Liste der Topreaktionen

Hallo 🙋‍♀️ mich gibts noch.

Tatsächlich durfte ich nach einem Tag nach Hause. Das Fieber war weg, Infekt unauffindbar, Blutwerte stabil.

Eigentlich wollte ich eine Liste mit den schlimmsten Reaktionen darauf schreiben, dass ich Krebs habe.

Während des Schreibens erschien mir das plötzlich etwas unfair. Denn je nach Gegenüber macht mir sogar die Aufzählung der Krebstoten in der Familie nichts aus.

Ausserdem wurde ich gefragt, was denn die Wunschreaktion wäre. Und auch hier: Der Ton macht die Musik.

Die skurrilste Begegnung war heute eine Kollegin, die nach der Begrüssung und einem Blick auf meine Kopfbedeckung, hastig einen Smalltalksatz stammelnd, sich rückwärts von mir weg bewegte und fluchtartig davon radelte.

Ungebetene Tipps sind immer übel (siehe Tipps ungebeten: gratis und franko).

Und vor ein paar Tagen bekam ich als Reaktion zu hören: Und du machst jetzt brav alles was die Ärzte sagen?

Da wär ich auch gern einfach davon geradelt.

Kopftuchblicke: Eine Typologie

Eigentlich dachte ich, wenn ich nur noch mit Kopftuch herumlaufe, dann sei das quasi ein automatisches Outing. Aber dem scheint nicht so zu sein. Eine Reaktion war: Nein, das ist nicht so klar. Du läufst ja auch sonst immer mal wieder crazy rum. Ah, ok. Danke. 🙂

Trotzdem gibt es vier verschiedene Möglichkeiten, wie das Umfeld auf mich als Kopftuchträger reagiert, also vier Reaktionstypen. Da diese Typologie beim Lebensmitteleinkauf am Vormittag entstanden ist, handelt es sich klischeegetreu um rein weibliches Publikum.

Die Zweifelstalkerin: Sie guckt in der Gemüseabteilung und guckt beim Brot und dann guckt sie noch einmal verstohlen um das Regal bei den Keksen und fragt sich dabei: Ist das nun Style oder ist die Frau krank? Fragen würde sie nie, selbst wenn sie mich kennt. Das muss sich doch rausfinden lassen!

Die Betroffene: Ein Expertenblick genügt und ihr sackt das Gesicht eine Etage runter. Dann wendet sie sich ab. Offenbar war sie selbst einmal vom Krebs betroffen, direkt oder in der Familie.

Die Unbedarfte: Sie lacht mich an. Mustert mich von Kopf bis Fuss. Einmal kompletter Bodyscan. Ah, cooler style. Muss ich auch mal tragen, so ein Tuch passend zur Hose.

Die Filterblinde: Sie sieht mich nicht. Kopftuch wird ausgeblendet. Es gibt ja einen Unterschied, zwischen nicht anschauen und nicht sehen.
Gewisse schwule Männer haben  das bei Frauen oder es gibt auch Männer, deren Zensurfilter bei Frauen mit Kinderwagen anspringt. Man hinterlässt plötzlich nichts mehr auf der Netzhaut des Betrachters, man wird unsichtbar.
So auch die Filterblinde. Sie hat einen Kopftuchfilter eingebaut und manchmal frage ich mich, ob das wohl ein unbewusstes politisches Statement ist. 🤔
Besonders wenn die Filterblinde mich eigentlich kennen müsste.

 

Frauenstreik: Emanzipation und Krebs

Heute ist Frauenstreik-Tag und ich bekam eine Whatsapp mit der Frage, was Emanzipation für mich als Alleinerziehende mit Krebs bedeute.
Zuerst dachte ich, was für eine bescheuerte Frage. Emanzipation und Krebs?

Alleinerziehend heisst, aus dem Status des Hausmütterchens und perfekten Hausfrau entlassen zu werden. Als Alleinerziehende musste ich mich plötzlich nicht mehr dafür rechtfertigen, zu Arbeiten, meine Kinder in den Hort zu schicken. Ich musste mir keine Ausreden ausdenken, warum ich keinen Kuchen zur Schulveranstaltung bringe, Müdigkeit war plötzlich erlaubt. Ich musste mir vom Hausarzt nicht mehr anhören, ob ich denn soviel arbeiten müsse. Vom Motorradfahrlehrer, ob es als junge Mutter nicht unverantwortlich sei, Motorrad zu fahren. Auf meine Frage, ob Väter unwichtig seien und demnach sterben dürfen, antwortete er nicht.
Als Alleinerziehende wurde ich als Frau ernster genommen, auch bedauert (fälschlicherweise). Vielleicht hatte ich einfach nur die Rolle gewechselt. Von der glorifizierten Mutter und Ehefraurolle, in die Alleinerziehendenkategorie.
Auch wenn ich mich heute nicht mehr 100% alleinerziehend fühle, weil mein Partner hilft, weil seit der Scheidung auch der Vater zuverlässiger ist und seit der Erkrankung noch mehr unterstützt, bin ich es natürlich doch. War es aber eigentlich immer.
Die Verantwortung lag bei mir, die Entscheidungen, alle Arztbesuche, Spitalaufenthalte, Besorgungen, Haus, Garten, Arbeit. Nur ist jetzt noch die Freiheit dazu gekommen, es auch offiziell alleine zu machen.

Krebs und Emanzipation? Das geht nicht zusammen. Krebs ist der Superpatriarch, der Macho. Er sagt dir, dein Leben ist jetzt für ein halbes Jahr mir, vielleicht länger. Ich nehm dir die Haare, den Spass, die Freiheit. Ich bestimme, was du machst, wann du isst, ob du überhaupt essen kannst. Ich bin wichtiger als du.
Eine andere Freundin, die das ganze schon hinter sich hat, meinte, Brustkrebs sei ein Angriff auf die Weiblichkeit. Ich verstehe den Gedanken, aber ich bin nicht ganz einverstanden. Aber dazu in einem anderen Post.

Was Emanzipation für mich heisst? In meiner Situation? Mir möglichst viele Freiheiten zu erhalten. Was nach der letzten Chemo nicht klappte, erst heute – nach einer Woche – bin ich aus dem Chemoloch gekrochen.
Emanzipation mit Krebs heisst, nicht nur Opfer zu sein:
–> Ich entscheide, wie sichtbar/unsichtbar ich mit meiner Krankheit umgehe
–> Ich ziehe nicht für andere eine Perücke an
–> Ich muss nicht beweisen, immer positiv zu sein
–> Ich muss nicht beweisen, zu leiden
–> Ich muss mir nicht alle Ratschläge und jede Geschichten anhören
–> Ich lass es mir gutgehen, ich lache
–> Ich bedauere mich und bleib im Bett liegen, verhungert wird nicht so schnell
–> Ich reisse derbe Sprüche
–> Ich lebe

Und ich streike heute nicht. Ich habe gerade die Wäsche draussen aufgehängt. Weil ich es wollte. Weil die Sonne scheint und weil ich Freude daran habe, mich genug gut zu fühlen, es zu tun.

 

Krebstote im TV

Schon mal verliebt gewesen? Zum Beispiel in einen Mann, der einen weissen Kombi fährt.  Und dann seltsamerweise fahren plötzlich nur noch weisse Kombis rum. Eine wahre Invasion rollt durch die Strassen.
Oder bei meiner ersten Schwangerschaft. Wo kamen all die Frauen her, die ihre Babybäuche spazieren führten? Krochen alle aus ihren Löchern und es wimmelte plötzlich von zukünftigen und frisch gebackenen Müttern.
Vielleicht handelt es sich um eine ähnliches Phänomen, wenn am TV plötzlich alle an Krebs sterben. Gleich zwei Schauspieler haben am Freitag das zeitliche gesegnet.
Wobei Heiner Lauterbach wesentlich cooler unterwegs war. Klaute einen Leichenwagen, um quer durchs Sauerland zu kurven, stand mit seiner eigenen Urne unterm arm im Bordell und trank mit seinem Freund in der Kirche Bier und philosophierte über den Tod.
Sowas geht bei Christiane Hörbiger natürlich nicht. Dort wird eher nach Rosamunde Pilcher Manier noch kurz die Onkologin mit dem Sohn verkuppelt. Aber eigentlich habe ich den Film auch wegen der Onkologin – Caroline Peters – geguckt. Die viel zu cool für Hörbigers Sohn war. Und sich sehr souverän durch diesen Kitsch gespielt hatte.
Aber zugeben muss ich doch. So eine Sterbeszene inmitten der Familie mit Windhauch und Rosenblätter die durch die Luft gleiten.
Etwas nah am Wasser schein ich momentan doch gebaut zu sein.

Heiteres Rätselraten für Nicht-Betroffene

Was ist das? Wofür braucht man diesen Gegenstand?img_3186

a) Messlöffel?

b) Spielzeug FSK 18?

c) Haarstoppel-vom-Kopf-Kratzer?

d) …. ?

 

Ich müsste jetzt natürlich noch ein paar Zeichen hintippen, damit man nicht sofort die Lösung sieht. Aber ich habs ja nicht so mit sinnlosem Wortverbrauch, dazu bin ich viel zu ungeduldig mir selbst und dem Leben gegenüber, darum werde ich diesen Füllwörtertext relativ knapp halten und mich der Lösung der Rätsels in einem weiteren Dialog annähern.

Ich: Sehe ich meinen Haaransatz mit Vollglatze noch? Ich meine, wie weiss ich, wo ich die Perücke genau platzieren muss?
Sie: Ich mache eine Markierung.
Ich: Mit Permanent Marker?
Sie: Also ich tätowier sie gleich auf den Schädel!
Ich: Hoffentlich Bio-Farben.

Das mit dem Tattoo haben wir dann doch sein lassen.
Der komische Plastiklöffel oben ist mein Haaransatz-Marker:
1. Legen Sie das gerundete Ende beim Ansatz des Nasenrückens, an.
2. Das andere Ende markiert die Stelle, an der die Haarprothese anzulegen ist.

Und das Beste, da der Marker tastbar ist, funktioniert das auch für unbebrillte Halbblinde. Nicht dass ich mich mit falsch geklebter Perücke in Cousin Itt aus der Addams Family verwandle.

 

Chemotrain 2 von 4

So da ist er wieder vorbei gerauscht und ich versuche jetzt meine von der Neulasta-Injektion schmerzenden Knochen zusammen zu sammeln und von der Strasse zu kriechen.

Der Ablauf scheint sich – wie der Herr Onkologe schon voraussah – zu wiederholen. Einziger Unterschied, die Nebenwirkungen habe ich dank frühzeitiger Medi-Einnahme besser im Griff.

Freitag: So fit wie nie, auf in die Klinik. Rauf auf die Anhöhe. Ich werde an die Leine gelegt. Einmal Injektion bitte.
Es brennt etwas in den Venen. Die Nase kitzelt und der metallene Geschmack im Mund.
Den Rest des Tages inklusive Samstag fühle ich mich wie ein Araber-Hengst im Körper eines Shire-Kaltblüters. An einer leicht abschüssigen Stelle stehe ich als einziges Zugpferd vor einem Brauereigespann. Und was die Spitalapotheke da so zusammengebraut hat, weiss ich nicht, aber sie nennen es AC.
Will heissen, ich tänzle innerlich hyperaktiv und hochenergetisch während sich äusserlich beim Zugpferd und dem Brauereigespann wenig bis nichts tut.
Also ziemlich anstrengend. Das dürfte wohl das zusätzliche Cortison sein.

Sonntag gleicht sich das ein wenig aus: der Araber beruhigt sich und der Shire Kaltblüter schrumpft. Das Gespann kommt ins Rollen.

Am Montag gewinnt das Gespann plötzlich an Fahrt und der ganze Chemotrain rollt über mich weg.
Da lieg ich flach, aber immer noch mit klopfendem Herzen. Bin froh was zu Essen und das Essen auch drin zu behalten. Schleppe mich von Bett zu Sofa und bedauere mich, unfähig zu entspannen.
Der Wagen schleift mich eine kurze Strecke mit und schrappelt mich etwas über den Asphalt.

Dienstag übergebe ich mich kurz vor dem Frühstück, um dann bei den Programmpunkten von Montag weiter zu fahren.
Noch übler, wenn irgendwelche Termine sind, wie zu Beispiel eine Veranstaltung in der Schule, die mir dann so richtig vor Augen führt, dass alle ihr Leben leben, während jemand bei mir den Pausenknopf gedrückt hat. Auf stand-by bis auf weiteres. Ich häng dann mal hier unten an meinem Chemotrain. So long.

Am Mittwoch ist die Übelkeit quasi weg. Das Herzklopfen auch. Kein Cortison kommt mehr dazu. Müdigkeit herrscht vor.
Der Zug ist über mich weg gerollt und ich robbe von der Strasse. Ich versuche den Rest Galgenhumor vom Asphalt zu kratzen, der mir kurzfristig abhanden gekommen war. Und ich freue mich über jeden Meter, den ich fort komme. Über jedes Essen, das wieder schmeckt. Und darüber, dass ich nicht jeden Morgen die komplette Bettwäsche neu waschen muss.

Bis zum nächsten Chemotrain in knapp 10 Tagen.