Ein Grund für den Traum war sicher die letzte Chemotherapie am Freitag.
Da ist etwas passiert.
Bis jetzt war die Chemo ein notwendiges Übel. Ja, das Gefühl den Körper zu vergiften, dass es an die Substanz geht, Kraft raubt.
Aber diesmal ging es nicht nur an die Substanz, sondern an meinen Kern.
Ich hatte das Gefühl, dass das Gift mein Ich zu zersetzen beginnt.
Es war verstörend.
Als würde nicht mehr nur mein Körper mit der Chemie geflutet, sondern mein Selbst, meine Seele – wie auch immer man das nennen möchte – wird löchrig, zerfressen.
Ich löse mich auf.
Das hat in mir den Schalter umgelegt.
Mein ganzer Körper schreit nein.
Ich war früher magersüchtig. Und dort gab es einen ähnlichen Moment. Wie bei der Chemotherapie die Nebenwirkungen, gab es bei der Magersucht ganz viele Anzeichen der Selbstzerstörung: das ewige Frieren, Essensalbträume, Schwäche, Momente der übersteigerten Klarheit, gestörte Selbstwahrnehmung, die Knochenkontrolle.
Aber da gab es diesen einen Moment, an den ich mich sehr gut erinnere.
Ich kämpfte mich die Marmortreppe in den ersten Stock der Villa hoch, in der meine Schule war. Hangelte mich am schmiedeisernen Handlauf entlang. Und plötzlich hatte ich das Gefühl, dass mein Körper Energie aus meinen Gehirn aussaugt, es angreift.
Körper frisst Hirn.
Irreversibel. Ich verschwinde.
Nicht nur körperlich.
Und am Freitag hatte ich dieses Gefühl nach der Chemotherapie.
Das hier etwas irreversibel zerstört wird.
Am Donnerstag habe ich die 9. von maximal 12 Dosen Taxol (falls die Blutwerte stimmen). Das muss ich dann mit meinem Onkologen besprechen.
Es werde häufig früher abgebrochen, wurde mir gesagt.
Kein Onkologe kann mir sagen, ob ich das Taxol neben den Antikörpern überhaupt mit Sicherheit brauche.
Keiner kann mir sagen, ob es 12 Dosen sein müssen. Es gibt keine Garantie, nur Statistik.
Es gibt keine Garantie, dass ich in einem Jahr kein Rezidiv haben werde.
Die Studien geben Leitlinien vor, aber ich muss entscheiden, was ich will.
Es ist mein Leben. Dafür trage ich die Verantwortung.
Ich muss entscheiden, was ich aushalte.
Und ich halte es nicht mehr aus.
Nach der nächsten Chemo ist sowieso ein MRI geplant. Tumorkonferenz. Das weitere Vorgehen.
Dann Operation, Bestrahlung. Dafür sollte auch noch Kraft bleiben.
Und ich habe zwei Kinder.
Und mich.
Mich möchte ich behalten.
Trotz Krebs.