Chemotherapie: Bin mal kurz rot pinkeln…

Das Leiden hängt hier tief und schwer im Zimmer.

Am schlimmsten finde ich die Herzchen mit Aufmunterungssprüchen, die an der Wand hängen: Gib nicht auf! Du schaffst das!

Ich bin zu jung für die Krankheit, das sehe ich an den anderen, die hier am Tropf hängen. Wie das blühende Leben stürme ich das Zimmer. Vielleicht auch die Erleichterung, dass es endlich losgeht, dass es behandelt werden kann, vielleicht sind es auch die 3 Cortison-Tabletten, die mich aufputschen.

Die Care Nurse setzt sich zu mir. Und bleibt während der ganzen Infusion bei mir. Sie gibt mir Infomaterial, beantwortet Fragen. Das hilft sehr, denn mein Freund musste zurück zur Arbeit.
Erst wird die Infusion gelegt. Das muss sehr vorsichtig geschehen, da das Mittel ja nicht ins Gewebe auslaufen darf. Es wird von unten nach oben gestochen, d.h. die erste Chemo kriege ich in den Handrücken. Erst wird gespült, dann das Mittel, dann wieder gespült.

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Eine Mitpatientin kommt rein. Sie stöhnt und ächzt bei jedem Schritt. Leider nicht nur, bis sie in ihrem Chemo-Sessel sitzt. Sondern es geht weiter. Das hebt die Stimmung nicht gerade. Und ich versuche, mich davor zu schützen. Alle sind hier krank. Allen geht es nicht gerade rosig, aber so ein Theater abzuziehen. Die Krankenschwestern organisieren ihr eine Liege in einem Zimmer nebenan und wir sind alle froh.

 

Ich solle nicht erschrecken, was da reinkomme, müsse auch wieder raus. Ich würde farbig pinkeln und die Tränen könnten auch orange sein.
Nun gut, dann kann ich nicht weinen. Der Schock für meine Kinder wäre wohl zu gross. Und nach der Chemo pinkelte ich tatsächlich im diesem Farbton.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Onkologie: Das Gespräch

Die Informationsflut war enorm. Mein Gehirn sowieso nicht ganz aufnahmefähig.
Neben dem Herrn Onkologen war noch eine Care Nurse anwesend. Ich erfuhr die Diagnose, die Behandlung, die Risiken und Nebenwirkungen.
Mein Tumor sei nicht ganz so langweilig, was ihn als Onkologe natürlich freue. Mich weniger. Ich hätte wenn schon, dann lieber den sehr langweiligen bekommen.
Er zeichnete einen Kreis mit einem Punkt drin, um mir zu erklären, welche Rezeptoren der Turmor trägt und was mit welcher Chemie bekämpft werden muss. Und mir ist tatsächlich erst zwei Tage später klar geworden, dass er keinen Busen gezeichnet hat, sondern eine Zelle mit Zellkern.
Ich scheine grad etwas busenfixiert zu sein.

Plötzlich freut man sich über die eine Auffälligkeit in der Lunge, da es nur in der Lunge ist und ich nach dem CT mich gedanklich vollkommen voll Metastasen sah. An der Therapie ändert diese Auffälligkeit nichts: AC-THP.

>Wann möchten Sie denn mit der Chemotherapie starten?
>Sobald wie möglich.
Er verlässt den Raum, um sich zu erkundigen und kommt zurück.
>Heute?
>Heute? Äh. Und der nächste Termin?
Er verlässt wieder den Raum und kommt zurück.
>Mittwochnachmittag.
>Dann lieber heute. Wann? Kann ich noch was Essen?
Er geht und kommt.
> Jetzt!
>Ok. Dann jetzt.

Natürlich muss die Chemomischung erst noch gemischt werden, alle Medikamente quergecheckt und ich werde noch ca. 20 Mal gefragt, ob ich mir sicher sei und nicht noch darüber schlafen muss, vor allem von der Care Nurse.
Nein, muss ich nicht. Es gibt hier ja nicht wirklich was zu entscheiden und wenn mich etwas wirklich fertig macht, dann das Warten.

 

 

 

Angst

Jetzt hab ich Angst. Bis jetzt war es mehr Verzweiflung, Überforderung.

Heute im CT gleiche Situation wie nach der Mammographie. Sie kontrolliert die Bilder, ob die Qualität reicht und kommt zurück mit diesem distanziert-professionellen Blick. Also hat er wohl gestreut der Tumor.

Und das heisst? Was heisst das den jetzt?
Erfahren werde ich es morgen.

Und dann gerne wieder eine Stufe rauf und nicht nur immer weiter runter.

Taucher

Kurzes Luftschnappen nur.

Morgen wird untersucht, ob der Tumor gestreut hat. Das ultimative Angstszenario.
Ansonsten mit Chemo 90% Heilungschance.
Freitag Onkologie-Termin.
Nächste Woche startet Chemo. Kaum zwei Wochen nach der Mammographie.

Da kommt man gar nicht hinterher mit dem Gefühl….

Breihirn und Schwabbelbeine

Schon erstaunlich, was so eine Diagnose mit mir macht. Ich bin ja jetzt nicht kränker als vor einer Woche. Und der erste Schockzustand hat sich etwas gelegt. Trotzdem fühle ich mich ungemein kraftlos. Kann mich plötzlich nicht mehr erinnern, wie ich die Klimaanlage im Auto bedienen muss. Kann kaum auf dem Skateboard stehen.

Und das macht nur mein Hirn. Weil ich jetzt weiss, dass ich Krebs habe schaltet es auf unsportlichen Halbdebilenmodus?

Als würde die Kraft anderweitig abgezogen, umgeleitet, abgezwackt. Nun, wenns der Genesung dient….

Luft holen

Nachricht erhalten, nicht definitiv, aber soweit, so gut.

Nur ein Herd, zweite Auffälligkeit ist kein Krebs.

Auch scheint er noch nicht weit fortgeschritten. Alles unter Vorbehalt.
Definitiv erfahre ich es am Mittwoch. Kaum eine Woche nach der Mammographie. Was für eine Höllenfahrt.

Gespräche: Viel Lachen und kein Stress

So ich hab es hinter mir. Meine Kinder wissen jetzt, dass ich Brustkrebs habe. Sie wissen, dass es eine ernsthafte Erkrankung ist, dass ich wohl ca. ein halbes Jahr nicht werde Arbeiten können. Auch dass ich sehr starke Medikamente kriegen werde, die mich sehr müde machen und eventuell alle Haare verlieren, von den Medikamenten, nicht von der Krankheit.

> Was alle? So paff und weg?
> Nein, wahrscheinlich nicht alle auf einmal. Mehr so Büschelweise. Dann schmeide ich oder rasiere ich sie ab. Gäbe ja sonst ne schöne Sauerei.

Sie wissen auch, dass ich jemanden kenne, der wieder gesund wurde. Dass wir hier ein Spital mit Spezialisten und sehr viel Erfahrung haben.

Ihre Lehrpersonen und Hort sind auch informiert. Puh!

Der Kleine meinte, ich sehe ja noch gesund aus. Das sei sicher nicht so schlimm.

Der Grosse bedankte sich für meine Ehrlichkeit, sonst würde er merken, dass was nicht stimme und sich noch mehr Sorgen machen. Ich solle jetzt ganz viel Lachen und ja keinen Stress haben. Das helfe beim Gesundwerden.

Und ich müsse meine Einstellung beim Skateboarden ändern und nur noch Freude haben und keinen Frust. (Das dürfte eine Herausforderung sein.)

Ich habe tolle Kinder!

Glücksmomente

Ich versuche jetzt jeden Tag einen Glücksmoment zu sammeln. Einen im Minimum.
Vielleicht erinnere ich mich dann daran, wenn es mir schlechter geht.
Dafür habe ich eine App runtergeladen.

Am Dienstag gelang mir das noch nicht, aber da kam der Glücksmoment zu mir ins Bett gekrochen.

Mi plante ich und kam doch anders. Do schnappte ich ihn mir und Fr drängte er sich auf. Sa ergab sich und heute pushte ich mich.

Tumor-Piercing

Biopsie. Nun ja. Ich erkenne zum ersten Mal was beim Röntgen. Nämlich die Nadel der Betäubungsspritze. Dann beim Einführen der Kanüle, schau ich nicht mehr. Dann knipsen sie. Und ich erschrecke trotz Warnung. Klingt wie Ohrstecker schiessen.

Leider klemmt die „Pistole“ und es gibt keine geölte, sterile mehr. Also Knipskrampf für Ärztin. Leider lässt auch bei 3-Uhr die Betäubung nach. Und das Knipsen fühlt sich eher nach Lochstanzer an. Mitten in der Brust. Sehr unschön. Nachspritzen bitte. Nochmal. Der Schmerz wird dumpfer.

> Sollen wir aufhören? Sie kommen später wieder? Brauchen Sie eine Pause?

> Bloss nicht! Also ich hab Spital ja nicht so gerne. Und möchte nicht noch mehr kommen. Also, werde ja eh noch kommen müssen. Aber nicht noch mehr. Ok? Spritzen sie einfach alles rein. Und knipsen sie.

>Wir markieren Ihnen gleich auch noch den Tumor.
>Wie?
>Wahrscheinlich beginnen wir bei Ihnen mit der Chemotherapie. Und die Operation folgt später. Dann ist der Tumor schon markiert für die OP und wir müssen das nicht mehr tun.
>Wie markieren? Also….
>Wir haben da so Titanfedern. Die sind in einem Gel, das löst sich dann auf und dann bleibt die Feder am Platz.
>Sie meinen das Metall bleibt in mir drin?
>Ja genau.
>So eine Art Tumor-Piercing. Aha. Und warum machen Sie so viele Bilder und Filmsequenzen?
> Damit, falls sie disloziert, man weiss, wohin.
> Disloziert! Hahaha!

(Mein Vater sagte zum Umzug immer Dislozieren. Und ich stelle mir grad ne Wanderfeder in der Brust dar.)