Emotionshochwasser

Es war zuviel in letzter Zeit.
Notfall, Schulveranstaltungen mit Krankheitserklärungen, ein Besuch bei meinen Kollegen und meinen Schülern, die ich seit meiner Krankschreibung nicht mehr gesehen habe und dazu noch Grundsatzbeziehungsdiskussionen.

All die Reaktionen und Gefühle der Gesprächspartner, die ich ja auch aufnehme. Und auch die Komplimente, wie gut ich das mache.
Alles ist zuviel.

Ich treibe in einer Emotionssuppe von kalter zu warmer Strömung und spüre keinen Boden unter den Füssen.
Ich bräuchte Ruhe und Zeit. Eine einsame Insel, eine Hütte im Wald, von mir aus ein Erdloch. Oder zumindest einen Rettungsring, einen Leuchtturm oder eine Hand, die mich in ihr Boot zieht, damit ich kurz verschnaufen kann.
Doch nun beginnen die Sommerferien.

Die nächste Zeit für mich werden wohl die 6 Stunden Chemo nächste Woche sein.
Der erste Zyklus vom 2. Schema.

Liste der Topreaktionen

Hallo 🙋‍♀️ mich gibts noch.

Tatsächlich durfte ich nach einem Tag nach Hause. Das Fieber war weg, Infekt unauffindbar, Blutwerte stabil.

Eigentlich wollte ich eine Liste mit den schlimmsten Reaktionen darauf schreiben, dass ich Krebs habe.

Während des Schreibens erschien mir das plötzlich etwas unfair. Denn je nach Gegenüber macht mir sogar die Aufzählung der Krebstoten in der Familie nichts aus.

Ausserdem wurde ich gefragt, was denn die Wunschreaktion wäre. Und auch hier: Der Ton macht die Musik.

Die skurrilste Begegnung war heute eine Kollegin, die nach der Begrüssung und einem Blick auf meine Kopfbedeckung, hastig einen Smalltalksatz stammelnd, sich rückwärts von mir weg bewegte und fluchtartig davon radelte.

Ungebetene Tipps sind immer übel (siehe Tipps ungebeten: gratis und franko).

Und vor ein paar Tagen bekam ich als Reaktion zu hören: Und du machst jetzt brav alles was die Ärzte sagen?

Da wär ich auch gern einfach davon geradelt.

Gespräche: Legosteine und kranksein

Kleiner: Hast du jetzt Tierchen da drin?
Ich: Nein, die Krankheit heisst bloss so. Das sind keine Krebse.
Das ist mehr so ein Knollen, Zellen die zuviel wachsen.
Kleiner: Was sind Zellen?
Ich: So wie die Legosteine, aus denen dein Körper gebaut ist. Und je nach Farbe der Legosteine gibt es dann Haare oder Haut oder Zehennägel.
Und jetzt hab ich da ein paar Legosteine in falscher Farbe am falschen Ort. Und die dürfen jetzt erstmal nicht mehr weiter wachsen.
Kleiner: Aber dir wächst da jetzt kein Finger???!
Ich: Ha! Nein. Zum Glück nicht. Stell dir vor… Da wächst nur so ein Knollen.

Kleiner turnt auf dem Sofa rum: Mami,…. darf ich Schoggi?


Grosser: Mami das ist komisch. Du warst fit und eigentlich gesund und jetzt mit den Medikamenten gehts dir schlecht. Und jetzt bist du krank.
Ich: Ja normalerweise ist umgekehrt nicht? Ist halt eine ernste Krankheit, da braucht es starke Medis. Hätte ich es erst gemerkt, als ich mich krank gefühlt hätte, würde es viel schwieriger gesund zu werden. Jetzt hoffen wir das Beste.
Grosser: Das schaffst Du!

Gespräche: Haar-Verhandlungen

Ich: Guckt mal. Jetzt rieseln die Haare.
Grosser: Oh ja, das sind mehr als bei mir.
Ich: Ich glaub, jetzt schneid ich sie kurz.
Kleiner: NEEEEEIIIIINN!
Ich: Aber Kleiner, sie fallen ja eh aus. Aber so lange Haare die rumliegen sind eklig.
Kleiner: Glatze ja, kurze Haare nein.
Ich: Abrasieren? Will ich aber noch nicht. Hab ja noch viele.
Grosser: Du kannst ja, falls deine Perücke schon fertig ist, die Haare schneiden und dann die Perücke aufsetzen, bevor Kleiner heimkommt.

Kleiner zu Grosser: DAS HAB ICH GEHÖRT!