Viertens

Ich: Nun ja. Ich gehe ja zur Physio.
Er: Jaaa…?
Ich: Also sie meinte, ähm, sie gab mir was zum BH ausstopfen. Weil, Kompression soll helfen, Flüssigkeit, naja. Und ich sah aus wie Dolly Parton und Shakira!!! Also echt, zusammen! Halb – halb! Geht gar nicht!
Er: 😷
Ich: Es gibt doch so BHs, Kompressionsdings, brauch ich da ein Rezept?
Er: Nö, das sollte die Krankenkasse… Also, Shakira hat…?
Ich: Kleine ja. Singt sie sogar im Songtext: „my breasts are small and humble…“
Er: 🤔
Ich: Ich meine, da wird so schön operiert, dann stopf ich mich nicht halbseitig…!!!
Er: Echt…? Shakira hat…?

Nicht mehr ansprechbar. 🤷‍♀️

Drittens

Ich: Also meine Zehennägel bröseln mir weg. Und soll ja Nebenwirkung sein, googelte mein Hausarzt. Wie ist das jetzt…
Er melodramatisch: Immer sind wir es! Immer die Onkologen! Nein, nicht die Gynäkologen, neineinneinein, die sind es nie…. Nicht die anderen, immer sind es wir. Immer die Onkologen sind Schuld! – Ja?
Ich: 😏

Zweitens

Ich: Dann ähm. Also. Ich glaube das ist medizinisch relevant. Öhm. Mein letzter Zyklus ging 352 Tage. Also die Mens ist zurück.
Er: Echt? Mit Chemo??
Ich: Ja erstaunlich. Bin noch nicht ganz so altes Eisen… Ist evt. wichtig wegen den Hormonblockern?
Er: Ach ja. Die kommen ja noch im Sommer. Das ist guuuut. Hält jung!
Ich: Was? Die Chemo?
Er: Hormone! Gut für ihre Knochen!
Ich:Ichwillsnichtwissenichwillsnichthörendavonwillichnochgarnivhtswissen! 🙉

Stammgast

Ich döse auf dem Chemostuhl, den ich in Liegeposition gestellt habe, vor mich hin. Nach über 1h Warten auf die Blutwerte macht sogar NaCl-Lösung IV müde. Aus dem Augenwinkel sehe ich: Onkodoc schleicht rein, sieht mich, kehrt um und klopft.

Ich: 🤨
Er setzt sich: Soooooooo.
Ich: Ja?
Er: Jetzt war ich so frech.
Ich: Hm?
Er: Blut gut, Leberwerte. Alles top! Jetzt habe ich bestellt, ohne zu fragen!
Ich: Die Chemo?
Er: Ja ich dachte, wo sie nun mal schon hier sind…. Sie kommen ja nicht einfach so….
Ich: … zum Schlafen. Nope!

Dolly und Shakira

Nach der Behandlung ist in der Behandlung, hört das mal irgendwann auf, dass der eigene Körper die reinste Baustelle ist?

Da sitze ich wieder mal barbusig im Spital, vor mir die Physiotherapeutin, die andächtig meinen Busen mustert: Sehr schön! Wirklich sehr schön gemacht!
In einem anderen Kontext könnten Busenkomplimente ja durchaus reizvoll sein, das Spital glänzt da eher durch Skurrilität.
Heute werden ja den Frauen nicht per se alle Lymphknoten entfernt. Das minimiert die Chance für ein Lymphödem am Arm, nicht aber für eins an der Brust.
Meine Linke hat also momentan ein bis zwei Körbchen Vorsprung auf die Rechte.
Meine Lymphdrainagespezialistin soll mich nun von Schmerzen und Ballast befreien und massiert und gibt Tipps.
Ich solle mir doch den linken BH austopfen, weil Kompression kann helfen. Sie gibt mir was zum Zuschneiden für zu Hause.
Ich schneide, ich stopfe.
Oh, aber hallo. Links Dolly und rechts Shakira?

Have a click:
Dolly und Shakira

Also nein! 🙈

Zyklusrekord

Manchmal ist es echt schwer.
Alles ist irgendwie weggebrochen, was in der Reha angedacht war. Alles.
Und das liegt nicht nur an Corona, eigentlich eher nicht.
Corona ist dann quasi das Topping auf dem Cupcake.
Und jetzt bin ich einfach alles leid.
Vielleicht sind es auch die Hormone, ha! Hab ich doch einen absoluten Zyklusrekord aufgestellt.
img_2971Aus einer Laune heraus habe ich meinen Zykluskalender weiterlaufen lassen und hin und wieder mit erstaunen auf die Anzahl Tage geguckt.
Nun das Jahr habe ich fast vollgekriegt, bis heute. Also Wechseljahre wären dann doch noch nicht ganz, wenn sie mir im Sommer nicht die Hormonblocker verabreichen würden…
Hatte ich auch schon vermutet, dass da noch sowas wie ein Zyklus ist. Und heute der Beweis. Schon seltsam: 352 Tage!!!
Vermiest mir voll den Durchschnitt. 😬
Aber reichen tuts auch so. Manchmal habe ich echt die Nase voll vom Warten und Kämpfen. Und immer schön positiv bleiben und alles richtig machen. Weil am Ende, who cares? Kann ich mir ja auf den Grabstein schreiben: „Sie hat alles richtig gemacht.“
Oder nein, auf die Urne, ich will ja keine Würmer.

Ich könnte alles falsch machen, wärs dann anders? Wenn ich so ein richtig egoistisches Arschloch wäre? Dann kriegte ich nicht zu hören: „Es trifft immer die Falschen.“
Wie wenn wer entscheiden könnte, wem man den Krebs und die Schicksalsschläge an den Hals wünschen sollte. Ist auch vermessen. Es trifft den, den es trifft.
Vielleicht war ich auch im letzten Leben ein Arschloch.
Karma Baby.
Jetzt bin ich halt so, naiv und nett und mache alles richtig.
Also gehe ich in diesem Leben weiter brav zur Lymphdrainage, mache Sport, Arbeitsversuch, versuche den Mut nicht zu verlieren, kümmere mich um die Gesundheit und die Förderung meiner Jungs, halte hier alles zusammen und gehe zur Vorsorge.

Und dann sitze ich zwei Scheisslektionen in einem Flur und überlege mir, weshalb ich von meinem MRI von vor 9 (!) Tagen noch nichts gehört habe.
Und ob es denn nicht einfacher wäre, sie würden wieder was finden und jemand anders könnte sich um alles,
alles kümmern, anstatt das ich mich um alles,
alles kümmern muss.
Da hilft auch meine coole Jean Seberg Frisur nichts.

 

Arbeitsversuch

In meine Klasse konnte ich nicht zurück, auch nicht in mein Schulhaus. Weil es Unruhe stiften würde. Erst zwei Wochen vor Sommerferien, weil dann spielt Unruhe keine Rolle mehr, dann gehen sie ja dann eh von der Schule ab und da ist mein Stellvertreter auch einverstanden.
Also bin ich in einem Schulhaus weit weg vom anderen Schulareal, besprochen vor zwei Wochen, heute der erste Morgen in den Lernateliers. Lernatelier ist sehr weit von meinem sonstigen Arbeitsalltag entfernt.
„Ach, ich war nicht mehr sicher, ob du schon heute kommst.“
Doch ich kam. Stand etwas rum. Zwei Lehrpersonen an zwei Tischen auf dem Flur, wegen Corona. Die Schüler arbeiten selbständig in Lernateliers. Wenn sie Fragen haben kommen sie raus. Um die Lehrertische auf dem Flur ist ein 2m-Radius abgeklebt.
Irgendwann gehe ich zum einen Tischchen, räume die Blätter und Stifte etwas weg und setz mich dorthin. Und warte.
Mache Konversation mit dem anderen Lehrer. Der nuschelt etwas stark, ist schwierig der Unterhaltung zu folgen. Ich warte. Die andere Lehrerin hilft den wenigen Schülern, die Hilfe wollen. Nach einer halben Stunde fragt sie mich, ob ich mich vielleicht vorstellen wolle, dann, nach der Pause.
In der Pause leiht sie mir ihren Schlüssel, damit ich aufs Lehrerklo kann und zeigt mir das Lehrerzimmer. Den Weg zurück lass ich mir beschreiben, kann den Lift aber ohne Schlüssel nicht nutzen, aber ich finde den Flur.
Drei Lernateliers, dreimal vorstellen. Ein Schüler fragt nach, wie ich heisse. Eine Schülerinteraktion heute. Dann sitze ich wieder draussen. Und warte. Zwei mal zwei Lektionen pro Woche. Um mich an die Arbeit zu gewöhnen.
Es läutet, die Schüler gehen nach Hause. Der Lehrer verlässt grusslos den Flur in die entgegengesetzte Richtung. Die Lehrerin ist schon vor zwanzig Minuten verschwunden. Vier Schüler verabschieden sich von mir.
Ich nehme meine Rucksack und mein Skateboard und gehe heim.

Warten  kann ich eigentlich schon echt gut.
Das habe ich bereits im letzten Jahr gelernt.