Kopftuch gut – Herz schlecht

Bei der Chemo letzte Woche bekam ich ja nur Taxol (und zuerst den Magenschoner).
Es gibt zwei Räume für die Chemotherapie. Ein grösseres Zimmer mit sechs Plätzen und ein kleineres mit drei.
Das Grosse war vollbesetzt und entsprechend laut. Genau darum bin ich lieber im Kleinen.
Nur eine ältere Türkin war schon verkabelt. Sie wollte sich unterhalten und wir versuchten es mit Händen und Füssen, was nicht so einfach ist, wenn man an der Infusion hängt. Man muss immer aufpassen, beim Fuchteln die Schläuche nicht aus der Vene zu reissen.
Jedenfalls fand sie mein Totenkopftuch toll.

Sie: Du Tuch toll. Wo kaufen?
Ich: Nicht gekauft. Selbst gemacht.
Und ich nehme es vom Kopf und zeig ihr die halbprofessionellen Nähte.
Sie: Ah, gut, gut. Gut Tuch!

Wow, die ist auch noch Rock n‘ Roll drauf, dachte ich. Totenkopfkopftuch und ältere Türkin, ein Punk im Herzen.
Aber dann zeigte sie auf die unsäglichen Herzen mit den Aufmunterungsprüchen an der Zimmerwand und meinte Schön!  und wollte wissen, welches mir am besten gefällt.
Nein, wir haben nicht den gleichen Geschmack. Und eventuell waren die Totenköpfe aus der Distanz quer durchs Zimmer auch nicht erkennbar….

 

Gespräche: Zombiefamilie

Kinderübergabe. Da ich zu Hause ja „oben ohne“ rumlaufe, steh ich ohne Kopfbedeckung vor dem Haus uns spreche mit dem Papa vom Kleinen und Grossen, als ein paar Kids mit dem Fahrrad vorbei fahren.

Ich: Oh nein! Jetzt verschreck ich noch die Kinder. So nur mit Glatze.
Kleiner: Hahaha, Mami das Glatzenmonster!
Der Grosse nimmt die Arme hoch, macht den Zombie und röchelt: Chhhghhhhrrrgghh
Der Kleine nimmt die Arme hoch: Chhhgghhrrchhhhhg
Ich: Chhhrrrghhhhchhhhgg

Papa schaut irritiert vom Kleinen zum Grossen zu mir.

Chemotherapie

Heute keine Chemo. Weil die Stadt ist in Festlaune, da liegt auch das Spital lahm (oder die Belegschaft verkatert irgendwo….).

Dafür ein Bild, für das ich gerne eine Bildüber- oder Bildunterschrift von Euch anonymen Lesern hätte, die Ihr hier manchmal rumklickt.

PS: Zeichnen hilft (fast) immer, wenn Worte versagen und Sport nicht möglich.

Gespräche: So wirst du gesund!

Der Kleine steht auf der Treppe, sollte in die Schule. Steht da mit seinem Star-Wars-T-Shirt, den grünen Outdoor-Hosen und einer Wilden-Kerle-Frisur.

>Mami! Du brauchst drei Dinge.
Vertrauen,
Geduld
und den Glauben an dich selbst,
dann wirst du gesund!

Ich schaue ihn ungläubig an. Das kam so aus dem Nichts. Und frage ihn, woher er den Spruch denn habe? Er zuckt die Achseln: Aus seinem Kopf.
Recht hat er!

Gespräche: Beim Onkokomiker

Bei der Vorbesprechung zur 2. Chemo.

Ich: Erhöhen Sie die Dosis? Also, gibts jedes Mal mehr?
Er: Wir pumpen Ihnen alles rein, was wir haben.
Ich: 🤨
Er: Nein, Entschuldigung! Mir wurde heute schon gesagt, ich solle mich mit den Sprüchen etwas zurück halten. Ich bin schon im Wochenend-Modus, wies scheint.
Ich: Nur zu. Ich halt das locker aus.
Er: Da bin ich froh. Das hab ich mir gedacht. Ich passe mich ja schon etwas den Patienten an…

Ich fahre mir durchs Haar. Sieben Haare bleiben hängen.

Ich: Entschuldigen Sie, kann ich mal zum Papierkorb? Sonst gibts ne Sauerei im Sprechzimmer.
Er: Ah, die Haare kommen jetzt.
Ich: Ja so Laubbaum im Herbst. Bald haben sie mich überholt und mehr Haar als ich.
Er lacht.
(Er hat ultrakurze Haare mit verlängerter Stirn und Ratsherrenecken.)

Gespräche: Was würdest du tun, wenn du weisst, das du stirbst?

Grosser: Mami, du nimmst das alles so positiv.
Ich: Na ja. Nicht immer. Also nach der Untersuchung vor zwei Wochen, als ich wusste, es stimmt was nicht, da hab ich geheult. Da hatte ich richtig, richtig Angst, dass der Krebs schon überall ist!
Grosser: Ja ich hab sofort gemerkt, dass mit euch was nicht stimmt.
Ich: Ihr ward am Abend zum Glück bei Papi. Und ich musste bis zum nächsten Tag und dem Gespräch im Spital warten. Gar nicht positiv. Nix. Nada. Kann man ja nicht!
Grosser: Ja aber sonst. Es gibt sicher viele, die nicht so positiv sind.
Ich: Na gut, das hängt ja von vielem ab. Welche Diagnose, Umfeld. Sicher auch, ob es der erste Schicksalsschlag ist, oder man schon ein wenig Übung hat… Und ich glaube schon, ich habe etwas Übung und bin aber prinzipiell positiv eingestellt. Aber eben, jetzt. Ich hoffe das bleibt so.
Grosser: Das hilft sicher!
Ich: Stell dir mal vor, der Arzt sagt dir, du hast noch eine Woche zu leben. Klar, dann heulst du. Und dann?
Grosser: Uiiii….
Ich: Also, das hat er mir NICHT gesagt. Aber wenn, dann würde ich sicher den ersten Tag heulen, wütend sein, mich bedauern, alles zusammen. Und dann, was würdest du die anderen Tage machen?
Grosser: Das ist schwierig. Ich bin ja noch ein Kind.
Ich: Ich würde Sachen machen, die mich glücklich machen.
Kleiner: Reisen!
Ich: Und deine Freunde?
Kleiner: 3 Tage reisen und 3 Tage Partyyyyy!
Ich: Ja, eine grosse Party! Toll!
Grosser: Ja ich würde erst mein Geld verschenken oder spenden.
Kleiner: Ja an alle Freunde!
Ich: Wahrscheinlich ja, alles regeln. Und dann Party?
Kleiner: Oder TV gucken mit L. und M. und Z. DREI TAGE LANG.
Grosser: Ahhh, Kleiner!

Das Gespräch hatten wir vor etwa zwei Wochen. Und heute beim Mittagessen hat der Kleine den Faden wieder aufgenommen. Offenbar hatte er beim Papawochenende mit dem Sohn von Papas Freundin Kappla gespielt.
Das war dem Sohn peinlich. Da habe eine Frau gesagt, man müsse so leben, dass man glücklich sei und nicht auf andere hören.

> Also Mami, wenn ich nur noch eine Woche zu leben hätte, dann…
Und er erzählte mir, was er alles machen würde. Sogar noch einmal Kanu fahren, obwohl er mit Papa mal gekentert ist. Weil, das sei ja dann die letzte Gelegenheit.

Solche Gespräche sind sehr seltsam. Aber darüber zu sprechen, was einem wichtig ist im Leben, wäre eigentlich fundamental wichtig. Nicht?

Gespräche: Bogenschiessen ist noch nicht geplant

Ich erkläre dem Grossen, warum man heute meist zuerst Chemotherapie macht und dann erst OP. Das waren jedenfalls die Gründe, die mir der Herr Onkologe genannt hatte.
-Psychologie: Frau weiss, warum sie diese Nebenwirkungen ertragen muss und kann das Tumorschrumpfen ertasten.
-Onkologie: Sieht, ob Chemo wirklich wirkt.
-Chirurgie: Und die Chance ist erhöht, dass brusterhaltend operiert werden kann, wenn der Tumor erst schrumpft. Sie also die Brust nicht wegnehmen müssen.

Kleiner: Müssen sie dir die Brust wegnehmen??!
Ich: Nein! Keine Angst. Also hoffentlich nicht. Aber im Moment ist das kein Thema. Sonst muss ich Bogenschiessen.
Grosser: Bogenschiessen?
Ich: Ja. Waren das nicht die Amazonen in der griechischen Mythologie, die sich die Brust abnahmen um besser Bogenschiessen zu können? Und ich bin ja Linkshänder und Links. Passt ja.
Grosser: Maaaamiiii!
Ich: Ja, entschuldige bitte. Aber ohne Galgenhumor und blöde Sprüche kann man so eine scheissschwierige Situation ja nicht ertragen.
Grosser: Stimmt!
Kleiner: Dein Kopftuch ist cool! Wie ein Pirat!

Gespräche: Mit und ohne Haar

Ich persönlich fand das Perücken Outing viel schwieriger. Die fühlt sich gar nicht nach mir an. Sieht gut aus, natürlich. Aber ich fühle mich verkleidet.
Und als ich sie am Dienstagmorgen anzog, um mich für die definitive Anpassung bereit zu machen, strahlte mich mein Kleiner an: Jetzt siehst du wieder wie Mami aus!

Ihm zuliebe bin ich an diesem Morgen zur Anpassung. Damit ich Abends beim Schulanlass mit Haaren gehen kann und es ihm nicht peinlich sein muss.
Das war sicher gut so, denn so eine Aula voll Mütter und Väter ist ja auch ohne Chemotherapie schon anstrengend genug. Da muss man ja nicht gleich oben ohne erscheinen..

Abends war ich erschöpft. Sehr.

Kleiner: Bist du traurig, dass du jetzt eine richtige Glatze kriegst?
Ich: Ja, das auch. Bisschen Haare waren noch cool. Aber ich bin jetzt auch einfach sehr, sehr müde.
Kleiner: Mami, nicht traurig sein. Du bist und bleibst meine Mami. Mit oder ohne Haare!