Wie ein Stück Fleisch auf dem Rost, so fühlte ich mich. Nach dem ersten Bestrahlungstermin dachte ich, das ist der entmenschlichendste Teil der Behandlung. Ich kann verstehen, dass die Bestrahlung einem sehr belastet. Dabei werde ich noch nicht mal im Kopfbereich bestrahlt und nicht mit einer Gittermaske fixiert.
Die Radioonkologie erinnert mich jedes Mal an eine Senjorenresidenz. Das ist vielleicht fies, aber ich sehe dort nur grau- und weisshaarige ältere Menschen sitzen. Auch in der Onkologie war es so, aber da gab es doch hin und wieder ein jüngeres Gesicht oder zumindest Gleichaltrige. Diese älteren Patienten schauen entweder total teilnahmslos vor sich hin oder mich mitleidig an. Es ist niederschmetternd. Da hilft auch das Kulturengagement mit der Fortsetzungsgeschichte, den Tagebüchern, den aufmunternden Sprüchen nicht wirklich, Farbe und Leben in die bedrückenden Korridore zu bringen. Wobei sie mich natürlich mit Frida Kahlo hatten. Wenn ich ein Vorbild brauche, wie man mit krankem Körper, Schmerzen und trotz medizinischen Torturen weitermacht, weiterlebt, dann nur sie.
Ich sitze also im Raum grün und warte auch meinen Termin. Neben mir erzählt ein Mann einer Frau Weisskittel seine ganze Lebenstragödie. Gearbeitet immer über 100 Prozent, dann kaum pensioniert zum Lungendoc und nun seit anderthalb Jahren in der Krebsschlaufe. Bis Juni muss er aus dem Haus raus und sich ein neues zur Miete suchen, Wohnung wird mit Rettungshund etwas eng. Diese Frustration, mein Leben auf ein Später verschoben zu haben, dass dann von einer Krankheit aufgefressen wird, die möchte ich nicht verspüren müssen und musste sie bis jetzt auch noch nicht, trotz Krankheit.
Dann werde ich empfangen, ich könne mich oben frei machen und dann würden wir das Atmen üben und ein paar Bilder machen, bevor die Bestrahlung beginne. Ich ziehe mich aus, keine Kittel, keine Tücher nichts. Also gehe ich aus der Umkleide und den Korridor entlang, barbusig. Wo muss ich hin? Ah, ich sehe den Kontrollraum der Radioonkologen, dann vorne rechts um die Ecke. Ein grosser Raum, eine Liege, das Gerät, mehrere Monitore, ein Warnlicht.
Die Liege kenne ich schon vom CT: Po-Schranke, Knie-Stütze, Arm-Lehnen. Ich lege mich hin, Arme über dem Kopf in den Arm-Lehnen. Drei grüne Laserlinien auf meinem Körper. Dann werde ich so lange zurechtgeruckelt bis die Linien meine Tattoos schneiden. Angewandte Geometrie.
Die Frau und der Mann stehen mit einer Art Fernsteuerung in der Hand neben mir und richten mich weiter aus. Wie ein Stück Fleisch, das optimal auf dem Grill drapiert wird.
Ich muss einatmen, die Luft anhalten. Und bitte, bitte, versuchen Sie nicht den Rücken zu heben. Schön auf der Liege lassen.
Als sie zufrieden mit der Ausrichtung sind, verlassen sie den Raum. Erst würden noch Bilder gemacht werden, dann komme die Bestrahlung. Was wann passiert, ich weiss es nicht. Ich liege da, die Arme über dem Kopf und das rote Licht, das meine Atembewegungen misst geht an und ich warte.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Und wieder weiter atmen.
Und noch einmal. Versuchen sie bitte den Rücken unten zu lassen.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Und wieder weiter atmen.
Rechts von meinem Kopf surrt mit 30cm Entfernung eine runde, schwarze Glasplatte hoch. Durchmesser vielleicht 80 cm. Rechts von mir kommt eine weisse Platte zum Vorschein. Ist das der Strahlenschutz?
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Es brummt und klickt.
Und wieder weiter atmen.
Das rote Licht geht aus, ich warte.
Dann surrt das Glasrund zur nächsten Position, rechts von mir, um meine Brust von der anderen Seite zu durchleuchten. Das rote Licht geht an.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Und wieder weiter atmen.
Sie surrt nach oben. Nicht genau vor mein Gesicht, sondern etwas versetzt nach links unten.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Und wieder weiter atmen.
Und dann wird immer gewartet. Natürlich ohne mich zu bewegen mit beiden Armen hinter dem Kopf oben ohne in einem Raum der vier mal so gross ist wie mein Wohnzimmer.
Das Glasrund surrt aus meinem Blickfeld, dafür habe ich die weisse Platte vor der Nase.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Und wieder weiter atmen.
Wieder warten, wieder Ruhe. Das Atemlicht ist erloschen.
So, wir beginnen jetzt mit der Bestrahlung.
Ah, das wars noch nicht? Das Glasrund erscheint wieder links von mir.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Die Warnlampe leuchtet. Des brummt.
Und wieder weiter atmen. Sie machen das ganz gut.
Ruhe. Warten. Ich habe keine Ahnung, wie lange das geht. Sind es nur kurze Pausen? Ich muss stillt liegen. Das rote Atemlicht löscht aus. Geht wieder an. Das Glasrund surrt in die nächste Position.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Es brummt.
Und wieder weiter atmen.
Ich werde an vier Orten bestrahlt. Zweimal Brust, unter den Achseln und der Lymphabfluss. Etwa eine halbe Stunde liege ich vorwiegend alleine auf der liege, surrende Maschinen um mich und Atemkommandos über Lautsprecher im Ohr. Dann löschen alle Lichter, das rote Atemlicht, Laser. Die Strahlenmaschine surrt weg, das Licht geht an.
So. Das wars. Haben sie gut gemacht. Sie können gehen.
Ich kann meine Arme fast nicht mehr anheben. Muss kurz sitzen bleiben, damit mir mein Kreislauf nicht absackt. Sie stehen bereits mit dem nächsten Tüchlein bereit, um die Liege für den nächsten Patienten vorzubereiten.
Ich stehe auf.
Bis morgen!
Um die Ecke, am Kontrollraum vorbei.
Schönen Tag noch!
In die Kabine, ziehe mich wieder an. Gähne etwa zehn mal.
Nichts wie raus hier.
Wie ein Stück Fleisch auf dem Grill.
Eins, das nach Kommando atmet.
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