Arbeitsintegration IV

Ich konnte nun also wirklich Assistenz sein und nicht Feuerwehr und Polizei gleichzeitig.
Als Stellvertreter3 krankheitshalber ausfiel, übernahm ich die Grobplanung und als er zurück war, erst die Doppelstunde Deutsch und dann die Mathematik.
Einmal kam ich am Büro des Chefs vorbei und er rief mich zu sich:
He Tinkakartinka, das Case Management fragte nach. Müssen wir diese Gespräche wirklich machen?
Was sollte ich da sagen. Also, fanden ja bis jetzt auch nicht statt, die dreiwöchigen Gespräche.

Mit der Klasse hatte ich es super, im Team auch. Auch wenn die Neuorganisation an der Schule sehr chaotisch war. In unserem unmittelbaren Team war ich die Lehrperson mit der meisten Erfahrung. Zwei Lehrpersonen waren neu an der Schule, eine fachfremde Lehrperson und eine überforderte Leitung, die beim Chef auch keine Unterstzung bekam.
Ungemütlich war auch Corona. Weil nichts mitgeteilt wurde. Von der Schule meiner Kinder kenne ich es so, dass ein Brief an alle Eltern rausgeht, falls ein Kind positiv getestet wurde, mit der Info, wer oder wer nicht in Quarantäne muss und dass man mit den Behörden zusammen arbeite und einer Telefonnummer für Fragen.
Bei uns gab es gar keine Infos. Falls ein Schüler krank war, erfuhr man es vielleicht vom Parallelklassenlehrer. Falls eine Lehrperson Corona hatte, wurde niemand informiert. Ob man zuvor noch zusammen am Tisch zu Mittag gegessen hatte, nun ja.
Als eine Schülerin in meiner Klasse krank wurde, bzw. mit Symptomen und ohne Maske zur Schule kam und ihre Freundinnen abknutschte, bis wir sie dann heimschickten und ein weiterer in Quarantäne sass, schob die Klasse Panik.
Ich bat den Chef um Hilfe. Was sollten wir wie kommunizieren. Er verwies an die Behörden. Aber ich könne ja einen Tag zu Hause bleiben, in meiner Situation. Als ich nachhakte, meinte er, die sollen nicht so tun, Corona gibts nicht erst seit gestern.
Ja. Aber nicht in der Klasse.

Da war mich endgültig klar, egal mit was ich zum Chef gehe, Rückendeckung gibt es keine. Es gab immer wieder seltsame Situationen, als ich mich mit dem Heilpädagogen besprach, er rein kam und fast wieder rückwärts rauswollte, als er mich sah. Kein einziges Mal fragte er mich wirklich, wie es mir geht. Einmal noch so zwischendurch auf dem Flur. Als sei ihm gerade eine lästige Pflicht eingefallen. Ich schlug vor, die Klassenlehrfunktion langsam zu übernehmen und da ich wahrscheinlich durch all die Verzögerungen noch nicht die Klasse vollständig übernehmen könne, sei es sicher einfacher, einen Fachlehrer zu finden. Er hörte sich das an. Sagte aber nichts dazu.

Anfang Dezember hatte ich ein Standortgespräch mit Case Management und Chef. Vor dem Gespräch informierte mich mein Case Management, dass der Chef möchte, dass ich die Klassenlehrfunktion abgebe. Wieder kein direktes Gespräch. Aber immerhin war ich vorbereitet.
Chef sitzt Case Management gegenüber.
Case Management: Es läuft ja gut. Halbes Pensum, selbständig unterrichten, blabla, einzelne Elterngespräche und Sitzungen, blabla.
Chef: Das ist nichts, das reicht nicht. Sie ist ja gar nicht an allen Sitzungen dabei. Wir haben Jahresarbeitszeit. Das ist überhaupt noch nicht die Hälfte. Es wäre sinnvoll, die Klassenlehrfunktion abzugeben.
Ich: Nun ja, ich weiss tatsächlich noch nicht, wie es im Sommer aussieht. Ich bin zwar gern Klassenlehrer und ein guter. Aber ich bin einverstanden. Ich möchte einfach meine Fächer unterrichten, da ich sehr viele Zusatzmaterialien hergestellt habe und fachfremd unterrichten macht kein Sinn, wenn man noch nicht fit ist.
Case Management: Ja, das klingt doch gut….
Chef: Welche Fächer hast du?
Ich: (sage meine Fächer..)
Chef: Das ist bei uns nicht vorgesehen. Das unterrichten die Klassenlehrer. Das geht höchstens in einem anderen Schulhaus.
Ich: Ja, bei D verstehe ich es, aber Mathe, da benutzen eh alle meine Materialien, das würde bestimmt gehen in den Parallelklassen…
Chef: Das ist DEINE Meinung. Nicht meine. Da musst du an eine andere Schule.
(Das war übrigens auch die Antwort, als ich im Mai sagte, ich fühle mich aus der Schule rausgemobbt. Da sagte er: Das ist DEIN Gefühl.)
Case Management: (sprachlos)
Ich: Gut, ich habe noch die Zusatzausbildung. Vielleicht kann ich im Förderzentrum mit Kleingruppen oder einzelnen Schülern.
Chef: Dafür musst du an eine Privatschule. Dafür haben wir hier keinen Platz.

Das war deutlich. Er beschwerte sich dann noch, dass wenn ich nach Beendigung der Massnahme (wenn die Versicherung nicht mehr Stellvertreter3 entlöhnt) noch nicht fit sei und eine Teilkrankschreibung hätte, das ja dann extrem mühsam sei, jemanden für ein kleines Pensum zu finden.
Das Case Management warf in den Raum, ob die Integration so überhaupt noch Sinn mache und ob ich vielleicht eine Laufbahnberatung in Anspruch nehmen sollte.

Trotzdem kam ich sehr beschwingt aus diesem Gespräch (Wut und Enttäuschung kamen erst später). Weil der Chef endlich mal ganz klar gezeigt hat, was ich die ganzen Monate über bloss diffus gespürt hatte: Ich bin beschädigtes Mitartbeitermaterial, ich mache Arbeit, ich kann weg. Dazu sprach er eigentlich gar nicht mit mir, sah mir kein einzige Mal in die Augen und rechtfertigte sich eigentlich über meinen Kopf hinweg meinem Case Management gegenüber.
Nach dem Gespräch wollte mein Case Management unbedingt noch mit mir sprechen. Sie müsse halt neutral sein, sagte sie kopfschüttelnd. Vielleicht sollte ich an eine Schule, wo die Integration unterstützt werde.
Stellvertreter3 hatte ein paar Tage nach mir auch ein Gespräch mit dem Chef, wie er mir erzählte. Er wurde gefragt, ob er ab April meine Klasse übernehmen könne, vielleicht schon früher. Er hatte ein furtchtbar schlechtes Gewissen. Er wolle mir nicht den Job wegnehmen. Nun, es war ja nicht er. Und er wäre ne gute Lösung für die Klasse.

Für meinen Chef wurde ich wieder unsichtbar, er ging mir aktiv aus dem Weg. Das Krasseste war am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien. Wir sassen zu viert im Raum. Chef kam rein, sieht mich, stockt. Dreht sich zu den zwei um, die gerade fertig gegessen hatten und aufstehen und wünscht ihnen schöne Weihnachten. Dreht sich dann zu meinem Nachbar und beginnt ein Gespräch. Ich stehe auf und gehe. Ich war wohl die Einzige ohne Weihnachtswünsche.

Nun, mit der Klasse und im Team hatte ich es gut. Also wollte ich sicher noch das Semester fertig machen, obwohl mein Arzt mich schon seit November aus der Schule nehmen wollte. So würde ich nicht gesund werden.
Doch nach den Weihnachtsferien schlief ich die erste Woche nicht mehr. Ich fragte mich, ob ich vielleicht wirklich unbrauchbar war? Und wenn man nicht mehr schläft, dann kann man tatsächlich nicht mehr vor 18 Pubertierenden stehen. Eine Rente wurde Thema.
Dazu sah ich noch das Sitzungsprotokoll vom Chef an den Chefchef, in dem meine Leistung downgegraded wurde und das offensichtlich als Rechtfertigsungsinstrument dienen sollte, falls ich kein Pensum mehr kriege. An der nächsten Sitzung informierte ich mein unmittelbares Team, dass ich wohl im Sommer kein Pensum haben werde und bremste sie, da sie sich für mich einsetzen wollten. Es habe keinen Sinn. Eine Kollegin wetterte über den unloyalen Chef, das kenne man ja.

Nachdem ich am Wochenende schlafen konnte und auf Montag wieder nicht, sah ich es ein und liess mich krankschreiben. Das war am Dienstag. Der Chef wurde per Mail informiert. Ich informierte Stellvertreter3 persönlich. Er war geschockt, ich hätte die Klasse ja voll im Griff gehabt und super unterrichtet. Wir seien doch ein gutes Team gewesen. Das sei sowas von unfair und ungerecht.
Ich bereitete die Übergabe vor und am Mittwochmorgen rief mich Stellvertreter3 an. Er habe ein Frage. Ich dachte zum Unterricht, vielleicht habe ich etwas nicht genau genug erläutert. Doch er fragte mich, was er der Klasse sagen soll. Nun, das wisse ich nicht, das müsse der Chef sagen.
Der Chef habe ihn nicht darüber informiert, dass ich krankgeschrieben sei.
Wie jetzt. Die Klasse wäre ohne Lehrer gewesen, wenn ich dich nicht informiert hätte?
Etwa um zehn rief mich der Chef an. Ich nahm nicht ab. Das Case Management bat ich, mich bitte abzuschirmen. Ich brauchte Distanz.

Dem Sitzungsprotokoll meines Teams vom gleichen Tag entnahm ich, dass der Chef sie über meine Krankschreibung informierte. Und darüber, dass Stellvertreter3 bis im Sommer an meiner Klasse bleiben würde.

(Letzteres geht nur, wenn ich nicht mehr zurück gehe und/oder meine Anstellung verliere).

Arbeitsintegration III

Ich muss zugeben, ich war etwas voreingenommen, als ich Stellvertreter2 googelte, der mit mir an meiner Klasse unterrichten sollte. Ich traute ihm das nicht wirklich zu. Nach einen Skype-Gespräch legte ich aber meine Vorurteile beseite und dachte, das kommt schon gut. Der ist umgänglich, hat schon auf der Stufe unterrichtet.
Im Sommer gab es dann ein Planungsgespräch mit Chef, Case Management, Sozialversicherung und mir. Alles klang super.
Ich sollte die ersten Wochen nur assistieren, alle drei Wochen sollte an einem Standortgespräch mit Chef Befindlichkeiten erfragt und Steigerung besprochen werden. Erstmal für drei Monate, aber sicher würde die Integration für weitere drei verlängert werden. Dabei wurde Stellvertreter2 mit dem gleichen Pensum wie ich von der Sozialversichetung entlöhnt, damit ich ohne Druck das Arbeitstraining absolvieren konnte. Ziel: Berentung vermeiden.
Problem: Viele.
Schon bei den Einarbeitungstagen im Sommer stellte ich mir die Frage, ob Stellvertreter2 wirklich schon einmal mit Klassenverantwortung unterrichtet hatte oder wusste, wie ein Schulhaus funktionierte. Er schien hochmotiviert und unglaublich unselbständig.
Ich sollte also zuerst nur im Unterricht sitzen. Zwei Lektionen pro Tag, ohne Verantwortung.
Es war die absolute Katastrophe. Stellvertreter2 meinte, ich arbeite ihn ein. Nein. Er bekam Zugang zu allen meinen Materialien, aber, nun…
Also man braucht ja viele Qualitäten, um eine gute Lehrperson zu sein: Beziehung zu Schüler:innen aufbauen, Struktur, Klassenführung, Vorbereitung, Empathie, Unterricht rhythmisieren, Inhalte herunterbrechen und vermitteln können, auch einmal die Klappe halten, Regeln durchsetzen, Humor usw.
Kaum eine Lehrperson hat alle zu gleichen Massen. Aber ich hatte bis dahin noch nie jemanden gesehen, der gar keine davon hatte. Er war nett und stand gerne vor einer Klasse. Das wars dann auch.
So fuchtelte er in der ersten Woche mit einem Buch, das sei das Lehrmittel. Als ich fragte, ob die Schulbücher noch nicht da seien, meinte er, gute Idee, ich geh mal schauen. Und war weg. Also sprang ich ein und überbrückte die Viertelstunde, bis er zurück war.
Eine Lektion lang dozierte er ein Blatt mit lateinischen Begriffen für die deutsche Grammatik runter. Das habe er für einen Erwachsenendeutschkurs erstellt. Aha. Wir waren aber in einer 7. Klasse Hauptschule. Wenigstens die Fussnoten hätte er entfernen können.
Einmal fragte er mich, wie er denn nun die Hausaufgaben korrigieren soll oder zu Beginn der Stunde, was er in der Stunde machen soll.
Als die Schüler:innen ihre Outlook-Konten einrichteten, übernahm ich, weil es so chaotisch war, und sicherte mir die Passwörter jedes Schülers.
Nach zwei Stunden sass ich mit Tinnitus und Narbenschmerzen, Kopfweh und kreidebleich im Lehrerzimmer und wartete darauf, genug fit für die Autofahrt nach Hause zu sein. Und das fast jeden Tag.
Einmal fragte mich der Chef im Kopierraum, wie es gehe. Ich schilderte den Unterricht. Er zog die Augenbrauen hoch und gab mir noch mein Präsenzblatt für die Integration, ich könne die Anwesenheitskreuzchen ja selber machen und es ihm Ende Monat ins Fach legen.
Die anderen vom Team, die dem Unterricht beiwohnten, standen kopfschüttelnd im Zimmer. Ich schickte alle zum Chef, da ich nicht annahm, alleine Gehör zu finden.
Das Klassenteam diskutierte an einer Sitzung in meiner Abwesenheit, dass ich ihn entlasten soll. Ich erklärte ihnen dann meine Integration, meine Rolle und dass er eigentlich meine Entlastung sei.
Auch stellte sich heraus, dass alle meinten, ich arbeitete ihn ein. Kurz: Das Team war nicht im geringsten über die Integration informiert.
Als ich nochmals zum Chef ging, fuchtelte er mich wie eine Schmeissfliege weg: Ich schau schon. Du musst gar nichts machen, bist nur Assistenz. Du musst gesund werden.
Nun schwierig, wenn man weiss, dass man die Klasse mal übernehmen wird…
In der dritten Woche rief mich mein Chef an meinem freien Tag an: Tinkakartinka, wie geht es dir?
Und ich so, freudig, cool, er fragt mal, wie es mir geht, vielleicht normalisiert es sich jetzt… bis ich verstand, ich sollte eine schriftliche Einschätzung zu Stellvertreter2 abgeben. Das hiess wohl, bald würde Stellvertreter3 kommen.

Zwei Tage später wurde ich zeitgleich mit dem ganzen Team darüber informiert, dass Stellvertreter2 ab sofort weg ist. Lustigerweise hatte ich am gleichen Abend Elternabend. Ich hatte mich bereit erklärt, ihn zu übernehmen und mein Chef wusste das. Also erwartete ich eine Info, was den Eltern genau mitgeteilt worden war und ob ich noch sagen sollte. Als nichts kam, schrieb ich ne Mail.
Dann dachte ich, vielleicht ist der Chef ja noch in der Schule und ging etwas früher hin. Eigentlich müsste er ja dabei sein. Nein.
Kurz vor dem Elternabend erreichte ich ihn. Nein, ich dürfe noch nicht den Namen von Stellvertreter3 sagen, dass sei noch nicht offiziell.
Aber an wen sollen sich die Eltern wenden? Hallo liebe Eltern, ich bin dann irgendwann die Lehrerin, der andere ist heute gegangen, wer kommt, darf ich nicht sagen???
Ich durfte dann.
Mein skurrilster Elternabend bisher.

Stellvertreter3 war ein absoluter Glücksfall. Also nochmals zurück auf Start, wir hatten inzwischen September.

Arbeitsintegration II

Kaum wurde verkündet, dass die Schulen wieder öffnen werden, mailte ich meinem Chef.
Auf meine zweite Mail kam Antwort, in zwei Wochen würde er sich melden. Ich drängte auf ein Treffen, Krankengeld wird ja nicht ewig bezahlt.
Antwort bekam ich keine. Aber meine Case Managerin, die ich automatisch zugewiesen bekam, meldete sich. Sie richtete mir aus, dass ich nicht zurück an die Schule könne, sondern in ein anderes Schulhaus müsse… 🤔
Davon war selbst vor vier Wochen nie die Rede gewesen!

Ich wusste allerdings, dass meine Stellvertretung einen völlig anderen Unterrichtsstil hat.
Und ich hatte im November schon quasi Besuchsverbot im Schulhaus, da meine Stellvertretung zehn Tage nach meinem letzten Besuch Stunk mit der Klasse hatte und mich dafür verantwortlich machte, weil die Schüler jetzt meinen würden, ich käme zurück. Dabei hatte ich sie vom Gegenteil informiert, da mein Chef die Info offensichtlich noch nicht weitergeleitet hatte.
Also zusammen mit der Stellvertretung im Teamteaching vor der Klasse könnte nicht einfach sein. Oder vielleicht weigerte er sich?
Ich erarbeitete einen Vorschlag, wie ich in meine (Abschluss-) Klasse konnte, ohne mit ihm im Schulzimmer zu stehen.
Keine Reaktion vom Chef auf meine Mail.

Das Gespräch mit ihm war dann äusserst skurril: „Wir haben keinen Platz für dich. Wir können dich nicht brauchen.“
Wir sprechen hier von einer Hauptschule, da kann man immer wer brauchen.
Nur nicht mich.
Nicht in meiner Klasse.
Nicht in einer anderen.
Nicht im Schulhaus.
Begründung: Es gibt Unruhe.
Das wiederholte er – mantra mässig – eine Stunde lang, ohne mir dabei in die Augen zu blicken.
Alle Versuche einer genaueren Erklärung, sowie alle anderen Vorschläge prallten ab. Meiner Case Managerin wurde untersagt, Kontakt mit meiner Stellvertretung auf zu nehmen, um eine Lösung zu finden.

Peinlicherweise hatte mein Chef offenbar nur diese Sätze vorbereitet, nicht aber meinen Integrationsplan gelesen und wusste nicht, dass eine Arbeitsinegration mit der Sozialversicherung geplant war und was das heisst.

Ich und meine Case Managerin standen kopfschüttelnd auf dem Schulhausplatz nach dem Gespräch. So etwas habe sie noch nie erlebt. Das sei nicht nachvollziehbar.
Ich wurde also in ein anderes Schulhaus ausgeschafft, wo ich (coronabedingt) auf dem Flur meine zwei Stunden absass. Die Schüler arbeiteten selbständig an Projekten, kannten mich nicht. Und das war so ziemlich das am weitesten Entfernte von meinem eigentlichen Job.
Ich glaube, ich half zwei Schülern in den zwei Wochen, bevor ich mich weigerte, weiter hin zu gehen. Auf Fluren war ich das ganze Jahr gesessen.
Auf Spitalfluren.

Mein Computer war in den Besitz meiner Stellvertretung übergegangen. Ein neuer wurde mir erst versprochen, auf mein Nachfragen erfuhr ich, dass ich erst Ende Schuljahr mit den „anderen neuen Lehrpersonen“ einen kriege. An meine Dokumente durfte ich nicht, da im Schulhaus.
Also wartete ich wieder.

Zwei Wochen vor Schulschluss durfte ich den Abschluss meiner Klasse vorbereiten und endlich zurück ins Schulhaus.
Ich muss sagen, vor meinem ersten Schultag in meiner Klasse war mir speiübel. Ich hatte ja keine Ahnung, was vorgefallen war. Ich zerbrach mir den Kopf.
Hatte ich etwas falsch gemacht? Wurde über mich Übles erzählt? Wusste wer im Team etwas, das ich nicht wusste? Was erwartete mich?

Meine Stellvertretung hiess mich mit grossem Trara willkommen – offensichtlich wusste er nichts von meiner Verbannung.
Das Team war erstaunt, warum ich nicht zu ihnen ins Schulhaus zurück habe kommen wollen.
Von einer Eskalation in meiner Klasse im November wusste niemand was.
Vor meiner Erkrankung war mein Verhältnis zum Chef super. Und nun bekam ich auf die Hälfte meiner anfragen keine Antwort und er wich mir im Schulhaus aus.

Ich bereitete in diesen zwei Wochen den Abschluss der Klasse vor und übernahm mich grandios – ich wollte möglichst noch Zeit mit ihnen verbringen.

Dazu liess ich mich beraten. An dieser Schule bleiben oder einen anderen Integrationsplatz suchen? Mein Vertrauen in meinen Chef war unter null, aber ich entschied mich für das Team und dachte, ist die Klasse erst mal weg, gibt es einen Neubeginn.

Arbeitsintegration I

Ich versuche mich jetzt mal mit einem Update.
Als ich krank wurde, bekam ich von meinem Arbeitgeber ein Case Management zugewiesen. Wurde also zu einem Fall, der gemanagt werden muss. Hätte ich mich geweigert, hätte mir mein Krankentaggeld gekürzt werden können.
Für den Papierkram war das echt hilfreich!
Auch wenn ich im Sommer 2019 – mitten in der Chemo – nicht unbedingt den IV-Antrag ausfüllen wollte. IV – Invalidenversicherung: zuständig für Arbeitsintegration, Umschulung und Berentung.
Und mitten in der Behandlung dachte ich ja, nachher gehts zurück ins Leben (hahaha).

Nach der Chemo, OP, Bestrahlung, war ich in der ReHa. Dort entwarf ich dann den Plan der Arbeitsintegration: sanft beginnen, immer mehr steigern. Endlich zurück ins Leben! Zurück zu meiner (Abschluss-) Klasse. Zurück ins Team, an den Ort, wo ich endlich nicht mehr nur krank war, sondern was bewirken konnte.
Als Lehrerin muss man fit sein, vor der Klasse, deshalb war der Einstieg sehr sanft: erst sollte ich als Klassenassistenz arbeiten – ohne pädagogischen Auftrag, mehr als Begleitung.
Lehrerin sein, das geht nicht auf Halbmast, deshalb ist die Planung des Wiedereinstiegs auch herausfordernd.

Ich kam also zurück aus der Reha – und dann kam Corona.
Lockdown. Schulen zu.

Weiterwarten.
🤷‍♀️

Die gute Nachricht des Tages

Mein Osteopath hat mir endlich – nach 5 Monaten vergeblichen Halsumdrehens – die Halswirbel C2 und C3 lösen können. 🥳🥳

Ein Zeichen für schon lange nicht mehr dagewesene Entspannung.

Das dachte ich. Dass das die gute Nachricht des Tages sei. Dann klingelte das Telefon.
Sorry, ich muss jetzt – in Ermangelung eines Gegenübers – kurz vor dem Spiegel mit mir selbst anstossen.

Später mehr.

Aha…

Ich hätte eine mittelschwere Depression, wenn nicht eine schwere, hiess es. Ich fragte, wie denn, ich stehe ja noch jeden Tag auf. Ich mache ja alles, was zu machen ist. Wie soll man den wissen, ob das jetzt die Fatigue, die Antihormone oder eine Depression sei?
Ich sei hochfunktional, hiess es. Und ich hätte mir soviele Strategien angeeignet, dass ich auch so meinen Alltag meistere. Ja, mag sein. Schon als Kind funktionierte ich und niemand merkte, was zu Hause so ablief.

Dieses Wochenende sind meine Kinder bei Papa.
Es ist ernüchternd. Um nicht zu sagen erschreckend…
Ich habe es kaum aus dem Bett raus geschafft. Musste mich zum Essen zwingen. Lag vorzugsweise an die Decke starrend im Bett oder heulend – mich als menschlichen Abfall bezichtigend – unter der Bettdecke.
Ok. Ich habe es verstanden. Offensichtlich habe ich eine Depression.
Immerhin weiss ich, wenn ich meine Antihormone nicht nehme, geht es mir schon besser: Scheiss-Sterbe-Bingo! 🙈


Auf den Termin zur Zweitmeinung bezüglich der Erhaltungstherapie warte ich noch.
Dass ich gestern noch Material von meinen Arbeitsplatz abholen musste, half auch nicht gerade. Meine Namensschilder sind schon verschwunden, obwohl ich noch angestellt wäre, theoretisch.
Ich möchte nicht weiter darauf eingehen.
Nur – es ist nicht gerade förderlich für den Genesungsprozess, wenn man als (noch) nicht funktionierende Mitarbeiterin abgesägt wird.
Hinzu kommt, dass es meinem Kleinen nicht gut geht. Ob eher psychisch oder physisch, wir klären ab. Bisher habe ich immer gesagt: Hauptsache, ich und meine Jungs haben es gut! Ich würde sonst zusammen brechen!
Inzwischen hat mein Grosser seine Asperger-Diagnose. Und mein Kleiner…. wir werden sehen.
Und jetzt?

Heute – ohne Antihormone – gings natürlich schon viiiiiiel besser. 💪🏻💪🏻 Dafür ist mein Kleiner jetzt erst mal in Quarantäne, da ein Corona-Mutant in der Klasse lokalisiert wurde. Also diese Woche für alle schulfrei.

Morgen gehts zum Test. Und dann. Wer weiss. Nächste Episode in der südamerikanischen Soap, die sich mein Leben nennt…. 🥳