Wenn das die einzige Option ist, die Chance zu erhöhen, dass der Krebs in den nächsten 5 Jahren nicht zurückkommt…
Ich erschiesse mich lieber.
Ich steh auf am Morgen, wunderbares Wetter. Freue mich auf das Wochenende, die Sonne, vielleicht mach ich doch noch Pläne.
Ich frühstücke genug, weil gestern hatte ich am Mittag keinen Hunger und Abends konnte ich mich für nichts entscheiden. Ich bin gespannt, was meine neue Stellvertretung heute macht. Es ist viel besser geworden mit ihr in der Schule!
Dann nehme ich die Pille des Todes.
In den darauf folgenden dreissig Minuten kurbelt wer das Rollo runter. In meinem Kopf.
Die Sonne scheint immer noch, der Himmel ist blau, aber das Licht kommt wie durch eine schmutzige Fensterscheibe nicht mehr zu mir durch.
Ich fahre los, bleierne Müdigkeit drückt auf meine Lider. Ich versuche mich zu konzentrieren, Autofahren ist extrem anstrengend, ich gähne. Gestern hatte ich frei und habe am Morgen 1,5h gedöst.
Ich bin so müde, vielleicht liege ich auch das ganze WE im Bett, wie letztes.
Nach der Arbeit fahre ich heim. Und heule. Ich bin so erschöpft. Menschlicher Abfall, denke ich. Was geht mich das Leben an, was die Sonne, der Herbst. Ich bin in einer grauen Wolke abgetrennt von allem.
Wenn ich jetzt den Lenker rumreisse, passiert dann überhaupt was? Fühle ich noch was? Oder bin ich schon nicht mehr da. Ich fühle nicht, dass ich noch da bin.
Nicht, dass ich sterben wollte, dazu müsste es sich erst nach Leben anfühlen. Und Schmerzen fühlen sich nach Leben an, nicht? So ein Spitalbett und keine Entscheidungen treffen müssen. Wenn ich mich nicht vor dem Frühstück anziehe, dann kann ich mich nicht mal mehr für ein T-Shirt entscheiden.
Ich zwinge mich in ein Kaffee zu gehen. Das fühlt sich gut an. Auch das Schwimmen. Bis die Wolke sich wieder senkt. Als würde ich das Glück berühren und es zerrinnt mir zwischen den Fingern wie Sand.
Ich sehe Bekannte in der Stadt und verstecke mich. Möchte niemanden sehen, geht mich alles nichts an. Ich schäme mich für mich. Ihr habt das Licht, ich nur die Wolke.
Ich lese. Und lese den Satz nochmals. Nochmals. Dann leg ich das Buch weg und starre an die Zimmerdecke. Bücher wurden für andere geschrieben. Nicht für mich.
Und wo sind die Farben hin? Ich mache Fotos, damit ich sie sehe. Ich sehe den blauen Himmel, die leuchtenden Blätter, aber ich fühle sie nicht. Ich decodiere ein Stilleben namens Welt.

Sind die Kinder da, dann koche ich und würge was runter. Manchmal verstecke ich mich, um zu weinen. Aus Verzweiflung, weil ich nichts mehr will und dafür habe ich nicht gekämpft. Weil ich mein eigener Ballast bin.
Wenn ich abends ins Bett gehe, dann denke ich: Ein Tag weniger!
Am Morgen wunderschönes Morgenrot. Ich bin hungrig, hatte gestern nur Salat, freue mich auf den Kaffee und am schönen Wetter. Vielleicht wird heute ja besser! Bestimmt! Jetzt fühle ich mich ja gut.
Etwas kraftlos, aber zuversichtlich.
Dann nehme ich die Pille des Todes und die Jalousie wird runtergekurbelt, meine Lider werden schwer und ich unendlich müde. So wahnsinnig müde, dass ich nicht weiss, warum ich mir überhaupt Frühstück gemacht habe und für wen die Sonne da draussen am Himmel… Und würde ich Schmerzen spüren, wenn ich jetzt da vorne in die Leitplanke…?
Morgen wird vielleicht doch besser. Heute im Lehrerzimmer las ich die Mail aus dem Spital:
Tamoxifen sofort absetzen!
Ich blinzle meine Tränen weg und warte, bis ich genug Energie für den Heimweg habe.
Also noch heute rumkriegen und auf der Strasse bleiben.
Und Morgen, vielleicht übermorgen.
Wieder mal überleben versuchen und
zurück auf Feld eins im Sterbebingo.
tbc