Stück für Stück…

…erobere ich mir mein Leben zurück.
Das ist toll!!!

Etwas melancholisch bin ich und hoffe, es ist der Oktober, der Herbst, mein baldiger Geburtstag. Und nicht der Grauschleier des Tamoxifens, dass ich nun ganz sachte versuche aufzudosieren.

tempImage9TN8YKAber dafür habe ich mein Trackingformular. Damit ich rausfinden kann, was ist Fatigue, was Nebenwirkung und wo schlagen gewisse Ereignisse aufs Gemüt.
Aber solange die blauen Zuversichts-Punkte da sind, dürfen auch ein paar grüne Melancholie-Ecken dazwischen sein.

Und so sieht das Blanko-Formular aus. Bin ich ziemlich stolz drauf, weil es für alles Mögliche anpassbar ist. Die Kreise stehen für die Stimmungen oder die Müdigkeit, Energie. img_7959
In die Balken kommen die Ereignisse: schraffiert für Arbeit, Wellen für Schwimmen. Dazu noch einzelne Symbole (Kreis, Kreuz, T) für andere Nebenwirkungen, die sich nicht im Tagesverlauf ändern, wie z.B. wenn mich mein Lymphödem besonders schmerzt.
Und unten notiere ich die Medikamente.
Alles mit dem Ziel, ein Muster zu erkennen. Zu merken, wenn ich wieder in die Depression rutsche. Rauszufinden, wie ich meine Energie nutzen und ausbauen kann, ohne dass die Krebsfatigue zuschlägt.
Und auch, was mir gut tut.
Und was nicht.

 

Vollmond

Gestern spazierte ich durch den Spitalpark nach Hause.

Vorbei am Notfall, wo ich mit Fieber lag.

Ich dachte daran, wie ich genau vor einem Jahr hier im ersten Stock schlief und auf meine Operation wartete.

Ich liess ein Zeichen dort. Von mir.
Nur für mich.

Und ich schaute zum Mond.

Und war froh, weiter zu gehen.
Vorbei an all den Gebäuden mit den Spritzen, Strahlen und Kanülen.
Einfach langsam Schritt für Schritt.
Heim.

Immer wieder

Gibts so emotionale Momente.
Heute war ich im Zirkus. Letztes Jahr mit Glatze, halb traumatisiert von der Trennung und den Lügen mitten in der Chemo.
Und doch war es einer dieser Glücksmomente. Weil ich im Zirkus sass und dachte, so schön, dass ich noch am Leben bin. Alles ist Scheisse, das Heute, das Morgen. Aber gerade jetzt bin ich froh, am Leben zu sein.
Es war ein sehr heisser Tag und ich zog irgendwann mein Kopftuch aus.
Der Kleinwüchsige in Uniform am Eingang schaute mich erschrocken an und fragte: Gehts dir gut???!!
Ich lachte ihn an und bejahte.
Weil es für diesen einen Moment stimmte.
Weil ich einfach mal alles vergessen wollte: Krankheit, Nebenwirkungen und vor allem das Gefühl, von der Person, die mehrere Jahre mein Vertrauter war, in dieser Situation angelogen und im Stich gelassen worden zu sein.
Der Verrat und das Gefühl der Wertlosigkeit erdrückten mich fast.

Und heute nun wieder im Zirkus.
Mit meinen Jungs. Mit Haar und Maske sitze ich in der fünften Reihe, so nah an der Manege, wie noch nie.
Und ich sehe mich gegenüber, ganz weit oben sitzen. Mit Glatze und weit aufgerissenen Augen. Wie ich versuche, möglichst alles in mich aufzusaugen, zu verschlingen. All die Farben, die Musik, die Kraft und das Leben. Wie ich versuche damit meinen Tank aufzufüllen, damit ich mich wo festhalten kann im grauen Wirbelsturm.
Und ich sehe die Tränen, die mir plötzlich die Wangen runter kullern bei der Vertikaltuchakrobatik. Und die ich verstohlen wegzublinzeln versuche.
Zu Tränen rührte mich nicht, dass das Paar eine hocherotisch-artistische Nummer zeigte. Sondern der simple Fakt, dass der Artist seine Partnerin hält, damit sie nicht auf dem Boden aufschlägt.

Ich sehe mich dort drüben sitzen. Und denke, halte durch. Guck doch mal her zu mir!
Und dieses letzte Jahr fühlt sich wie ein ganzes Jahrzehnt an.

Jahrestagsverjährung

Gibt es sowas? Ein Bilanzierungsstop?
Schon ja. Bestimmt.
War ja nach der Trennung von meinem Exmann auch so. Oder nach dem Tod meines Vaters.
Er wird kommen, auch nach Krebs.
Irgendwann schaltet das Hirn nicht mehr automatisch an bestimmten Daten oder Orten auf Vergangenheit und berechnet Zeit- und Gefühlsdistanzierung.

Wobei es einige Bilanzen gibt, die im schwarzen Bereich liegen. So meine Energie, die nach acht Stunden Leutetrubel noch für den gemütlichen Teil reicht, nicht mehr nur für das Sofakoma.
Und ich fühle mich im Vergleich in vielen Situationen, obwohl jetzt alleine, viel weniger einsam, als ich es in der Beziehung war. Mit einem Freund hinter spontanhochgezogenen Mauern.
Nur manchmal weht so ein Wehmutshauch. Weil Momente der innigen Verbundenheit gab es natürlich auch.
Doch der weht und vergeht.

Es ist gut so.

Teilerfolge

1. Sich im Fluss an die Brücke klammern (rechter Arm) und sogar den Linken so hoch ausstrecken können, dass man sich festklammern kann. 🙏🏻 Physiotherapie.

2. 700m im Fluss schwimmen (dessen Strömung so schwach ist, dass ich im Moment sogar flussaufwärts schwimmen könnte – habs ausprobiert!) und dann nicht an Erschöpfung, sondern Unterzuckerung leiden…. 💪🏻💪🏻