Das Leiden hängt hier tief und schwer im Zimmer.
Am schlimmsten finde ich die Herzchen mit Aufmunterungssprüchen, die an der Wand hängen: Gib nicht auf! Du schaffst das!
Ich bin zu jung für die Krankheit, das sehe ich an den anderen, die hier am Tropf hängen. Wie das blühende Leben stürme ich das Zimmer. Vielleicht auch die Erleichterung, dass es endlich losgeht, dass es behandelt werden kann, vielleicht sind es auch die 3 Cortison-Tabletten, die mich aufputschen.
Die Care Nurse setzt sich zu mir. Und bleibt während der ganzen Infusion bei mir. Sie gibt mir Infomaterial, beantwortet Fragen. Das hilft sehr, denn mein Freund musste zurück zur Arbeit.
Erst wird die Infusion gelegt. Das muss sehr vorsichtig geschehen, da das Mittel ja nicht ins Gewebe auslaufen darf. Es wird von unten nach oben gestochen, d.h. die erste Chemo kriege ich in den Handrücken. Erst wird gespült, dann das Mittel, dann wieder gespült.

Eine Mitpatientin kommt rein. Sie stöhnt und ächzt bei jedem Schritt. Leider nicht nur, bis sie in ihrem Chemo-Sessel sitzt. Sondern es geht weiter. Das hebt die Stimmung nicht gerade. Und ich versuche, mich davor zu schützen. Alle sind hier krank. Allen geht es nicht gerade rosig, aber so ein Theater abzuziehen. Die Krankenschwestern organisieren ihr eine Liege in einem Zimmer nebenan und wir sind alle froh.
Ich solle nicht erschrecken, was da reinkomme, müsse auch wieder raus. Ich würde farbig pinkeln und die Tränen könnten auch orange sein.
Nun gut, dann kann ich nicht weinen. Der Schock für meine Kinder wäre wohl zu gross. Und nach der Chemo pinkelte ich tatsächlich im diesem Farbton.

