Wie geht man als Krebspatient mit den Angehörigen um?
Eine meiner ersten Fragen im Spital war, direkt nach der Mammographie beim Röntgen, als eigentlich die Diagnose schon stand. Wie ist es, kann ich mich um meine Kinder kümmern dann, wenn alles losgeht?
Und ihre Antwort war: Sie müssen sich zuerst um sich selber kümmern und gesund werden.
Theoretisch natürlich klar. Aber praktisch?
So eine Krebstherapie geht ja nicht nur zwei Wochen. Geplant ist im Moment ein Freiheitsstop von einem halben Jahr. Nur um sich selbst kümmern geht da schwer für eine so lange Zeit. Deshalb gab es am Tag nach der ersten Chemo halt einen Kindergeburtstag. Der war schon seit zwei Monaten geplant. Deswegen gehen Mütter nach der ersten Chemo noch in die Wanderferien mit der Familie.
Und vielleicht ist das auch so ein Mutter-Ding und hat mit den Hormonen zu tun, aber ich kann mir nur schwer einen an Prostatakrebs erkrankten Vater vorstellen, der nach der ersten Chemo einen Kindergeburtstag schmeisst. Liegt vielleicht daran, dass ich in meinem Umfeld keine Väter kenne, die alleine sowas machen. Meist wird dann geholfen. Oder Backoffice gemacht.
Also natürlich versuche ich, meine Kinder möglichst nicht zu belasten. Ich möchte, dass Dinge, die ihnen wichtig sind, möglichst nicht wegfallen durch meine Krankheit. So gehe ich ins Freibad und stelle mich in den Schatten, da ich die Sonne nicht vertrage und auch kein Chlorwasser. Oder ich schlafe vor, damit ich dann an die Schulveranstaltung kann und schlafe dann nachher halt nochmals. Es sind ja meine Kinder.
Und ich ihre einzige Mutter.
Und wie ist es mit den Erwachsenen Angehörigen?
Wen kann man wie belasten durch das Leiden, das nicht ausbleibt. Die Sorgen und der Frust. Natürlich sagen alle, ruf mich an, wenn was ist.
Und jeder macht das wohl anders.
Ich leide lieber still, verkrieche mich und komm dann wieder raus, wenn es nicht nur grau am Himmel ist. Dann antworte ich auf die aufmunternden Nachrichten, Kärtchen, Anfragen und rufe zurück.
Meine Schwester und meine Mutter fragen so alle zwei Wochen nach, wie es mir geht oder ich informiere sie, nach einer Chemo oder wenn es Neuigkeiten gibt. Mein Bruder beschäftigt meine Krankheit entweder zuviel oder überhaupt nicht. Mein Vater ist letztes Jahr gestorben.
Und ich nehme die Dienste der Psycho-Onkologie in Anspruch. Weil dort kann ich allen Ballast abladen, ohne zu belasten. Dort wissen sie viel mehr über die Krankheit und was die mit einem nicht nur körperlich macht, als ich. Und dort haben Leiden und Trauer einfach Platz.
Ich verstehe schon, dass die Situation schwer zu ertragen ist, für Angehörige. Aber Bagatellisierung oder Schönfärberei möchte ich als Antwort auf meine Verzweiflung nicht hören. Ach was, deine Haare fallen ja gar noch nicht so stark aus. oder Geniess doch jetzt die Zeit, die du hast.
Nur zuhören und je nach dem in den Arm nehmen reicht vollkommen als Antwort.
Wie weit sollte ein Krebskranker seine Angehörigen schonen?
Ich versuche, dass alle möglichst ihr Leben weiterleben können, auch mein Partner. Er soll seinen Sport machen, seine Kollegen treffen. Aber das geht natürlich nicht in jedem Fall, manchmal brauche ich Hilfe.
Das Leben ist nicht mehr wie vorher. Ich kann nur in die kleine Stadt um die Ecke. Grössere Bahn- oder Autofahrten sind mir zu anstrengend, das schaffe ich nicht. Mit mir kann man nicht in den Urlaub fahren, keine weiter entfernten Freunde besuchen. Und ich fühle mich eingesperrt, wie eine Krebsgefangene mit Hofgang.
Natürlich könnte ich mich mit Freunden verabreden, Zeit habe ich viel. Aber das dann einplanen, mit Vorschlafen und Erholung nachher, das will ich auch nicht. Mich zuerst um mich selber kümmern. Das kann ich besser ohne Pläne, weil mir die Müdigkeit oder Übelkeit dann manchmal einen Strich durch die Rechnung machen und mich Gespräche auch erschöpfen. Es geht einfach nicht sehr viel im Moment. Die Einschränkungen betreffen dann natürlich auch meine Angehörigen.
Nicht hören aber will ich, was sie jetzt alles nicht mehr können. Höchstens, was wir zusammen nicht mehr können.
Ich will nicht die Stahlkugel am Bein meiner Angehörigen sein. Darum versuche ich, sie nicht mit meiner Krankheit zu behelligen. Sie möglichst ihr Leben weiterleben zu lassen.
Aber muss ich das? Und wozu?
Weil, ich bin es ja doch. Egal was ich mache.
Ich bin die Kranke.