Augenlidtattoo

Bei der Anmeldung zum MRI bekomme ich den Fragebogen in die Hand gedrückt.

Ich: Oh nein. Ungeschminkt! Das habe ich vergessen. Heute hab ich die Augenbrauen so schön gemacht…
Sie: Oh! Aber das ist ja nur Augenbrauenstift. Es ist eher der Lidschatten das Problem.
Ich: Ist ja auch Puder.
Sie: Aber der glänzt nicht. Wissen sie, das Metall im Lidschatten ist das Problem.
Ich: Metall???
Sie: Ja, wenns glänzt…
Ich: Und das blitzt dann im MRI? Wie Alu in der Mikro? Und ich krieg ein Augenlidtattoo?
Sie: Ah, machen Sie sich keine Sorgen. Das gibt kein Tattoo. Höchstens ein ungenaues Bild. Aber wir brauchen ja auch nicht ihr Auge.

Im Auge des Tornados

Krebs ist wie ein Wirbelsturm. Von weitem kommt er unaufhaltsam auf einen zu. Er hat den totalen Fokus.
Alles in der Nähe gerät in den Sog.
Einige Freunde wirbelt er weg, andere stehen plötzlich unerwartet da.
Vieles wird unwichtig, anderes unerreichbar. Es wird vesprochen, versichert, gehalten, gelogen und betrogen. Krebs ist ein Katalysator.
Der Charakter zeigt sich im Sturm. Nicht zu Beginn, nein, mittendrin. Im langen Atem, wenn einem alles um die Ohren fliegt und man nicht flieht, Hals über Kopf.
Nicht alle wollen bleiben, nicht alle können bleiben. Manche möchten, können aber nicht.
Sicher ist nur, dass ich da bleibe. Denn ich stehe im Auge des Sturms.
Und warte.

Kein Taxol heute. Blutwerte zu schlecht.

Wartebank

Ich bin weg.
Jeden holt es ein, wurde mir von der Psycho-Onkologin gesagt. Kaum jemand schafft es, nur optimistisch durch die Krebstherapie zu gehen.
Seit Montag hängen die Flaggen tief.
Und ich habe das Gefühl, zu verschwinden, nicht mehr zu wissen, wer ich bin.
Diese Krankheit überschattet alles. Und damit meine ich nicht die Symptome oder die Angst vor einem unguten Ende.
Vielleicht ein wenig.
Ich existiere nicht mehr unabhängig der Diagnose, unabhängig vom Krebs.
Ich kann mir nie entfliehen, mich nie finden, geschweige denn neu erfinden.
Ich erkenne mich nicht mehr wieder.

Ich sitze und warte. Ich gehe an meine Termine, Spital, Physiotherapie. Dann sitze ich wieder und warte.

Darauf, dass ich mir wieder begegnen kann.

Gewittersturmdiagnose

Eine Krebsdiagnose ist wie ein Gewittersturm.
Wenn sich der Himmel plötzlich verdunkelt und ein bedrohlich gelber Schimmer über dem Dunkelgrau liegt. Die Sonne ist weg. Das Licht auch. Nur dunkel drückt der Himmel, schwebt die drohende Gefahr schwer über allem.
Noch singen die Vögel, doch verstummen sie bald.
Die ersten Windböen fegen durch die Baumkronen. Einzelne Blätter lösen sich und verschwinden mit dem Wind.
Noch kann man raus, sich das Haar zerzausen lassen im Wind. Den Vögeln lauschen, die immer aufgeregter bis panisch gegen den Sturm ansingen.
Blätter wehen weg, Blätter wehen her.
Igendwo klackert ein loser Fensterladen.
Weit entfernt ein Wetterleuchten.

Plötzlich wird es still. Der Wind ist weg. Die Vögel verstummt.

Und dann bricht der Sturm mit seiner Urgewalt über einem zusammen. Der Himmel stürzt herab, löst sich auf, übersäät den Boden mit Eiskugeln.
Und keiner weiss, was alles zerschlagen und zerfetzt wird, was heil bleibt und was danach gerodet werden muss.
Es wird kalt.

Chemotherapie

Heute keine Chemo. Weil die Stadt ist in Festlaune, da liegt auch das Spital lahm (oder die Belegschaft verkatert irgendwo….).

Dafür ein Bild, für das ich gerne eine Bildüber- oder Bildunterschrift von Euch anonymen Lesern hätte, die Ihr hier manchmal rumklickt.

PS: Zeichnen hilft (fast) immer, wenn Worte versagen und Sport nicht möglich.

Gespräche: Bogenschiessen ist noch nicht geplant

Ich erkläre dem Grossen, warum man heute meist zuerst Chemotherapie macht und dann erst OP. Das waren jedenfalls die Gründe, die mir der Herr Onkologe genannt hatte.
-Psychologie: Frau weiss, warum sie diese Nebenwirkungen ertragen muss und kann das Tumorschrumpfen ertasten.
-Onkologie: Sieht, ob Chemo wirklich wirkt.
-Chirurgie: Und die Chance ist erhöht, dass brusterhaltend operiert werden kann, wenn der Tumor erst schrumpft. Sie also die Brust nicht wegnehmen müssen.

Kleiner: Müssen sie dir die Brust wegnehmen??!
Ich: Nein! Keine Angst. Also hoffentlich nicht. Aber im Moment ist das kein Thema. Sonst muss ich Bogenschiessen.
Grosser: Bogenschiessen?
Ich: Ja. Waren das nicht die Amazonen in der griechischen Mythologie, die sich die Brust abnahmen um besser Bogenschiessen zu können? Und ich bin ja Linkshänder und Links. Passt ja.
Grosser: Maaaamiiii!
Ich: Ja, entschuldige bitte. Aber ohne Galgenhumor und blöde Sprüche kann man so eine scheissschwierige Situation ja nicht ertragen.
Grosser: Stimmt!
Kleiner: Dein Kopftuch ist cool! Wie ein Pirat!

Gespräche: Legosteine und kranksein

Kleiner: Hast du jetzt Tierchen da drin?
Ich: Nein, die Krankheit heisst bloss so. Das sind keine Krebse.
Das ist mehr so ein Knollen, Zellen die zuviel wachsen.
Kleiner: Was sind Zellen?
Ich: So wie die Legosteine, aus denen dein Körper gebaut ist. Und je nach Farbe der Legosteine gibt es dann Haare oder Haut oder Zehennägel.
Und jetzt hab ich da ein paar Legosteine in falscher Farbe am falschen Ort. Und die dürfen jetzt erstmal nicht mehr weiter wachsen.
Kleiner: Aber dir wächst da jetzt kein Finger???!
Ich: Ha! Nein. Zum Glück nicht. Stell dir vor… Da wächst nur so ein Knollen.

Kleiner turnt auf dem Sofa rum: Mami,…. darf ich Schoggi?


Grosser: Mami das ist komisch. Du warst fit und eigentlich gesund und jetzt mit den Medikamenten gehts dir schlecht. Und jetzt bist du krank.
Ich: Ja normalerweise ist umgekehrt nicht? Ist halt eine ernste Krankheit, da braucht es starke Medis. Hätte ich es erst gemerkt, als ich mich krank gefühlt hätte, würde es viel schwieriger gesund zu werden. Jetzt hoffen wir das Beste.
Grosser: Das schaffst Du!

Tipps ungebeten: gratis und franko

Was man so alles gesagt gekriegt und was ich darauf nicht geantwortet habe.

Nur weil ich verstehe, dass die ungebetenen Ratschläge offenbar ein Versuch sind, mit der eigenen Hilflosigkeit umzugehen.

> Ach und Sie benutzen immer noch Aluminium-Deo? Das weiss doch inzwischen jeder, dass der Brustkrebs auslösen kann. Schauen Sie mal die Doku auf arte.

Aha. Ich Depp bin also deomitschuldig. Aber jetzt ist eh zu spät.

> Was direkt Chemo? Die sollte doch erst zum Schluss kommen. Also ich würde erst alles andere probieren.

Sie haben keine Kinder? Dann dürfen sie eh machen, was sie wollen. Mit richtig viel Metastasen lohnt sich die Chemo dann wenigstens, nicht?

> Die Pharmafirmen wollen ja nicht heilen, die wollen nur Geld verdienen.

Aha. Tote brauchen aber keine Medikamente mehr.

> Allen Zucker weglassen, sofort! Und kein Fleisch und keine Milchprodukte.

Und Gluten? Und Bio? Und Eier? Nüsse? Nix aus China? Kein Nestlé?

> Schon von Methadon gehört? Das hat einer Patientin wahnsinnig geholfen.

Das wurde in der Studie leider nicht bestätigt und war ein Einzelfall. Ich könnts vielleicht mit Heroin versuchen?

> Sie sollten basisch essen. Gerstengras. Schmeckt zwar wirklich wie Gras. Aber da hat einer mal sich nur davon ernährt und sich so vom Krebs geheilt.

Ich beiss nicht schon ins Gras, solange ich noch lebe.

Punk und Krebs: Stinkefinger nicht vergessen

Alle sprechen immer davon, gegen den Krebs zu kämpfen. Ich weiss nicht, ob man das kann. Ich kann nicht dauernd mit erhobener Hellebarde rumrennen und die starke Frau mimen. Manchmal ist schlicht auch die Erschöpfung zu gross.
Ich bin immer noch zufrieden mit mit meinem Leben und halte mich für glücklicher als einige, daran ändert auch die Diagnose nichts. Das heisst nicht, dass ich nicht wütend bin, weine oder mich bedauere. Wie am Samstag, als ich fast kollabierte in der Stadt und das Gefühl hatte, nur noch 10% ich zu sein, der Rest ist Erschöpfung.
Aber noch bin ich hier. Ich lebe und die Prognose ist gut.

Ich versuche mir meinen Stinkefinger zu bewahren. Ich nehme die Krankheit ernst, aber ich darf trotzdem darüber witzeln. Ich stehe aus Protest aufs Skateboard, obwohl ich eigentlich nicht in der Verfassung bin: nach der Mammographie, nach dem CT und sobald es mir letzte Woche Donnerstag nicht mehr so übel war. Auch wenn nicht mehr drin liegt, als einmal quer über den Platz pushen, Quarter rauf, Fakie runter und Revert und das alles quasi Zeitlupe.
Ich war am Samstag an der Premiere des Skatefilms, auch wenn leider nur kurz. Aber ich war da.

Da, Krebs! 🖕
Ich lass mir nicht alles nehmen!