23 Törchen

Heute wollte ich mir einen Adventskalender kaufen und das erste Türchen öffnen.
Leider fand ich nur welche mit Schokolade, das verträgt sich schlecht mit meiner Laktoseintoleranz. Barbie wollte ich auch nicht 🤢, Lego gabs keinen mehr. Hmpf.
Vielleicht gehe ich später nochmal in die Stadt.
So einen schönen alten mit ein wenig Glitzer und Bildchen…

So mach ich halt nur das Kreuzchen auf meinem schmucklosen Plan: noch 23 Bestrahlungen.

Bring Pussy Riot home

Am Telefon.
Ich: Guten Tag Frau We, ich wollte Fragen, ob ich was tun kann für die Haut während der Bestrahlung. Die Lotion habe ich schon und das mit dem Waschlappen weiss ich auch.
Sie: Sie meinen prophilaktisch? Leider nein. Da gibt es keine Sonnencrème oder so.
Aber sie könnten noch möglichst viel oben ohne rumlaufen. Ist ja gut jetzt, ist auch schön kühl im Winter.
Ich: Bitte?! 🤨
Sie: Drinnen! Drinnen meine ich! Ist ja auch kühler drinnen im Winter.
Ich: Na da bin ich ja beruhigt.

Der 💩Mutant

Ich habe ja schlapp gemacht und die Chemo nicht bis zum Schluss durchgehalten, wie 80% der Frauen auch. Ich reagiere generell ziemlich stark auf Medikamente inklusive Nebenwirkungen.
So kann man mich mit einem normaldosierten Schlafmittel locker bis am nächsten Nachmittag in einen lallenden Zombie verwandeln. Bei Schlafmitteln nehme ich also prinzipiell die Hälfte der verschriebenen Dosis, Schmerzmittel auch.
Da habe ich mich natürlich gefragt, warum der doofe Krebs das nicht checkt. Die Nebenwirkungen haben ja voll reingehauen. Meine Blutwerte waren im 5. UG und trotzdem hat der Pathologe noch Mikrotumore gefunden.
Ich habe eine junge Frau kennen gelernt, die hatte in der Schwangerschaft eine Fruchtwasseruntersuchung zum Ausschluss einer Erbkrankheit und im Arztgespräch wurde ihr gesagt: Ihrem Kind geht es gut. Aber ihnen nicht. Wir haben eine dritte DNA gefunden.
Erst da wurde mir klar: Logisch, der Krebs ist ja ein Mutant! Wir teilen uns nicht die gleiche DNA.
Kein Wunder hat er nicht geschnallt, dass er schon längst tot sein sollte… 🤷‍♀️

Naja. Dafür habe ich ja jetzt mein Super-CSI-Paketbomben-Medi und die Tumor-Rösterei. 💪🏻

Im hohen Norden

Sind die Menschen auch nicht so kommunikativ. Also denke ich, die Radio-Onkologie liegt wahrscheinlich am Polarkreis.

Doch gestern kam es tatsächlich zu einer Kontaktaufnahme. Das war bestimmt nicht erlaubt. Eine Radiologin (heissen die so?) hat mir den Monitor ins Sichtfeld gedreht, als sie sah, dass ich drauf schiele und mich gefragt, ob ich es so sehen könne. Da dachte ich schon, nun ist das Eis gebrochen. Aber nix da. Heute habe ich eine Reaktion provoziert, als ich den Kopf Richtung Monitor drehte. War mir schon klar, dass das verboten ist, denn dann dreht sich ja der ganze Rumpf mit. Aber so wurde ich heute zusätzlich zu den sonstigen fünf Sätzen, die ich face-to-face höre, getadelt. Der Löwenanteil der Kommunikation läuft über Lautsprecher. Nur Intro und Outro ist persönlich, quasi:

  • Guten Morgen
  • Legen sie sich bitte hin
  • Wir machen erst ein paar Bilder

Und dann über Lautsprecher mind. 7 mal:

  • Einatmen
  • Ausatmen
  • Tief einatmen
  • Und Stopp
  • Weiteratmen

Und am Ende wieder persönlich

  • Wir sind fertig
  • Auf Wiedersehen!

Dazwischen Surren, Stille, Warten.
Und ja, kalt war mir heute auch, so halbnackt auf der Liege. Und meine Hände wurden gefühllos.
Aber man gewöhnt sich dran.
Morgen gehts wieder in den hohen Norden.
5/33

Willkommen in der Radioonkologie

Dreissig Bestrahlungen pro Tag führen sie in diesem Raum durch. Und das nur im Raum grün.
Eine richtig gut geschmierte Medizinmaschinerie.
Als ich heute da war, lag noch die Gittermaske eines anderen Patienten rum. Offenbar war er nicht gekommen, denn sie holten mich früher rein.

Von meinem Arzt liess ich mir nachher erklären, wie genau das geplant und berechnet wird. Er zeigte mir meine Körperschnittbilder mit den Bestrahlungsflächen und -winkeln. Auf einem Diagramm war ersichtlich, welche Dosis durch welches Gewebe „geschossen“ wird, um dann im „Zielgebiet“ die benötigte 100%-Dosis zu erhalten. Hält offensichtlich nicht jedes Gewebe gleich viel Bestrahlung aus: Lunge, Herz, Knochen…
Sie haben auch ein Röntgenbild mit dem eingezeichneten Bestrahlungsbereich, das wird dann über meine Live-Bilder rübergelegt, damit sie kontrollieren können, wo sie noch einen Milimeter daneben liegen, bzw. ich noch einen Milimeter daneben liege.
Es ist beruhigend, dass das alles immer kontrolliert wird. Darum wohl die Wartezeiten. Auch bin ich froh, keine Kleber und Zielkreuze auf meinem Körper zu haben. Das ist der Vorteil von Tattoos und Laser.

Ich muss mir einen Panzer zulegen oder eine f*ckyou-Rockgören-Attitüde. Sonst werd ich depressiv, wenn ich mich da noch 30mal einreihen muss.

Ein Steak auf dem Grill

Wie ein Stück Fleisch auf dem Rost, so fühlte ich mich. Nach dem ersten Bestrahlungstermin dachte ich, das ist der entmenschlichendste Teil der Behandlung. Ich kann verstehen, dass die Bestrahlung einem sehr belastet. Dabei werde ich noch nicht mal im Kopfbereich bestrahlt und nicht mit einer Gittermaske fixiert.

Die Radioonkologie erinnert mich jedes Mal an eine Senjorenresidenz. Das ist vielleicht fies, aber ich sehe dort nur grau- und weisshaarige ältere Menschen sitzen. Auch in der Onkologie war es so, aber da gab es doch hin und wieder ein jüngeres Gesicht oder zumindest Gleichaltrige. Diese älteren Patienten schauen entweder total teilnahmslos vor sich hin oder mich mitleidig an. Es ist niederschmetternd. Da hilft auch das Kulturengagement mit der Fortsetzungsgeschichte, den Tagebüchern, den aufmunternden Sprüchen nicht wirklich, Farbe und Leben in die bedrückenden Korridore zu bringen. Wobei sie mich natürlich mit Frida Kahlo hatten. Wenn ich ein Vorbild brauche, wie man mit krankem Körper, Schmerzen und trotz medizinischen Torturen weitermacht, weiterlebt, dann nur sie.
Ich sitze also im Raum grün und warte auch meinen Termin. Neben mir erzählt ein Mann einer Frau Weisskittel seine ganze Lebenstragödie. Gearbeitet immer über 100 Prozent, dann kaum pensioniert zum Lungendoc und nun seit anderthalb Jahren in der Krebsschlaufe. Bis Juni muss er aus dem Haus raus und sich ein neues zur Miete suchen, Wohnung wird mit Rettungshund etwas eng. Diese Frustration, mein Leben auf ein Später verschoben zu haben, dass dann von einer Krankheit aufgefressen wird, die möchte ich nicht verspüren müssen und musste sie bis jetzt auch noch nicht, trotz Krankheit.
Dann werde ich empfangen, ich könne mich oben frei machen und dann würden wir das Atmen üben und ein paar Bilder machen, bevor die Bestrahlung beginne. Ich ziehe mich aus, keine Kittel, keine Tücher nichts. Also gehe ich aus der Umkleide und den Korridor entlang, barbusig. Wo muss ich hin? Ah, ich sehe den Kontrollraum der Radioonkologen, dann vorne rechts um die Ecke. Ein grosser Raum, eine Liege, das Gerät, mehrere Monitore, ein Warnlicht.
Die Liege kenne ich schon vom CT: Po-Schranke, Knie-Stütze, Arm-Lehnen. Ich lege mich hin, Arme über dem Kopf in den Arm-Lehnen. Drei grüne Laserlinien auf meinem Körper. Dann werde ich so lange zurechtgeruckelt bis die Linien meine Tattoos schneiden. Angewandte Geometrie.
Die Frau und der Mann stehen mit einer Art Fernsteuerung in der Hand neben mir und richten mich weiter aus. Wie ein Stück Fleisch, das optimal auf dem Grill drapiert wird.
Ich muss einatmen, die Luft anhalten. Und bitte, bitte, versuchen Sie nicht den Rücken zu heben. Schön auf der Liege lassen.
Als sie zufrieden mit der Ausrichtung sind, verlassen sie den Raum. Erst würden noch Bilder gemacht werden, dann komme die Bestrahlung. Was wann passiert, ich weiss es nicht. Ich liege da, die Arme über dem Kopf und das rote Licht, das meine Atembewegungen misst geht an und ich warte.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Und wieder weiter atmen.
Und noch einmal. Versuchen sie bitte den Rücken unten zu lassen.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Und wieder weiter atmen.

Rechts von meinem Kopf surrt mit 30cm Entfernung eine runde, schwarze Glasplatte hoch. Durchmesser vielleicht 80 cm. Rechts von mir kommt eine weisse Platte zum Vorschein. Ist das der Strahlenschutz?
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.

Es brummt und klickt.
Und wieder weiter atmen.
Das rote Licht geht aus, ich warte.
Dann surrt das Glasrund zur nächsten Position, rechts von mir, um meine Brust von der anderen Seite zu durchleuchten. Das rote Licht geht an.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Und wieder weiter atmen.
Sie surrt nach oben. Nicht genau vor mein Gesicht, sondern etwas versetzt nach links unten.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Und wieder weiter atmen.
Und dann wird immer gewartet. Natürlich ohne mich zu bewegen mit beiden Armen hinter dem Kopf oben ohne in einem Raum der vier mal so gross ist wie mein Wohnzimmer.
Das Glasrund surrt aus meinem Blickfeld, dafür habe ich die weisse Platte vor der Nase.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Und wieder weiter atmen.

Wieder warten, wieder Ruhe. Das Atemlicht ist erloschen.
So, wir beginnen jetzt mit der Bestrahlung.
Ah, das wars noch nicht? Das Glasrund erscheint wieder links von mir.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Die Warnlampe leuchtet. Des brummt.
Und wieder weiter atmen. Sie machen das ganz gut.
Ruhe. Warten. Ich habe keine Ahnung, wie lange das geht. Sind es nur kurze Pausen? Ich muss stillt liegen. Das rote Atemlicht löscht aus. Geht wieder an. Das Glasrund surrt in die nächste Position.
Einatmen bitte.
Und ausatmen.
Und jetzt ganz tief einatmen. Und Stopp. Luft anhalten.
Es brummt.
Und wieder weiter atmen.

Ich werde an vier Orten bestrahlt. Zweimal Brust, unter den Achseln und der Lymphabfluss. Etwa eine halbe Stunde liege ich vorwiegend alleine auf der liege, surrende Maschinen um mich und Atemkommandos über Lautsprecher im Ohr. Dann löschen alle Lichter, das rote Atemlicht, Laser. Die Strahlenmaschine surrt weg, das Licht geht an.
So. Das wars. Haben sie gut gemacht. Sie können gehen.
Ich kann meine Arme fast nicht mehr anheben. Muss kurz sitzen bleiben, damit mir mein Kreislauf nicht absackt. Sie stehen bereits mit dem nächsten Tüchlein bereit, um die Liege für den nächsten Patienten vorzubereiten.
Ich stehe auf.
Bis morgen!
Um die Ecke, am Kontrollraum vorbei.
Schönen Tag noch!
In die Kabine, ziehe mich wieder an. Gähne etwa zehn mal.
Nichts wie raus hier.

Wie ein Stück Fleisch auf dem Grill.
Eins, das nach Kommando atmet.
3/33

Die Angst vor dem Unbekannten

Morgen beginnt die Bestrahlung.
Und es ist immer das Gleiche. Vor jedem Therapieschritt mach ich mir in die Hose, weil ich nicht weiss, was auf mich zukommt. Ist ja auch klar, ich habe zum ersten Mal Krebs. (Höhö) Und hoffentlich zum letzten Mal!
Wobei es bei der Chemo bestimmt nicht einfacher wird, wenn man schon weiss, was das alles bedeutet.
Bei dem Diagnosegespräch wurde mir ja schon eröffnet, dass mich das volle Programm erwartet: Chemo, Operation, Bestrahlung.
Und dieser letzte Schritt hat mir von Anfang an am meisten Angst gemacht, nicht die Haare zu verlieren, Nebenwirkungen oder die Brust-OP.
Chemo war in meiner Vorstellung einfach ein ultrafieses Medikament (und ist es immer noch) und Operationen hatte ich auch schon. Aber Bestrahlung, Strahlen, das klingt angsteinflössend. Die Serie „Chernobyl“ zu gucken, hat sicher nicht geholfen, in der Vorbereitung auf diesen letzten Therapieschritt…. 😬
Ich fühle mich wie im Frühjahr 1986 als meine Mutter in der Küche das Mittagessen zubereitete und das Radio von der „schwarzen Wolke“ sprach, die da aus dem Osten kommt. Ich fragte meine Mutter, ob ich das Fenster schliessen solle, wenn jetzt die gefährliche Wolke komme. Sie lachte nur und meinte, das nütze nichts. Ich sah in den blauen Himmel, die Vögel zwitscherten und wunderte mich, dass ich die Gefahr nicht sah, nicht verstand und nichts tun konnte.

Die eine Hälfte der Krebsüberlebenden erzählt mir, sie hätten die Bestrahlung ohne Probleme überstanden. Die anderen berichten von extremer Müdigkeit (hab ich schon ✅), Übelkeit, Verbrennungen. We’ll see…

Wütend macht mich, dass die Radiologie nun sieben Wochen meinen Körper in Beschlag nimmt: markiert und abgeklebt. Über die ganzen Feiertage bis Mitte Januar pilgere ich dann Tag für Tag ins Spital. Kein Bad, keine Sauna – meine Winter-Überlebens-Strategien. Für Sport bin ich zu k.o., auch wenn ich versuche täglich draussen zu sein, ein paar Kilometer zu gehen oder Rad zu fahren.
Soviel Freizeit aber kaum Freiheit.
Ich will meinen Körper zurück!! Ich will wieder selber bestimmen können!
Keinen Trost bitte und keinen guten Zuspruch. Heute habe ich einfach Lust, mich zu bedauern.
Punkt.
Würde ich trinken, wäre das der Abend für eine Flasche Rioja mit 14%.
Und Strohhalm.

Ich bin ein altes Auto

Onkodoc: Und erzählen Sie mal. Wie waren die Nebenwirkungen vom neuen Medikament.
Ich: Moment, ich habe mir ne Liste gemacht.
Onkodoc: Oje….
Ich: Nichts Oje, kann mir halt nicht so viel merken.
Onkodoc: Müde?
Ich: Ja, dauernd! Ich bin wie ein altes Auto.
Onkodoc: Ein Auto??
Ich: Ja also erst zuckt das linke Lied, dann die rechte Wange und dann kommt der Tinitus. Und wenn ich ganz erschöpft bin, dann schmerzt noch die Narbe.
Onkodoc: Immer?
Ich: Nein, das sind meine neuen Müdigkeitsseismographen. Eben, ich bin wie ein altes Auto, das überall klappert und quietscht. Und dann raucht es aus dem Motorraum, dann muss man es in die Garage schieben, bis es runtergekühlt ist und wieder weiterfahren kann.
Onkodoc: Ein altes Auto, super Vergleich. Aber auch alte Autos kann man tunen!
Ich: Bringt ja wenig der Superauspuff, wenn der Motor absäuft. Aber noch fahre ich. 🚗