Vor 2 Jahren

Heute vor zwei Jahren wurde ich operiert. Und wären nicht die unseeligen Erinnerungsfunktionen von Apps, die einem ein Foto auf den Bildschirm laden, hätte ich das Datum nicht auf dem Schirm gehabt.

Vor zwei Jahren war ich auch an einem Klassentreffen, haarlos. Die Organisatorin – deren Mutter an Brustkrebs verstorben war – freute sich enorm, dass ich trotz Glatze kam. Der Rest war bestürzt, betroffen, irritiert, beschämt, interessiert und beschwichtigend. An jenem Treffen wurde beschlossen, jedes Jahr einen freiwilligen Stammtisch stattfinden zu lassen und sicher nicht mehr zehn Jahre zu warten. Dann kam Corona und in diesem Jahr wars soweit: 3G in der Dorfkneipe.

Vergleichsfoto mit Dorfkneipe

Als ich gestern – etwas zu spät – den Raum betrat, wo alle schon am langen Tisch aufgereiht sassen, ging ein erleichtertes Raunen durch die Runde. Das war fast körperlich spürbar. Eine Gruppe, mit der ich nur ein Jahr zur Schule ging, nicht mal gross vernetzt war… “Heute komme ich mit Haaren!” Begrüsste ich alle. Lachen. Aufatmen. Weiterquatschen.

Später dann einzelne Stimmen. “Du bist die erste, die ich kenne, die wirklich schlimm krank war.” – “Es war so ein Schock das letzte Mal!” – “Man sieht es dir gar nicht an!!? Wie wenn nix gewesen wäre!” – “Aber es geht dir gut? Ist alles gut?”

So weit so gut.

Natürlich kam das Gespräch auf Corona. Gut waren keine Gesundbeter am Tisch – wären auch nicht rein gekommen, ohne Zertifikat. Aber dann wird manchmal so von der Einschränkung und dem Verzicht gesprochen. Und gewisse Gespräche kriegen Schräglage, wenn jemand den Lockdown und die Einschränkungen, die Angst vor Corona mit der Situation eines Krebspatienten vergleicht: Wir alle hatten Angst. Wir alle haben verzichtet.

Das Wir ist der Unterschied. Die Pandemie trifft die ganze Gesellschaft – auch wenn in unterschiedlichem Ausmass. Alle Zusammen sind betroffen, haben/hatten Angst vor der Krankheit da draussen. Zusammen durch die Pandemie (- auch wenn es ein paar Extremistengruppen mit Hang zu Verschwörungstherorien gibt). Wir gegen die Gefahr da draussen.

Krebs ist einsam. Krebs macht einsam. Da ist keine Gefahr draussen, vor der man sich schützen kann. Die einem im besten Fall als Gesellschaft näher zusammenrücken lässt. Die Krankheit war in mir, teil von mir. Natürlich stehen einem mit Glück nahe Menschen bei. Hilflos oft. Und je hilfloser man selbst als Patient ist, desto mehr tragen sie. Sie stehen bei. Stehen bei einem, daneben. Nicht drin. Da steht man allein.

Da gibt es nichts zu Vergleichen. Und beides parallel mag ich mir gar nicht vorstellen. Das Gejammere von Gesunden, die nicht ins Kino oder in die Ferien können, wenn man selber oder eine nahestehende Person in der Akuttherapie und ums über- oder weiterleben kämpft…🙈🙈🙈

Man beachte die gesunde Gesichtsfarbe. Die war am Klassentreffen 2019 aber nicht so arg!

Das Zombiefoto poppte heute im Spital auf: haarlos, blau-bleich vom Markierungsfarbstoff für den Sentinel und mit tiefen Augenringen.

Ich besuchte meine Schwester, die letzten Montag wieder ins Spital musste. Sie sah zum Glück um einiges gesünder aus!! Sie wurde erneut operiert, da sich die Stents verschoben hatten. Die zusätzliche Biopsie sollte nur eine Vorsichtsmassnahme sein – ich hoffe es.

Für einmal ein anderes Spital in einer anderen Stadt (dat musste sein!)

Zurück auf Feld 63

Die Stimmung ist besser, das ist toll! Aber die doofe Müdigkeit. Deswegen wollte ich mich ja impfen lassen, weil kaum aus der Krebsfatigue raus, nun Covidschlappheit fühlt sich an, wie im „Leiterli-Spiel“ ein paar Reihen runter zu rutschen…

Gestern war ich joggen, den im Alltag tut mir meine Lunge nicht mehr weh und es hiess, dann dürfte ich wieder Sport machen. Schlappe Muskeln habe ich sowieso. Tja, ich werde mich wohl noch etwas gedulden müssen. Denn beim Laufen merkte ich – oh hallo Lunge – da steht mir noch nicht das ganze Volumen zur Verfügung. Da kommt wieder der Hustenreiz. 🤷‍♀️

Aber da habe ich ja nun Übung, im Geduld haben und vorsichtig aufbauen. Immerhin, ich war LAUFEN!! 💪🏻💪🏻

Gnarrfff 🤥

Ich muss sagen: Das ist irritierend! 🙄

Meinen Osteopathen hatte ich beim letzten Termin schon vorgewarnt: Falls ich stinke, entschuldige ich mich. Ich riech nämlich nichts mehr.

Nun heute war ich in netter Runde zum Nachmittagskaffee in der Sonne, als sich die Riechfunktion unerfreulicherweise spontan zurück meldete: Ich stank! Penetranter Zwiebelschweissgeruch umnebelte mich. Wie unangenehm…. So sass ich etwas verklemmt da, fuhr nur noch meinen Unterarm aus, um mein Getränk zu angeln. Oberarme möglichst enganliegend am Körper, um die Ausdünstungen zu minimieren.

Zu Hause Kleiderwechsel und Waschen. Da meine Oberbekleidung keineswegs auffällig roch, ging ich davon aus, dass mein Riechorgan erneut ins Covidkoma gefallen war.

Später sass ich wieder in einer illustren Runde. Und da: Penetranter Zwiebelschweissgeruch! Ich schnupperte diskret an meiner Achsel: Nix! Dann befragte ich einen vertrauenswürdigen Freund: Er rieche nichts. Der Geruch kam und ging – allerdings nur für mich wahrnehmbar.

Ein Schweissgeruchsphantom?

Ich habe Post-Covid-Phantosmien!! 😱😱😱

Corona-Update

Heute ist der erste Tag, an dem ich mir nicht meine Lunge raushuste.
Wer auch immer behauptet, Corona sei ja nur eine Erkältung, dem werfe ich gerne einen meiner Doc Martens Richtung Hohlkopf.
Gut, begonnen hatte es genau so. Und darum habe ich auch ein paar Freunden Quarantäne beschert. Weil ich (Depp) nach dem Tag Gartenbankabschleifen in der Bise wirklich nur mit einem Schnupfen gerechnet habe. Ausserdem sind ja gerade Frühlingsferien. Und auf einer Party war ich auch nicht. Ich habe also nicht die geringste Ahnung, woher nun das Virus kam.
Erst tropfte die Nase, etwas frieren, etwas Husten, druckempfindliche Haut. Nach drei Tagen klang alles ab. Dann kam der Reizhusten. So ein oberflächlicher, giftiger. Gleichzeitig war ich plötzlich kurzatmig und unglaublich schlapp. Da machte ich erst einen Selbsttest – der positiv ausfiel. Dann den PCR-Test.

Abends kam die Bestätigung. Das war an Tag sechs der ersten Symptome. Ich war vorwiegend schlapp. Der Kaffee schmeckte noch. Der Schnupfen war vorbei und ich hüstelte etwas rum. Es war mir dauerübel. Aber ich dachte, easy, dann liege ich etwas auf dem Balkon in der Sonne, lese und sitze so meine Isolation ab.
Donnerstag hustete ich schon mehr, erkundigte mich mal nach der Maximaldosis meines Asthmasprays. Ich stellte fest, dass wenn ich nur still rumliege, ich auch nicht versuchen muss, zu Luft zu kommen und somit weniger husten.

Wer schon einmal einen Asthmatest gemacht hat, weiss in etwa, wie das ist, wenn man gefühlt noch einen Drittel der Lunge zur Verfügung hat. Freitag war es noch ein bisschen schlimmer und Abends sass ich nach Luft schnappend auf dem Sofa, bis mein Kleiner mir vorhielt, ich solle jetzt endlich den Arzt anrufen.
Ich rief erst die Krankenkasse an, krächzte nach Luft schnappend meine Symptome in den Apparat. Dann den Notfall.

Nach der Testung bekam ich Unterlagen, die mir erklärten, wie ich mich in der Isolation zu verhalten  hätte. Haha. Isoliert euch mal, wenn ihr Kinder habt, die mit euch in Quarantäne sind. Und leider stand dort auch nirgends, was denn zu tun sei, wenn man mal notfallmässig seine Sauerstoffsättigung prüfen sollte und alleinerziehend mit zwei Kindern ist. Wen auch immer ich fragte, den setzte ich einem Risiko aus. 
Und zu Fuss schaffte ich den zehnminütigen Weg auch nicht mehr, ich brachte ja kaum einen Satz mehr raus. 
Also Kinder zu Papa. Eine (bereits geimpfte) Freundin fuhr mich in ihrem Riesenauto bei offenen Fenstern und ich hustete in meine FFP-Maske.

Vor dem Notfall erscheint eine Pflegekraft mit Fiebermesser und fragt, ob ich Fieber hätte, ich sage, nein Corona. Da hüpft sie zurück und erscheint mit dem Sauerstoffsättigungsmessgerät: „Na gut hat das so ein langes Kabel!“
Tatsächlich, die anderthalb Meter kann sie so locker einhalten.

Dann komme ich in den Corona-Verschlag, den sie vor dem Notfall gebaut haben. Blutabnahme. Untersuchung. Abhören.
Und dann Entwarnung. Meine Lunge knistere, wie eine typische Covid-Lunge.
Eine Verschlechterung am 7. Tag sei auch häufig. Ich müsse nicht bleiben, ausser ich hätte Bedenken.
Ich wurde mit Medikamenten ausgestattet, Tipps, der Auflage, sofort anzurufen, bzw. vorbei zu kommen, wenn die Atemnot sich zuspitze oder ich keine Flüssigkeit mehr zu mir nehmen könne (War mein Blut dickflüssig? Haben sie gemerkt, dass ich nicht nur kaum gegessen, sondern auch kaum getrunken habe…?).
Meine Freundin holte mich wieder ab. Sichtlich erleichtert: „In den letzten zwei Jahren habe ich dich noch nie so gesehen. Du sahst noch nie so Scheisse aus! Dafür riskiere ich hundertmal Quarantäne, um dich in den Notfall zu fahren!“
Das muss ja was heissen, in Anbetracht von Chemo, OP, Bestrahlung und Co in diesem Zeitraum.

Es schnappt sich echt leichter nach Luft, wenn man weiss, dass man nicht gleich am Ersticken ist.

Am nächsten Tag ging es unverändert – immerhin nicht schlechter. Dann minim besser.
Meine Ex-Schwiegermutter brachte mir Essen vorbei und ich hatte so einen Hustenanfall, die Arme, war richtig geschockt. 
Gestern rief mich das Contact Tracing an, um sich zu erkundigen, ob ich zwei Tage symptomfrei sei, damit die Isolation aufgehoben werden könne. Ich hustete der guten Frau so in den Apparat, dass sie nur meinte: Ah, Frau Tinkakartinka? Sie haben offenbar noch Symptome. Dann verlängern wir mal um zwei Tag. Waren Sie beim Arzt? haben sie Medikamente gekriegt? Das sollten sie beobachten…“

Meine beiden Jungs haben sich seltsamerweise nicht angesteckt, das ist mir ein Rätsel. So wie ich meine Aerosole hier in der Luft verteilt habe, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Ausser, sie sind immun. Waren symptomfrei erkrankt. Wer weiss.

Und heute nun, endlich krieg ich wieder Luft! Plötzlich geht es mir massiv besser.
Bis auf meine Schlappheit. 

Erkältung? My ass!

Ich bin nicht kontrollkompatibel 🛹

Chemo-Corona-Date 2:

Ich fahre auf dem Skateboard am Zivi vorbei im den Spitalpark und rufe:
Kein Husten! Kein Fieber! Kein Besuch! Ich habe einen Termin.
Etwas spät war ich dran. Leider hatte die Onkologie den Patientenzettel noch nicht der Türsteherin ausgehändigt, so dass ich dann vor der Frauenklinik zehn Minuten in der Kälte rumstehen musste. 🤷‍♀️

Chemo-Corona-Date 3:

Die Parkwache wurde abgeschafft.
Da es gestern wieder kalt und frühmorgens war, bin ich direkt zehn Minuten zu spät vor der Frauenklinik vorgefahren. Der Türsteher war informiert, ich durfte passieren. 🙋‍♀️

Rückeroberung III

Sonne!!!

Ostern und Sonne und Kirschblüten. Sonne, von der ich nach dem Jahr mit Schattenpflicht – empfindliche Haut durch die Chemo – nicht genug kriegen kann. Immer brav mit LSF 50 und die bestrahlten Hautpartien bekleidet, natürlich.

Wasser!

Ich liebe Wasser! Auch Baden konnte ich chemobedingt nur begrenzt. Nach der OP nicht. Während der Bestrahlung und zwei Monate danach auch nicht. Also eigentlich nur während 2-3 Monaten.

Und ja, normalerweise springe ich nicht an Ostern in Flüsse. Normal ist jetzt aber nichts. Für niemanden. Also Klamotten ausziehen und rein!

(Und dabei noch meinen persönlichen Kaltwasserrekord von 9° C, den ich mit 9 Jahren an Pfingsten aufgestellt habe, um ein Grad unterbieten.)

Tolle Ostern!

Chemo in Zeiten von Corona

Vor dem Eingang aufs Spitalgelände werde ich angehalten von einem Mann in Leuchtstreifenkleidung mit Schutzmaske. Ob ich im Spital arbeiten würde?
Danke für die Frage, liegt wohl am Skateboard. Nein, ich habe einen Termin.
Ob ich den Fieber oder Husten hätte?
Nein, sonst würde ich nicht kommen.
Er lässt mich passieren, vorbei am neu aufgestellten Zeltbüro neben der Autoschranke. Alle auf dem Gelände tragen Masken.
Vor der Frauenklinik eine Frau mit Leuchtstreifenkleidung und Maske, stellt sich mir in den Weg. Wir müssten uns draussen unterhalten. Ob ich zu Besuch käme. Nein, ich habe einen Termin.
Meinen Namen will sie wissen und blättert sich durch 5 Blätter, bis sie mich findet.
Dann winkt sie mich durch. Ich darf passieren.
In dieser apokalyptischen Netflix-Serie wollte ich eigentlich nicht landen. 🙈🙈

Die Chemo-Sitze sind nicht weiter auseinander als sonst. Alle tragen Schutzmasken, klar. Sonst ist alles wie immer, ausser das sich plötzlich nicht nur die Patienten sorgen.
Aber meine Blutwerte sind top, sagt mein Onkokomiker.
Und – das trage ich noch auf der Tippliste ein – ich trinke jetzt Schweppes gegen die Muskelkrämpfe.

Von der Reha zu Corona

Das war alles sehr seltsam. Ich komme heim, voller Pläne ins Leben zurück zu kommen und mit der Auflage aber ja gut auf mich zu schauen, Entlastung zu organisieren und ZACK zwei Tage später Schulen zu.

Also noch schnell Schuhe für den Kleinen kaufen, Lesestoff und Malzeugs, man weiss ja nie, wie lange die Läden… ZACK!

Erst war ich wütend, ein Jahr weg wegen Krebs, nächstes Jahr Corona. Dann relativ ruhig, als ich die Info bekam, trotz Zugehörigkeit zur Krebskohorte mit Chemo nicht (Hoch)risikopatientin zu sein. Und nun bin ich zunehmend irritiert. Ob meinen Mitmenschen. Die sich erst übers Händewaschen lustig gemacht haben und nun Toilettenpapier horten und das Haus nicht mehr verlassen, obwohl nicht zur Risikogruppe gehörend.

Wir haben hier keine Ausgangssperre. Es heisst zwar, man soll zu Hause bleiben, aber es geht ums zusammenrotten und rumhängen. Maximal fünf Leute dürfen sich treffen (Abstand 2m). Joggen und Fahrradfahren sind erlaubt. Risikogruppen und über 65Jährige sollten das Haus nicht mehr verlassen.

Ich verlasse das Haus noch. Ich gehe Essen kaufen und Fahrrad- oder Skateboardfahren mit meinen Jungs. Wir haben den Deal, jeden Tag raus zu gehen: Frühstück, 9:00 Uhr Internetlektion via Zoom, Anziehen, Schule, Mittagessen, Pause und dann zusammen raus: Wald, Fluss, Bach. Klappt sehr gut! Vielleicht weil wir schon katastrophenmodusgewöhnt sind. Mein Intermezzo mit Kaffeetrinken und mehr Bewegungsfreiheit zwischen Operation und Bestrahlung war eh kurz. Soziale Kontakte hochfahren wollte ich erst noch, nachdem ich wieder zu Kräften gekommen bin. Und Haus und Garten helfen sicher auch!!!

Habe ich Angst? Nein, mein Angstkonto ist aufgebraucht. Ich habe Respekt und respektiere die Weisungen. Ich will niemanden anstecken. Aber statistisch ist mein Risiko an meinem Krebs zu sterben höher, als wenn ich eine Siebzigjährige mit Vorerkrankung und Corona wäre.

Also pass ich auf, ohne mein Leben zu verpassen. Auch das ist wichtig!