Heute ist Frauenstreik-Tag und ich bekam eine Whatsapp mit der Frage, was Emanzipation für mich als Alleinerziehende mit Krebs bedeute.
Zuerst dachte ich, was für eine bescheuerte Frage. Emanzipation und Krebs?
Alleinerziehend heisst, aus dem Status des Hausmütterchens und perfekten Hausfrau entlassen zu werden. Als Alleinerziehende musste ich mich plötzlich nicht mehr dafür rechtfertigen, zu Arbeiten, meine Kinder in den Hort zu schicken. Ich musste mir keine Ausreden ausdenken, warum ich keinen Kuchen zur Schulveranstaltung bringe, Müdigkeit war plötzlich erlaubt. Ich musste mir vom Hausarzt nicht mehr anhören, ob ich denn soviel arbeiten müsse. Vom Motorradfahrlehrer, ob es als junge Mutter nicht unverantwortlich sei, Motorrad zu fahren. Auf meine Frage, ob Väter unwichtig seien und demnach sterben dürfen, antwortete er nicht.
Als Alleinerziehende wurde ich als Frau ernster genommen, auch bedauert (fälschlicherweise). Vielleicht hatte ich einfach nur die Rolle gewechselt. Von der glorifizierten Mutter und Ehefraurolle, in die Alleinerziehendenkategorie.
Auch wenn ich mich heute nicht mehr 100% alleinerziehend fühle, weil mein Partner hilft, weil seit der Scheidung auch der Vater zuverlässiger ist und seit der Erkrankung noch mehr unterstützt, bin ich es natürlich doch. War es aber eigentlich immer.
Die Verantwortung lag bei mir, die Entscheidungen, alle Arztbesuche, Spitalaufenthalte, Besorgungen, Haus, Garten, Arbeit. Nur ist jetzt noch die Freiheit dazu gekommen, es auch offiziell alleine zu machen.
Krebs und Emanzipation? Das geht nicht zusammen. Krebs ist der Superpatriarch, der Macho. Er sagt dir, dein Leben ist jetzt für ein halbes Jahr mir, vielleicht länger. Ich nehm dir die Haare, den Spass, die Freiheit. Ich bestimme, was du machst, wann du isst, ob du überhaupt essen kannst. Ich bin wichtiger als du.
Eine andere Freundin, die das ganze schon hinter sich hat, meinte, Brustkrebs sei ein Angriff auf die Weiblichkeit. Ich verstehe den Gedanken, aber ich bin nicht ganz einverstanden. Aber dazu in einem anderen Post.
Was Emanzipation für mich heisst? In meiner Situation? Mir möglichst viele Freiheiten zu erhalten. Was nach der letzten Chemo nicht klappte, erst heute – nach einer Woche – bin ich aus dem Chemoloch gekrochen.
Emanzipation mit Krebs heisst, nicht nur Opfer zu sein:
–> Ich entscheide, wie sichtbar/unsichtbar ich mit meiner Krankheit umgehe
–> Ich ziehe nicht für andere eine Perücke an
–> Ich muss nicht beweisen, immer positiv zu sein
–> Ich muss nicht beweisen, zu leiden
–> Ich muss mir nicht alle Ratschläge und jede Geschichten anhören
–> Ich lass es mir gutgehen, ich lache
–> Ich bedauere mich und bleib im Bett liegen, verhungert wird nicht so schnell
–> Ich reisse derbe Sprüche
–> Ich lebe
Und ich streike heute nicht. Ich habe gerade die Wäsche draussen aufgehängt. Weil ich es wollte. Weil die Sonne scheint und weil ich Freude daran habe, mich genug gut zu fühlen, es zu tun.