Guruuuu?

So gemütlich im Bett liegen.
Erleichtert feststellen, dass es wahrscheinlich doch nur eine Erkältung ist und der Corona-Test wohl nicht nötig war. Weil es geht mir ja schon viel besser. Das rinnt halt vom Schnupfen in den Rachen, daher die Entzündung. Und rinnt und rinnt.
Moment. Es rinnt! Warum läuft da so viel, so… warm?
Ich setz mich auf. Und warum habe ich gestern frische, weisse Bettwäsche… tropf. Tropf. Tropf!!!
Ich stopf mir das Taschentuch in die Nase. Saugt sich subito voll, Blut läuft mir übers Kinn. Ich renne ins Bad, nach unten.
Wo ist die blutstillende Watte?
Nützt nichts. Saugt sich voll, tropft weiter. Watte raus. Der Boden tropft voll. Ich versuche das Blut mit der Hand aufzufangen.
Mein Grosser kommt. Holt Klopapier. Putzt den Boden sauber.
„Kann ich was tun, Mami?“ – „Mehr Papier bitte! Danke! Du bist super!“
Mehr Watte. Nützt nichts. Läuft aus der Watte, tropft am Kinn runter.
Langsam ist mir etwas flau.
Ich stopfe soviel Watte rein, wie reinpasst.
Spitaltelefonwarteschlange. Ich verbinde sie mit dem HNO. Der HNO kickt mich aus der Leitung. Wieder Spitaltelefonwarteschlange, wieder werde ich rausgekickt. Spitaltelefonwarteschlange, ich dusche kurz, solange ich noch stehen kann. Inzwischen läuft seit über einer halben Stunde Blut aus mir raus.
Ich müsse kommen.
Exmann am Telefon: Du musst kommen, sofort! Ich muss in den Notfall. Nasenbluten hört nicht auf. Kannst du mich fahren? Kids nehmen?

Wie geht man mit Maske ins Spital, wenn die Nase blutet? Ich lehne mich an die Wand im Eingangsbereich. Kippe langsam arg zur Seite. Ich darf reinkommen, einen Umhang kriege ich und kann mich setzen.
Es wird rumtelefoniert, diskutiert, ob der Corona-Test wiederholt wird, Abstrich oder Bluttest? Da noch kein Ergebnis vorliegt. Ich döse mit Blutverkrustetem Gesicht auf einem Stuhl vor mich hin. Es läuft nicht mehr. Der Stuhl hat Schlagseite.
Dann ein Zimmer. Blutentnahme. Warten. Offenbar kein Test. Sie denken, es sei bloss eine Erkältung. Warten.
Dann die HNO-Koje.
Nasenlöcher spreizen, aussaugen. Ich komme jetzt mit der Betäubungsgaze. Spucken Sies raus, wenns runterläuft. In zehn Minuten komme ich wieder. Wenn ich das Blutnest nicht finde, müssen sie zur Beobachtung da bleiben.

Mein Grosser hätte die helle Freude an der Verätzungspinzette.
So. Ja, hier ist was. Es räuchelt aus der Nase. Und hier. Doch ist es das schon? Wohl nicht.
Normal atmen, ich komme mit der Kamera. Bitte „iiiiiii“ sagen.
Gut. Hier!
Aua!
Moment, ich betäube nochmals. Halten sie mal. Und jetzt. Es räuchelt.
Gut. Hier bekommen sie noch eine Silikonpaste, riecht nach Marzipan.
Ich rieche grad gar nix.
Auch gut. Nicht kratzen. Nicht schnäuzen.
Nicht schnäuzen???
Ja schwierig. Nehmen sie das rechte Nasenloch. Niessen mit offenem Mund. Keine Manipulation. Keine grosse körperliche Anstrengung. Diese Salbe, dreimal am Tag. Wie gehts?
Mir… ich…. schwarz!
Moment, ich halte ihre Beine hoch. Das ist so, wenn man an der Nase manipuliert.
Er schultert meine Beine.
Besser?
Weniger schwarz. Ja.
Er stellt meine Füsse auf den Boden.
Bleiben sie noch liegen.
Fragen?
Nein.
Gute Besserung.

Ich warte, bis die Welt nicht mehr schwankt, bekomme einen neuen Überziehumhang für den Weg bis zum Ausgang und wanke raus.
Eine Wattewurst unter die Nase gebunden.

Meine Skurrilitätstoleranz ist beängstigend hoch. Wundere ich mich mal wieder, wenn was nicht nach Plan läuft? Ist das dann Alltag?

Oh chellöu ägäin

Wollte ich doch vor einem Jahr unbedingt posten und hatte dann nur so ein unterbelichtetes Nachtfoto von der „Spielküche“ im Zimmer in der Notaufnahme.

Kann ich hiermit nachholen.
Diesmal brachte mich mein Exmann, nicht mein Damalsnochfreund.
Und im Gegensatz zu Letzterem liess sich der Erstere auch nach Hause schicken.
Warten und Händchenhalten brauche ich nicht, da ist ja Personal, das sich um mich kümmert und Spital ist immer ätzend.
Aber das Gefühl, dass man sich um mich sorgt, das brauche ich natürlich. Das ist aber unabhängig von körperlicher Präsenz.

Und so war ich diesmal unendlich entspannter als ich es vor einem Jahr war, als ich mit Fieber hinmusste. Mein Exfreund sass damals abwesend zwei Meter entfernt von mir auf einem Stuhl sich todstellend und unfähig mich zu trösten oder nach Hause zu gehen – wozu ich ihn mehrfach bewegen wollte.
Als er mich eine Woche später verliess, dachte ich:
Wirklich verlassen hast du mich in der Notaufnahme. Ein stummer Vorwurf für den Verlust deiner Bewegungsfreiheit. Aber unfähig dir den Freiraum zu nehmen, den ich dir gebe.

Heute hat sich der Kreis geschlossen.

Zutaten für ein perfektes Wochenende

  • Picknick im Park ✅
  • Bekannte treffen, den Gang der Welt besprechen ✅
  • Skaten bis der Zeh ohne Nagel schmerzt ✅
  • Mit dem sixties Kleid ins sixties Kaffee zum Cappuccino ✅
  • Eine Nacht unter den Sternen ✅
  • Pfannkuchen mit frischen Erdbeeren zum Frühstück, dazu ein Film (indem zwei Sechsjährige darüber diskutieren, wer der richtige Gott ist, ob Jesus sein Sohn oder ein Prophet und in der nächsten Szene Pimmelgrössen verglichen werden) ✅
  • Lesen in der Sonne / im Bett ✅
  • Schreiben ✅
  • Allein im Kino (wir waren zu dritt (!!) im Saal) ✅
  • Zusammen im Kino ✅
  • Nackt Schwimmen im Fluss und Sonnenbaden hinterm Schilf ✅
  • Viele gute Gespräche ✅
  • Lachs mit Ratatouille und Kräutern aus dem Garten ✅
  • Meine kurzen Haare vom Sommersturm zerzausen lassen und dem Regen entgegen lachen ✅
  • Zur Sperrstunde aus der Bar geworfen werden (war auch Corona-bedingt bereits um 0:00 Uhr und Schrei-Gespräche sind auch anstrengend – das so wenige Leute so lärmen können!) ✅
  • Regenspaziergang ✅
  • Kaffeetrinken und lästern ✅

Leben! Check! ✅

 

Fünftens

Ich: Darf ich mir ein Tattoo stechen lassen?
Er: 🤔
Ich: Also so rein medizinisch, Behandlung und so. Weil hab ja jetzt eh schon drei.
Er: Und warum wollen sie ein Viertes?
Ich: Ich wollte ja immer eins. Hab mich bloss nie getraut und dann: Tadaaaa!! Drei Strahlentattoos!
Er: Ach? Die sind echt? So richtige Tattoos, die bleiben? Ich hab das immer für ein Gerücht gehalten…
Ich: Nö. Schön drei Punkte. Zur Laserausrichtung auf der Strahlenbank. Und jetzt schieb ich nix mehr auf. Also bevor ich nun wieder medizinisch…
Er: Sollte kein Problem sein. Warten sie bis nach der Chemo. Wobei, könnten sie wahrscheinlich schon jetzt. Wäre höchstens schlecht, wenn ein Hautinfekt… Weiss man halt nie. Also, wenn sie ganz sicher… Nur zu!

Viertens

Ich: Nun ja. Ich gehe ja zur Physio.
Er: Jaaa…?
Ich: Also sie meinte, ähm, sie gab mir was zum BH ausstopfen. Weil, Kompression soll helfen, Flüssigkeit, naja. Und ich sah aus wie Dolly Parton und Shakira!!! Also echt, zusammen! Halb – halb! Geht gar nicht!
Er: 😷
Ich: Es gibt doch so BHs, Kompressionsdings, brauch ich da ein Rezept?
Er: Nö, das sollte die Krankenkasse… Also, Shakira hat…?
Ich: Kleine ja. Singt sie sogar im Songtext: „my breasts are small and humble…“
Er: 🤔
Ich: Ich meine, da wird so schön operiert, dann stopf ich mich nicht halbseitig…!!!
Er: Echt…? Shakira hat…?

Nicht mehr ansprechbar. 🤷‍♀️

Drittens

Ich: Also meine Zehennägel bröseln mir weg. Und soll ja Nebenwirkung sein, googelte mein Hausarzt. Wie ist das jetzt…
Er melodramatisch: Immer sind wir es! Immer die Onkologen! Nein, nicht die Gynäkologen, neineinneinein, die sind es nie…. Nicht die anderen, immer sind es wir. Immer die Onkologen sind Schuld! – Ja?
Ich: 😏

Zweitens

Ich: Dann ähm. Also. Ich glaube das ist medizinisch relevant. Öhm. Mein letzter Zyklus ging 352 Tage. Also die Mens ist zurück.
Er: Echt? Mit Chemo??
Ich: Ja erstaunlich. Bin noch nicht ganz so altes Eisen… Ist evt. wichtig wegen den Hormonblockern?
Er: Ach ja. Die kommen ja noch im Sommer. Das ist guuuut. Hält jung!
Ich: Was? Die Chemo?
Er: Hormone! Gut für ihre Knochen!
Ich:Ichwillsnichtwissenichwillsnichthörendavonwillichnochgarnivhtswissen! 🙉