

Im hohen Norden

Sind die Menschen auch nicht so kommunikativ. Also denke ich, die Radio-Onkologie liegt wahrscheinlich am Polarkreis.

Doch gestern kam es tatsächlich zu einer Kontaktaufnahme. Das war bestimmt nicht erlaubt. Eine Radiologin (heissen die so?) hat mir den Monitor ins Sichtfeld gedreht, als sie sah, dass ich drauf schiele und mich gefragt, ob ich es so sehen könne. Da dachte ich schon, nun ist das Eis gebrochen. Aber nix da. Heute habe ich eine Reaktion provoziert, als ich den Kopf Richtung Monitor drehte. War mir schon klar, dass das verboten ist, denn dann dreht sich ja der ganze Rumpf mit. Aber so wurde ich heute zusätzlich zu den sonstigen fünf Sätzen, die ich face-to-face höre, getadelt. Der Löwenanteil der Kommunikation läuft über Lautsprecher. Nur Intro und Outro ist persönlich, quasi:

  • Guten Morgen
  • Legen sie sich bitte hin
  • Wir machen erst ein paar Bilder

Und dann über Lautsprecher mind. 7 mal:

  • Einatmen
  • Ausatmen
  • Tief einatmen
  • Und Stopp
  • Weiteratmen

Und am Ende wieder persönlich

  • Wir sind fertig
  • Auf Wiedersehen!

Dazwischen Surren, Stille, Warten.
Und ja, kalt war mir heute auch, so halbnackt auf der Liege. Und meine Hände wurden gefühllos.
Aber man gewöhnt sich dran.
Morgen gehts wieder in den hohen Norden.
5/33

Ein Steak auf dem Grill

Wie ein Stück Fleisch auf dem Rost, so fühlte ich mich. Nach dem ersten Bestrahlungstermin dachte ich, das ist der entmenschlichendste Teil der Behandlung. Ich kann verstehen, dass die Bestrahlung einem sehr belastet. Dabei werde ich noch nicht mal im Kopfbereich bestrahlt und nicht mit einer Gittermaske fixiert.

Die Radioonkologie erinnert mich jedes Mal an eine Senjorenresidenz. Das ist vielleicht fies, aber ich sehe dort nur grau- und weisshaarige ältere Menschen sitzen. Auch in der Onkologie war es so, aber da gab es doch hin und wieder ein jüngeres Gesicht oder zumindest Gleichaltrige. Diese älteren Patienten schauen entweder total teilnahmslos vor sich hin oder mich mitleidig an. Es ist niederschmetternd. Da hilft auch das Kulturengagement mit der Fortsetzungsgeschichte, den Tagebüchern, den aufmunternden Sprüchen nicht wirklich, Farbe und Leben in die bedrückenden Korridore zu bringen. Wobei sie mich natürlich mit Frida Kahlo hatten. Wenn ich ein Vorbild brauche, wie man mit krankem Körper, Schmerzen und trotz medizinischen Torturen weitermacht, weiterlebt, dann nur sie.
Ich sitze also im Raum grün und warte auch meinen Termin. Neben mir erzählt ein Mann einer Frau Weisskittel seine ganze Lebenstragödie. Gearbeitet immer über 100 Prozent, dann kaum pensioniert zum Lungendoc und nun seit anderthalb Jahren in der Krebsschlaufe. Bis Juni muss er aus dem Haus raus und sich ein neues zur Miete suchen, Wohnung wird mit Rettungshund etwas eng. Diese Frustration, mein Leben auf ein Später verschoben zu haben, dass dann von einer Krankheit aufgefressen wird, die möchte ich nicht verspüren müssen und musste sie bis jetzt auch noch nicht, trotz Krankheit.
Dann werde ich empfangen, ich könne mich oben frei machen und dann würden wir das Atmen üben und ein paar Bilder machen, bevor die Bestrahlung beginne. Ich ziehe mich aus, keine Kittel, keine Tücher nichts. Also gehe ich aus der Umkleide und den Korridor entlang, barbusig. Wo muss ich hin? Ah, ich sehe den Kontrollraum der Radioonkologen, dann vorne rechts um die Ecke. Ein grosser Raum, eine Liege, das Gerät, mehrere Monitore, ein Warnlicht.
Die Liege kenne ich schon vom CT: Po-Schranke, Knie-Stütze, Arm-Lehnen. Ich lege mich hin, Arme über dem Kopf in den Arm-Lehnen. Drei grüne Laserlinien auf meinem Körper. Dann werde ich so lange zurechtgeruckelt bis die Linien meine Tattoos schneiden. Angewandte Geometrie.
Die Frau und der Mann stehen mit einer Art Fernsteuerung in der Hand neben mir und richten mich weiter aus. Wie ein Stück Fleisch, das optimal auf dem Grill drapiert wird.
Ich muss einatmen, die Luft anhalten. Und bitte, bitte, versuchen Sie nicht den Rücken zu heben. Schön auf der Liege lassen.
Als sie zufrieden mit der Ausrichtung sind, verlassen sie den Raum. Erst würden noch Bilder gemacht werden, dann komme die Bestrahlung. Was wann passiert, ich weiss es nicht. Ich liege da, die Arme über dem Kopf und das rote Licht, das meine Atembewegungen misst geht an und ich warte.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Und wieder weiter atmen.
Und noch einmal. Versuchen sie bitte den Rücken unten zu lassen.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Und wieder weiter atmen.

Rechts von meinem Kopf surrt mit 30cm Entfernung eine runde, schwarze Glasplatte hoch. Durchmesser vielleicht 80 cm. Rechts von mir kommt eine weisse Platte zum Vorschein. Ist das der Strahlenschutz?
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.

Es brummt und klickt.
Und wieder weiter atmen.
Das rote Licht geht aus, ich warte.
Dann surrt das Glasrund zur nächsten Position, rechts von mir, um meine Brust von der anderen Seite zu durchleuchten. Das rote Licht geht an.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Und wieder weiter atmen.
Sie surrt nach oben. Nicht genau vor mein Gesicht, sondern etwas versetzt nach links unten.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Und wieder weiter atmen.
Und dann wird immer gewartet. Natürlich ohne mich zu bewegen mit beiden Armen hinter dem Kopf oben ohne in einem Raum der vier mal so gross ist wie mein Wohnzimmer.
Das Glasrund surrt aus meinem Blickfeld, dafür habe ich die weisse Platte vor der Nase.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Und wieder weiter atmen.

Wieder warten, wieder Ruhe. Das Atemlicht ist erloschen.
So, wir beginnen jetzt mit der Bestrahlung.
Ah, das wars noch nicht? Das Glasrund erscheint wieder links von mir.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Die Warnlampe leuchtet. Des brummt.
Und wieder weiter atmen. Sie machen das ganz gut.
Ruhe. Warten. Ich habe keine Ahnung, wie lange das geht. Sind es nur kurze Pausen? Ich muss stillt liegen. Das rote Atemlicht löscht aus. Geht wieder an. Das Glasrund surrt in die nächste Position.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Es brummt.
Und wieder weiter atmen.

Ich werde an vier Orten bestrahlt. Zweimal Brust, unter den Achseln und der Lymphabfluss. Etwa eine halbe Stunde liege ich vorwiegend alleine auf der liege, surrende Maschinen um mich und Atemkommandos über Lautsprecher im Ohr. Dann löschen alle Lichter, das rote Atemlicht, Laser. Die Strahlenmaschine surrt weg, das Licht geht an.
So. Das wars. Haben sie gut gemacht. Sie können gehen.
Ich kann meine Arme fast nicht mehr anheben. Muss kurz sitzen bleiben, damit mir mein Kreislauf nicht absackt. Sie stehen bereits mit dem nächsten Tüchlein bereit, um die Liege für den nächsten Patienten vorzubereiten.
Ich stehe auf.
Bis morgen!
Um die Ecke, am Kontrollraum vorbei.
Schönen Tag noch!
In die Kabine, ziehe mich wieder an. Gähne etwa zehn mal.
Nichts wie raus hier.

Wie ein Stück Fleisch auf dem Grill.
Eins, das nach Kommando atmet.
3/33

Ich bin ein altes Auto

Onkodoc: Und erzählen Sie mal. Wie waren die Nebenwirkungen vom neuen Medikament.
Ich: Moment, ich habe mir ne Liste gemacht.
Onkodoc: Oje….
Ich: Nichts Oje, kann mir halt nicht so viel merken.
Onkodoc: Müde?
Ich: Ja, dauernd! Ich bin wie ein altes Auto.
Onkodoc: Ein Auto??
Ich: Ja also erst zuckt das linke Lied, dann die rechte Wange und dann kommt der Tinitus. Und wenn ich ganz erschöpft bin, dann schmerzt noch die Narbe.
Onkodoc: Immer?
Ich: Nein, das sind meine neuen Müdigkeitsseismographen. Eben, ich bin wie ein altes Auto, das überall klappert und quietscht. Und dann raucht es aus dem Motorraum, dann muss man es in die Garage schieben, bis es runtergekühlt ist und wieder weiterfahren kann.
Onkodoc: Ein altes Auto, super Vergleich. Aber auch alte Autos kann man tunen!
Ich: Bringt ja wenig der Superauspuff, wenn der Motor absäuft. Aber noch fahre ich. 🚗

Gespräche: Prof. Dr. Dr. Geheimrat

Onkodoc: Ich habe heute mit einer Prof. Dr. Dr. Soundso von der Klinik XY gesprochen.
Ich: Oha!
Onkodoc: Warum Oha? Die war sehr nett. Prof. Dr. Dr….. Ich sollte mir vielleicht auch einen Professor zulegen.
Ich: Gibts bestimmt in Russland. Im Sonderangebot.
Onkodoc: Bestimmt!
Ich: Oder in Österreich! Die haben so tolle Titel… Magister…
Onkodoc: Geheimrat! Geheimrat ist toll. Kennen Sie Heidi? Da gab es doch einen Geheimrat.
Ich: 🤷‍♀️
Onkodoc: Wobei, das ist ja ein Schweizer Film. Aber in Frankfurt…?
Ich: Die Frau Rottenmeier!
Onkodoc: Genau. Aber das ich mich nicht mehr an den Geheimrat erinnere…
Ich: Geheimrat würde zu Ihnen passen! So etwas zwischen Agent und Geheimbund. Passt auch zur Onkologie.
Onkodoc: Ja, Geheimrat, das wärs.
Ich: Ich kann sie gerne so nennen. Geheimrat Onkodoc.

Guru guru, Blut ist im…

Reis.

Ich weiss, das reimt sich schlecht.
Gestern war ich mit dem Grossen zu Mittag essen im rentnerüberfüllten Restaurant des Supermarkts.
Plötzlich meinte er: Mami, du hast da Blut!
Nasenbluten, okay. Hatte ich schon die Tage zuvor, kann auch eine Nebenwirkung sein.
Also Taschentuch an die Nase, dann Serviette.
Kurz hörte es auf und ich konnte essen.
Grosser: Mami, du blutest wieder.
Ich: Ok, das ess ich jetzt nicht mehr. Blutreis.
Grosser: Könnte auch Chilisauce sein?
Da schenkte mir die Sitznachbarin eine Packung Taschentücher. Eine volle.

Eine halbe Stunde und vier Taschentücher später stellt mir eine Rentnerin ein Gläschen mit blutstillender Watte auf den Tisch. Ich stopfe mir ein Bäuschchen in die Nase.
Mir war übel, mir war schwindlig und ich ekelte mich vor mir selber.
Wie konnten die nur alle weiter essen, während ich 45 Minuten vor mich hin blutete und meinen Sohn zum essen antrieb? (Aussichtslos übrigens, er lebt in seiner eigenen Zeit. Deshalb kollidieren wir hin und wieder.)

Ich rief im Spital an und erreichte niemanden. Aber da es auf meinem Heimweg liegt, klammerte ich mich an mein Fahrrad und schlurfte vorbei. Im Spitalpark getraute ich mir auch die durchgeblutete Watte aus der Nase zu ziehen, spuckte einen Schleim-Blut-Klumpen ins Gebüsch. Das Nasenbluten war vorbei.

Auf der Station wollten sie mich in den Notfall schicken, fürs Blutbild. Ich wollte nicht. Notfall heisst immer 2h Wartezeit, ausser man hat ein Chemo-Fieber-VIP-Ticket.
Also entnahmen mir sie dort Blut und ich döste auf einem Chemostuhl vor mich hin.

Alle Werte waren gut. Vielleicht die Luft, die Kälte, der kumulierte Stress, der auch meine Lieder und Wangen zucken lässt und sich manchmal als Tinitus bemerkbar macht.
Who knows! 🤷‍♀️
Nächstes mal müsse ich in den Notfall, die hätten auch einen HNO dort.
Ok.
Die Blutstillende Watte hab ich mir auch gleich besorgt, die gehört ab sofort in die Handtasche!