Gespräche: Was würdest du tun, wenn du weisst, das du stirbst?

Grosser: Mami, du nimmst das alles so positiv.
Ich: Na ja. Nicht immer. Also nach der Untersuchung vor zwei Wochen, als ich wusste, es stimmt was nicht, da hab ich geheult. Da hatte ich richtig, richtig Angst, dass der Krebs schon überall ist!
Grosser: Ja ich hab sofort gemerkt, dass mit euch was nicht stimmt.
Ich: Ihr ward am Abend zum Glück bei Papi. Und ich musste bis zum nächsten Tag und dem Gespräch im Spital warten. Gar nicht positiv. Nix. Nada. Kann man ja nicht!
Grosser: Ja aber sonst. Es gibt sicher viele, die nicht so positiv sind.
Ich: Na gut, das hängt ja von vielem ab. Welche Diagnose, Umfeld. Sicher auch, ob es der erste Schicksalsschlag ist, oder man schon ein wenig Übung hat… Und ich glaube schon, ich habe etwas Übung und bin aber prinzipiell positiv eingestellt. Aber eben, jetzt. Ich hoffe das bleibt so.
Grosser: Das hilft sicher!
Ich: Stell dir mal vor, der Arzt sagt dir, du hast noch eine Woche zu leben. Klar, dann heulst du. Und dann?
Grosser: Uiiii….
Ich: Also, das hat er mir NICHT gesagt. Aber wenn, dann würde ich sicher den ersten Tag heulen, wütend sein, mich bedauern, alles zusammen. Und dann, was würdest du die anderen Tage machen?
Grosser: Das ist schwierig. Ich bin ja noch ein Kind.
Ich: Ich würde Sachen machen, die mich glücklich machen.
Kleiner: Reisen!
Ich: Und deine Freunde?
Kleiner: 3 Tage reisen und 3 Tage Partyyyyy!
Ich: Ja, eine grosse Party! Toll!
Grosser: Ja ich würde erst mein Geld verschenken oder spenden.
Kleiner: Ja an alle Freunde!
Ich: Wahrscheinlich ja, alles regeln. Und dann Party?
Kleiner: Oder TV gucken mit L. und M. und Z. DREI TAGE LANG.
Grosser: Ahhh, Kleiner!

Das Gespräch hatten wir vor etwa zwei Wochen. Und heute beim Mittagessen hat der Kleine den Faden wieder aufgenommen. Offenbar hatte er beim Papawochenende mit dem Sohn von Papas Freundin Kappla gespielt.
Das war dem Sohn peinlich. Da habe eine Frau gesagt, man müsse so leben, dass man glücklich sei und nicht auf andere hören.

> Also Mami, wenn ich nur noch eine Woche zu leben hätte, dann…
Und er erzählte mir, was er alles machen würde. Sogar noch einmal Kanu fahren, obwohl er mit Papa mal gekentert ist. Weil, das sei ja dann die letzte Gelegenheit.

Solche Gespräche sind sehr seltsam. Aber darüber zu sprechen, was einem wichtig ist im Leben, wäre eigentlich fundamental wichtig. Nicht?

Gespräche: Bogenschiessen ist noch nicht geplant

Ich erkläre dem Grossen, warum man heute meist zuerst Chemotherapie macht und dann erst OP. Das waren jedenfalls die Gründe, die mir der Herr Onkologe genannt hatte.
-Psychologie: Frau weiss, warum sie diese Nebenwirkungen ertragen muss und kann das Tumorschrumpfen ertasten.
-Onkologie: Sieht, ob Chemo wirklich wirkt.
-Chirurgie: Und die Chance ist erhöht, dass brusterhaltend operiert werden kann, wenn der Tumor erst schrumpft. Sie also die Brust nicht wegnehmen müssen.

Kleiner: Müssen sie dir die Brust wegnehmen??!
Ich: Nein! Keine Angst. Also hoffentlich nicht. Aber im Moment ist das kein Thema. Sonst muss ich Bogenschiessen.
Grosser: Bogenschiessen?
Ich: Ja. Waren das nicht die Amazonen in der griechischen Mythologie, die sich die Brust abnahmen um besser Bogenschiessen zu können? Und ich bin ja Linkshänder und Links. Passt ja.
Grosser: Maaaamiiii!
Ich: Ja, entschuldige bitte. Aber ohne Galgenhumor und blöde Sprüche kann man so eine scheissschwierige Situation ja nicht ertragen.
Grosser: Stimmt!
Kleiner: Dein Kopftuch ist cool! Wie ein Pirat!

Krebstote im TV

Schon mal verliebt gewesen? Zum Beispiel in einen Mann, der einen weissen Kombi fährt.  Und dann seltsamerweise fahren plötzlich nur noch weisse Kombis rum. Eine wahre Invasion rollt durch die Strassen.
Oder bei meiner ersten Schwangerschaft. Wo kamen all die Frauen her, die ihre Babybäuche spazieren führten? Krochen alle aus ihren Löchern und es wimmelte plötzlich von zukünftigen und frisch gebackenen Müttern.
Vielleicht handelt es sich um eine ähnliches Phänomen, wenn am TV plötzlich alle an Krebs sterben. Gleich zwei Schauspieler haben am Freitag das zeitliche gesegnet.
Wobei Heiner Lauterbach wesentlich cooler unterwegs war. Klaute einen Leichenwagen, um quer durchs Sauerland zu kurven, stand mit seiner eigenen Urne unterm arm im Bordell und trank mit seinem Freund in der Kirche Bier und philosophierte über den Tod.
Sowas geht bei Christiane Hörbiger natürlich nicht. Dort wird eher nach Rosamunde Pilcher Manier noch kurz die Onkologin mit dem Sohn verkuppelt. Aber eigentlich habe ich den Film auch wegen der Onkologin – Caroline Peters – geguckt. Die viel zu cool für Hörbigers Sohn war. Und sich sehr souverän durch diesen Kitsch gespielt hatte.
Aber zugeben muss ich doch. So eine Sterbeszene inmitten der Familie mit Windhauch und Rosenblätter die durch die Luft gleiten.
Etwas nah am Wasser schein ich momentan doch gebaut zu sein.

Nebenwirkung Schrumpfradius: No WGT

Nächstes Wochenende wäre ich in Leipzig. Mein alljährlicher Eskapismus. Dekontextualisieren am WGT. Ein Wochenende schwarze Wohlfühlklamotten, Docs, Metall im Gesicht, Rumhüpfen im Heidnischen Dorf, Absinth degustieren mit der ganzen verrückten Truppe.
Alles Dinge die im Alltag nie so geballt Platz haben.
Aber leider bewege ich mich im Moment eher in der weissen Szene, als in der schwarzen. Spital statt goth.

Dabei hätte ich das perfekte Aussehen! Glatze tragen am Wave-Gothic-Treffen viele, bleich schminken wäre auch nicht nötig.
Und…. jetzt werd ich auch noch zum Vampir.
Nach jedem Zähneputzen spuck ich Blut. Die Schleimhäute leiden etwas unter der Chemo.
Muss mal meine Care Nurse anrufen. Vielleicht gibts wo Ersatzschleimhäute? 🤔

Dieses Nicht-Ausbrechen-Können ist schwer. Ich entkomme der Krankheit nicht. Ich kann nicht einfach kurz flüchten, Ferien, Ausgang, einmal Vollsuff bitte.

img_3202-1

Mein Bewegungsradius ist klein geworden. Nächstes Wochenende werde ich mich meinen schwarzen Umhang überwerfen, Nasenkette montieren, Docs, Fencheltee trinken und mich zu Exitmusic etwas bedauern.

Gespräche: Mit und ohne Haar

Ich persönlich fand das Perücken Outing viel schwieriger. Die fühlt sich gar nicht nach mir an. Sieht gut aus, natürlich. Aber ich fühle mich verkleidet.
Und als ich sie am Dienstagmorgen anzog, um mich für die definitive Anpassung bereit zu machen, strahlte mich mein Kleiner an: Jetzt siehst du wieder wie Mami aus!

Ihm zuliebe bin ich an diesem Morgen zur Anpassung. Damit ich Abends beim Schulanlass mit Haaren gehen kann und es ihm nicht peinlich sein muss.
Das war sicher gut so, denn so eine Aula voll Mütter und Väter ist ja auch ohne Chemotherapie schon anstrengend genug. Da muss man ja nicht gleich oben ohne erscheinen..

Abends war ich erschöpft. Sehr.

Kleiner: Bist du traurig, dass du jetzt eine richtige Glatze kriegst?
Ich: Ja, das auch. Bisschen Haare waren noch cool. Aber ich bin jetzt auch einfach sehr, sehr müde.
Kleiner: Mami, nicht traurig sein. Du bist und bleibst meine Mami. Mit oder ohne Haare!

Heiteres Rätselraten für Nicht-Betroffene

Was ist das? Wofür braucht man diesen Gegenstand?img_3186

a) Messlöffel?

b) Spielzeug FSK 18?

c) Haarstoppel-vom-Kopf-Kratzer?

d) …. ?

 

Ich müsste jetzt natürlich noch ein paar Zeichen hintippen, damit man nicht sofort die Lösung sieht. Aber ich habs ja nicht so mit sinnlosem Wortverbrauch, dazu bin ich viel zu ungeduldig mir selbst und dem Leben gegenüber, darum werde ich diesen Füllwörtertext relativ knapp halten und mich der Lösung der Rätsels in einem weiteren Dialog annähern.

Ich: Sehe ich meinen Haaransatz mit Vollglatze noch? Ich meine, wie weiss ich, wo ich die Perücke genau platzieren muss?
Sie: Ich mache eine Markierung.
Ich: Mit Permanent Marker?
Sie: Also ich tätowier sie gleich auf den Schädel!
Ich: Hoffentlich Bio-Farben.

Das mit dem Tattoo haben wir dann doch sein lassen.
Der komische Plastiklöffel oben ist mein Haaransatz-Marker:
1. Legen Sie das gerundete Ende beim Ansatz des Nasenrückens, an.
2. Das andere Ende markiert die Stelle, an der die Haarprothese anzulegen ist.

Und das Beste, da der Marker tastbar ist, funktioniert das auch für unbebrillte Halbblinde. Nicht dass ich mich mit falsch geklebter Perücke in Cousin Itt aus der Addams Family verwandle.

 

Gespräche: Hippie-Mutter

Exposition. Nennt man das wohl in der Psychologie.
Ich spaziere einmal fast als Shinéad durchs Quartier.
Obwohl ich nicht weiss, ob die Hemmschwelle kleiner wäre mit Chemoturban. Ist ja auch dann alles klar.
Natürlich sieht man das. Wie man auch eine Perücke sieht. Nur können sich dann alle Beteiligten bei einer Begegnung leichter entscheiden, darüber hinweg zu sehen.
Mache ich das Richtig? Keine Ahnung. Man kriegt ja leider keine Anleitung mit, mit der Diagnose.

Grosser: N. hat mich im Werkunterricht gefragt, ob du eine Glatze hast.
Ich: Und was hast du gesagt?
Grosser: Nein. Und dann habe ich erzählt, was du dir für Frisuren geschnitten hast!
Ich: Oh! Und?
Grosser: Das fanden sie sehr lustig. M. hat auch nachgefragt.
Ich: War dir das peinlich? Du darfst schon von der Krankheit erzählen.
Grosser: Nö. Und wenn sie blöde Sprüche machen, dann fühlen sie sich ja extrem schlecht, wenn ich das vom Krebs sage. Aber sie fanden es einfach nur lustig.
Ich: Ok. Und haben sie noch was gesagt?
Grosser: N. meinte: „Deine Mutter ist ein Hippie geworden!“
Ich: Na das ist ja nicht das schlimmste Urteil!

Raspelhaar: You can call me Sinéad

Ich dachte wirklich, das Haareschneiden sei viel, viel schlimmer.
Glücklicherweise waren sie nicht mehr 1m lang wie vor 2 Jahren, sondern nur schulterlang.
Aber das trockene Stroh, dass da ausfiel fühlte sich so gar nicht mehr nach meinem Haar an.

Heute war ich spazieren im
Quartier. Als Sinéad O’Connor.
Ganz seltsam, wie der Wind um Ohren und Stoppeln bläst.
Nix flattert. Fühlt sich nackt und befreit an.
Aber ganz ohne Haare gehe ich wohl nicht ohne Kopfbedeckung raus.

Und ich traf auf die Freundin, die alles schon hinter sich hat. Sie fand ich sehe super aus und mache das toll. Aber sie müsse grad etwas kämpfen, weil es sie an sich erinnert. Natürlich, das triggert.
Und sie habe so Mühe gehabt und die Haare viel zu spät rasiert.

Ich habe keine Ahnung, warum ich es nicht als so schlimm empfinde. Früher dachte ich immer, Haarverlust ist das Schlimmste. Die Würde, der Charakter wird genommen.

Chemotrain 2 von 4

So da ist er wieder vorbei gerauscht und ich versuche jetzt meine von der Neulasta-Injektion schmerzenden Knochen zusammen zu sammeln und von der Strasse zu kriechen.

Der Ablauf scheint sich – wie der Herr Onkologe schon voraussah – zu wiederholen. Einziger Unterschied, die Nebenwirkungen habe ich dank frühzeitiger Medi-Einnahme besser im Griff.

Freitag: So fit wie nie, auf in die Klinik. Rauf auf die Anhöhe. Ich werde an die Leine gelegt. Einmal Injektion bitte.
Es brennt etwas in den Venen. Die Nase kitzelt und der metallene Geschmack im Mund.
Den Rest des Tages inklusive Samstag fühle ich mich wie ein Araber-Hengst im Körper eines Shire-Kaltblüters. An einer leicht abschüssigen Stelle stehe ich als einziges Zugpferd vor einem Brauereigespann. Und was die Spitalapotheke da so zusammengebraut hat, weiss ich nicht, aber sie nennen es AC.
Will heissen, ich tänzle innerlich hyperaktiv und hochenergetisch während sich äusserlich beim Zugpferd und dem Brauereigespann wenig bis nichts tut.
Also ziemlich anstrengend. Das dürfte wohl das zusätzliche Cortison sein.

Sonntag gleicht sich das ein wenig aus: der Araber beruhigt sich und der Shire Kaltblüter schrumpft. Das Gespann kommt ins Rollen.

Am Montag gewinnt das Gespann plötzlich an Fahrt und der ganze Chemotrain rollt über mich weg.
Da lieg ich flach, aber immer noch mit klopfendem Herzen. Bin froh was zu Essen und das Essen auch drin zu behalten. Schleppe mich von Bett zu Sofa und bedauere mich, unfähig zu entspannen.
Der Wagen schleift mich eine kurze Strecke mit und schrappelt mich etwas über den Asphalt.

Dienstag übergebe ich mich kurz vor dem Frühstück, um dann bei den Programmpunkten von Montag weiter zu fahren.
Noch übler, wenn irgendwelche Termine sind, wie zu Beispiel eine Veranstaltung in der Schule, die mir dann so richtig vor Augen führt, dass alle ihr Leben leben, während jemand bei mir den Pausenknopf gedrückt hat. Auf stand-by bis auf weiteres. Ich häng dann mal hier unten an meinem Chemotrain. So long.

Am Mittwoch ist die Übelkeit quasi weg. Das Herzklopfen auch. Kein Cortison kommt mehr dazu. Müdigkeit herrscht vor.
Der Zug ist über mich weg gerollt und ich robbe von der Strasse. Ich versuche den Rest Galgenhumor vom Asphalt zu kratzen, der mir kurzfristig abhanden gekommen war. Und ich freue mich über jeden Meter, den ich fort komme. Über jedes Essen, das wieder schmeckt. Und darüber, dass ich nicht jeden Morgen die komplette Bettwäsche neu waschen muss.

Bis zum nächsten Chemotrain in knapp 10 Tagen.

Nebenwirkungen: Erdbeeren mit Käsefussgeschmack?

Bitte nicht!
Ich wurde gewarnt, dass sich der Geschmack erheblich verändern kann unter der Chemo.
Da lief ich vorhin mit der Nase im Körbli mit den frischen Erdbeeren voll Vorfreude vom Laden nach Hause.
1. Erdbeere: Erdbeere
2. Erdbeere: Erdbeere
3. Erdbeere: Schweissfuss
Waaaaas?
4. Erdbeere: Erdbeere mit Fuss

Jetzt getraue ich mich nicht mehr, weiter zu testen.

Fühl mich grad etwas harrypotterig (Bertie Bott’s Every Flavour Beans).