Arbeitsversuch

In meine Klasse konnte ich nicht zurück, auch nicht in mein Schulhaus. Weil es Unruhe stiften würde. Erst zwei Wochen vor Sommerferien, weil dann spielt Unruhe keine Rolle mehr, dann gehen sie ja dann eh von der Schule ab und da ist mein Stellvertreter auch einverstanden.
Also bin ich in einem Schulhaus weit weg vom anderen Schulareal, besprochen vor zwei Wochen, heute der erste Morgen in den Lernateliers. Lernatelier ist sehr weit von meinem sonstigen Arbeitsalltag entfernt.
„Ach, ich war nicht mehr sicher, ob du schon heute kommst.“
Doch ich kam. Stand etwas rum. Zwei Lehrpersonen an zwei Tischen auf dem Flur, wegen Corona. Die Schüler arbeiten selbständig in Lernateliers. Wenn sie Fragen haben kommen sie raus. Um die Lehrertische auf dem Flur ist ein 2m-Radius abgeklebt.
Irgendwann gehe ich zum einen Tischchen, räume die Blätter und Stifte etwas weg und setz mich dorthin. Und warte.
Mache Konversation mit dem anderen Lehrer. Der nuschelt etwas stark, ist schwierig der Unterhaltung zu folgen. Ich warte. Die andere Lehrerin hilft den wenigen Schülern, die Hilfe wollen. Nach einer halben Stunde fragt sie mich, ob ich mich vielleicht vorstellen wolle, dann, nach der Pause.
In der Pause leiht sie mir ihren Schlüssel, damit ich aufs Lehrerklo kann und zeigt mir das Lehrerzimmer. Den Weg zurück lass ich mir beschreiben, kann den Lift aber ohne Schlüssel nicht nutzen, aber ich finde den Flur.
Drei Lernateliers, dreimal vorstellen. Ein Schüler fragt nach, wie ich heisse. Eine Schülerinteraktion heute. Dann sitze ich wieder draussen. Und warte. Zwei mal zwei Lektionen pro Woche. Um mich an die Arbeit zu gewöhnen.
Es läutet, die Schüler gehen nach Hause. Der Lehrer verlässt grusslos den Flur in die entgegengesetzte Richtung. Die Lehrerin ist schon vor zwanzig Minuten verschwunden. Vier Schüler verabschieden sich von mir.
Ich nehme meine Rucksack und mein Skateboard und gehe heim.

Warten  kann ich eigentlich schon echt gut.
Das habe ich bereits im letzten Jahr gelernt.

Zersetzungserscheinungen

Ok. Gut.
Letzte Woche verabschiedete sich mein Zehennagel. Er revoluzzerte mitten im Lebensmittelgeschäft, stand aufrecht, stramm. Eingerissen und bröselig war er ja schon seit zwei Monaten (ungeschickte 🛹Landung auf dem Zeh) aber ich blieb wo hängen, da stand er im 90°-Winkel ab.
Ich stand vor der Veggie-Auslage, da mein Grosser beschlossen hatte, seinen CO2-Abdruck zu verkleinern und kein Fleisch mehr zu essen.
Ich klappte den Nagel zurück.
An der Kasse stellte ich fest, dass meine Sandalen voll Blut sind. Ich liess die Einkäufe stehen, humpelte zur Apo, die schickten mich zum Arzt.
Der Operierte „das kranke Gewebe“ weg.
Ich: Darf ich nicht mehr im Fluss schwimmen?
Er: Doch, doch! Im Sommer schon.
Ich: Ähm, ich meinte heute?
Zwei Wochen Badeverbot, ich hielt mich immerhin 24h dran.
Schön pflegen, einbinden.
Zack! Gestern der Nagel des kleinen Zehs längs gespalten. Ein gutes Stück steht ab.
Also wieder, rumoperieren, Antibiotikacrème.
Am andern Fuss scheint sich auch beim grossen Zeh der Nagel zu schälen. 😱😱😱
Hmmmm….
Der Hausarzt googelte meine Medis. 🙈
Podologie gebucht. ✅
Skateboarden ❌
Baden ❌
Joggen ❌

😬

Schulter gesucht

Nachdem MRI auf dem Weg zum Zugang ziehen lassen. Meine Pflegerin lotst mich in ein Zimmer. Ein anderer Pfleger hastet uns nach.

Pfleger ruft: Schulter?
Pflegerin: Was?
Pfleger: Schulter!
Pflegerin: 🤨
Pfleger zeigt auf mich: Ist das meine Schulter?
Pflegerin: Nein das ist Mamma. Deine Schulter kommt noch.
Stimme von draussen: Deine Schulter ist hier!!

Ich: 🤔 🍖?

Ziemlich verlegen und fast verstummt

Mein Onkodoc kann auch fast sprachlos:

Er: Hier noch ihre Verordnung und die nächsten Termine.
Ich: Danke. Und hier noch ein Geschenk für sie.
Er: Ach?
Ich: Nun ja, gestern vor einem Jahr hatte ich meine erste Chemo. Jubiläum, Taraaa! 🥳
Und ich habe ja das ganze Jahr in der Behandlung gezeichnet und nun ein Buch daraus gemacht. Das kriegen sie jetzt.
Er: Oh!
Ich: Diejenigen die das Werk bis jetzt gesehen haben, hatten teilweise ein schmerzverzerrtes Gesicht… 😬
Er: Muss ich erst Alkohol trinken, bevor ich es mir anschaue? 🤔
Ich: Wie sie wollen. Meine Kids findens nicht so schlimm, aber die kennen ja meine Bilder. Und sie als Arzt, sie sollten sich sowas gewöhnt sein, nicht? Sie kennen ja die Behandlung. Soooo schlimme Sachen sind und auch nicht drin…
Er: Nicht?
Ich: Vielleicht die abgehackte Hand. Die hab ich ja eh für sie gezeichnet. Nun, ja. Und viele glatzköpfige Frauen!
Er: Das ist nicht verwunderlich.
Ich: Und oben ohne sind sie auch.
Er: Da gibts Schlimmeres! 🤭 Oh. Darf ich das sagen?
Ich: Durchaus! Da bin ich ganz bei ihnen. 😁
Er verlegen hinter der Maske: Also, ähm, ah.. vielen Dank!

 

 

🦀Bilderbuch

Hab ja sonst nicht viel zu tun, ausser die Scherben wegzuräumen, von allem was zerbrochen ist und wegzubrechen scheint und warten.
Ob und wann und wie ich wieder arbeiten darf, ob und wann und wie es mit diesem Ausnahmezustand weitergeht.
Also habe ich mir ein Buch mit meinen 🦀Bildern gemacht.

So zum Jubiläum quasi. Heute ist Freitag in der zweiten Schulwoche nach den Frühlingsferien. Letztes Jahr war das der Zeitpunkt der ersten Chemo. Auch wenn es vom Datum her noch ein paar Tage geht bis zum exakten Jahrestag.
Deshalb nur ein Quasi-Jubiläum.

Vielleicht sollte ich mir heute einen Campari Soda gönnen. 🤔 (Schön in der gleichen Farbe wie die Infusion)

Rückeroberung III

Sonne!!!

Ostern und Sonne und Kirschblüten. Sonne, von der ich nach dem Jahr mit Schattenpflicht – empfindliche Haut durch die Chemo – nicht genug kriegen kann. Immer brav mit LSF 50 und die bestrahlten Hautpartien bekleidet, natürlich.

Wasser!

Ich liebe Wasser! Auch Baden konnte ich chemobedingt nur begrenzt. Nach der OP nicht. Während der Bestrahlung und zwei Monate danach auch nicht. Also eigentlich nur während 2-3 Monaten.

Und ja, normalerweise springe ich nicht an Ostern in Flüsse. Normal ist jetzt aber nichts. Für niemanden. Also Klamotten ausziehen und rein!

(Und dabei noch meinen persönlichen Kaltwasserrekord von 9° C, den ich mit 9 Jahren an Pfingsten aufgestellt habe, um ein Grad unterbieten.)

Tolle Ostern!

Rückeroberung II

So zur Auflockerung. Hat mich allerdings viel Schweiss und Nerven gekostet, meinen Angstgegner zu bezwingen: den Randstein! 😱😱

Hier die letzten Versuche, nach unzählbaren, bei denen ich nicht mal in die Richtung fahren konnte, ohne vom Brett zu springen, weil ich mich vor meinem geistigen Auge schon mit Hüftfraktur auf dem Asphalt liegen sah, schien das Hindernis doch mit jedem Dezimeter, dass es näher kam, genau soviel an Höhe zu gewinnen. 😬

Hier die Versuche Nr. 941-943. 😃💪🏻

Bild: So!

Fühlt es sich an, wenn man 9 Monate durch die Krebsmangel gedreht wird: gezerrt, geritzt, gehalten, gestützt.
Aber immer ausgeliefert.

Das Bild entstand in der Reha, in einem wunderschönen Atelier, in das man auch ausserhalb der Therapien gehen konnte. Leider war ich abends häufig zu müde dazu, ich hätte es viel mehr nutzen wollen.

Eigentlich hätte es ein letztes Krebsbild werden sollen, wurde es dann noch nicht. Aber das, was die Behandlung für mich zusammenfasst. Das Original ist so gross, wie ein Werbeplakat: A0.
Und natürlich nicht zerstückelt.

Ich bin gespannt, wann die Frauen auf meinen Bildern nicht mehr glatzköpfig und barbusig sind.
(Ich bin beides nicht mehr).

Chemo in Zeiten von Corona

Vor dem Eingang aufs Spitalgelände werde ich angehalten von einem Mann in Leuchtstreifenkleidung mit Schutzmaske. Ob ich im Spital arbeiten würde?
Danke für die Frage, liegt wohl am Skateboard. Nein, ich habe einen Termin.
Ob ich den Fieber oder Husten hätte?
Nein, sonst würde ich nicht kommen.
Er lässt mich passieren, vorbei am neu aufgestellten Zeltbüro neben der Autoschranke. Alle auf dem Gelände tragen Masken.
Vor der Frauenklinik eine Frau mit Leuchtstreifenkleidung und Maske, stellt sich mir in den Weg. Wir müssten uns draussen unterhalten. Ob ich zu Besuch käme. Nein, ich habe einen Termin.
Meinen Namen will sie wissen und blättert sich durch 5 Blätter, bis sie mich findet.
Dann winkt sie mich durch. Ich darf passieren.
In dieser apokalyptischen Netflix-Serie wollte ich eigentlich nicht landen. 🙈🙈

Die Chemo-Sitze sind nicht weiter auseinander als sonst. Alle tragen Schutzmasken, klar. Sonst ist alles wie immer, ausser das sich plötzlich nicht nur die Patienten sorgen.
Aber meine Blutwerte sind top, sagt mein Onkokomiker.
Und – das trage ich noch auf der Tippliste ein – ich trinke jetzt Schweppes gegen die Muskelkrämpfe.