Nebenwirkungen: Teelicht

Eigentlich bin ich sonst mehr ein Walpurgisnachtfeuer. Nun ist meine Grundenergie zu einem Teelicht geschrumpft.
Brennt es zu lang, ersäuft der Docht im flüssigen Wachs und das Licht löscht.
Dann muss ich warten, bis der Wachs wieder ausgehärtet ist, bevor ich eine neue Flamme anzünden kann.

Praktisch heisst das: Entweder Tee trinken oder einkaufen gehen, nicht beides: maximal 2 Stunden unterwegs, dann 2 Stunden Schlaf.
Und unterwegs beginnt nicht erst mit der Haustüre, die ins Schloss fällt, sondern mit planen, duschen, anziehen, packen…

Nebenwirkungen: Kaffee ade

Sie hatten mich gewarnt, dass sich durch die Chemo der Geschmack ändern kann. Auch können die Schleimhäute trockener sein, schneller bluten – also nur noch Zahnbürste supersoft!

Nachdem es mit endlich nicht mehr speiübel war und der Geruch von Kaffee wieder lecker roch, wollte ich wieder einen trinken.
Leider schmeckte er, wie wenn man sich eine Schmerztablette langsam auf der Zunge zergehen lässt: unglaublich bitter!

Kardiologie: Die sezierte Paprika

Da die Chemo im schlechten Fall das Herz in Mitleidenschaft ziehen kann, muss erst mal der aktuelle Zustand genau untersucht werden.

Leider war ich müde, sehr müde. Im Wartezimmer bin ich fast vom Stuhl gekippt.
Dann erst EKG und mit dem Zettel in der Hand auf die Untersuchung warten.

Ich muss mich seitlich auf die Bahre legen, schön Herz über Loch in der Liege. Der Arzt komme bald. Ich kriege noch ein warmes Tuch, wie beim Wellness.
Er kommt leider nicht so bald, entschuldigt sich, als er mich aus meinem Schläfchen weckt.
Dann arbeitet er sich Kammer für Kammer durch mein Herz. Die Pumpen und die Klappen zappeln.
> Sehen Sie, das ist wie eine Paprika. Hier kommt das Blut rein und wird dort weiter gepumpt. Und so mit Farbe kann ich sehen, ob die Klappen dicht schliessen.

Meine Güte ist das Herz fleissig. Ich glaube, Herzschmerz sollte man möglichst umgehen, gibt schon so viel zu tun.
Hochkonzentriert schiesst er unglaublich viele Bilder.
Ist das nun schon wieder distanzierte Professionalität?

>Alles in Ordnung?
>Ja, alles gut. Ich muss einfach alle Ansichten haben. Also die Paprika…. (er zeigt es mit den Händen)
>Sie sezieren die Paprika.
>Genau!

Herz gesund. Na immerhin. 🙂

Tumor-Humor: Rapunzel! Rapunzel!

Als Betroffener darf man das. Als Behinderter darf man Krüppelwitze reissen, als Jude Judenwitze und als Krebspatient Chemo-Witze.
Aber ich muss aufpassen, dass mein Humor nicht überfordert.
Doch mit meinen Kindern witzeln, tut gut.

Prinz: Rapunzel! Rapunzel! Lass dein Haar herunter.
Chemo-Rapunzel wirft den Zopf aus dem Fenster.
Plaff.
Prinz von Zopf erschlagen.

Nebenwirkungen: übel übel

Ja die Übelkeit.
Was meinte Herr Onkologe? Falls ich keine Nebenwirkungen von der Chemotherapie hätte, würde er sich Sorgen machen, dass sie mir das falsche Medi gemischt hätten.

Und ja ist es mir übel. Noch nicht am Samstag, aber da durfte es mir auch nicht übel sein, da ich noch einen Kindergeburtstag hatte und Sonntag Spielbesuch für den Grossen.
Sonntag gings los. Montag und Dienstag waren katastrophal. Trotz Antikotztablette wurde die Nahrungsaufnahme und das Drinbehalten ebendieser zu einem zweistündigen Projekt.

Aber es wird besser. Dafür schmerzt etwas das Kreuz. Muss wohl die Leukozytenfabrik sein.

Neulasta: Spritze und Avocadobrötchen

Jaja, gar kein Problem!!!

Grosse Töne schwang ich am Freitag im Gespräch. Klar, kann ich mir auch selbst spritzen.
Denkste!
Totalüberfordert rufe ich die Care Nurse an. Die sind supernett, natürlich kann ich vorbeikommen.

Die Spritze ist wirklich kein Problem – für sie.

Aber sie schaut mich brsorgt an. Ich kann vor Erschöpfung kaum aufrecht sitzen. Sie fragt nach dem Essverhalten und betont nochmals, dass eine Gewichtsabnahme meine Prognose verschlechtere.
Sie holt einen Ratgeber: anreichern mit Sahne, Oel, viel Butter. Hauptsache Kalorien.
Kleine Portionen, wenns grad geht sind sicher besser.
Der Körper braucht Schmackes für den Kampf gegen den Krebs.

>Aha, andersrum also wie in meiner Anorexiezeit. Sie können den Ratgeber behalten, ich weiss Bescheid.

Ich ging nach Hause und ass ein Eis. Später Avocadobrötchen mit Butter.
BÄMM!

Lava: Da brennt was in mir.

Wie fühlt sich das nun an, eine Chemotherapie zu haben? Sicher ist es ganz unterschiedlich. Ich kann nur beschreiben, wie es sich bei mir anfühlte.
Unglaublich aufgeputscht war ich, wahrscheinlich das Cortison, fast schon manisch.

Und so musste ich dann auch versuchen zu schlafen. Im Kopf brannte das Flutlicht eines Fussballstadions. Ich war hellwach und gleichzeitig müde. Mein Köper war in Alarmbereitschaft, wissend, dass da irgendetwas passiert, was ungewöhnlich ist.
Mein Herz klopfte wie nach einem Sprint und ich hatte heiss.
Keine Fieberhitze, bei der glüht man ja eher so von Innen heraus. Auch keine Hitze, die von aussen kommt, wie im Sommer oder bei zuviel Kleidung. Es fühlte sich an, als flösse Lava durch meinen Körper und zwar dicht unter der Haut. Es kribbelte im Tumor. Aber das kann natürlich Einbildung gewesen sein.

Ich versuchte Autogenes Training, ich versuchte mich abzulenken. Ich nahm eine Temesta, die nicht wirklich half. Ich habe drei Stunden gebraucht um mich so weit entspannen zu können, dass ich Einschlafen konnte.