Rampensau im Tumorkostüm

Ich glaube, ich darf nicht spoilern, sonst würde ich ja mein tolles Tumor-Kostüm hier zeigen… inkl. Tumor-Handtasche.
Dazu meine Docs. Hach! 🥰
Die Theater sind hier noch offen. Aber da unklar ist, wie die Corona-Situation Anfang Dezember ist, musste ich heute mit einer Mitspielerin das ganze Theaterstück in einer Filmversion spielen.
Das hiess: Kreuzchen am Boden, wenig Bewegung, grosse Gesten und die Texte der anderen Mitspieler wurden vorgelesen… 🤯🤯
Ich hatte den ganzen Tag Stresskopfschmerzen. Meine Texte sitzen, auch der Onko-Monolog.
Aber die Anschlüsse, die Lieder…
Aber es ging gut. Und mit Clown-Nase seh ich sogar richtig süss aus.
Voll das Clown-Gesicht, fand auch der Kameramann… 😂😂😂

Ich bin schon eine kleine Rampensau und stehe gerne auf der Bühne. Ich hoffe, wir können vor Publikum (dann leider mit Maske) spielen. Naja. Hauptsache das Stück kommt raus. Die Premiere wäre ja im Mai geplant gewesen – dann kam der Lockdown.

Das Theater ist wichtig!
Weil das Stück alles enthält, was das Leben ausmacht: Hoffen, zweifeln, lachen, freuen, planen, verzweifeln, fluchen, lieben, sterben.

Aber jetzt erst mal schlafen.
Gute Nacht! ✨

Zuviel Tod

War das heute. Die steigenden Corona-Zahlen. Immer mehr Erkrankte im Umfeld.
Mein Termin, um die Patientenverfügung auszuarbeiten.
Und dann noch die Sirenen, die wir heute morgen gehört haben.
Ein Vater und seine drei Kinder tot aufgefunden.
Ich kannte sie nicht, aber mein Grosser und mein Kleiner kannten eines der Kinder.
Nun steht eine Kerze für ihn auf dem Fensterbrett: „Das sieht er bestimmt!“
Zuviel Tod heute.

Alle 3 Monate

Mache ich mir vor, dass mir die Kontrollen nichts ausmachen.
Jeder der meint, nach der Akutbehandlung sei alles vorbei – dream on!
Ich mache mir keine Sorgen, bin nicht nervös.
Einzig nachher.
Auch wenn – wie diese Woche – alles gut ist, wäre es schön, wenn die Erleichterung über mich herein bricht, wenn mich jemand in den Arm nehmen würde, der mitgefiebert hat.
🌻

Virusumzingelt

Es kommt näher, das Virus.
Nun kenne ich schon vier, die wegen Kontakt in Quarantäne sind und zwei, die positiv getestet sind. Bei uns im Dorf ist eine Hortgruppe zu und eine Kindergartengruppe.
Am Samstag in der Stadt erinnerte mich der Abend stark an Moskau anno 1997. Damals war Moskau noch nicht so bunt. Es gab ein Ruskkij Bistro und kein Mc Donalds. Und der einzige neue, coole, westliche Club, denn ich kennenlernte war, das Hungry Duck. Also packte man sich warm ein und sass mit was zu trinken in den Innenhöfen, in den Parks.
Auch Samstagnacht sah ich viele Jugendliche, die sich draussen versammelt hatten, in Grüppchen zusammen stehen. Noch sind die Bars offen. Aber wahrscheinlich beschliesst der Bundesrat morgen, dass alles zu geht.
Alles was Spass macht. Was ablenkt.
Die Schule bleibt höchstwahrscheinlich offen. Vielleicht neu auch mit Masken für die Schüler, die ich schon ohne kaum verstehe.

Gestern wettete ich mit meinem Kleinen, welche Schulklasse wohl zuerst zu geht. Seine, die des Grossen oder meine.
Well….

tinkakartinka 2.0

Die Ferien im Legoland waren Klasse!
Nun, ich bin noch nie in Deutschland auf der Autobahn gefahren und noch nie dreieinhalb Stunden am Stück. Und da ich von wegen Fatigue und so nicht wusste, ob ich das schaffe, hatten wir ganz viele Hörbücher und Snacks dabei, falls ich auf einem Parkplatz etwas Schlummern möchte.
Deshalb waren wir auch 3 Nächste in der Legoburg. Damit ich nicht in den Park und fahren muss am gleichen Tag. 
Es war toll!
Toll!
Toll!
Grossartig!!
Eigentlich feierte ich 5 Tage Geburtstag. 

Es geht mir generell grossartig. Wenn nicht grad ein Jahrestag dazwischenfunkt oder ich aus Nostalgie eine falsche Entscheidung treffe, die mich für zwei Tage aus der Bahn wirft. Und ich mir dann den Kopf an der Wand einschlage, weil ich mich so doof finde. Dann blase ich Trübsal und heule. Bis Beule und Geheule vorbei.

Unterrichten habe ich auch wieder begonnen- also alleine, wenig, aber immerhin. So ein Lebensbereich nach dem anderen erschliesse ich mir wieder.
Vielleicht kriegte ich nach der Akutbehandlung ein Upgrade:
Ich kann jetzt schliesslich wieder Achterbahn fahren. Deutsche Autobahnen machen mir keine Angst mehr und ich schmeisse mich gern in Beschäftigungen und an Orte, an denen ich noch nie war. Dafür brauchte ich früher einen Stups.
Und heute stellte ich noch was Neues fest.
Früher hab ich ja nie bemerkt, wenn mich wer angeschaut hat. Ich war sowas von blind. Hielt es auch nicht wirklich für wahrscheinlich, so unscheinbar und unsicher, wie ich mich fühlte. Sogar wenn ich einen Verehrer hatte – massiv verliebt – also wenn der sich nicht vor mir in den Schlamm geworfen und mit Rosenblättern bestreut hat – nada.
Ich merkte nichts.
Irgendwann stellte ich fest, dass sich manchmal wer umdreht, wenn ich den Raum betrete, aber da ich nicht wirklich schön bin- so klassisch – warens wohl meine roten Haare bis zum Po. Dachte ich. Ich war wie Arielle, einfach ohne Fischschwanz.
Dieses Wochenende habe ich zum ersten Mal wahrgenommen, wie die Leute gucken – Männer wie Frauen. Und es kann definitiv nicht an meiner Mähne – aka meinen kurzen Strubbelhaaren liegen. Auch nicht am kleinen Schwarzen und den High-Heels – die ich nicht trug.
Es hat mich irritiert. Ich meine, ok, wenn einer guckt oder zwei. Mal kurz. Ich bin auf die Toilette, um nachzuschauen, ob mir die Wimperntusche so waschbärmässig unter den Augen hängt. Oder die Haare alle zu Berge stehen?
Aber nein.

Wahrscheinlich sieht man mir das Glück an. Und die Freude, die ich habe, zu Leben. 
Am Leben zu sein.
Und ich sehe es plötzlich. 
Aus Neugier, das Neue zu entdecken, dass da draussen noch auf mich wartet. 
Mein Update 2.0

Der heutige Fluss war ganze 2° Grad wärmer, als mein Heim-Fluss, der am Samstag 12,6° war.

Stück für Stück…

…erobere ich mir mein Leben zurück.
Das ist toll!!!

Etwas melancholisch bin ich und hoffe, es ist der Oktober, der Herbst, mein baldiger Geburtstag. Und nicht der Grauschleier des Tamoxifens, dass ich nun ganz sachte versuche aufzudosieren.

tempImage9TN8YKAber dafür habe ich mein Trackingformular. Damit ich rausfinden kann, was ist Fatigue, was Nebenwirkung und wo schlagen gewisse Ereignisse aufs Gemüt.
Aber solange die blauen Zuversichts-Punkte da sind, dürfen auch ein paar grüne Melancholie-Ecken dazwischen sein.

Und so sieht das Blanko-Formular aus. Bin ich ziemlich stolz drauf, weil es für alles Mögliche anpassbar ist. Die Kreise stehen für die Stimmungen oder die Müdigkeit, Energie. img_7959
In die Balken kommen die Ereignisse: schraffiert für Arbeit, Wellen für Schwimmen. Dazu noch einzelne Symbole (Kreis, Kreuz, T) für andere Nebenwirkungen, die sich nicht im Tagesverlauf ändern, wie z.B. wenn mich mein Lymphödem besonders schmerzt.
Und unten notiere ich die Medikamente.
Alles mit dem Ziel, ein Muster zu erkennen. Zu merken, wenn ich wieder in die Depression rutsche. Rauszufinden, wie ich meine Energie nutzen und ausbauen kann, ohne dass die Krebsfatigue zuschlägt.
Und auch, was mir gut tut.
Und was nicht.

 

Vollmond

Gestern spazierte ich durch den Spitalpark nach Hause.

Vorbei am Notfall, wo ich mit Fieber lag.

Ich dachte daran, wie ich genau vor einem Jahr hier im ersten Stock schlief und auf meine Operation wartete.

Ich liess ein Zeichen dort. Von mir.
Nur für mich.

Und ich schaute zum Mond.

Und war froh, weiter zu gehen.
Vorbei an all den Gebäuden mit den Spritzen, Strahlen und Kanülen.
Einfach langsam Schritt für Schritt.
Heim.

Immer wieder

Gibts so emotionale Momente.
Heute war ich im Zirkus. Letztes Jahr mit Glatze, halb traumatisiert von der Trennung und den Lügen mitten in der Chemo.
Und doch war es einer dieser Glücksmomente. Weil ich im Zirkus sass und dachte, so schön, dass ich noch am Leben bin. Alles ist Scheisse, das Heute, das Morgen. Aber gerade jetzt bin ich froh, am Leben zu sein.
Es war ein sehr heisser Tag und ich zog irgendwann mein Kopftuch aus.
Der Kleinwüchsige in Uniform am Eingang schaute mich erschrocken an und fragte: Gehts dir gut???!!
Ich lachte ihn an und bejahte.
Weil es für diesen einen Moment stimmte.
Weil ich einfach mal alles vergessen wollte: Krankheit, Nebenwirkungen und vor allem das Gefühl, von der Person, die mehrere Jahre mein Vertrauter war, in dieser Situation angelogen und im Stich gelassen worden zu sein.
Der Verrat und das Gefühl der Wertlosigkeit erdrückten mich fast.

Und heute nun wieder im Zirkus.
Mit meinen Jungs. Mit Haar und Maske sitze ich in der fünften Reihe, so nah an der Manege, wie noch nie.
Und ich sehe mich gegenüber, ganz weit oben sitzen. Mit Glatze und weit aufgerissenen Augen. Wie ich versuche, möglichst alles in mich aufzusaugen, zu verschlingen. All die Farben, die Musik, die Kraft und das Leben. Wie ich versuche damit meinen Tank aufzufüllen, damit ich mich wo festhalten kann im grauen Wirbelsturm.
Und ich sehe die Tränen, die mir plötzlich die Wangen runter kullern bei der Vertikaltuchakrobatik. Und die ich verstohlen wegzublinzeln versuche.
Zu Tränen rührte mich nicht, dass das Paar eine hocherotisch-artistische Nummer zeigte. Sondern der simple Fakt, dass der Artist seine Partnerin hält, damit sie nicht auf dem Boden aufschlägt.

Ich sehe mich dort drüben sitzen. Und denke, halte durch. Guck doch mal her zu mir!
Und dieses letzte Jahr fühlt sich wie ein ganzes Jahrzehnt an.