Gespräche: Hippie-Mutter

Exposition. Nennt man das wohl in der Psychologie.
Ich spaziere einmal fast als Shinéad durchs Quartier.
Obwohl ich nicht weiss, ob die Hemmschwelle kleiner wäre mit Chemoturban. Ist ja auch dann alles klar.
Natürlich sieht man das. Wie man auch eine Perücke sieht. Nur können sich dann alle Beteiligten bei einer Begegnung leichter entscheiden, darüber hinweg zu sehen.
Mache ich das Richtig? Keine Ahnung. Man kriegt ja leider keine Anleitung mit, mit der Diagnose.

Grosser: N. hat mich im Werkunterricht gefragt, ob du eine Glatze hast.
Ich: Und was hast du gesagt?
Grosser: Nein. Und dann habe ich erzählt, was du dir für Frisuren geschnitten hast!
Ich: Oh! Und?
Grosser: Das fanden sie sehr lustig. M. hat auch nachgefragt.
Ich: War dir das peinlich? Du darfst schon von der Krankheit erzählen.
Grosser: Nö. Und wenn sie blöde Sprüche machen, dann fühlen sie sich ja extrem schlecht, wenn ich das vom Krebs sage. Aber sie fanden es einfach nur lustig.
Ich: Ok. Und haben sie noch was gesagt?
Grosser: N. meinte: „Deine Mutter ist ein Hippie geworden!“
Ich: Na das ist ja nicht das schlimmste Urteil!

Gespräche: Legosteine und kranksein

Kleiner: Hast du jetzt Tierchen da drin?
Ich: Nein, die Krankheit heisst bloss so. Das sind keine Krebse.
Das ist mehr so ein Knollen, Zellen die zuviel wachsen.
Kleiner: Was sind Zellen?
Ich: So wie die Legosteine, aus denen dein Körper gebaut ist. Und je nach Farbe der Legosteine gibt es dann Haare oder Haut oder Zehennägel.
Und jetzt hab ich da ein paar Legosteine in falscher Farbe am falschen Ort. Und die dürfen jetzt erstmal nicht mehr weiter wachsen.
Kleiner: Aber dir wächst da jetzt kein Finger???!
Ich: Ha! Nein. Zum Glück nicht. Stell dir vor… Da wächst nur so ein Knollen.

Kleiner turnt auf dem Sofa rum: Mami,…. darf ich Schoggi?


Grosser: Mami das ist komisch. Du warst fit und eigentlich gesund und jetzt mit den Medikamenten gehts dir schlecht. Und jetzt bist du krank.
Ich: Ja normalerweise ist umgekehrt nicht? Ist halt eine ernste Krankheit, da braucht es starke Medis. Hätte ich es erst gemerkt, als ich mich krank gefühlt hätte, würde es viel schwieriger gesund zu werden. Jetzt hoffen wir das Beste.
Grosser: Das schaffst Du!

Gespräche: Haar-Verhandlungen

Ich: Guckt mal. Jetzt rieseln die Haare.
Grosser: Oh ja, das sind mehr als bei mir.
Ich: Ich glaub, jetzt schneid ich sie kurz.
Kleiner: NEEEEEIIIIINN!
Ich: Aber Kleiner, sie fallen ja eh aus. Aber so lange Haare die rumliegen sind eklig.
Kleiner: Glatze ja, kurze Haare nein.
Ich: Abrasieren? Will ich aber noch nicht. Hab ja noch viele.
Grosser: Du kannst ja, falls deine Perücke schon fertig ist, die Haare schneiden und dann die Perücke aufsetzen, bevor Kleiner heimkommt.

Kleiner zu Grosser: DAS HAB ICH GEHÖRT!

Onkologie: Das Gespräch

Die Informationsflut war enorm. Mein Gehirn sowieso nicht ganz aufnahmefähig.
Neben dem Herrn Onkologen war noch eine Care Nurse anwesend. Ich erfuhr die Diagnose, die Behandlung, die Risiken und Nebenwirkungen.
Mein Tumor sei nicht ganz so langweilig, was ihn als Onkologe natürlich freue. Mich weniger. Ich hätte wenn schon, dann lieber den sehr langweiligen bekommen.
Er zeichnete einen Kreis mit einem Punkt drin, um mir zu erklären, welche Rezeptoren der Turmor trägt und was mit welcher Chemie bekämpft werden muss. Und mir ist tatsächlich erst zwei Tage später klar geworden, dass er keinen Busen gezeichnet hat, sondern eine Zelle mit Zellkern.
Ich scheine grad etwas busenfixiert zu sein.

Plötzlich freut man sich über die eine Auffälligkeit in der Lunge, da es nur in der Lunge ist und ich nach dem CT mich gedanklich vollkommen voll Metastasen sah. An der Therapie ändert diese Auffälligkeit nichts: AC-THP.

>Wann möchten Sie denn mit der Chemotherapie starten?
>Sobald wie möglich.
Er verlässt den Raum, um sich zu erkundigen und kommt zurück.
>Heute?
>Heute? Äh. Und der nächste Termin?
Er verlässt wieder den Raum und kommt zurück.
>Mittwochnachmittag.
>Dann lieber heute. Wann? Kann ich noch was Essen?
Er geht und kommt.
> Jetzt!
>Ok. Dann jetzt.

Natürlich muss die Chemomischung erst noch gemischt werden, alle Medikamente quergecheckt und ich werde noch ca. 20 Mal gefragt, ob ich mir sicher sei und nicht noch darüber schlafen muss, vor allem von der Care Nurse.
Nein, muss ich nicht. Es gibt hier ja nicht wirklich was zu entscheiden und wenn mich etwas wirklich fertig macht, dann das Warten.

 

 

 

Gespräche: Viel Lachen und kein Stress

So ich hab es hinter mir. Meine Kinder wissen jetzt, dass ich Brustkrebs habe. Sie wissen, dass es eine ernsthafte Erkrankung ist, dass ich wohl ca. ein halbes Jahr nicht werde Arbeiten können. Auch dass ich sehr starke Medikamente kriegen werde, die mich sehr müde machen und eventuell alle Haare verlieren, von den Medikamenten, nicht von der Krankheit.

> Was alle? So paff und weg?
> Nein, wahrscheinlich nicht alle auf einmal. Mehr so Büschelweise. Dann schmeide ich oder rasiere ich sie ab. Gäbe ja sonst ne schöne Sauerei.

Sie wissen auch, dass ich jemanden kenne, der wieder gesund wurde. Dass wir hier ein Spital mit Spezialisten und sehr viel Erfahrung haben.

Ihre Lehrpersonen und Hort sind auch informiert. Puh!

Der Kleine meinte, ich sehe ja noch gesund aus. Das sei sicher nicht so schlimm.

Der Grosse bedankte sich für meine Ehrlichkeit, sonst würde er merken, dass was nicht stimme und sich noch mehr Sorgen machen. Ich solle jetzt ganz viel Lachen und ja keinen Stress haben. Das helfe beim Gesundwerden.

Und ich müsse meine Einstellung beim Skateboarden ändern und nur noch Freude haben und keinen Frust. (Das dürfte eine Herausforderung sein.)

Ich habe tolle Kinder!