Ich brauche immer innere Bilder für Vorgänge. So habe ich auch meine Bilder, wie die Chemotherapie abläuft.
Ich stelle mir eine ganze Truppe von Chemo-Männchen vor, die mit Hammer und Pickel am Tumor herum klopfen. Alle tragen die gleiche weisse Kleidung: Latzhosen, Stiefel, Basketballkappen. Eigentlich sind es uniforme Comic-Figuren. Nur bei der Arbeitsausrüstung gibt es Unterschiede: Hammer, Pickel, Brecheisen.
Das Gesicht ist ausdruckslos und da sie alle etwas unterbelichtet sind, gehen sie leider nicht nur auf den Tumor los, sondern auch auf andere Zellen, die sich schnell teilen, wie die Schleimhäute und die Haare.
Immer nach der Infusion merke ich, dass sich etwas am Tumor tut. Der Onkologe meinte, dass es schon zu Entzündungsreaktionen kommen kann, wenn die abgestorbenen Krebszellen abtransportiert werden.
Ich stelle mir vor, wie die weissen Männchen mit ihren Gerätschaften auf den Tumor einhauen. Erst hatte ich nur das Bild von Staub und Sand, der weg bricht, inzwischen sind es kleine Stücke und Brocken, die sich dann zu Staub auflösen und vom Körper abgebaut werden. Das ist das, was ich spüre.
Und da die jetzige Chemotherapie auch die Nerven in den Fingern und Zehen angreifen kann, stelle ich mir Nervenbäume vor. Verästelungen, wie man sie auf anatomischen Zeichnungen sieht. Sie bewegen wie ein Baum die Äste im Wind, schütteln sich. So können sie die Chemo-Männchen, die ihre Pickel auch dort reinhauen wollen, abschütteln. Die fallen runter und bleiben zappelnd auf dem Rücken liegen.
Ob das was hilft? Wer weiss. Ich leide auch an dem Raynaud-Syndrom, auch bekannt als Leichenfinger-Syndrom. Eigentlich etwas, das vor allem sehr junge, sehr schlanke Frauen kennen würden, meinte mein Arzt. Ich bedankte mich schon mal so halb für das Kompliment (ohne ‚eigentlich‘ wäre es eins gewesen…).
Ist es kalt und/oder bin ich sehr gestresst, dann werden meine Fingerkuppen weiss und blutleer. In einer schlimmen Phase konnte ich nicht einmal die Milch aus dem Kühlschrank nehmen, ohne weisse, blutleere Flecken an den Fingerkuppen zu kriegen.
Sind die Finger erst mal weiss, werden sie auch nicht so schnell wieder durchblutet, selbst wenn ich sie mit warmem Wasser abspüle.
Aber weitaus schneller hilft, mir vorzustellen, wie die Wärme und das Blut zurück in die Finger fliesst. Ich konzentriere mich und versuche alle Wärme zurück zu schicken. Und wenn ich das mache, kann ich zuschauen, wie sich die Farbe ihren Weg zurück in die Fingerkuppen bahnt. Wie sich das Blut wieder ausbreitet.
Sicher gibt es dafür eine esoterische oder eine medizinische Erklärung: Visualisierung oder Entspannung.
Aber ich brauche keine Erklärungen. Hauptsache es hilft mir. Und wenn es dort hilft, warum soll so ein Bild nicht auch jetzt helfen?
Zumindest hilft es mir im Umgang mit der Krankheit.
Welche Bilder es wohl noch gibt? Habt ihr welche?
Nur seit Freitag, da hatten einzelne Chemo-Männchen ein Werkzeug-Upgrade.
Einige sind nun mit Flammenwerfer unterwegs und brutzeln damit den Tumor weg.
Aber das Upgrade könnte einen Zusammenhang damit haben, dass ich am Donnerstag den neuen Tarantino-Film im Kino gesehen habe. 😉