Gespräche: Zombiefamilie

Kinderübergabe. Da ich zu Hause ja „oben ohne“ rumlaufe, steh ich ohne Kopfbedeckung vor dem Haus uns spreche mit dem Papa vom Kleinen und Grossen, als ein paar Kids mit dem Fahrrad vorbei fahren.

Ich: Oh nein! Jetzt verschreck ich noch die Kinder. So nur mit Glatze.
Kleiner: Hahaha, Mami das Glatzenmonster!
Der Grosse nimmt die Arme hoch, macht den Zombie und röchelt: Chhhghhhhrrrgghh
Der Kleine nimmt die Arme hoch: Chhhgghhrrchhhhhg
Ich: Chhhrrrghhhhchhhhgg

Papa schaut irritiert vom Kleinen zum Grossen zu mir.

Gespräche: Was würdest du tun, wenn du weisst, das du stirbst?

Grosser: Mami, du nimmst das alles so positiv.
Ich: Na ja. Nicht immer. Also nach der Untersuchung vor zwei Wochen, als ich wusste, es stimmt was nicht, da hab ich geheult. Da hatte ich richtig, richtig Angst, dass der Krebs schon überall ist!
Grosser: Ja ich hab sofort gemerkt, dass mit euch was nicht stimmt.
Ich: Ihr ward am Abend zum Glück bei Papi. Und ich musste bis zum nächsten Tag und dem Gespräch im Spital warten. Gar nicht positiv. Nix. Nada. Kann man ja nicht!
Grosser: Ja aber sonst. Es gibt sicher viele, die nicht so positiv sind.
Ich: Na gut, das hängt ja von vielem ab. Welche Diagnose, Umfeld. Sicher auch, ob es der erste Schicksalsschlag ist, oder man schon ein wenig Übung hat… Und ich glaube schon, ich habe etwas Übung und bin aber prinzipiell positiv eingestellt. Aber eben, jetzt. Ich hoffe das bleibt so.
Grosser: Das hilft sicher!
Ich: Stell dir mal vor, der Arzt sagt dir, du hast noch eine Woche zu leben. Klar, dann heulst du. Und dann?
Grosser: Uiiii….
Ich: Also, das hat er mir NICHT gesagt. Aber wenn, dann würde ich sicher den ersten Tag heulen, wütend sein, mich bedauern, alles zusammen. Und dann, was würdest du die anderen Tage machen?
Grosser: Das ist schwierig. Ich bin ja noch ein Kind.
Ich: Ich würde Sachen machen, die mich glücklich machen.
Kleiner: Reisen!
Ich: Und deine Freunde?
Kleiner: 3 Tage reisen und 3 Tage Partyyyyy!
Ich: Ja, eine grosse Party! Toll!
Grosser: Ja ich würde erst mein Geld verschenken oder spenden.
Kleiner: Ja an alle Freunde!
Ich: Wahrscheinlich ja, alles regeln. Und dann Party?
Kleiner: Oder TV gucken mit L. und M. und Z. DREI TAGE LANG.
Grosser: Ahhh, Kleiner!

Das Gespräch hatten wir vor etwa zwei Wochen. Und heute beim Mittagessen hat der Kleine den Faden wieder aufgenommen. Offenbar hatte er beim Papawochenende mit dem Sohn von Papas Freundin Kappla gespielt.
Das war dem Sohn peinlich. Da habe eine Frau gesagt, man müsse so leben, dass man glücklich sei und nicht auf andere hören.

> Also Mami, wenn ich nur noch eine Woche zu leben hätte, dann…
Und er erzählte mir, was er alles machen würde. Sogar noch einmal Kanu fahren, obwohl er mit Papa mal gekentert ist. Weil, das sei ja dann die letzte Gelegenheit.

Solche Gespräche sind sehr seltsam. Aber darüber zu sprechen, was einem wichtig ist im Leben, wäre eigentlich fundamental wichtig. Nicht?

Gespräche: Legosteine und kranksein

Kleiner: Hast du jetzt Tierchen da drin?
Ich: Nein, die Krankheit heisst bloss so. Das sind keine Krebse.
Das ist mehr so ein Knollen, Zellen die zuviel wachsen.
Kleiner: Was sind Zellen?
Ich: So wie die Legosteine, aus denen dein Körper gebaut ist. Und je nach Farbe der Legosteine gibt es dann Haare oder Haut oder Zehennägel.
Und jetzt hab ich da ein paar Legosteine in falscher Farbe am falschen Ort. Und die dürfen jetzt erstmal nicht mehr weiter wachsen.
Kleiner: Aber dir wächst da jetzt kein Finger???!
Ich: Ha! Nein. Zum Glück nicht. Stell dir vor… Da wächst nur so ein Knollen.

Kleiner turnt auf dem Sofa rum: Mami,…. darf ich Schoggi?


Grosser: Mami das ist komisch. Du warst fit und eigentlich gesund und jetzt mit den Medikamenten gehts dir schlecht. Und jetzt bist du krank.
Ich: Ja normalerweise ist umgekehrt nicht? Ist halt eine ernste Krankheit, da braucht es starke Medis. Hätte ich es erst gemerkt, als ich mich krank gefühlt hätte, würde es viel schwieriger gesund zu werden. Jetzt hoffen wir das Beste.
Grosser: Das schaffst Du!

Gespräche: Haar-Verhandlungen

Ich: Guckt mal. Jetzt rieseln die Haare.
Grosser: Oh ja, das sind mehr als bei mir.
Ich: Ich glaub, jetzt schneid ich sie kurz.
Kleiner: NEEEEEIIIIINN!
Ich: Aber Kleiner, sie fallen ja eh aus. Aber so lange Haare die rumliegen sind eklig.
Kleiner: Glatze ja, kurze Haare nein.
Ich: Abrasieren? Will ich aber noch nicht. Hab ja noch viele.
Grosser: Du kannst ja, falls deine Perücke schon fertig ist, die Haare schneiden und dann die Perücke aufsetzen, bevor Kleiner heimkommt.

Kleiner zu Grosser: DAS HAB ICH GEHÖRT!

Gespräche: Viel Lachen und kein Stress

So ich hab es hinter mir. Meine Kinder wissen jetzt, dass ich Brustkrebs habe. Sie wissen, dass es eine ernsthafte Erkrankung ist, dass ich wohl ca. ein halbes Jahr nicht werde Arbeiten können. Auch dass ich sehr starke Medikamente kriegen werde, die mich sehr müde machen und eventuell alle Haare verlieren, von den Medikamenten, nicht von der Krankheit.

> Was alle? So paff und weg?
> Nein, wahrscheinlich nicht alle auf einmal. Mehr so Büschelweise. Dann schmeide ich oder rasiere ich sie ab. Gäbe ja sonst ne schöne Sauerei.

Sie wissen auch, dass ich jemanden kenne, der wieder gesund wurde. Dass wir hier ein Spital mit Spezialisten und sehr viel Erfahrung haben.

Ihre Lehrpersonen und Hort sind auch informiert. Puh!

Der Kleine meinte, ich sehe ja noch gesund aus. Das sei sicher nicht so schlimm.

Der Grosse bedankte sich für meine Ehrlichkeit, sonst würde er merken, dass was nicht stimme und sich noch mehr Sorgen machen. Ich solle jetzt ganz viel Lachen und ja keinen Stress haben. Das helfe beim Gesundwerden.

Und ich müsse meine Einstellung beim Skateboarden ändern und nur noch Freude haben und keinen Frust. (Das dürfte eine Herausforderung sein.)

Ich habe tolle Kinder!

Wie sag ichs meinem Kind

Aus dem Spital raus und zu meinen Kindern. Und bloss nicht weinen.
Aber meine Kinder sind nicht blöd. Und der Grössere fragte, ob etwas nicht gut war im Spital. Und ich antwortete, dass ich halt nochmals hinmüsse, Donnerstag.
Ich werde noch nichts sagen.
Erst, wenn ich auch weiss, wie es weitergeht. Wenn ich ihnen konkret etwas sagen kann.
Aber wie sagt man es seinen Kindern?
Hallo, Mami hat Brustkrebs?
Ich bewege mich den ganzen Tag in einer dunklen Wolke. Manchmal laufe ich ihr etwas  davon, dann holt sie mich wieder ein. Wie letztes Jahr, als mein Vater starb.
Vielleicht ist es ja gar nicht wahr? Doch, da ist der Knoten. Und wenn… nein.
Ich rufe eine Kollegin an, die alles bereits hinter sich hat. Vor drei Jahren. Ich bin so frech, denn in letzter Zeit hatten wir uns nicht viel gesehen.
>Hast du kurz Zeit für ein vielleicht etwas seltsames Telefonat?
>Aber sicher.
>Du hattest doch Brustkrebs, nicht? Darf ich Dir eine persönliche Frage stellen?
>Aber ja.
>Wie sagt man sowas seinen Kindern?
>Oh nein! Aber bitte nein, das tut mir soo leid.
Ich musste mich während dem Telefonat etwa fünfmal bei ihr bedanken. Ich hätte es hundertmal können. Sie fragte, was sie denn geholfen hätte.
>Du hast mir zugehört. Du hast mir Mut gemacht. Und du bist mein Vorbild, weil du alles schon hinter dir hast. Und das noch mit kleineren Kindern.
Ich weiss jetzt, dass ich jederzeit zu ihr kann, sollte es ganz schwierig werden.
Das ist gut.