Kopftodeskarussell

Es ist schon spannend, sobald es wieder so einen Entscheidungspunkt gibt, so eine Weggabelung, fährt es automatisch los.
Gratis und franko.
Natürlich habe ich rausgefunden, dass es medikamentös wahrscheinlich nicht wirklich eine Alternative zu Tamoxifen gibt. Liegen meine Nebenwirkungen am Östrogenmangel, nun, dann ist es ja gerade dieses Hormon, dass durch verschiedene Mechanismen blockiert oder unterdrückt werden soll.
Leider wusste ich schon von meiner fatalen Reaktion auf Hormonschwankungen, von meinen beiden Schwangerschaften, von Verhütungsversuchen, dem normalen Zyklus usw.
Ich war nun erst einfach froh, dass man mir offenbar glaubte und es nicht als Fatigue oder generelle Überforderung abtat. Aber das Karussell begann zu drehen. Tamoxifen und Antidepressiva – falls möglich, schien mir wenig verlockend.
Was sagt denn die Statistik? Ohne diese 5-10 Jahre Präventionsmedikation? Und es drehte und drehte.
Und was war da nochmal auf der Lunge?
Ich sass nicht dauergrübelnd da oder lag schlaflos wach. Auch wenn die Nächte mit meinem Kleinen auf dem Balkon geradezu einladen. Jedenfalls nicht nach dem Absetzen, als ich wieder denken und fühlen konnte.
Es war schon unglaublich anstrengend, so am Leben zu bleiben….
Die Gedanken blitzten mehr so hin und wieder dazwischen. Aber auch ohne Grübeln springen mir dann andere Dinge auf den Radar.
Zum Beispiel die App „Record me now“.

Mit Hilfe dieser App können Eltern, die bald sterben werden ihren Kindern Nachrichten hinterlassen. Oder sie kann als Anregung dienen, selbst so etwas zu machen: schriftlich, auf Video, wie auch immer.
Die Fragen sind thematisch geordnet und decken ein breites Spektrum ab: über die eigene Kindheit und Herkunft, Erfahrungen, Erinnerungen, was man an seinem Kind schätzt, ihm wünscht, raten würde beim ersten Liebeskummer, sagen würde zum zukünftigen Partner (falls es denn heiratet). So dass es nicht „nur“ Briefe und Karten zu zukünftigen Geburtstagen oder grossen Meilensteinen öffnen kann, sondern auch die Stimme hören, die man ja gerne zuerst vergisst.
Was würdet ihr von euch erzählen wollen? Wem würdet ihr was sagen, was wünschen?

Jedenfalls, das Karussell, das ist wohl einfach da, im Hinterkopf. Mal eingepackt zur Überwinterung, mal ertönt plötzlich die Drehorgel.
Aber wenn man mal mitgefahren ist, dann bleibt es da.

Ich finde das nicht so schlimm, das gehört halt jetzt dazu. Drehorgelmusik mag ich sogar. Bloss Angst nicht, Verzweiflung oder Einsamkeit. Dieser ganze Depressionsscheiss!
So wenig wie die Überforderung der anderen oder die Toxic Positivity: Es kommt schon alles gut, du musst nur positiv denken! Das ist wie Wegschauen, einfach mit Lächelmaske.

Und den effektiven Stress, den so eine Weggabelung ausgelöst hat, merke ich meist erst im nachhinein. Den Platz den die Leiermusik der Ungewissheit in meinem System besetzt, selbst ohne grübeln und wachliegen.

Holy shit!

Es ging mir nicht so rosig die letzten Wochen, aber als ich wieder schlafen konnte, gings stetig besser. Tag für Tag.
Dann kam dieses Medikament.
Mann!
Ich hoffe es ist davon, was für ein rasanter Höllenritt abwärts.
Ich hatte ja schon mal eine Depression.
Aber… so schnell, so stark. Das kenne ich nicht.
Das macht mir Angst.

Erst habe ich heute abgemacht, um nicht alleine zu sein. Ich kenne mich nicht mehr. Vielleicht sollte ich nicht alleine sein, denn meine Kids sind bei Papa. Doch ich schaffe es nicht unter Leute. Es geht nicht.
Und nun habe ich einen Schwips. Ich weiss, Alkohol und Brustkrebs, keine gute Kombination.
Aber, erstens hilft das Serotonin und zweitens weiss ich, es kann mir noch so schlecht gehen, ich würde nie unter Alkohol Auto fahren.
Also ist das ein guter Plan. Weil rumfahren mache ich manchmal, zur Ablenkung.
Aber wenn ich im Moment bei jeder Kurve denke, fahr doch gerade aus…

Ich versuche jetzt, was zu essen.
Das schaffe ich, diese Nacht.
Ein weiterer Tag.
Aber morgen MUSS es besser sein!

Pillen des Todes

Wenn das die einzige Option ist, die Chance zu erhöhen, dass der Krebs in den nächsten 5 Jahren nicht zurückkommt…
Ich erschiesse mich lieber.

Ich steh auf am Morgen, wunderbares Wetter. Freue mich auf das Wochenende, die Sonne, vielleicht mach ich doch noch Pläne.
Ich frühstücke genug, weil gestern hatte ich am Mittag keinen Hunger und Abends konnte ich mich für nichts entscheiden. Ich bin gespannt, was meine neue Stellvertretung heute macht. Es ist viel besser geworden mit ihr in der Schule!
Dann nehme ich die Pille des Todes.

In den darauf folgenden dreissig Minuten kurbelt wer das Rollo runter. In meinem Kopf.
Die Sonne scheint immer noch, der Himmel ist blau, aber das Licht kommt wie durch eine schmutzige Fensterscheibe nicht mehr zu mir durch.
Ich fahre los, bleierne Müdigkeit drückt auf meine Lider. Ich versuche mich zu konzentrieren, Autofahren ist extrem anstrengend, ich gähne. Gestern hatte ich frei und habe am Morgen 1,5h gedöst.
Ich bin so müde, vielleicht liege ich auch das ganze WE im Bett, wie letztes.
Nach der Arbeit fahre ich heim. Und heule. Ich bin so erschöpft. Menschlicher Abfall, denke ich. Was geht mich das Leben an, was die Sonne, der Herbst. Ich bin in einer grauen Wolke abgetrennt von allem.
Wenn ich jetzt den Lenker rumreisse, passiert dann überhaupt was? Fühle ich noch was? Oder bin ich schon nicht mehr da. Ich fühle nicht, dass ich noch da bin.
Nicht, dass ich sterben wollte, dazu müsste es sich erst nach Leben anfühlen. Und Schmerzen fühlen sich nach Leben an, nicht? So ein Spitalbett und keine Entscheidungen treffen müssen. Wenn ich mich nicht vor dem Frühstück anziehe, dann kann ich mich nicht mal mehr für ein T-Shirt entscheiden.
Ich zwinge mich in ein Kaffee zu gehen. Das fühlt sich gut an. Auch das Schwimmen. Bis die Wolke sich wieder senkt. Als würde ich das Glück berühren und es zerrinnt mir zwischen den Fingern wie Sand.
Ich sehe Bekannte in der Stadt und verstecke mich. Möchte niemanden sehen, geht mich alles nichts an. Ich schäme mich für mich. Ihr habt das Licht, ich nur die Wolke.
Ich lese. Und lese den Satz nochmals. Nochmals. Dann leg ich das Buch weg und starre an die Zimmerdecke. Bücher wurden für andere geschrieben. Nicht für mich.
Und wo sind die Farben hin? Ich mache Fotos, damit ich sie sehe. Ich sehe den blauen Himmel, die leuchtenden Blätter, aber ich fühle sie nicht. Ich decodiere ein Stilleben namens Welt.

Sind die Kinder da, dann koche ich und würge was runter. Manchmal verstecke ich mich, um zu weinen. Aus Verzweiflung, weil ich nichts mehr will und dafür habe ich nicht gekämpft. Weil ich mein eigener Ballast bin.
Wenn ich abends ins Bett gehe, dann denke ich: Ein Tag weniger!

Am Morgen wunderschönes Morgenrot. Ich bin hungrig, hatte gestern nur Salat, freue mich auf den Kaffee und am schönen Wetter. Vielleicht wird heute ja besser! Bestimmt! Jetzt fühle ich mich ja gut.
Etwas kraftlos, aber zuversichtlich.
Dann nehme ich die Pille des Todes und die Jalousie wird runtergekurbelt, meine Lider werden schwer und ich unendlich müde. So wahnsinnig müde, dass ich nicht weiss, warum ich mir überhaupt Frühstück gemacht habe und für wen die Sonne da draussen am Himmel… Und würde ich Schmerzen spüren, wenn ich jetzt da vorne in die Leitplanke…?

Morgen wird vielleicht doch besser. Heute im Lehrerzimmer las ich die Mail aus dem Spital:
Tamoxifen sofort absetzen!
Ich blinzle meine Tränen weg und warte, bis ich genug Energie für den Heimweg habe.
Also noch heute rumkriegen und auf der Strasse bleiben.
Und Morgen, vielleicht übermorgen.
Wieder mal überleben versuchen und
zurück auf Feld eins im Sterbebingo.

tbc

Hilfe in depressiven Phasen

Lego bauen

Das Einzige im Leben, bei dem alle Teile passen und alles nach Plan aufgeht.

Britische Kochshows gucken

Das ist ja an sich schon skurril. Und dennoch, die Zutaten haben immer die richtige Menge, Kuchen gehen auf, das Fleisch ist zart und die Kruste knusprig.
Alles geht leicht von der Hand!
Zumindest beim Zuschauen.

Rosamunde Pilcher

Nein. So schlimm ist es noch nicht!

Genau das!

Ich hatte immer gesagt, der Krebs kann mir nicht mein Leben nehmen, vielleicht bringt er mich um, aber das Leben nimmt er mir nicht.
Das konnte ich natürlich sagen, weil ich nicht bettlägerig Stage IV palliativ und austherapiert war. Und ich habe alles dafür gemacht, dass das auch so ist, für mich und mein Umfeld.
Und nun?
Nach Operation, 33 Bestrahlungen, 21 Infusionen Chemo in 1 1/4 Jahr, alles fertig. Soweit NED (oder wie mans nicht ganz treffend auf deutsch nennt: krebsfrei). REHA, Corona, zwei Trennungen, 3 Wochen Ferien ganz alleine ohne kids, alles überstanden. Lymphödem langsam besser, Zehennägel wachsen nach, Mund spuckt kein Blut mehr, die ersten Arbeitstage Stunden und die Luft ist raus.
Nix da mit Leben erobern: Hurra ich lebe noch, schaut her! 💃

Eher klebrig vorwärts robben, mich durch den Tag hangeln und mich fragen, wozu? Dazwischen der Wunsch, mich einfach wo hinfallen zu lassen und liegen zu bleiben. So als kurzhaariges Neutrum. Bald fallen ja eh die Blätter, decken mich zu. Fällt wohl nicht auf. Ich fehlte ja doch schon lange, alle lebten so gut ohne mich. Also, lasst mich doch.

Jetzt ist das Leben weg.

Ja. Genau das meinte ich damit. Ist das Leben nicht ein Arschloch? Hä?
Ja eben.
Danke.

Oh hello again

Na, das ging ja lange, bis ich es gecheckt habe. Ja Tinkakartinka, du kannst nicht alles. Nein.
Erst dachte ich, die Erschöpfung. Kein Schlaf, kein Wunder, begann doch grad der Arbeitsversuch.
Und wer hat schon Hunger, bei dieser Hitze? Da möchte man sich doch den ganzen Tag im Bett verkriechen und niemanden sehen – ist ja nett kühl im Haus.
Und das man sich mal wie der letzte Dreck fühlt, na das kommt halt vor! Und wie Abfall, seelisch und körperlich defekt und beschädigt, wertlos.

Mein emotionales Gleichgewicht zu finden, absorbierte meine ganze Energie. Und am Samstag hatte ich auch 3 grossartige Stunden, am Sonntag hart erarbeitete 2h Zufriedenheit und gestern deren drei. Vom Rest spreche ich lieber nicht.
So viel Seelenhygiene wie ich betreibe, müsste ich innerlich rein erleuchten. Mach ich aber nicht.
Tja. 🤷‍♀️
Hello again. Hast ja lange auf dich warten lassen – in Anbetracht der Umstände…
Nun, um mich den ganzen Tag, das restliche Leben unter der Bettdecke zu verkriechen, dafür hat sich das letzte Jahr also definitiv nicht gelohnt!
☠️

The Last One

Morgen ist meine letzte Chemo.
Also, hoffentlich natürlich! Nochmal will ich nicht!!!!
knockonwood

Ich glaube, nachher will ich mich einfach irgendwo hinlegen und nicht mehr aufstehen, so fühlt es sich jetzt an. Das ist so seltsam. Wieder so ein Moment, bei dem man bilanziert, das Jahr Revue passieren lässt. Dabei habe ich darauf grad so gar keine Lust!
Eigentlich wäre die Letzte ja am 20.07.20 gewesen, aber das Datum hatte ich verschoben, weil ich erst dachte, ich gehe zwei Wochen weg. IMG_5021
Ich hatte kurzzeitig Panik, da ich noch nie drei Wochen am Stück ohne Kinder war. Und das nach diesem Jahr! Fast schon buchte ich Lastminute was und dachte dann, nein, genau das nicht! Wann habe ich je Zeit einfach alles zu machen, was ich will, was mir gut tut. Und wenns eine Woche heulen ist, na dann… Und wegen Corona war Ausland für mich kein Thema. Aber in der Schweiz weg, um auf andere Gedanken zu kommen.
Dann habe ich festgestellt, dass ich das gar nicht muss. Ich habe hier ein perfektes Ferienhaus mit Atelier. Ich kann unter freiem Sternenhimmel schlafen, vor dem Fernseher  Pfannkuchen mit frischen Früchten frühstücken. Ich koche mir Schlemmermenus: Rindsplätzchen mit selbstgemachtem Kräuterbutter, Bohnen und Kartoffeln,  Pouletspiessli mit Sommergemüse und frischen Kräutern, Vitello Tonnato. Soviel Fleisch esse ich eigentlich selten, aber offenbar brauche ich es. Ich genieße es unglaublich!
IMG_4978Die erste Woche war ich fast nur hier, ich habe viele schöne Badeplätzchen entdeckt Mit Sand oder ohne, Strand, Amazonas oder Schilf.
Dann habe ich mich mal da und mal dort zum Essen eingeladen. Treffe Leute, die ich schon lange mal treffen wollte oder lerne neue kennen. Ich schlafe mal hier, mal da. Hab sogar seit langem wieder mal einen Kater gehabt…. 🙈
Glücklicherweise ist der vorbei, morgen müssen ja meine Leberwerte stimmen. 😬

Aber was ist dann, nach Morgen? Nach der letzten Chemo? Habe ich dann nach jedem Glas Wein oder Prosecco ein massiv schlechtes Gewissen? Alkohol ist ein Risikofaktor. Eigentlich der Einzige, den ich bei mir ausmachen konnte. Ausser eher später Kinder und nicht wirklich gestillt. Hormone sind der grösste Risikofaktor, aber die werden ja ausgeschaltet. Übergewicht habe ich nicht, Rauchen tu ich auch nicht (mehr). Sport mache ich, aber joggen liegt schmerztechnisch nicht drin. Auf dem Skateboard stand ich wieder und jeden Tag schwimme ich, mindestens einmal. Mal hier und mal da in der Aare, Türlersee, Bielersee, Zürisee, Limmat, Reuss. Werde ich ohne Chemo plötzlich Angst haben, mehr Angst haben, vor einem Rückfall? Ich weiss es nicht.
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Es waren zwei absolut grossartige Wochen. Aber heute Abend schlägt sie nun zu. Die Melancholie. Wie viele dieser Momente wird es noch geben? So bis ein komplettes Jahr rum ist, also, bis in einem Jahr? Ich hoffe doch nicht!
Aber ich bin auch sehr müde. Ich habe diese Woche nicht viel daheim geschlafen, viel unterwegs. Eigentlich zuviel. Dann kommt die Müdigkeit und ZACK, so ein Depro-Hammer dazu. Das kenne ich erst seit der Krebstherapie. Diese Erschöpfung, nicht nur körperlich, sondern immer auch seelisch. Nettes Doppelpack. Danke.
Teilweise wusste ich, dass ich zuviel mache, immerhin das kann ich schon wieder einschätzen.
Aber ich wollte mir das Leben in voller Dosis geben! Mich richtig auffüllen mit guten Momenten, guten Gesprächen, Treffen, Essen, Erlebnissen. Dazwischen gab es auch Halbtage oder Tage mit Rückzug und Stille, schreiben, lesen, malen, schwimmen.

Was ich nicht wusste und jetzt erlebt habe, wie viele Freunde da sind. Wie viele Menschen es gibt, die mir gut tun. Die lustig und gleichzeitig tiefgründig sind, echt. Wo ich mich einfach wohl fühle, weil ich ich sein kann, mit allen Ecken die ab sind, dem schwarzen Humor und meiner Geschichte. Ich.

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